Schlagwort: Mark Escherich

Walter Ulbricht mit Stadtmodell (Quelle: privat)

Wahrheit oder Pflicht?

Als die Moderne noch an die Zukunft glaubte, wollte sie nicht weniger als die Welt neu gestalten. Entsprechend entstanden in der DDR für Städtebaukonzepte, die einer Utopie, einer sozialistischen Neuordnung sehr nahe kommen sollten. Die breite Spanne – zwischen gewünschten und möglichen, verwirklichten und verfehlten Projekten – zeigt nun eine neue Publikation anhand von vier Beispielen aus Thüringen: Mit Weimar steht Erfurt hier dafür, wie schwierig es war, die ambitionierten Neubaupläne in Städte mit großem kulturhistorischen Erbe einzufügen.

Die Buchvorstellung wird am 14. Juni 2018 um 19.30 Uhr (Einlass: 19.00 Uhr) in Erfurt (Galerie Waidspeicher, Michaelisstraße 10, Erfurt) ergänzt durch den Vortrag „‚Unser Erfurt, einzigartig‘ – Stadtplanung nach 1945“ vom Architekturhistoriker und Denkmalpfleger Dr.-Ing. Mark Escherich. Er rekonstruiert die Erfurter Innenstadtplanung von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1980. In diesen Jahren wandelten sich, nicht nur in Erfurt, die Stadtvorstellungen rasant. Innenbereiche galten als überaltert und erneuerungsbedürftig. Sie lösten heute utopisch anmutende Pläne aus, die seit den 1970er Jahren kritisiert und abgewandelt wurden. (kb, 22.5.18)

Scheithauer, Simon /Escherich, Mark/Nehring, Jens/Spiegel, Daniela/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Utopie und Realität. Planungen zur sozialistischen Umgestaltung der Thüringer Städte Weimar, Erfurt, Suhl und Oberhof (Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR 6), Bauhaus Universitätsverlag Weimar, Weimar 2018, 244 Seiten, 20,3 x 1,5 x 24,9 cm, ISBN 978-3957732446.

Walter Ulbricht mit Stadtmodell (Quelle: privat)

Haifa, Technion im Bau, um 1913 (Bild: Technion - Israel Institute of Technology, gemeinfrei)

Einmal Weimar-Haifa und zurück

Auch in diesem Semester geht die Uni Weimar wieder dem Thema „Identität und Erbe“ auf dem Grund. Es ist inzwischen schon gute Tradition, dass die Ringvorlesung auch Themen der Moderne in den Blick nimmt. Hier sind vor allem zwei Vorträge zu nennen: Am 17. Oktober spricht Mark Escherich um 18.30 Uhr über „Denkmalpflege und DDR-Nachkriegsmoderne“. Bei der hochaktuellen Debatte um die Architektur der 1960er und 1970er Jahre könnte der Eindruck entstehen, dass die eigentliche Hürde in der Erhaltung und Sanierung bestehe. Doch weiterhin wird in weiten Teilen der Gesellschaft grundsätzlich angezweifelt, dass diese Bauepoche erhaltenswert ist.

Damit drängen weiterhin – nicht für die Ostmoderne – die Erforschung der Baubestände und die Kommunikation über ihre Werte. Vor diesem Hintergrund dürfte der zweite modernebezogene Vortrag der Ringvorlesung nicht minder spannend ausfallen: Waleed Karkabi (Haifa) spricht am 7. November um 18.30 Uhr über „Toward a new architecture – Haifa Modernism“. Sahen viele Architekten doch in Israel ein „Labor der Moderne“, eine ideale Spielfläche für neue Formen des Bauens und Zusammenwohnens. Heute sind Städte wie Haifa für Architekturbegeisterte gerade wegen dieses modernen Erbes von besonderem Reiz. Beide Vorträge finden in der Bauhaus-Universität Weimar statt (Hörsaal D, Marienstraße 13, 99423 Weimar). (kb, 13.10.17)

Haifa, Technion im Bau, um 1913 (Bild: Technion – Israel Institute of Technology, gemeinfrei)

Denkmal Ostmoderne die Zweite

Denkmal_Ostmoderne_II_Bild_Jovis_VerlagArchitektur und Städtebau der 1960er und 1970er Jahre sind mittlerweile im Alltag der Denkmalpflege angekommen – auch von Brandenburg bis Thüringen. Dabei hat sich die Sanierung als die eigentliche Hürde beim verantwortungsvollen und pfleglichen Umgang mit diesem Erbe herauskristallisiert. Nicht die grundsätzliche Denkmalwürdigkeit der Bauepoche wird angezweifelt, sondern die Chancen für ihre erfolgreiche Erhaltung. So gilt es, Beispiele und Belege zu schaffen, dass und wie diese Denkmalbestände an wirtschaftliche, sicherheitstechnische und ökologische Bedürfnisse der Gegenwart angepasst werden können.

Der von Mark Escherich herausgegebene Sammelband „Denkmal Ost-Moderne II“, soeben im Berliner Jovis-Verlag erschienen, hat sich eben diesem Ziel verschrieben. Die Publikation beruht auf der gleichnamigen Tagung und präsentiert aktuelle Positionen sowie Beispiele aus Denkmalpflegepraxis und Inventarisation: Wie lässt sich eine nachvollziehbare Auswahl aus dem riesigen Bestand vornehmen und begründen? Auch hiervon hängt die Glaubwürdigkeit der Denkmalpflege für die Nachkriegsmoderne ganz wesentlich ab. (kb, 30.1.16)

Escherich, Mark (Hg.), Denkmal Ost-Moderne II. Denkmalpflegerische Praxis der Nachkriegsmoderne (Stadtentwicklung und Denkmalpflege 18), Jovis-Verlag, Berlin 2016, 288 Seiten, broschiert, 17 x 22 cm, ISBN 978-3-86859-399-0.

Mark Escherich am Rundbau im Erfurter egapark (Bild: K. Berkemann)

Auf ein Milcheis mit Mark Escherich

„Damit konnten die Erfurter etwas anfangen.“ Noch fünf Jahre später strahlt Mark Escherich, wenn er im egapark vor dem Pavillon steht. Mit viel Engagement wurde damals der markante Rundbau aus dem Jahr 1974 gerettet. Erst protestierten nur Denkmalschützer und eingefleischte Ostmodernisten gegen den drohenden Abriss. „Mit seiner bildhaften Architektur steht der Pavillon in der Tradition der ikonischen Solitärbauten der späten 1960er Jahre“, unterstreicht Escherich den künstlerischen Wert. Immer mehr Bürger ließen sich für die Erhaltung des Rundbaus begeistern. Es war hilfreich, so Escherich, dass viele Erfurter mit dem Bau positive Erinnerungen verbinden. „Und als der Oberbürgermeister öffentlich erzählte, wie gerne er hier als Kind ein Eis gegessen hat, da hatten wir es geschafft.“

 

„In der Mokka-Milch-Eisbar“

Mitte der 1970er Jahre beherbergte der Rundbau im Untergeschoss ein Kindertheater, im Obergeschoss eine Milcheisbar. Eine was? Mark Escherich kontert musikalisch: „In der Mokka-Milch-Eisbar“, damit hätten doch die Ost-Beatniks „Thomas Natschinski und Gruppe“ schon 1970 diese besondere Form von Treffpunkt besungen. Natschinski meinte streng genommen das 1963 eingeweihte Café in der Berliner Karl-Marx-Allee, gleich neben dem nicht minder legendären Kino International. Gut zehn Jahre später bildete die Milcheisbar in Erfurt den Mittelpunkt einer umfassenden Spiel- und Freizeitfläche. Selbst eine Rollschubahn fehlte nicht. Die gibt es heute auch noch, nur steht darauf inzwischen ein Wasserbassin für den Nachwuchs. Escherich sieht es positiv: „Da freut sich doch der Denkmalschützer. Es ist alles noch da, das Becken ist nur draufgesetzt.“

 

Ein Bild von einem Pavillon

Das Kindertheater zog bald aus, das Café blieb im Rundbau. Bis 2009, als man hier den gastronomische Betrieb einstellte. „Um zu beweisen, wie baufällig der Pavillon sei, hatte man sogar Teile der Deckenverkleidungen abgenommen.“ Als man sich dann doch für eine Sanierung (Architekturbüro Spangenberg + Braun) entschied, musste viel rekonstruiert werden: Das Untergeschoss und das stählerne Tragwerk sind noch original. Ersetzt wurden (größtenteils in der alten Farbigkeit) die Fensterwände, die Dachkonstruktion und der Innenausbau. Manches konnte aber auch verbessert werden – zumindest im Sinn des Entwurfsverfassers, meint Escherich: „In seinem ersten Modell hatte der Architekt Klaus Thiele in den frühen 1970er Jahren einen rundum gläsernen Zylinder geplant.“ 1974 kamen dann doch Einbauten und schwere Vorhänge hinzu. Bei der Sanierung wurde das Cafégeschoss freigeräumt, zugunsten eines Raumeindrucks in der ursprünglichen Planungsabsicht.

 

Was die Erinnerung prägt

Ja, Escherich weiß noch, dass er als Kind im Erfurter Park war. Da gab es diese neuartigen Klettergerüste mit Seilverspannungen. Aber der Pavillon sei ihm damals nicht hängengeblieben. Seine Wochenenden gehörten in jenen Jahren noch dem Sport: Als Stabhochspringer saß er – sobald der mitzubringende Stab durch das Bahnfenster ins Abteil eingefädelt war – einige Male auch im Zug in die Bezirksstadt Erfurt. Kulinarisch war man damals pragmatisch: „ein Plastebeutel mit Knackwurst, Brötchen und einem Apfel“. Doch als Denkmalschützer weiß er heute, wie sich die Erinnerung ans Essen mit der Erinnerung an besondere Orte verbinden kann. Am Nordende des Parkgeländes z. B. stand bis in die frühen 1990er Jahre die „Zentralgaststätte“ mit der „Rendezvous-Brücke“, einer Art Freiterrasse. Pünktlich zur Bundesgartenschau 2021 soll hier wieder eine große Halle entstehen, dieses Mal mit einer Wüsten- und Dschungellandschaft – und einer neuen Rendezvous-Brücke. Manche Erinnerungen halten sich eben hartnäckig.

 

Ein Park entdeckt seine Vergangenheit

Heute werben die Betreiber des ega-Geländes, das 1992 als Gartenbaudenkmal ausgezeichnet wurde, auch mit der Vergangenheit. Schon 1950 hatte man hier, in der Nähe der ehemaligen Cyriaksburg, eine Gartenschau präsentiert. Bis 1961 wurde das Areal (Reinhold Lingner) für die Internationale Gartenbauausstellung hergerichtet, auf der die Sozialistischen Länder regelmäßig ihre Leistungen vorzeigten. 1974, als der Rundbau eröffnet wurde, fanden auf dem Gelände zudem die 15. Arbeiterfestspiele statt. Nach der Wiedervereinigung landete der Park schließlich im Besitz der Stadtwerke, einer hundertprozentigen Tochter der Kommune. In den letzten Jahren wurde der Festplatz rekonstruiert, das Logo der 1960er Jahre wieder auf die Wegweiser gesetzt – und 2021, 60 Jahre nach der Eröffnung, wird die Bundesgartenschau in Erfurt zu Gast sein. Escherich nutzt seine Jahreskarte schon jetzt mit Begeisterung: „Mein vierjähriger Sohn liebt hier besonders die Wasserspiele und den Kinderbauernhof. Und zwischendurch gibt es ein Eis im Rundbau.“ Mit kulinarisch gestützter Denkmalpädagogik kann man gar nicht früh genug anfangen.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (17/3).

Dr.-Ing. Mark Escherich, Tischlerlehre, Studium des Bauingenieurwesens und der Architektur, zuletzt an der Bauhaus-Universität Weimar, Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt Erfurt sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Denkmalpflege und Baugeschichte der Bauhaus-Universität Weimar, Konzeption und Organisation der Weimarer Tagungen „Denkmal Ost-Moderne“ 2011 und 2014.

 

Titelmotiv: Mark Escherich am Rundbau im Erfurter egapark (Bild: K. Berkemann)

 

Zum Weiterkochen


Lifehack für Milcheis ohne Eismaschine in sechs Minuten: Sie brauchen: 1 Tasse Milch, 1 Esslöffel Kaba, 1 Esslöffel Zucker, 6 Esslöffel Salz, 2 Ziploc-Beutel, einige Eiswürfel.