Mies neuer Nachbar

Das Seagram Building in New York bekommt Gesellschaft. In unmittelbarer Nachbarschaft des 1958 nach Plänen Mies van der Rohes erbauten Wolkenkratzers plant das Büro Foster + Partners ein Wohnhochhaus. Zumindest hinsichtlich zur Größe stellt es das von Mies entworfene Wahrzeichen der  Moderne in den Schatten: Stolze 220 Meter soll der neue Wolkenkratzer messen, während das Seagram Building „nur“ auf 160 Meter kommt. Ansonsten fügt sich das geplante Hochhaus jedoch zurückhaltend in seine Umgebung ein, so dass kaum die Gefahr besteht, dass es seinem berühmten Gegenüber die Schau stielt.

Der ehemalige Bauhaus-Direktor Mies hatte sich 1939 in den Vereinigten Staaten niedergelassen und gründete ein Architekturbüro in Chicago. Das Seagram-Building war das erste bedeutende Bauwerk Mies‘ in New York. Es wurde zum Vorbild für seine weitere Arbeit und wirkte für Generationen von New Yorker Wolkenkratzern stilbildend. Die künftigen Bewohner des neuen Wohnhochhauses können sich also darauf freuen, bald regelmäßig mit Ausblick auf ein bedeutenes Stück Nachkriegsmoderne zu frühstücken. (jr, 7.11.2015)

Bekommt bald Gesellschaft: Mies Seagram Building (Bild: PD)

Meyers kollektive Gestaltung

Walter Gropius und Mies van der Rohe – diese Namen fallen wohl den meisten Architekturfreunden ein, wenn man sie nach den Direktoren des Bauhaus fragt. Sie sind heute untrennbar mit dem Prinzip Bauhaus verbunden. Fast vergessen ist dagegen Hannes Meyer, der 1928 als Gropius Nachfolger die Bauhausleitung übernahm und dieses Amt 1930 an Mies van der Rohe weitergab. Die Ausstellung „Das Prinzip coop – Hannes Meyer und die Idee einer kollektiven Gestaltung“ des Bauhaus Dessau widmet sich bis zum 4. Oktober 2015 dem fast vergessenen Direktor.

„Volksbedarf statt Luxusbedarf“ – das war Meyers Parole zum Amtsantritt. In den Dessauer Ateliers sollten kein Villen mehr entworfen werden, zentrale Aufgabe war nun die für jedermann erschwingliche „Volkswohnung“. Auch der Gestaltungprozess sollte dem Geist der Allgemeinheit entsprechen, Planungen kollektiv im „Prinzip coop“ entstehen. Meyer politisierte das Bauhaus wie nie – und zog damit auch den Hass der erstarkenden Nationalsozialisten auf sich. 1930 führte politischer Druck zur fristlosen Entlassung Meyers, der darauf versuchte, seine architektonischen Überzeugungen im Exil umzusetzen. Von der Praxistauglichkeit der von ihm am Bauhaus entworfenen Möbel für die „Volkswohnung“ können sich die Besucher selbst überzeugen: anlässlich der Sonderausstellung hat das Bauhaus entsprechende Tische und Stühle reproduzieren lassen! (jr, 2.8.15)

In Dessau-Törten entstanden Laubenganghäuser nach Meyers Entwurf (Bild: M_H.DE, CC_BY_SA 3.0)