Metro

Auch die BVG diskutierte mit (Bild: Tagung "Underground Architecture Revisited" in der Berlinischen Galerie, Februar 2019, Foto: Daniel Bartetzko)

Handlungsentlastet

Der Saal war voll, volle drei Tage der Konferenz „Underground Architecture Revisited“. Das Landesdenkmalamt Berlin, ICOMOS Deutschland, Sharing Heritage, die Berlinische Galerie und die Initiative Kerberos versammelten vom 20. bis 23. Februar 2019 U-Bahnfreunde aus ganz Deutschland – und darüber hinaus. Experten und Interessierte aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, aus Griechenland, München, Stuttgart, Bonn und natürlich Berlin sprachen vor- und miteinander über die Zukunft des Untergrunds. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn Bedrohung und Wertschätzung treffen gerade intensiv aufeinander, nicht nur in der U-Bahn: Während das Kulturerbe der 1950er, 1960er, 1970er und 1980er Jahre fortlaufend an die neuen Erfordernisse von Brandschutz und Nutzungserwartung „angepasst“ wird, hat die pastellfarbene bis poppige Ästhetik aus seiner Entstehungszeit neue Konjunktur.

Mit einem der Berliner Eröffnungsvorträge legte der Wuppertaler Theaterwissenschaftler Christoph Rodatz den unerwarteten Ariadne-Faden durch das unterirdische Labyrinth: Der U-Bahn-Passagier sei „handlungsentlastet“. Er kann sich zurücklehnen, ein Buch blättern oder die Mitreisenden durch die Spiegelung in den Scheiben beobachten. Für die Bewegung sorgt ja schon der Zug. Damit wird der Untergrund, so wir uns auf ihn einlassen, zum kreativen Freiraum, zur stilvollen Zeitreise, zur unbezahlbaren Ruhezone. Und zum Sinnbild für den Über-Pflaster-Raum, für Straßen, Plätze und Infrastrukturen der modernen Stadt. Mit dem Blick für diesen besonderen Wert entfällt auch der Druck, alles sofort verändern zu müssen. Umso wichtiger wird dann die Kunst des guten Wartens, des bewegten Verweilens, des aktiven Vorbeigleiten-Lassens.

In diesem Sinne diskutierten in Berlin zum Abschluss Vertreter von Stadt und Denkmalpflege, Architektenschaft und BVG über die Zukunft der nachkriegsmodernen U-Bahnhöfe und -strecken. Grundsätzlich sei man ja schon im guten Gespräch, der Rest kläre sich unterwegs. Als offene Baustellen verblieben, neben vielen praktischen Fragen bei anstehenden Sanierungen, die noch nicht vollzogene Unterschutzstellung der Berliner DDR-U-Bahnhöfe und die ebenfalls noch schwebende Denkmalfrage für die Bonner U-Bahnstationen – eine Petition wird vorbereitet. Auch in weiteren Städten dürfte das Berliner Beispiel Schule machen. Und in der Berlinischen Galerie können sich U-Bahnfreunde die Wartezeit noch bis zum 20. Mai mit der Ausstellung „Underground Architecture“ verkürzen. (24.2.19)

Karin Berkemann und Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Impression vom Abschlusspodium der Berliner-U-Bahntagung (Bild: D. Bartetzko)

Londons U-Bahn-Modernismus

Weber: Modernismus (BIld: Mann-Verlag)
Die U-Bahnhöfe von London repräsentieren eine spezifische englische Moderne (Bild: Gebrüder-Mann-Verlag)

Die Entwicklung der Metros und U-Bahnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war von  transnationalem Austausch der beteiligten Experten geprägt. Erfahrungen mit unterschiedlichen Tunnelkonstruktionen und Baupraktiken wurden länderübergreifend rezipiert. Eine der meistbeachteten U-Bahnen der Welt war und ist die London Underground. Gerade in ihrer sichtbaren Architektur entwickelte sie bis 1933 eine spezifische Ästhetik, wie eine jüngst erschienene Monographie von Ulrike Weber herausstellt.

Die Londoner U-Bahnhöfe zeigen demnach eine bewusste nationale Abgrenzung gegenüber dem Internationalen Stil: In Stahlbeton errichtet und mit Backstein verkleidet, verbanden sie englische Traditionen mit hochmodernen Baukonstruktionen. Bei der Genese dieser Formensprache spielte jedoch auch der Architekturtransfer mit dem Kontinent und besonders dem Deutschen Reich eine Rolle. Die Aktivitäten des Deutschen Werkbundes stießen im Vereinten Königreich auf großes Interesse, mit der DIA (Design and Industries Association) wurde 1915 ein britisches Gegenstück geschaffen. Die Dissertation analysiert diesen Austausch und den spezifisch englischen Modernismus der Londoner Metro erstmals umfassend nach architekturtheoretischen und -historischen Gesichtspunkten. (jr, 28.1.17)

Weber, Ulrike, Modernism in England. Londoner U-Bahnhöfe und der deutsch-englische Architekturtransfer vor 1933, Gebr. Mann Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-7861-2745-1.

Hidden Urbanism

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Hidden Urbanism (Bild: dom-publishers)

Die Moskauer Metro steht vor einer historischen Expansion. Bis 2017 soll das Streckennetz um 80 Kilometer erweitert werden – das ist rund ein Viertel des derzeitigen Gesamtnetzes. Grund genug, einen ausführlichen Blick auf die U-Bahn zu werfen, die 1930 mit dem Anspruch erbaut wurde, weltweit die schönste ihrer Art zu werden. Die Publikation Hidden Urbanism tut dies und porträtiert den Untergrund von Russlands Hauptstadt in beeindruckenden Fotografien und vertiefenden Aufsätzen.

Die prunkvollen stalinbarocken Stationen der 1930er sind inzwischen wohl hinlänglich bekannt. Der Band belässt es daher nicht bei einem Porträt dieser unterirdischen Paläste, sondern setzt die Fahrt in die publizistisch weit weniger ausgeleuchteten Tunnel der Metro fort. So entsteht eine umfangreiche Dokumentation, die bis in die Gegenwart reicht und den stetigen Ausbau der Metro auch als Instrument der Stadtentwicklung versteht. Das Buch beschränkt sich dabei nicht nur auf architektonische Aspekte, sondern bezieht auch Design und Corporate Identity ein. (jr, 30.9.16)

Kuznetso, Sergey/Zmeul, Alexander/Kagarov, Erken, Hidden Urbanism. Architecture and Design of the Moscow Metro 1935 – 2015, hg. von Philipp Meuser und Anna Martovitskaya, 352 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-86922-412-1 (Englisch), 978-3-86922-413-8 (Russisch) DOM publishers, Berlin 2016.

Retro-Metro in Berlin

Ein Waggon der Baureihe D feiert das Jubiläum der Linie U 8 in Berlin (Bild: Jcornelius, CC-BY-SA 2.0)
Ein Waggon der Baureihe D feiert das Jubiläum der Linie U 8 in Berlin (Bild: Jcornelius, CC-BY-SA 2.0)

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) begegnen dem Mangel an U-Bahnwaggons kreativ: Nach Informationen der Berliner Morgenpost holt die Gesellschaft jetzt Wagen der legendären Baureihe D aus dem Ruhestand. Sie sollen im regulären Verkehr auf der Linie U 55 zum Einsatz kommen. Die Baureihe war die erste Neuentwicklung der BVG in der Nachkriegszeit und wurde bis in die frühen 1970er Jahre produziert. Die letzten Fahrzeuge wurden 2004 ausgemustert, bereits in den 1990ern war eine Großzahl der Wagen nach Nordkorea verkauft worden, wo sie bis heute auf den Schienen der Metro Pjöngjang unterwegs sind.

Wenngleich die Maßnahme aus der Not geboren ist – aufgrund ehrgeiziger Sparziele des Berliner Senats hat die BVG Mühe, den täglichen Herausforderungen des Berufsverkehrs gerecht zu werden – soll das Alter der Wagen nicht kaschiert, sondern sogar herausgestellt werden. Die Fahrzeuge sollen zwar technisch modernisiert werden, ästhetisch aber dem Charme der 60er verpflichtet bleiben. Angeblich kommen sogar Kunstlederbezüge in der originalen Farbe – ein zeittypisches dunkelgrün – zum Einsatz. (jr, 17.10.15)