KLEINKIRCHEN: 9 x Wiesbaden

mit Fotografien von Peter Frenkel

Bei moderneREGIONAL erscheinen in der Rubrik „invisibilis“ – neben der virtuellen Karte zu bedrohten Kirchen und aktuellen Meldungen – regelmäßig ausführlichere Beiträge zum Thema. Dazu zählt auch die Beitragsreihe „Kleinkirchen“, die bislang zu Unrecht übersehene Zeugnisse der Kirchbaumoderne in Einzelporträts vorstellt.

Im Sommersemester 2020 erkundeten Ute Dreyer und Peter Frenkel – beide studieren Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar – die Nachkriegskirchen in Wiesbaden. Unter Betreuung von Dr. Annika Tillmann (Landesamt für Denkmalpflege Hessen) und Dr.-Ing. Mark Escherich (Professur Denkmalpflege und Baugeschichte, Prof. Dr. phil. habil. Hans-Rudolf Meier) rückte dabei der mögliche Denkmalwert der Bauwerke in den Mittelpunkt. Als ein erstes Ergebnis dieser Streifzüge entstanden eindrucksvolle Fotografien von Peter Frenkel, die einen Blick auf den Reichtum der damaligen kirchlichen Baukunst in der hessischen Landeshauptstadt ermöglichen. (Zu Wiesbaden rechnet man politisch wie historisch auch Mainz-Kastel und -Kostheim.)

Den Anfang des virtuellen Rundgangs macht Maria Hilf (Franz Mertes, 1954). Zu den prägenden Architekturbüros jener Jahre gehört Rainer Schell, hier mit der Erlöser- (1963), der Stephanus- (1963) und der Thomaskirche (1964). Für die katholischen Gottesdiensträume sind die gemeinsam entwerfenden Brüder Paul und Fritz Johannbroer zu nennen. Ersterer gestaltete für Wiesbaden gleich drei Gemeindezentren, darunter die Christkönigkirche (1965). Nicht vergessen seien die Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71), St. Andreas (Hans Weber, 1965) – und natürlich die beiden „Stars“ der Wiesbadener Nachkriegskirchen: die von Herbert Rimpl entworfene Heilig-Geist-Kirche (1961) in Biebrich und die brutalistische Kirche St. Mauritius (Martin Braunstorfinger/Jürgen Jüchser/Peter Ressel, 1968) im Stadtteil Sonneberg. (Peter Frenkel/Karin Berkemann, 22.1.21)

Mainz-Kostheim, Maria Hilf (Franz Mertes, 1954) (Bild: Peter Frenkel, 2021)

Mainz-Kostheim, Maria Hilf (Franz Mertes, 1954) (Bild: Peter Frenkel, 2021)

Wiesbaden, Erlöserkirche (Rainer Schell, 1962) (BIld: Peter Frenkel, 2020)

Mainz-Kastel, Erlöserkirche (Rainer Schell, 1963) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Mainz-Kostheim, Stephanuskirche (Rainer Schell, 1963) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, Thomaskirche (Rainer Schell, 1964) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, Thomaskirche (Rainer Schell, 1964) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Nordenstadt, Christkönigkirche (Paul Johannbroer, 1965) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Gräselberg, Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Gräselberg, Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Andreas (Hans Weber, 1965) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Andreas (Hans Weber, 1965) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Biebrich, Heilig Geist (Herbert Rimpl, 1961) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Biebrich, Heilig Geist (Herbert Rimpl, 1961) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden-Biebrich, Heilig Geist (Herbert Rimpl, 1961) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Mauritius (Martin Braunstorfinger/Jürgen Jüchser/Peter Ressel, 1968) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wiesbaden, St. Mauritius (Martin Braunstorfinger/Jürgen Jüchser/Peter Ressel, 1968) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Titelmotiv: Wiesbaden-Gräselberg, Lukaskirche (Fritz Soeder, 1962-71) (Bild: Peter Frenkel, 2020)

Wahrheit oder Pflicht?

Als die Moderne noch an die Zukunft glaubte, wollte sie nicht weniger als die Welt neu gestalten. Entsprechend entstanden in der DDR für Städtebaukonzepte, die einer Utopie, einer sozialistischen Neuordnung sehr nahe kommen sollten. Die breite Spanne – zwischen gewünschten und möglichen, verwirklichten und verfehlten Projekten – zeigt nun eine neue Publikation anhand von vier Beispielen aus Thüringen: Mit Weimar steht Erfurt hier dafür, wie schwierig es war, die ambitionierten Neubaupläne in Städte mit großem kulturhistorischen Erbe einzufügen.

Die Buchvorstellung wird am 14. Juni 2018 um 19.30 Uhr (Einlass: 19.00 Uhr) in Erfurt (Galerie Waidspeicher, Michaelisstraße 10, Erfurt) ergänzt durch den Vortrag „‚Unser Erfurt, einzigartig‘ – Stadtplanung nach 1945“ vom Architekturhistoriker und Denkmalpfleger Dr.-Ing. Mark Escherich. Er rekonstruiert die Erfurter Innenstadtplanung von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1980. In diesen Jahren wandelten sich, nicht nur in Erfurt, die Stadtvorstellungen rasant. Innenbereiche galten als überaltert und erneuerungsbedürftig. Sie lösten heute utopisch anmutende Pläne aus, die seit den 1970er Jahren kritisiert und abgewandelt wurden. (kb, 22.5.18)

Scheithauer, Simon /Escherich, Mark/Nehring, Jens/Spiegel, Daniela/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Utopie und Realität. Planungen zur sozialistischen Umgestaltung der Thüringer Städte Weimar, Erfurt, Suhl und Oberhof (Forschungen zum baukulturellen Erbe der DDR 6), Bauhaus Universitätsverlag Weimar, Weimar 2018, 244 Seiten, 20,3 x 1,5 x 24,9 cm, ISBN 978-3957732446.

Walter Ulbricht mit Stadtmodell (Quelle: privat)

Einmal Weimar-Haifa und zurück

Auch in diesem Semester geht die Uni Weimar wieder dem Thema „Identität und Erbe“ auf dem Grund. Es ist inzwischen schon gute Tradition, dass die Ringvorlesung auch Themen der Moderne in den Blick nimmt. Hier sind vor allem zwei Vorträge zu nennen: Am 17. Oktober spricht Mark Escherich um 18.30 Uhr über „Denkmalpflege und DDR-Nachkriegsmoderne“. Bei der hochaktuellen Debatte um die Architektur der 1960er und 1970er Jahre könnte der Eindruck entstehen, dass die eigentliche Hürde in der Erhaltung und Sanierung bestehe. Doch weiterhin wird in weiten Teilen der Gesellschaft grundsätzlich angezweifelt, dass diese Bauepoche erhaltenswert ist.

Damit drängen weiterhin – nicht für die Ostmoderne – die Erforschung der Baubestände und die Kommunikation über ihre Werte. Vor diesem Hintergrund dürfte der zweite modernebezogene Vortrag der Ringvorlesung nicht minder spannend ausfallen: Waleed Karkabi (Haifa) spricht am 7. November um 18.30 Uhr über „Toward a new architecture – Haifa Modernism“. Sahen viele Architekten doch in Israel ein „Labor der Moderne“, eine ideale Spielfläche für neue Formen des Bauens und Zusammenwohnens. Heute sind Städte wie Haifa für Architekturbegeisterte gerade wegen dieses modernen Erbes von besonderem Reiz. Beide Vorträge finden in der Bauhaus-Universität Weimar statt (Hörsaal D, Marienstraße 13, 99423 Weimar). (kb, 13.10.17)

Haifa, Technion im Bau, um 1913 (Bild: Technion – Israel Institute of Technology, gemeinfrei)