Leerstand in Mainz

In der aktuellen Flüchtlingsdebatte wird gerne der Eindruck vermittelt: „Das Boot ist voll“, die Städte sind belegt, es ist kein Wohnraum übrig für Flüchtlinge. Anders sieht es aus, klickt man sich z. B. durch den „Leerstandsmelder Mainz“. Eine Fülle von Bauten wird da von engagierten „Stadthumanisten“ auf einer virtuellen Karte vermerkt. Im Datenfensters heißt es da z. B. zum „Allianzhaus“ (Große Bleiche 60): „Leerstand: teilweise; Leer seit: mindestens 3 Jahren; Eigentümer: öffentliche Hand; Abrissgerüchte: ja; Beschreibung: Zur Zeit teilweise zwischengenutzt durch unterschiedliche Projekte“.

Das sandsteinverkleidete Allianzhaus, lange Sitz eben jener Versicherung, in zentraler Lage neben der unübersehbaren Barockkirche St. Peter gehört neuerdings der Mainzer Aufbaugesellschaft. Diese möchte den weitgehend leergezogenen, nachkriegsmodernen Komplex abreißen und durch einen Neubau ersetzen. Doch bis dahin bemühen sich Kreise wie der Mainzer Verein „Schnittstelle 5. Raum für Stadtentwicklung und urbane Projekte“, der eben jenen Leerstandsmelder betreibt, um eine kulturell-soziale Zwischennutzung: Da gibt es den Kulturclub „Schon Schön“ (dem immer mal wieder die Schließung droht), das „café blumen“ und Diskussionen über eine Unterbringung von Flüchtlingen in den darüberliegenden Wohnungen. Platz gäbe es also im städtischen Boot. Wie war das noch: Kinder und Flüchtlinge zuerst? (kb, 17.9.15)

Leerstand mit Chancen? Das ehemalige Allianzhaus im Zentrum von Mainz (Bild: Ralf Roletschek, GFDL oder CC BY 3.0)

Muss Ernst Neger weg?

Auch der Außermainzer dachte beim Stichwort „Ernst Neger“ lange an „Heile heile Gänsje“ oder „Humbta tätärä“, denn der „singende Dachdeckermeister“ (1909-89) bereicherte die Fastnachtssendungen der Nachkriegszeit um einige Ohrwürmer. Doch wird seit kurzem eine andere Diskussion um den Namenszug geführt: Der Handwerksbetrieb „Ernst/Thomas Neger“, nach gut 100 Jahren in Mainz alteingesessen, führt seinen Namen bildlich im Logo: Über einem Dach, das zugleich das Baströckchen der Figur sein könnte, erhebt sich ein stilisierter hammerschwingender „Eingeborener“ – mit Glatze, wulstigen Lippen und übergroßen Ohrlöchern.

Manche Betrachter meinen, darin deutlichen Rassismus zu erkennen. Und ebenso wie der Schokoladenfabrikant Sarotti solle man von solchen Überresten kolonialer Wertvorstellungen lieber Abstand nehmen und das Werbezeichen entfernen. Die Nachkommen Ernst Negers – auch sein Enkel Thomas singt sich erfolgreich durch die Fastnacht – verweisen darauf, dass Ernst Neger selbst das Emblem vor Jahzehnten ohne jeden rassistischen Unterton eingeführt habe. An einen Verzicht sei daher nicht zu denken. Sobald die Mainzer Schilderdebatte abgeklungen sein dürfte, bleibt wieder mehr Zeit für die schönen Seiten des Phänomens Ernst Neger – etwa für eines seiner Liedwerke wie „Ich stemm‘ die Fleischwurst mit einer Hand“. (kb, 15.4.15)

Eine studentische Aktion engagiert sich gegen das Neger-Zeichen – und ein Online-Voting fragt: „Muss das Logo weg?“ (Bild: surveymonkey.com)

„Die Tage woher wir kommen“

Mit dem Ersten Weltkrieg, spätestens mit der Machtüberlassung an die Nationalsozialisten wurde das 20. Jahrhundert erwachsen – und schaute zurück auf die eigene Kindheit. Das 19. Jahrhundert interessierte nun Größen aus den verschiedenen Disziplinen – vom Philosophen Ernst Bloch über den Architekturhistoriker Sigfried Giedion, den Politikwissenschaftler Dolf Sternberger und den Theologen Ernst Troeltsch bis zum Soziologen Norbert Elias und zum (Kunst-)Historiker Benedetto Croce. Der Blick auf das 19. sollte die Krisen im 20. Jahrhundert erklären.

Diesem Thema widmet sich die Konferenz „Die Tage woher wir kommen? Das 19. im 20. Jahrhundert“, die vom 12. auf den 13. Dezember 2014 an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz stattfinden wird. Es handelt sich zugleich um die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 19. Jahrhunderts. Vorschläge (ca. 300 Wörter, für einen etwa 20-minütigen Vortrag, inkl. CV, Reisekosten werden übernommen) aus allen kulturwissenschaftlichen Disziplinen können bis zum 15. September 2014 gesendet werden an: Prof. Dr. Gregor Wedekind, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Kunstgeschichte und Musikwissenschaft, Jakob-Welder-Weg 12, 55128 Mainz, gregor.wedekind@uni-mainz.de. (kb, 18.7.14)

Schriftsteller und Philosophen wie Ernst Bloch sinnierten im 20. über das 19. Jahrhundert (Bild: Bundesarchiv Bild 183-35545-0009, Bild: Krueger, CC BY SA 3.0)