Schlagwort: Mode

Jeanssozialismus (Bild Wallstein-Verlag)

Jeanssozialismus

Ungarn erlebte nach 1945 eine umfassende Sowjetisierung und eine forcierte Integration in das von der UdSSR dominierte osteuropäische Staatensystem. Ein Volksaufstand im Jahr 1956 wurde durch die Rote Armee brutal niedergeschlagen. Doch im Gegensatz zu anderen „Bruderstaaten“ im realsozialistischen Osteuropa schlug Ungarn wirtschaftlich in der Folge einen Weg dosierter Liberalisierung ein. Die Mischform aus Planwirtschaft und Konsumgesellschaft wird bis heute salopp „Gulaschkommunismus“ genannt. Eine neue Dissertation geht dem historischen Phänomen differenziert am Beispiel der ungarischen Mode nach.

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Jeans. Wurde sie anfangs noch von der politischen Führung des Landes als imperialistisches Teufelszeug verdammt, avancierte sie in den 1970er Jahren zum Symbol für die erfolgreiche Versorgungspolitik und internationale Konkurrenzfähigkeit der Volksrepublik. Die Analyse stellt die spezifische historische Dynamik heraus, indem sie sowohl den ungarischen Modediskurs als auch Quellen aus den Archiven der politischen Institutionen und der Textilindustrie einbezieht. Sie liefert einen wertvollen Beitrag dazu, die veraltete Annahme eines (wirtschafts)politisch heterogenen Ostblocks zu differenzieren. (jr, 8.7.18)

Müller, Fruzsina, Jeanssozialismus. Konsum und Mode im staatssozialistischen Ungarn, Wallstein Verlag, Göttingen 2017, ISBN 978-3-8353-3059-7.

Titelmotiv: Buchcover, Wallenstein Verlag

Mondrian-Kleid, Yves Saint Laurent (Bild: Eric Koch/Anefo (Nationaal Archief), CC BY-SA 3.0)

Moderne auf Stoff und Papier

Gleich zweimal geht es aktuell um die dreidimensionale Moderne auf zweidimensionalen Medien: auf Stoff und Papier. Bei der geplanten die Publikation „Textile Moderne“ (Böhlau Verlag) geht es um Textilien als avantgardistische (Kultur-)Techniken und als künstlerisches Experimentierfeld zwischen den 1850er und den 1950er Jahren: von der Stickerei über Weben, Textildruck und -collage bis hin zu Wohntextilien, Mode und textile Architekturen. Bis zum 15. Juni 2018 können Abstracts (bis max. 3.000 Zeichen) in einem pdf-Dokument gesendet werden an: Prof. Dr. Burcu Dogramaci (Institut für Kunstgeschichte, LMU München), burcu.dogramaci@lmu.de. Die Beiträge sollen später in deutscher oder englischer Sprache 35.000 Zeichen umfassen und bis spätestens 15. Dezember 2018 vorliegen.

Auch das Medium Papier spiegelt die Moderne in besonderer Weise: Das Symposium „Architekturfotografie der Spätmoderne“ will dieses Thema am 31. Mai 2018 im Berliner Museum für Fotografie (Jebensstraße 2, 10623 Berlin) mit Blick auf (West-)Deutschland, Österreich und die USA ausloten. Denn in der Architekturfotografie der 1960er Jahre verdichten sich die architektonischen Debatten dieser Zeit. Die damals zahlreich erscheinenden Architekturzeitschriften boten ein neues Forum für diesen Bereich der Fotografie. Aus der Reportage- und Magazinfotografie wurden dafür lebensnahe Darstellungsformen in die Architekturfotografie übernommen. Anlass des Symposiums ist die Ausstellung zum Werk Sigrid Neuberts. (kb, 20.5.18)

Mondrian-Kleid, Yves Saint Laurent (Bild: Eric Koch/Anefo (Nationaal Archief), CC BY SA 3.0)

Kramer-Handtasche (Bild TSATSAS)

Kramer zum Umhängen

Ferdinand Kramer verbindet man in erster Linie mit den nüchtern-modernen Universitätsbauten, die er beim Wiederaufbau der Frankfurter Goethe-Universität in den 1950er und 1960er Jahren baute. Dabei beschränkte er sich nicht auf die Planung der Gebäude, sondern entwarf in vielen Fälle auch gleich das passende Mobiliar dazu. Nun erfährt eine Arbeit Kramers aus einer ganz anderen Richtung eine Wiederauflage: eine Handtasche, die der Architekt 1963 entworfen hatte.

Das Unikat entstand ursprünglich aus einer privaten Verlegenheit: Als Kramer kein passendes Geschenk für seine Ehefrau finden konnte, entwarf er kurzerhand selbst Handtasche und Abendkleid für die Gattin. Das Frankfurter Label Tsatsas nahm den schlicht-eleganten Entwurf nun zur Vorlage einer kleinen Handtaschenkollektion. Die ursprüngliche Handtasche wurde dabei nur leicht verändert, da die zeitlose Form bis heute modern wirkt. Die Handtasche ist nicht die erste Wiederauflage eines Kramermodells. So hat die Firma e15 seit 2013 verschiedene Möbel nach Entwurf des Architekten im Sortiment. (jr, 26.1.18)

Kramer-Handtasche (Bild: TSATSAS)

Fashion on the Ration

"Fashion on the Ration" (Bild: Imperial War Museum, London)
In London widmet sich eine Ausstellung dem „Street Style“ der 1940er Jahre, als Mode in knappen Zeiten zur „Patriotenpflicht wurde (Bild: Imperial War Museum, London)

Flicken sind patriotisch, zumindest forderte dies die Parole „Make Do and Mend“ in den frühen 1940er Jahren von den Briten. Genauer gesagt von den Britinnen, denn während die Männer durch Soldatenuniformen dem Modezwang in wirtschaftlich knappen Zeiten entkamen, standen viele Frauen vor Beschaffungsproblemen. Mit einem Coupon-System waren die wenigen verkäuflichen Kleidungsstücke streng rationiert. Da half nur Extra-Geld – oder eben Flicken.

Wie sich die Britinnen dieser Herausforderung während des Zweiten Weltkriegs kreativ stellten, ist noch bis zum 31. August 2015 in Londoner Imperial War Museum zu sehen. Die Ausstellung „Fashion on the Ration. 1940s Street Style“ gewährt anhand des scheinbar leichten Themas Mode einen tiefen Blick in die alltäglichen Seiten eines Krieges. Denn die verbliebene Modeindustrie wusste sich zu helfen und erklärte kurzerhand das gute Aussehen zur patriotischen Pflicht – um den Kampfgeist des Mannes zu stärken und den Siegeswillen der Nation zu vertreten. Wer die Reise über den Kanal scheut, kann sich in das Thema auch mit  der begleitenden Publikation von Julia Summers vertiefen. (kb, 28.5.15)

Das Mondrian-Kleid wird 50

Mondrian-Kleid, Yves Saint Laurent (Bild: Eric Koch/Anefo (Nationaal Archief), CC BY-SA 3.0)
Das legendäre Mondrian-Kleid stellte Yves Saint Laurent 1965 der Modewelt vor (Bild: Eric Koch/Anefo (Nationaal Archief), CC BY-SA 3.0)

„Drei Löcher für die Arme und den Kopf, das ist alles“ – so soll sich der französische Unternehmer Pierre Bergé über das Mondrian-Kleid geäußert haben. Entworfen hatte es sein Lebensgefährte, der Modeschöpfer Yves Saint Laurent. Das Jersey-Minikleid mit dem strengen grafischen Muster wurde durch den niederländischen Künstler Piet Mondrian inspiriert. Alle Flächen in den Mondrianfarben Rot, Gelb und Blau wurden durch gerade schwarze Nähte verbunden.

Der fast architektonische Schnitt des Kleids – in der Fachsprache uncharmant auch „Sackkleid“ genannt – ignorierte den weiblichen Körper völlig: Er wurde zum puren „Gerüst“ für das künstlerisch angehauchte Muster. Nachdem Yves Saint Laurent seinen Entwurf 1965 in Paris vorgestellt hatte, machte er rasch Furore. Das Mondrian-Kleid schaffte es auf die Titelseiten der angesagten Gazetten wie „Elle“. Auf seiner letzten Modenschau präsentierte es Yves Saint Laurent 2002 selbst als einen seiner wegweisenden Entwürfe. Heute zeigen Museen wie das Metropolitan Museum of Art das Mondrian-Kleid als eine Schöpfung, die Modegeschichte schrieb. (kb, 27.1.15)

Darf man jetzt von Mode sprechen?

"Darf man jetzt von Mode sprechen?" (Bild: Arete-Verlag)
Das Buch zum Thema „Bekleidung und Textilwirtschaft im Nachkriegsdeutschland“ (Bild: Arete-Verlag)

Nach 1945 war die Sehnsucht der Deutschen groß – nach Farbe, nach zweckfrei Schönem, nach Mode. „Darf man jetzt von Mode sprechen?“, titelte entsprechend 1946 „Die Zeit“. In den frühen Jahren, als Stoff oder gar fertige Kleider noch Mangelware waren, zeigten sich viele Frauen erfinderisch: Sie fertigen aus Wehrmachtsmänteln Damenjacken, schneidern aus Gardinen Röcke.

In ihrem neuen Buch „Darf man jetzt von Mode sprechen?“ skizziert Jutta Sywottek erzählt von der Textilwirtschaft der Nachkriegszeit. Sie konzentriert sich dabei auf die frühen Jahre im Ost- und Westdeutschland der Nachkriegszeit. Einen besonderen Schwerpunkt legt sie auf die Frauenmode sowie die Entwicklungen in der – sich langsam teilenden – Metropole Berlin. Sywottek entfaltet – anhand von Frauen- und Modezeitschriften wie „Constanze“, „Chic“ und „Für Dich“ – wie ideologische oder wirtschaftliche Interessen ebenso Einfluss nahmen wie die jeweiligen internationalen Vorbilder: seien es der westliche New Look oder die östliche Zweckmäßigkeit der „Arbeiterklasse“. (kb, 14.1.15)

Sywottek, Jutta, „Darf man jetzt von Mode sprechen?“ Bekleidung und Textilwirtschaft im Nachkriegsdeutschland, Arete-Verlag, Hamburg 2014, kartoniert, 204 Seiten, ISBN 978-3-942468-22-0.