Lernen vom Ebertplatz: zwei Standpunkte

Die Wellen schlagen hoch: Soll die nachkriegsmoderne Gestaltung am Kölner Ebertplatz unter Denkmalschutz gestellt werden oder nicht? Hat die Anlage jemals funktioniert und könnte es noch? Dass es um mehr geht, als um ein paar Quadratmeter öffentlichen Raums am Rhein, zeigt allein die Leidenschaft, mit der eben darum gestritten wird. Bei mR haben wir dieses Mal die Ehre und das Vergnügen, dass gleich zwei Könner ihres Fachs – Martin Bredenbeck und Ralf Liptau – darüber nachdenken, wie es rund um den und nach dem Ebertplatz weitergehen kann mit der Denkmalpflege und dem baukulturellen Erbe. Aber: Lesen Sie selbst!

 

Nur was für Optimisten?

von Ralf Liptau

Denkmalpflege-Pessimisten könnten jetzt sagen: „Sie schafft sich ab!“ Die Rede ist von der Kölner Denkmalpflege, die sich Anfang Juni gegen eine Unterschutzstellung des zentralen Ebertplatzes in der Neustadt-Nord ausgesprochen hat. Die Frage, ob das aus den 1970er Jahren stammende Konzept im Geist der verkehrsgerechten Stadt ein Denkmal sein sollte, ist hier vielleicht gar nicht so spannend. Viel spannender ist, dass die Direktorin des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) und der Kölner Stadtkonservator sich mit dieser Frage nicht mehr beschäftigen möchten. Der LVR, obwohl auch initiativ zur Prüfung berechtigt, spielt dabei den Ball an die Kölner Denkmalbehörde. Die aber will das gesetzlich vorgesehene, reguläre Verfahren für die Begutachtung von Denkmalkandidaten nicht durchführen, obwohl sie dafür zuständig wäre.

 

Begutachtung gestoppt

Vor dem Hintergrund einer geplanten Umgestaltung des Platzes ab 2021 hatte der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz“ eine Denkmalbegutachtung der jetzigen Anlage angeregt. Diese hatte das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland inzwischen auch in Angriff genommen. Doch die zuständigen Gutachter müssen ihre Stifte jetzt fallen lassen: LVR-Direktorin Ulrike Lubek hat ihr Denkmalpflegeamt aufgefordert, die Begutachtung des Ebertplatzes zu stoppen. Sie begründet das damit, dass hier zunächst die Stadt tätig werden sollte. Für die tatsächliche Unterschutzstellung ist Stadtkonservator Thomas Werner zuständig – und dieser möchte den Ebertplatz nicht eintragen. Eine seiner Begründungen: Eine etwaige Denkmalwürdigkeit müsse aus seiner Sicht erst einmal durch ein Gutachten festgestellt werden. Also genau durch ein solches Gutachten, das es jetzt nicht geben wird.

 

„Ein positiver Baustein“?

In einem Interview, das Werner am 3. Juni dem Kölner Stadtanzeiger gegeben hat, begründet er seine ablehnende Haltung: Er sehe keine „Integration des unveränderten Platzes (…) in eine nachhaltig operierende Stadtentwicklung“. Sprich: Der oberste Denkmalpfleger der Stadt Köln sagt öffentlich, dass eine „nachhaltig operierende Stadtentwicklung“ aus seiner Sicht nur möglich sei ohne Denkmalschutz. „Der Denkmalschutz“, so Werner weiter, „muss und will ein positiver Baustein innerhalb der Stadtentwicklung sein.“ Und das geht in Köln offenbar nur, indem dieser Denkmalschutz seine Anliegen nicht nur nicht einbringt, sondern etwaige Denkmalwerte gar nicht erst prüft.

 

Ginge auch anders

Eine andere Variante wäre gewesen, als Stadtkonservator aufzuzeigen, dass ein kluger und nachhaltiger Denkmalschutz eben nicht bedeutet, dass ein Bauwerk absolut nicht verändert werden dar. Dass das Selbstverständnis des Denkmalpflegers entsprechend darin bestehen muss, sich als konstruktiver Partner in die Frage von behutsamer Anpassung und Erneuerung seiner Schützlinge einzubringen. Aber das wäre dann wahrscheinlich was für die Denkmalpflege-Optimisten. (10.6.18)

Titelmotiv: Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

 

 

Wir brauchen unser Erbe

von Martin Bredenbeck

Die Fragen, was brauchbar ist und was man liebt, beantwortet jede Zeit immer wieder neu und anders. Man merkt das spätestens bei den Wiederentdeckungen im eigenen Kleiderschrank: „Das passt ja toll zu Karneval“ (obwohl das Kleid 1975 keinesfalls für den Rummel gedacht war). Oder: „Das sieht immer noch [sic!] gut aus, das passt doch toll zu unserer Zeit.“ Dass auch ein bestimmter Teil baukulturellen Erbes zur Brauchbarkeit zurückgefunden hat oder besser aktiv: zurückbefördert (und umdeklariert) wurde, das ist die Essenz einer Betrachtung der Entwicklungen von 1968 bis 1980.

 

Lauter versteckte Vorgaben

Die zeitweise verpönten stuckierten Altbauwohnungen, historistischen Blockrandbebauungen und üppig geschmückten Kultur- und Verwaltungsgebäude des 19. Jahrhunderts kamen wieder in Nutzung und in Mode. Beispielsweise für neue Wohn- und Lebensformen (z. B. Wohngemeinschaften) und ab den 1970er Jahren dann ja auch zunehmend renoviert und auf den neuen Stand gebracht. Kein Etagenklo mehr, sondern komfortable Badezimmer. Ich wüsste nicht, warum wir „natürlicherweise“ unter Stuck wohnen sollten. Wir haben uns die Bauten des 19. Jahrhunderts – einer vergangenen Zeit und vergangenen Gesellschaft – schlicht und einfach wieder angeeignet. Und sie dabei umcodiert, für unsere Gegenwart tauglich gemacht. Vielleicht sehen wir dieses Erbe heute sogar bewusster als die damaligen Auftraggeber (die bekanntlich Stuck als Katalogware orderten) und Erstbezieher (für die die Hauptsache die Repräsentationswirkung ihrer Fassade gewesen sein mag, egal ob neugotisch oder neubarock).

Mit den Argumenten „zu teuer“, „nicht sanierbar“, „städtebaulicher Fehler“ etc. kann man jedem baukulturellen Erbe den Garaus machen. Sobald das moralisierende Vokabular ins Spiel kommt, ist eine ziemlich niedrige Niveauebene erreicht. „Fehler“, „Missgriff“ und dann: „Schande“, „Schandfleck“ und „Bausünde“ – da vermischen sich munter Architektur und Moral. Diejenigen, die Bauten und Planungen mit diesem Vokabular brandmarken, machen meines Erachtens eine unzulässige Vermischung von Kategorien und begehen dabei außerdem den logischen Fehler, mit versteckten Vorgaben zu arbeiten.

 

Wer entscheidet, was „funktioniert“?

Auch das Argument, etwas habe nicht funktioniert, halte ich für heikel. Es bringt ein Bauchgefühl zum Ausdruck, das ich für völlig akzeptabel halte. Aber es kann eigentlich keine Begründung für einen Abriss sein. Denn „Funktionieren“: Für wen und als was und wie misst man das? Und wer misst? Wird mit den Füßen abgestimmt oder mit Leserbriefen oder der Zahl von Drogentoten? Wie valide sind solche Aussagen überhaupt?

Drogenkriminalität ist jedenfalls kein Gradmesser für Qualität von Architektur. Ob das Zeug vor einem neugotischen Hauptbahnhof vertickt wird oder vor einem brutalistischen, dürfte den Dealern herzlich egal sein. Bahnhofsplätze und abgesenkte Plätze mit U-Bahnzugang sind aber vielleicht auch kein gutes Beispiel, weil sie grundsätzlich immer und überall schwierig sind – eben weil sie die Mobilität fördern und weil sich das verschiedenste Gruppen zunutze machen. Und wenn die eine gesellschaftliche Gruppe (hier das Bürgertum) diese, sozusagen, biologische Nische freigibt, dann übernimmt eben eine andere gesellschaftliche Gruppe das Habitat, solange es ihr gelassen wird.

 

Für einen entspannten Umgang

Wiederkehrendes Muster in den aktuellen Diskussionen scheint mir Folgendes: Die Kritiker geben nicht an, welche Punkte sie für einen Fehler halten, sondern sie setzen die Fehlerhaftigkeit als vereinbart voraus. Normalerweise bezeichnet man sowas ab einer gewissen Dosierung als Populismus. Es geht dann weiter mit Argumenten wie „Man muss auch mal was Neues machen“ oder „Wir müssen auch heute bauen dürfen“: Aber mal ehrlich – warum muss man eigentlich irgendwas? Auf der anderen Seite stehen die Denkmalschützer und versuchen, mit so viel Objektivität wie möglich und manchmal sogar weitschweifig zu begründen, warum etwas bedeutend ist.

Wenn wir uns nun zwischen diese Extreme stellen: Kommen wir zu einer entspannten Haltung im Umgang mit dem Bauerbe? Können wir nicht vermitteln, dass der Denkmalstatus keine Bedrohung ist für Entwicklung und moderne Nutzung? Täglich hören wir im Radio „den besten Mix“. Also, warum nicht auch in unserer Stadt dieses Rezept: Das Beste aus den 1960er, 70er und 80er Jahren und die größten Hits von heute. Das wäre auch für die Architekturdebatte das richtige Maß! Dass die Debatten neben den persönlichen Geschmäckern meist auch vom konkreten Pflege- oder eben Verwahrlosungszustand vieler Anlagen geprägt ist, ist ja lange bekannt. Auch dem könnte man entspannt begegnen: „Putzen und Benutzen“ – das ist das Motto der Werkstatt Baukultur Bonn, und es gilt überall.

 

Wir erben unsere Vergangenheit

Europa feiert 2018 das Europäische Kulturerbejahr, in Deutschland mit dem schönen Motto „Entdecken, was uns verbindet“. Das ist auch die Geschichte vieler Städte als Ergebnis von Wiederaufbau und Umbau nach 1945. Das ist der Zeithorizont, mit dem die meisten heute Lebenden groß geworden sind. Alles andere sind schöne, schwarz-weiße Postkartenerinnerungen an die „gute alte Zeit“. Im Europäischen Denkmalschutzjahr 1975 hieß das ebenso schöne Motto: „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“. Gemeint waren damals ganz besonders die Anlagen des 19. Jahrhunderts. Heute ist „unsere Vergangenheit“ auch die Zeit der 1950er bis 1980er Jahre. Von den Studentenprotesten 1968 bis zur Möglichkeit für Frauen, ohne Einwilligung ihres Ehemanns einem Beruf nachzugehen, 1977: Das ist unsere Vergangenheit, und deren Erbe sollten wir uns stellen. (10.6.18)

Der Text von Martin Bredenbeck entstand als persönliche Einleitung zum Vortrag am 4. Juni 2018 im Domforum Köln in der Jahresreihe des Architektur Forum Rheinland.

Titelmotiv: Köln, Ebertplatz (Bild: Elke Wetzig, CC BY SA 4.0, 2018)

FACHBEITRAG: Bonn, Stadtbahn

von Martin Bredenbeck (Heft 15/3)

Bonn, U-Bahn-Station "Heuss-Allee" (Bild: Axel Hausberg)
So stylish kann ein „Unterpflasterbahn“ ausfallen: die Bonner U-Bahn-Station „Heuss-Allee“ (Bild: Axel Hausberg)

„Was wäre wenn“-Fragen begegnet man lieber mit Vorsicht, lenken sie doch von der Wirklichkeit ab. Im Rückblick sind wir lieber dankbar für das, was geworden ist: Bonn gewann die Abstimmung über Hauptstadt und Regierungssitz 1949 gegen Frankfurt. Dass wir 2015 das 40. Jubiläum der Bonner „Unterpflasterbahn“ – mit ihren unterirdischen bunten Stationen und oberirdischen filigranen Schirmkonstruktionen – feiern können, ist ein spätes Kind dieser Entscheidung. Längst nicht mehr „Hauptstadtbahn“, ist die Bonner U-Bahn aber weiterhin unersetzbar im Großraum Köln-Bonn. Und viele freuen sich an dieser ebenso farbenfrohen wie leistungsfähigen Kulturlandschaft im Untergrund. Also, was wäre wenn? Wenn Bonn nicht Hauptstadt geworden wäre, gäbe es hier keine U-Bahn, in Frankfurt aber ganz sicher. So kommen wir heute in den Genuss, in beiden Untergründen das Nützliche mit dem Schönen verbunden zu wissen.

 

1960: ein „Spukschloß“ ohne Hauptstadt-Grandezza

Wie beschaulich die Bundeshauptstadt noch 1960 war, vermittelt der Kultfilm „Das Spukschloß im Spessart“ mit seinen properen Gespenstern: So wird Prinz Kalaka von Celebresien am Bahnsteig jubelnd begrüßt mit: „Ein Staatsbesuch, ein Staatsbesuch in uns’rer schönen Hauptstadt Bonn. Ein Staatsbesuch, ein Staatsbesuch, da ha’m wir alles was davon!“ Welche eine Satire auf ein gediegenes Städtchen, das seine Vergangenheit nur allzu gerne unter den Tisch kehrte. Moderne Hauptstadt-Grandezza verbreitete Bonn um 1960 auch nicht unbedingt. Trotz schwerer Kriegsschäden war viel alte Bausubstanz erhalten geblieben. Zwar nutzte die Wiederaufbauzeit ihre „Chance“, um die Innenstadt neu zu ordnen und einige Straßenschneisen zu schlagen. Insgesamt ging das Alte Bonn jedoch erstaunlich nahtlos in die zweite Jahrhunderthälfte über – und bot in seiner spießigen Modernität willkommenen Komödienstoff.

Ob ausgesprochen oder unausgesprochen: Der Mauerbau vertiefte 1961 nicht nur die deutsch-deutsche Teilung, sondern befeuerte auch die Modernisierung der Stadt Bonn. Niemand hatte die Absicht, eine Mauer zu errichten. Und als Niemand sie dann hatte errichten lassen, wollte niemand mehr so recht auf eine Wiedervereinigung zählen. In Bonn lassen sich die großen Infrastrukturprojekte und Regierungsviertelpläne darauf zurückführen, dass der Mauerbau vom Osten her Tatsachen geschaffen hatte – ein Jahr nachdem im „Spukschloß“ die Räuber eingemauert worden waren … Für Bonn, weit im Westen der Bundesrepublik, begann nun der eigentliche Auf- und Umbau zur selbstbewussten Hauptstadt eines Wirtschaftswunderstaats.

 

1969: ein Regierungsviertel mit Hang zu Höherem

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Aus der Luft erklärt sich von selbst, warum die Bonner Kreuzbauten Kreuzbauten heißen (Bild: Wolkenkratzer, CC BY SA 3.0)

Als der Bundestag 1949 in die ehemalige Pädagogische Akademie einzog, stellte man damit auch die Weichen für ein Regierungsviertel. Zwischen Bonn und dem noch selbständigen Bad Godesberg war die Anstalt der Lehrerfortbildung 1933 von Regierungsbaumeister Martin Witte gestaltet worden. Hans Schwippert formte den Bau 1949 zum Bundeshaus und fügte den großartigen Plenarsaal hinzu. Um dieses „weiße Haus am Rhein“ bildete sich ein politisches und städtebauliches Schwerkraftzentrum mit sprichwörtlich kurzen Wegen. Aus dem Provisorium „Bundesdorf“ wurde eine Großbaustelle: Für die sog. Kreuzbauten schuf Joachim Schürmann 1968 den städtebaulichen Rahmen, für den die Planungsgruppe Stieldorf ab 1969 sieben Hochhäuser vorsah, von denen bedauerlicherweise nur zwei ausgeführt wurden.

Je ehrgeiziger die Regierungsviertelpläne ausfielen, desto unbefriedigender erschien die Verkehrsanbindung an die (damalige) Deutsche Bundesbahn und die Köln-Bonner Eisenbahn. Die Buslinien waren auf Dauer nicht leistungsfähig genug, Straßenbahnlinien waren mittlerweile stillgelegt oder konkurrierten mit dem wachsenden Automobilverkehr. Zudem hatte man das Bonner Straßenbahnnetz unter drei Unternehmen zerstückelt. Es brauchte ein leistungsfähiges Nahverkehrsmittel: unabhängig von den anderen Verkehrsströmen, doch mit ihnen verflochten und vor allem im Stadtbild nahezu unsichtbar – eben eine hochmoderne und größtenteils unterirdische Stadtbahn. Der Bund stellte für dieses Projekt hohe Summen bereit, das seiner Hauptstadt nun doch endlich einen weltstädtischen Hauch verleihen sollte.

 

1967/72: gleich zwei neue „Verkehrskonzepte“

Bonn, U-Bahn-Station "Markt/Uni" (Bild: Axel Hausberg)
Mit dem ersten, ministerial begleiteten „Rammschlag“ begannen 1967 die Bauarbeiten für die Bonner U-Bahn – hier die Station „Markt/Uni“ (Bild: Axel Hausberg)

Das neue sog Verkehrskonzept wurde vom Bonner Stadtrat 1967 beschlossen und im gleichen Jahr mit dem Bau begonnen. Die Bundesminister Franz Josef Strauß (Finanzen) und Georg Leber (Verkehr) wohnten dem ersten Rammschlag bei. Als Herzstück sollte eine leistungsfähige Nord-Süd-Verbindung nun das weit ausstrahlende Regierungsviertel mit Bonn und Bad Godesberg sowie den dortigen Bahnhöfen verknüpfen. In der Bauzeit kam es zu wesentlichen Änderungen: Die Idee einer unterirdischen eisenbahnähnlichen Schnellbahn ließ man wegen finanzieller Schwierigkeiten fallen. Auch die Entwicklung der Stadtbahnwagen brauchte ihre Zeit, z. B. um sie an das Kölner Straßenbahnnetz (mit seinen engen Tunneln) anzubinden.

Es folgte 1972 das „Gesamtkonzept Stadtverkehr Bundeshauptstadt Bonn“, das die heutigen Anlagen entscheidend prägt. Die Achse A (von Nord nach Süd) wurde der Öffentlichkeit 1975 übergeben, 1979 an den Hauptbahnhof angeschlossen und bis 1986 fertiggestellt (einschließlich der Anbindung an Bad Godesberg). Von der Ost-West-Achse B fehlt bis heute der Westteil, die Ergänzungsstrecke C wird dauerhaft im Niederflur-Betrieb genutzt. Insbesondere die Achse A ist über weite Abschnitte als Untergrundbahn ausgeführt, wobei die Wagen etwas weniger anspruchsvoll ausfielen als ursprünglich gedacht.

 

1969: zwei Eingemeindungen und ein Stadthaus

Die Planungen der 1960er Jahre und ihre Umsetzung vor allem in den 1970ern prägen das Bonner Stadtbild bis heute entscheidend. Projekte wie die Kreuzbauten und das unterirdische Stadtbahnnetz verdeutlichen den Maßstabssprung, den Bonn damals vollzog. Im Jahr 1969 wurden Beuel und Bad Godesberg eingemeindet und das Stadthaus errichtet. So kann man heute eben nicht nur die kleine kurfürstliche Residenz- und Universitätsstadt mit Beethoven-Bezug erleben. Mit den Planungen für das Regierungsviertel ging es bis in die 1980er Jahre weiter – und wäre tatsächlich dass flussübergreifende Ensemble errichtet worden, für das die Bundesgartenschau 1979 einen Vorgeschmack lieferte, stünde dieses gewiss heute schon unter Denkmalschutz. Wende, Maueröffnung und Wiedervereinigung kamen gleichsam unerwartet, als Bonn seine Hauptstadtfunktion gerade endgültig in große bauliche Formen gießen wollte.

Bonn, U-Bahn-Station "Hauptbahnhof" (Bild: Axel Hausberg)
Erst 1979 zur Bundesgartenschau fertiggestellt: die Bonner U-Bahn-Station „Hauptbahnhof“ (Bild: Axel Hausberg)

Nicht nur, aber auch wegen des Regierungsumzugs nach Berlin blieben diese Pläne ein Torso. Ihre Epoche ist abgeschlossen und hat (unter wieder veränderten Vorzeichen und in wiederum veränderten Formen) in Berlin ihre Nachfolge gefunden. Geblieben ist das Stadtbahnnetz mit seinen unterirdischen Stationen, die (trotz einiger technischer Modernisierungen und Anpassungen) insgesamt recht authentisch erhalten sind. Auch wenn nicht alle Bonnerinnen und Bonner oder die Gäste der Stadt detailliert über die Stadtbahn Bescheid wissen: Viele sehen die Gestaltung und Farbgebung der unterirdischen Bahnhöfe positiv.

 

1970: heiße Diskussionen

Über die Gestaltung der Stationen war in Stadtrat und Stadtöffentlichkeit 1970 heiß diskutiert worden. Die genaue Geschichte ist heute nicht leicht nachzuvollziehen. Fest steht, dass die Federführung in wechselnden Konstellationen vor allem bei den Büros von Alexander Freiherr von Branca, Peter Busmann und Godfried Haberer und Friedrich Spengelin lag. Durch die Kompetenzenteilung sowie eine jahrelange Planungs- und Bauzeit (der Verkehrsknotenpunkt am Hauptbahnhof wurde erst 1979 zur Bundesgartenschau eingeweiht) lassen sich einige Unterschiede ausmachen. So wechseln z. B. lackierte Metallpaneele und glasierte Keramikplatten. Doch alle Unterschiede erweisen sich aus heutiger Sicht als Facetten von etwas, das man „Zeitgeist“ nennen könnte: Das Verbindende ist stärker als das Trennende.

Querformatige Wandverkleidungen, ein Raster mit eingehängten Funktionselementen, konsequent kurvierte Linien sowie abgerundete Ecken und Kanten, eine kräftige Kenn-Farbe für jeden unterirdischen Bahnhof sowie eine betont technische Ästhetik – all dies teilen die U-Bahnhöfe der 1970er Jahre. Oberirdisch sind die Schirmdachkonstruktionen wie in Bonn-West oder bei der Station Stadthaus (2015 umgestaltet) ein Echo der Zeltdacheuphorie (man denke nur an Frei Ottos Münchener Olympiastadion von 1972). Wenige Jahre später ausgeführt, spielen die Stationen in Bad Godesberg schon mit historischen Elementen. So kommen U-Bahnreisende buchstäblich am Ende der Strecke A auch noch in den Genuss gediegener Postmoderne.

 

1975: ein Jahr mit zwei Gesichtern

Bonn, Eröffnung der U-Bahn, 1975 (Bundesarchiv, B 14 Bild F045199-0014 (Foto:Ulrich Wienke, CC BY-SA 3.0)
Im Jahr 1975 wurde die Bonner Stadtbahn eröffnet (Bundesarchiv, B 14 Bild F045199-0014 (Foto:Ulrich Wienke, CC BY-SA 3.0)

Am 22. März 1975 eröffnete der damalige Oberbürgermeister Peter Kraemer die Stammstrecke der Stadtbahn (in der Station „Universität/Markt“, weil die Station am Hauptbahnhof noch nicht fertig gestellt war). Aktuell ist dieses Jahr auch wegen eines anderen Jubiläums in den Blick gerückt, wurde doch das Europäische Denkmalschutzjahr unter dem Motto „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ ausgerufen. Mit dabei war damals auch Hans Daniels, der Kraemer noch im selben Jahr im Amt folgte. Daniels erinnert sich noch gut: „Am 19. Januar 1975 gab es im Rheinischen Landesmuseum einen Festakt zum Auftakt des Denkmalschutzjahres, und auf dem Weg nach Hause kamen wir an den fast fertiggestellten U-Bahn-Anlagen vorbei.“ Es sei übrigens nicht das Filmjahr 1975 vergessen: „Der Weiße Hai“, Monty Pythons „Das Leben des Brian“ und die „Rocky Horror Picture Show“. Dass ein anderer Klassiker, Stanley Kubricks Weltraumepos „2001“ von 1968 Bonns futuristischen Unterpflasterstationen beeinflusst haben könnte, sei zumindest als Gedankenspiel angedeutet.

Ein Stückchen Vergangenheit war jedenfalls für die Bonner Untergrundbahn abgeräumt worden. Man bohrte keine Tunnel, sondern wählte den offenen Vortrieb: Die Röhre wurde von oben her gebaut, später wieder verschlossen und die Oberfläche neu gestaltet. Damit fielen (vor allem vor dem Hauptbahnhof) gut erhaltene Bauten des 19. Jahrhunderts. Die Proteste engagierter Bürgerinnen und Bürger führte nicht nur in Bonn zu einer neuen Wertschätzung der (Stadt-)Baukunst des 19. Jahrhunderts. Viele Pläne wurden in den folgenden Jahren nur noch teilweise fertiggestellt. Für die Menschen des Jahres 2015 hat das Jahr 1975 im Rückblick daher zwei Gesichter: Dem Verlust an Geschichte steht der Gewinn von qualitätvollen Bauten gegenüber, die mittlerweile auch Kulturerbe (geworden) sind.

 

1979: Blumen und Bunker

In den 1970er Jahren war der Konflikt zwischen dem westlichen und östlichen Machtblock von heute kaum mehr vorstellbarer Handgreiflichkeit. Jederzeit konnte aus dem Kalten Krieg jederzeit ein heißer, nämlich atomarer werden. So ist es verständlich, dass die U-Bahn-Station vor dem Hauptbahnhof auch für den Kriegsfall ausgebaut wurde, nämlich als Bunker. Die Falttore, die den Tunnel abgeriegelt hätten, sind bis heute erhalten. Ob diese Anlage im Ernstfall wirklich viel geholfen hätte, sei dahingestellt. Immerhin hätte sie einigen Tausenden als Unterschlupf und vielen als Krankenhaus dienen können. Dies hat man bei der Einweihung 1979 auch bewusst der Öffentlichkeit kommuniziert. Ein anderer Gedanke wurde damals aber stärker herausgestellt, denn es war das BuGa-Jahr: Der daraufhin fertiggestellte Verkehrsknotenpunkt, das heute berühmt-berüchtigte Bonner Loch, war über ein filigranes Metallgestänge begrünt worden, um die ankommenden Gäste zu begrüßen.

 

2015: Denkmalschutz?

Bonn, U-Bahn-Station "Heuss-Allee" (Bild: Axel Hausberg)
Aussteigen bei „Gelb“: Stationen wie „Heuss-Allee“ haben nur Wiedererkennungswert – und bald vielleicht auch juristischen Denkmalwert? (Bild: Axel Hausberg)

Die Bonner U-Bahn ist ein ebenso qualitätvolles wie funktionales Zeugnis der Stadt-, Landes-, Verkehrs- und Gesellschaftsgeschichte – ein echtes Denkmal! Da liegt es nahe, auch über rechtlichen Denkmalschutz nachzudenken. Der Veränderungsdruck ist groß. Allenthalben wird in Richtung Barrierefreiheit nachgerüstet. Natürlich braucht es Aufzüge, doch ob die neuen Schilder nicht besser einer einheitlichen Typographie folgen sollten … Noch haben die Veränderungen nicht den authentischen Bestand überdeckt, aber es wird langsam vorstellbar. Die Stadtwerke pflegen die Anlagen sorgfältig – und die Menschen lieben sie. Fragen Sie eine Bonnerin oder einen Bonner, wo Sie zur Bundeskunsthalle aussteigen müssen, wäre die einfachste Antwort: „Bei Gelb!“ Wer wollte sich da schon „Heussallee/Museumsmeile“ merken.

 

Literatur

Stadtbahn Rhein-Sieg im Raum Bonn. Eröffnung am 22. März 1975 (Sonderdruck aus: Der Stadtverkehr 1974, 11/12)

Stadtbahnknotenpunkt am Bahnhofsvorplatz, Verkehrsübergabe 21. 5. 1979, hg. von der Stadt Bonn, Tiefbauamt/Presseamt, Bonn 1979

Stadt Bonn 1975-1979. 10 Jahre Neue Stadt Bonn, hg. vom Oberstadtdirektor der Stadt Bonn, Bonn 1979

Bonn baut für seine Bahnen. Straßenbahntieflage Bonn-Bad Godesberg. Dokumentation (Beiträge zur Stadtentwicklung Bundesstadt Bonn, Band 5), hg. vom Oberstadtdirektor der Bundesstadt Bonn mit dem Tiefbauamt/Presseamt, Bonn 1994

Denk, Andreas/Flagge, Ingeborg Flagg, Architekturführer Bonn, Berlin 1996

 

Rundgang

Durch die alte Hauptstadtbahn mit Bildern von Axel Hausberg und Constanze Falke …

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Sommer 15: Untergründig

LEITARTIKEL: Das Prinzip Untergrund

LEITARTIKEL: Das Prinzip Untergrund

Nikolaus Bernau schaut in die menschlichen Abgründe der letzten fast 150 Jahre U-Bahn-Geschichte.

FACHBEITRAG: Bonn, Stadtbahn

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Martin Bredenbeck fährt durch die alte Bundeshaupstadt.

FACHBEITRAG: West-Berlin, U-Bahn

FACHBEITRAG: West-Berlin, U-Bahn

Verena Pfeiffer-Kloss reist von der Nachkriegs- in die Postmoderne – durch ausgewählte U-Bahnstationen im West-Berlin der Nachkriegsjahrzehnte.

FACHBEITRAG: Wien, Stadtbahn

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Elisabeth und Lorenz Inticha über Tradition und Moderne der Wiener U-Bahn.

FACHBEITRAG: Moskau, Metro

FACHBEITRAG: Moskau, Metro

Julius Reinsberg staunt über Prunk fürs Proletariat.

PORTRÄT: Essen, U-Bahn-Keramik

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Sebastian Bank und die bunten Fliesen in der Ruhrmetropole.

INTERVIEW: Schock-Werner fährt U-Bahn

INTERVIEW: Schock-Werner fährt U-Bahn

Die langjährige Kölner Dombaumeisterin schwärmt von der ästhetischen Seite der Kölner Unterwelt.

Die Trinkhalle

von Martin Bredenbeck mit Fotos von Axel Hausberg (18/4)

Wasser ist unentbehrlich. Dass es heute als Grundnahrungsmittel dient, dass international ein Grundrecht darauf gefordert wird, ist eine eher junge Geschichte. Denn bis weit ins 19. Jahrhundert war die Qualität des Wassers oft nicht dazu angetan, es unabgekocht zu genießen. Mit Bier, Wein und Säften war man dagegen auf der sicheren Seite. Allerdings, und das wussten schon die sprichwörtlichen Alten Griechen, kann Wasser auch ein Heilmittel sein. Egal, wie seine Wirkung zu unterschiedlichen Zeiten erklärt wurde: durch chemische Analyse, Molekülresonanz, Mondphasen oder auch durch einfache Magie. Zum Heilen, Vorbeugen und Lindern, zum Wohlbefinden und zur Stärkung nutzen wir Wasser seit Jahrhunderten. Nicht nur baden konnte man in den heißen oder kalten Quellen, sondern die Wässer auch trinken – aus guten Gründen aber als getrennte Vorgänge.

Vom Sehen und Gesehenwerden

Die große Zeit der Heilbäder war das 19. Jahrhundert. In Bad Ems, Baden Baden, Wiesbaden, Karlsbad, Spa und vielen weiteren bekannten Orten Europas kurten, tranken und badeten die adeligen und kulturellen Eliten, bürgerlich begleitet. Ein echtes „shared heritage“, für das auch der Welterbetitel angestrebt wird. Böse Zungen mögen behaupten, dass wie in den Opernhäusern und Museen das Sehen und Gesehenwerden im Mittelpunkt stand. Jedenfalls entwickelte sich rund um die heilsamen Wässer ein gesellschaftliches Leben, das seinen baulichen Ausdruck fand: Kurhäuser, Kurhotels, Trinkhallen, Wandelgänge und weitere historistische Ensembles prägen viele Kurorte bis heute und bilden ihr Kapital.

Aber nun zu Bad Neuenahr. Der berühmte Apollinarisbrunnen, entdeckt von einem Winzer, wurde 1852 im damaligen Wadenheim erbohrt. Vier Jahre später wurden die Heilquellen erschlossen und 1858 ein erstes Heilbad eröffnet, das mit Erlaubnis der Preußischen Regierung den wohlklingenden Namen Neuenahr führen durfte. Aus Wadenheim ging durch Zusammenschluss mit zwei weiteren Orten 1875 die Gemeinde Neuenahr hervor. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts erlebte sie eine erste Blütezeit. Die 1880 eröffnete Ahrtalbahn sorgte für den Zustrom an Kurgästen, die Infrastruktur wurde weiter ausgebaut. In wenigen Jahren entstanden um 1900 die bis heute stadtbildprägenden Anlagen, darunter das Thermal-Badehaus (1899-1901), das Kurhotel und das Kurhaus (1903-05). Gerade letzterer Bau, heute Spielcasino, steht für den Glanz des Kurortes zu dieser Zeit. Die neubarocke Formensprache zeigt hohen gestalterischen Anspruch und greift auf die Schlossarchitektur zurück. Das Thermal-Badehaus ist ebenfalls reich geschmückt, dieses Mal im Stil des Klassizismus. Im Historismus war eben vieles gleichzeitig möglich.

Bad Neuenahr startet in die Moderne

Für Erholung an der frischen Luft sorgten die reizvolle Landschaft und der von Peter Joseph Lenné geplante Kurpark. Daneben wuchsen Pensionen und Hotels in die Höhe, auch gehobene Wohnhäuser und Villen. Leider sind viele Vertreter gerade des Bautypus Hotel mittlerweile der Substanzerneuerung zum Opfer gefallen. Die Stadt erfreut sich regen Zuzugs von Senioren, und entsprechende Wohnungen werden angeboten. Ihre gestalterische Qualität lässt freilich zu wünschen übrig, doch das ist eine andere Geschichte.

Die staatliche Anerkennung des Heilcharakters der Neuenahrer Quellen erfolgte erstaunlich spät, erst 1927. Seitdem darf sich die Gemeinde Bad Neuenahr nennen. In diesen Zusammenhang gehört ein einzigartiges Bauvorhaben, das zu seiner Zeit wenige Parallelen hat. 1927 schrieb die Kur AG den Wettbewerb für einen neuen Kurkomplex aus. Auch der Kurgartenbereich sollte umgestaltet werden, in seinem Kern eine neue Trinkhalle. Die alte gusseiserne Trinkhalle wurde abgerissen und sogar der Verlauf der Oberstraße verlegt. Damit wollte man die relevanten Einrichtungen zu einer Einheit zusammenzuschließen. Der Wettbewerb hatte deutschlandweit hohe Resonanz. Das Preisgericht setzte sich aus der deutschen Architektur-Avantgarde der 1920er Jahre zusammen – genannt sei nur Ernst May, der zwei Jahre zuvor als Stadtbaurat das Neue Frankfurt ausgerufen hatte.

Unter Bauhauseinfluss

Die Wahl fiel auf die Entwürfe von Hermann Weiser. Zu seiner Zeit zählte er durchaus zu den bekannten Architekten. Als Meisterschüler von Peter Behrens, dem Mitbegründer des Deutschen Werkbunds an der Schwelle zur Moderne, war Weiser geprägt von den damaligen Debatten um eine zeitgemäße Architektur.

Ursprünglich plante Weiser einen Komplex, den Kunst- und Reiseführer heute zweifellos unter „Bauhauseinfluss“ verbuchen würden. Er verzichtete auf traditionelle Stilmittel, wählte stattdessen kubische Formen, große Glasflächen und Flachdächer. Kein Bauhaus, aber doch im Geist des Neuen Bauens. Die Ausführung verzögerte sich bis in die 1930er Jahre, begann 1933 und wurde erst 1937 abgeschlossen. Nun fielen die Bauten markant traditioneller aus: Die Gliederung mit Gesimsen und Pfeilern ist eher ein abstrahierter Klassizismus, sogar nahe an Vorstellungen von Behrens aus den 1910er Jahren. Dadurch wird die Nachbarschaft zum klassizistischen Thermal-Badehaus aber umso interessanter!

Von seltener Liebenswürdigkeit

In dieser Form ist die Anlage bis heute erhalten, ergänzt in den 1970er Jahren um einen Cafétrakt. Die Große Trinkhalle erhielt eine graphische Deckengestaltung aus abgehängten Betonelementen. Die großen Glasflächen, mit ihrem Ausblick auf den Kurgarten, wurden ausgetauscht. Dabei gerieten die Profile der neuen Kunststoffrahmen natürlich breiter.

Doch unbeschadet solcher zeittypischer Veränderungen spricht auch heute viel vom Geist der Neuen Sachlichkeit. Die Anlage steht in einer Reihe mit einigen wenigen deutschen Ensembles, darunter Bad Mergentheim und Bad Elster. Zwar wurden viele Heilbäder in den 1920er und 1930er Jahren modernisiert, aber derart umfangreiche Neubauten blieben die Ausnahme. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden dann wieder zahlreiche, auch sachlich gestimmte Kuranlagen. Für seine Zeit aber darf Bad Neuenahr – in Qualität und Umfang – eine an Einzigartigkeit grenzende Besonderheit beanspruchen. Die drehbare Konzertmuschel, die nach innen wie nach außen – zum Freiluftkonzert – gerichtet werden kann, ist dabei ein Detail von seltener Liebenswürdigkeit.

Von Lenné bis Beton

In Bad Neuenahr ergibt sich der besondere Reiz, die Entwicklung der Badekultur vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart ablesen zu können: von den Höhen der Gartengestaltungskunst eines Lenné bis hin zu den Beton-brut-Ergänzungen der jüngeren Vergangenheit. Bislang mag sich die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler noch nicht so recht zu diesem kulturellen Erbe bekennen. Dabei liegen dessen herausragende Eigenschaften schwarz auf weiß vor. Zahlreiche bundesweite Denkmalorganisationen haben einen Appell zur Bewahrung dieses Erbes unterzeichnet. Die Stadt, welche die Anlagen vor einigen Jahren von der Kur AG übernahm, argumentiert verständlicherweise mit Modernisierungsbedarf. Ein Erhalt sei aus technischen Gründen nicht möglich. Hier ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten. Wichtig ist letztlich die Perspektive. Technische Gutachten könnten prüfen, was machbar ist. Wenn sie freilich als Schlechtachten möglichst viel Schaden nachzuweisen suchen, wird es für das Kulturerbe nicht leichter. Das sind bekannte Prozesse, die sich auch in Bad Neuenahr werden regeln lassen.

Modernisieren mit Verstand

Klar ist, dass das Kuren (modern auch: Wellness) heute anderen Abläufen folgt als im 19. Jahrhundert. Schon die 1970er Jahre sind für unsere Ansprüche keine Referenz mehr. Andere Angebote werden heute erwartet. Solche Modernisierungen im Bestand zu ermöglichen, ist aber gerade der Kerngedanke der Denkmalpflege. Sie will nicht museal, sondern lebensbezogen bewahren und – neu – nutzen. Insofern ist hier immer auch Bereitschaft zu Veränderungen und angemessenen Weiterentwicklungen gegeben. Und wenn wirklich einmal gar nichts mehr geht, ist auch eine qualitätvolle Neugestaltung denkbar.

Ob dann allerding eine echte Architekturqualität zu erwarten ist, sei dahingestellt. Die Architektur der Gegenwart entsteht allzu oft als virtuell ansprechende Animation, deren handwerklich-materielle Umsetzung stark zu wünschen übrig lässt. Einem Gropius wäre es jedenfalls nicht eingefallen, Fallrohre mitten über ornamentlose weiße Wandflächen zu führen – wie es allzu oft in unseren Neubauten „Typ Bauhaus“ zu sehen ist. Hinzu kommt, dass in Bad Neuenahr natürlich auch mit einer Verdichtung durch größeres Bauvolumen zu rechnen ist. Damit käme der Ensemblecharakter aus dem Gleichgewicht. Und natürlich würde ein Abriss und Neubau auch für die Parkanlage einigen Stress bedeuten.

Weitertrinken!

Ein bisschen Stress, das sei hinzugefügt, ergibt sich schon jetzt: 2019 kommt das Bauhaus-Jubiläum. Ein Jahr lang wird national und international die Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts gefeiert, der eben auch die Neuenahrer Bauten nahestehen. Müsste man hieraus nicht Kapital schlagen? 2022, und das ist quasi übermorgen, richtet Bad Neuenahr die Landesgartenschau aus. Sind dann die Bauten im Kurgarten denkmalgerecht ertüchtigt und strahlen in alt-neuem Glanz, als Schmuckstücke von Seltenheitswert? Oder sind sie zumindest als Schau-Baustelle noch in Renovierung, was sich didaktisch ansprechend vermitteln ließe? Die Unterzeichner des genannten Appells hoffen, dass die Bauten stehenbleiben und eine gute Lösung gefunden wird.

Denn unbeschadet aller heute möglichen angenehmen Alternativen, kann in der Großen Trinkhalle dann die Devise gelten: Weitertrinken!

P. S.: Jüngst beschäftigte sich die Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kur- und Bädermuseen mit Bad Neuenahr. Auch hier ermunterte man die Stadt zur Bewahrung und Inwertsetzung des Kulturerbes. Das zeigt einmal mehr die Wertschätzung für die Anlagen und soll die Stadt ermutigen, damit konstruktiv-kreativ umzugehen.

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

"Buy the World a Coke"

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LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

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FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

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Der Entenflötenkessel

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FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.