Kulturdenkmal à la Mies zu verkaufen

Die Hänge der Bergstraße zwischen Darmstadt und Heidelberg sind wie geschaffen für großzügige Villen: Wie ein großartiges Panorama liegt einem die Rheinebene zu Füßen. Hier ließ sich ein Rechtsanwalt in den frühen 1960er Jahren ein Wohnhaus errichten. Der Bungalow mit Wandscheiben, raumhohen Fenstern und auskragender Dachplatte à la Mies wurde von den Architekten Jan und Waldemar Lippert geplant. Die Nähe zur architektonischen Auffassung Mies van der Rohes ist kein Zufall. Die Brüder hatten sich gezielt die Meister der Moderne als Lehrer ausgesucht. Jan Lippert hatte bei Mies van der Rohe am IIT in Chicago studiert und in dessen Büro gearbeitet. Waldemar Lippert legte 1956 bei Egon Eiermann sein Diplom ab. So verwundert es nicht, dass es auch Parallelen zu den Baden-Badener Wohnhäusern Eiermanns gibt, wie beispielsweise die Verwendung von Sichtmauerwerk.

Im Innneren gibt sich das Haus großzügig und hell. Dank der Schiebetüren lässt sich der Wohnraum nahtlos mit der Terrasse verbinden und ins Freie erweitern. Ein Außenkamin und der Swimming-Pool dürfen als unverzichtbare Insignien mondän-modernen Wohnens in der Nachkriegszeit natürlich nicht fehlen. Es fehlen nur noch passende Bewohner, denn das junge Kulturdenkmal steht aktuell zum Verkauf. (mk, 16.10.19)

Weinheim an der Bergstraße, Bungalow (Bilder: oben: via immobilienscout24.de, unten: historische Abbildung, via immobilienscout24.de)

Wenn Mies in Wolfsburg gebaut hätte …

Das Monopol-Magazin wählte für diesen Bau gleich zwei prominente Vergleiche: die Retro-Optik-Serie „Mad Men“ und Mies van der Rohe. Die taz sieht „ein architektonisches Kuriosum, gar ein Kleinod“. Selbst das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege gerät – in Amtsdeutsch – ins Schwärmen: „An diesem Gebäude lässt sich, wie sonst an kaum einer geeigneten Stelle, die Geschichte eines Handwerksbetriebs dokumentieren, der maßgeblich das äußere Erscheinungsbild von Bauten mit Weltniveau in Wolfsburg geprägt hat.“ Die Rede ist vom Naturstein-Billen-Pavillon in Wolfsburg. 1955 hatte der Wolfsburger Unternehmer Johann Tillmann Billen in Amerika Mies kennengelernt. Wieder zu Hause ließ er sich vom Architekten Rudolf R. Gerdes 1960 einen Verwaltungsbau im Stil des Barcelona-Pavillons gestalten.

Seit 2012/13 steht der leergefallene Billen-Pavillon konsequenterweise unter Denkmalschutz – und seitdem wird auch über seine Zukunft diskutiert: Abriss für einen Neubau und Umnutzung zum Kulturzentrum? In diesem Sommer bespielt eine Initiative um Bernd Rodrian vom Institut Heidersberger und den Fotografen Ali Altschaffel den Bau im Rahmen des Kultursommers: am 29. August um 17 Uhr ein dialogischer Rundgang in der Reihe „Achtung modern!“, am 1. September um 11 Uhr eine Matinee des Instituts Heidersberger, am 5. September um 17 Uhr ein Zeitzeugengespräch und am 8. September stündlich Führungen zwischen 11 und 17 Uhr. (kb, 27.8.19)

Wolfsburg, Billen-Pavillon (Foto: © Tim Dalhoff, via billen-pavillon.de)

Mies: Ein Comic zum 50. Todestag

Ludwig Mies van der Rohe, selbsternannter Gottvater der Internationalen Moderne, verstarb heute vor genau 50 Jahren in Chicago. Grund genug, ihm im Bauhausjahr eine eigene Graphic Novel zu widmen. Denn ab 1930 stand das Dessauer Bauhaus unter seiner Leitung. Zuvor hatte er sich bereits mit dem Deutschen Pavillon zur Weltausstellung 1929 in Barcelona einen Namen gemacht. 1932 wurde das Bauhaus auf Antrag der Nationalsozialisten geschlossen, Mies emigrierte 1938 in die USA. Hier begründete der Architekt nicht nur ein neues erfolgreiches Büro (so erhielt er z. B. in der alten Heimat den Auftrag zur Neuen Nationalgalerie in Berlin), sondern auch seinen Ruf als zentrale Figur der modernen Baukunst.

Für das Baunetz ist der frisch ins Deutsche übersetzte Comic „ein wilder Ritt mit Mies durch das 20. Jahrhundert“ (mit einigen blassen Stellen beim Thema Frauen). Deutschlandfunk Corso erkennt in der Bildergeschichte, „dass Augustin Ferrer Casas sein Thema geliebt hat“. Der spanische Comickünstler zeichnet das Leben des Architekten in Rückblenden: Mies van der Rohe berichtet seinem Enkel während eines Fluges nach Berlin, zur Baustelle der Neuen Nationalgalerie, aus seinem Leben. (kb, 17.8.19)

Casas Ferrer, Agustín, Mies van der Rohe. Ein visionärer Architekt, übersetzt von André Höchemer, Carlsen Verlag, Hamburg 2019, 176 Seiten, Hardcover, 20 x 26,5 cm, ISBN 978-3-551-02294-3.

Titelmotiv: Detail des Buchcovers (Bild: Agustín Ferrer Casas/Carlsen Verlag)