Laternen für Marlene

Am 1. und 2. November wurde, trotz nachhaltiger Proteste, die 1930 nach Entwürfen der Bildhauerin und Architektin Marlene Poelzig fertiggestellte Berliner Villa abgerissen. Entstehen sollen hier neue Wohnbauten. Vor diesem Hintergrund lädt die Initiative Haus Marlene Poelzig ein zum „Laternenumzug für Marlene“ am 11. November 2021 um 19.00 Uhr (vor dem ehemaligen Standort der Villa Poelzig, Tannenbergallee 28, 14055 Berlin, nahe S-Bahnhof Heerstraße). In Anlehnung an die Lampen, die Marlene Poelzig für den Lichthof im Berliner Haus des Rundfunks gestaltet hatte, entwickelte die Künstlerin Julia Ziegler Papierlaternen. Einige davon werden Interessierten für den Umzug zur Verfügung gestellt. Davon unabhängig werden die Teilnehmenden gebeten, eigene Laternen mitzubringen.

Auch nach dem Laternenumzug geht die Initiative ihrem Anliegen weiter nach. Mit der dreiteiligen Dialogreihe „Mother of all Arts“ sollen in Berlin die Geschichte, Entwicklung und Zukunft von (Bau-)Künstlerinnen in den Mittelpunkt gerückt werden: Am 25. November 2021 kommen unter dem Titel „Rund the World“ junge Architektinnen, Künstlerinnen und Kulturschaffende in der Berlinischen Galerie ins Gespräch. Mit „Family Affair“ steht am 9. Dezember 2021 um 19 Uhr im Aedes Architecture Forum die Familie als kreativer Motor im Mittelpunkt. Unter den Diskutat:innen finden sich daher z. B. Katharina Blaschke (Enkelin der Poelzigs) und Fabian Zimmermann (Enkelin der Gartenarchitektin Herta Hammerbacher). Nicht zuletzt soll eine Veranstaltung zum Jahresbeginn 2022 unter dem Titel „Bonnie & Clyde“ ein neues Licht werfen auf das Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Architekt:innenpaaren. Diese Veranstaltungsreihe sieht die Initiative Haus Marlene Poelzig als Schritte auf dem Weg hin zu einem „Stipendien-Programm für Meisterinnen der Baukultur“. (kb, 6.11.21)

Berlin, links: Haus des Rundfunks, Lampen nach Entwürfen von Marlene Poelzig, rechts: Abrissarbeiten an der Villa Poelzig am 1. November 2021 (Bilder: Initiative Haus Marlene Poelzig)

Villa Poelzig: Der Abriss läuft

Da haben sich die Modernist:innen die Finger wund geschrieben, kreativ demonstriert und argumentativ protestiert, am Ende hat alles nichts genutzt: Die Berliner Villa Poelzig wird gerade dem Erdboden gleich gemacht. Dabei stand hier in veritables Geschichtszeugnis, das alle Widersprüchlichkeiten der 1930er Jahre bündelt. Der Entwurf für das 1930 fertiggestellte Haus stammte von Marlene Moeschke-Poelzig – Bildhauerin, Architektin und eben auch Ehefrau des meist bekannteren Architekten Hans Poelzig. Die Gartengestaltung übernahm unter anderem Hermann Mattern. Nach Hans Poelzigs Tod 1936 kaufte der Regisseur Veit Harlan die Immobilie. Wahrscheinlich wurde hier der Film „Jud Süß“ geschnitten, der im neu eingerichteten Kinoraum die private Uraufführung erlebte. Geschichtsträchtiger geht es kaum – die Gedenktafel der Stadt Berlin am Tor, die nur an Hans Poelzig erinnerte, war eigentlich zu knapp …

Über Monaten hinweg stand der Abriss der Villa Poelzig bereits im Raum. Das Landesdenkmalamt hatte Anfang der 1990er entschieden, dass das Gebäude aufgrund diverser, zuletzt 1954 erfolgter Umbauten nicht schützenswert sei. Zuletzt verfiel das Anwesen, das Dach wurde abgedeckt und nur vorübergehend mit einer Plane geschützt. Nun berichtet der Architekturjournalist Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung, dass gestern die Abrissarbeiten begonnen haben. Das zugehörige Foto zeigt das schwere Gerät genau dort, wo weite Teile des Hauses schon in Trümmern liegen. Das Areal wurde vor einigen Wochen veräußert, entstehen sollen nun neue Wohnungen im Luxussegment. Abrissgegner:innen haben heute Abend über Social Media dazu aufgerufen, morgen (2. November) zwischen 12 und 13 Uhr vor der Villa (Tannenbergallee 28) zu demonstrieren. Man will mit dem Eigentümer verhandeln, um zu retten, was noch zu retten ist (wenn noch etwas zu retten ist). (kb, 1.11.21)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)
Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Berlin, Villa Poelzig (Bilder: Bauwelt 21, 1930, 34)

Demo für Marlene

Was in der Literatur zumeist unter “Villa Poelzig lief”, entstand 1930 in Berlin-Westend nach dem Entwurf einer Frau: Marlene Moeschke-Poelzig, Bildhauerin, Architektin und eben auch Ehefrau des meist bekannteren Architekten Hans Poelzig. Die Gartengestaltung übernahm unter anderem Hermann Mattern. Nach Hans Poelzigs Tod 1936 kaufte der Regisseur Veit Harlan die Immobilie. Wahrscheinlich wurde hier der Film „Jud Süß“ geschnitten, der im neu eingerichteten Kinoraum die private Uraufführung erlebte. Geschichtsträchtiger geht es kaum – die Gedenktafel der Stadt Berlin am Tor, die nur an Hans Poelzig erinnert, ist eigentlich zu knapp … Und seit Monaten schon steht der Abriss der Villa im Raum. Das Landesdenkmalamt hatte Anfang der 1990er entschieden, dass das Gebäude aufgrund diverser, zuletzt 1954 erfolgter Umbauten nicht schützenswert sei. Über Monate hinweg verfiel das Anwesen, das Dach wurde abgedeckt und nur vorübergehend mit einer Plane geschützt.

2020 konnte eine Petition knapp 5.000 Unterschriften für den Erhalt des Hauses sammeln. Bei den Abrissgegner:innen mischen sich die Argumente von baukünstlerischer und (frauen-)geschichtlicher Seite. Hier könnte, so die Idee, an all die von der Geschichtsschreibung ausgeblendeten Pionierinnen des 20. Jahrhunderts erinnert werden. Auch ein Stipendienprogramm für Architektinnen ist im Gespräch – und warum nicht in den dann wiederherzurichtenden Räumen der Villa (Marlene) Poelzig. Am 18. Juni, im Rahmen des Women in Architecture Festivals 2021, lädt die Initiative Marlene Poelzig daher zwischen 16 und 18 Uhr vor eben jenem Gebäude (Tannenbergallee 28, 14055 Berlin (S-Bahnhof Heerstraße)) zur Demonstration. Mitglieder der Initiative wollen Impulse geben zum Haus, zu seiner Geschichte, aber auch zu einer möglichen Zukunft. Aus diesem Anlass wird dann ein Werk der Künstlerin Hannah Cooke enthüllt, das sie als Würdigung von Marlene Poelzig gestaltet hat. (kb, 12.6.21)

Berlin, Villa Poelzig (BIld: historische Abbildung, wohl um 1930, via artefakt-berlin.de)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: historische Abbildung, wohl um 1930, via artefakt-berlin.de)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Wasmuths Monatshefte 14, 1930, 10)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)

Berlin, Villa Poelzig (Bild: Uli Borgert, 29. März 2020)

Titelmotiv: Berlin, Villa Poelzig, Richtfest, 1930, Marlene Poelzig (links) Hans Poelzig (3 v. rechts) (Foto: Archiv Bauwelt)