Sanierung ante portas

Nach 25 Jahren Leerstand wird das „Gästehaus des Ministerrates und Politbüros der DDR“ in Leipzig nun bis 2025 saniert. Im ostmodernen Gebäudeensemble sollen auf 10.600 Quadratmetern 130 Wohnungen unterschiedlicher Größe entstehen, die Bestandsbauten dafür denkmalgerecht saniert und erweitert werden. Es war quasi die Rettung in letzter Sekunde, denn die Substanz hatte sich zuletzt rapide verschlechtert – mittlerweile sind auch die Fassadenplatten, die auf unserem Bild noch vorhanden sind, abgenommen und keine einzige Scheibe mehr heil. Die Außengestaltung soll ebenso wieder hergestellt werden wie das unter Graffiti verschwundene Relief des Leipziger Malers Bernhard Heisig im Foyer.

Das Gästehaus wurde 1968 durch Walter Ulbricht eingeweiht, geplant hat es der Leipziger Architekt Wolfgang Scheibe. Hier residierten die SED-Größen und ausländische Staatsgäste. 1983 wurde in einem abhörsicheren Bunker unterm Haus der berühmt-berüchtigte Milliardenkredit für die DDR zwischen Erich Honecker, Alexander Schalck-Golodkowski und dem bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß besprochen. Nach der Wiedervereinigung wurde hier noch bis 1995 das „Hotel am Park“ betrieben, danach verkaufte die Treuhand die Immobilie an eine Restaurant-Kette, die ein Luxushotel einrichten wollte, wozu es unter etlichen Nebengeräuschen nie kam. 2012 übernahm ein Investor das Hotel, 2016 ging das Investorenlotto weiter – nun übernahm die Lewo-Gruppe, die nun die Sanierung tatsächlich in Angriff nimmt. Geht doch! (db, 11.4.20)

Leipzig, Ministerrats-Gästehaus, 2010 (Bild: Martin Geisler, CC BY SA 3.0)

Die Weiße Stadt in der Weißen Kirche

Die Versöhnungskirche in Leipzig-Gohlis gehört zu den bemerkenswertesten sakralen Bauten der Weimarer Zeit. Sie wurde von 1930 bis 1932 nach einem Entwurf von Hans Heinrich Grotjahn im Stil der Bauhausmoderne errichtet. 1928 hatte sich der deutsch-jüdische Architekt Wilhelm (Ze’ev) Haller (1884-1956) mit einem sehr interessanten Entwurf am Architektenwettbewerb beteiligt. Er emigrierte kurz nach der Machtergreifung Hitlers nach Palästina, wo er bald ein eigenes Architekturbüro eröffnete. Bis 1937 schuf er zahlreiche Wohnbauten im Internationalen Stil. 

Die weltweit umfangreichste Ansammlung von 4000 Gebäuden dieser Epoche in Tel Aviv wurde als „White City“ (Weiße Stadt) bekannt und 2003 UNESCO Weltkulturerbe. Nach rund 80 Jahren besteht dringender Bedarf zur umfangreichen Sanierung. Die Kulturstiftung Leipzig widmete dem heute in Deutschland weitgehend vergessenen Haller und der „Weißen Stadt“ im April 2019 ein Kolloquium, eine Wanderausstellung und eine Publikation. Die Wanderausstellung „Weltkulturerbe Tel Aviv, Denkmalpflege in der ‚Weiße Stadt'“ stellt auch zwei Bauten von Wilhelm (Ze’ev) Haller vor und ist i der Leipziger Versöhnungskirche noch bis zum 26. Mai 2019 zu sehen (freitags 13 bis 16 Uhr, samstags 14 bis 16 Uhr und sonntags nach dem Gottesdienst ca. 11.30 bis 16 Uhr). (wf, 11.5.19)

Wilhelm Ze’ev Haller. Modern Architecture, Leipzig/Tel Aviv, deutsch und englisch, Hardcover, 120 Seiten, 21 x 25 cm, 115 Abbildungen, Passage-Verlag, Leipzig 2019, ISBN 978-3-95415-083-0.

Leipzig, Versöhnungskirche (Bild: Wolfram Friedrich)

Beton Ost

Im Eisenacher Thälmannviertel musste der Beton 2018 hinter Gitter, genauer gesagt hinter Absperrgitter. Dabei kommt die Ostmoderne in der Wilhelm-Pieck-Straße maximal niedlich daher: als Elefantenrutsche. Doch als die – von der Produktionsgenossenschaft „Kunst am Bau“ ab 1962/65 in Serie gefertigte – Spielplastik in die Jahre gekommen war, schien sie den Eigentümern mit einem Mal zu gefährlich für ihre Nutzer. Die Rüsselrutsche sollte weg, bis die Stadt nach öffentlichen Protesten der Elternschaft dann doch Sanierungsangebote einholte. Ab Mai wird der Betonelefant fachgerecht durchrepariert – und bekommt gleich noch die Stoßzähne gestutzt, sicherheitshalber. Auch andernorts werden die künstlerischen Erzeugnisse der DDR-Zeit entschärft, baulich wie sprachlich.

Mitte der 2000er Jahre hatte sich, nach politisch korrektem Herumgestottere, endlich ein pressetauglicher Name für das Bauen der DDR-Zeit durchgesetzt: die Ostmoderne. Der Stilbegriff ließ sich damit leichter vom kontaminierten Staatsbegriff trennen und zog (fast) gleichauf mit der BRD-Moderne, die wiederum keiner so betiteln mochte. Die zeitliche Lücke, in der sich die DDR auf Sowjetgeheiß in nationalen Eigenformen versucht hatte, wurde zur verzögerten, zur „verspäteten Moderne“ aufgehübscht. Nur langsam kam die neue Wertschätzung der Ostmoderne in der Praxis an: In Leipzig etwa musste 2008/12 die markante Hochhausreihe am Brühl (1968, H. Krantz und Kollektiv) einer Neubebauung weichen. Nur mit Müh und Not blieb der benachbarten Warenhaus-„Blechbüchse“ das gleiche Schicksal erspart. In Hamburg zeichnet sich mit den Lookalikes, den Cityhöfen (1957, R. Klophaus) gerade ein ähnlicher Sieg des real existierenden Investorenkapitalismus ab. Auch eine Form der Wiedervereinigung.

Was nach Leipzig zurückkehren durfte, war die Baudekoration. Seit Kurzem grüßt vom Dach der Neubauten die DDR-Leuchtschrift: „Willkommen in Leipzig!“ In den letzten Monaten wird so manche baugebundene Kunst aus der ideologischen Quarantäne der Keller und Lapdarien hervorgeholt und neu im öffentlichen Raum platziert. Im fachlichen und medialen Diskurs wird zeitgleich der Begriff der DDR-(Bau-)Kunst wieder salonfähig. Mit dem größer werdenden zeitlichen Abstand neutralisiert sich offensichtlich die ein oder andere immaterielle Grenzziehung der (k)alten Krieger. Selbst im rekonstruktionsgeplagten Potsdam scheint das lange abrissbedrohte „Minsk“ nun erfreulicherweise als Museum für – sic! – ostmoderne Kunst zu überleben. Nach innen wohl in Form eines wertneutralen White-Cube, denn die belorussisch verantwortete Originalausstattung ist längst verlorengegangen. Hipster aller Länder vereinigt euch! (22.4.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Eisenach-Thälmannviertel, Elefantenrutsche, 1967 (Bild: Dk0704, CC BY SA 4.0, 2018)