Demo für Marlene

Was in der Literatur zumeist unter „Villa Poelzig lief“, entstand 1930 in Berlin-Westend nach dem Entwurf einer Frau: Marlene Moeschke-Poelzig, Bildhauerin, Architektin und eben auch Ehefrau des meist bekannteren Architekten Hans Poelzig. Die Gartengestaltung übernahm unter anderem Hermann Mattern. Nach Hans Poelzigs Tod 1936 kaufte der Regisseur Veit Harlan die Immobilie. Wahrscheinlich wurde hier der Film „Jud Süß“ geschnitten, der im neu eingerichteten Kinoraum die private Uraufführung erlebte. Geschichtsträchtiger geht es kaum – die Gedenktafel der Stadt Berlin am Tor, die nur an Hans Poelzig erinnert, ist eigentlich zu knapp … Und seit Monaten schon steht der Abriss der Villa im Raum. Das Landesdenkmalamt hatte Anfang der 1990er entschieden, dass das Gebäude aufgrund diverser, zuletzt 1954 erfolgter Umbauten nicht schützenswert sei. Über Monate hinweg verfiel das Anwesen, das Dach wurde abgedeckt und nur vorübergehend mit einer Plane geschützt.

2020 konnte eine Petition knapp 5.000 Unterschriften für den Erhalt des Hauses sammeln. Bei den Abrissgegner:innen mischen sich die Argumente von baukünstlerischer und (frauen-)geschichtlicher Seite. Hier könnte, so die Idee, an all die von der Geschichtsschreibung ausgeblendeten Pionierinnen des 20. Jahrhunderts erinnert werden. Auch ein Stipendienprogramm für Architektinnen ist im Gespräch – und warum nicht in den dann wiederherzurichtenden Räumen der Villa (Marlene) Poelzig. Am 18. Juni, im Rahmen des Women in Architecture Festivals 2021, lädt die Initiative Marlene Poelzig daher zwischen 16 und 18 Uhr vor eben jenem Gebäude (Tannenbergallee 28, 14055 Berlin (S-Bahnhof Heerstraße)) zur Demonstration. Mitglieder der Initiative wollen Impulse geben zum Haus, zu seiner Geschichte, aber auch zu einer möglichen Zukunft. Aus diesem Anlass wird dann ein Werk der Künstlerin Hannah Cooke enthüllt, das sie als Würdigung von Marlene Poelzig gestaltet hat. (kb, 12.6.21)

Berlin, Villa Poelzig (BIld: historische Abbildung, wohl um 1930, via artefakt-berlin.de)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: historische Abbildung, wohl um 1930, via artefakt-berlin.de)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)

Titelmotiv: Berlin, Villa Poelzig, Richtfest, 1930, Marlene Poelzig (links) Hans Poelzig (3 v. rechts) (Foto: Archiv Bauwelt)

Villa Poelzig wird abgerissen

Der wuchernde Garten ist bereinigt, das Dach mit Planen bedeckt: Nach langem Stillstand stehen in der Berliner Tannenbergallee 28 die Zeichen auf Abriss. Und diesmal nehmen die Dinge nicht nur den üblichen, ärgerlichen Verlauf, dass ein qualitätvolles Einzelhaus einer profitorientierten Wohnanlage Platz machen muss: Hier wird das ehemalige Wohnhaus des Architekten Hans Poelzig abgerissen! Entstanden ist es 1929/30 nach Plänen seiner Frau Marlene Moeschke-Poelzig, die Gartengestaltung übernahm unter anderem Hermann Mattern. Nach Poelzigs Tod 1936 kaufte der Regisseur Veit Harlan die Immobilie. Wahrscheinlich wurde hier der Film „Jud Süß“ geschnitten, der im neu eingerichteten Kinoraum die private Uraufführung erlebte. Geschichtsträchtiger geht es kaum – die Gedenktafel der Stadt Berlin, die nur an Hans Poelzig erinnert, ist eigentlich zu knapp …

Wie kann es also zum Abriss kommen? Das Landesdenkmalamt entschied Anfang der 1990er, dass das Gebäude aufgrund diverser, zuletzt 1954 erfolgter Umbauten nicht schützenswert sei. Dabei ist es geblieben, obwohl sich die Kriterien für eine Unterschutzstellung längst erweitert haben. Die Vermutung, dass die Villa Poelzig in den vergangenen Jahren amtlich einfach durchgerutscht ist, liegt nahe: Architektur, Gartengestaltung, historische Bedeutung und die Tatsache, dass es sich um das Bauwerk einer Architektin – vor 90 Jahren noch eine Pionierin – handelt, scheinen dieses Zeugnis der deutschen (Architektur-) Geschichte nicht zu retten. (db, 5.3.20)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Stadt Berlin)