märklinPOSTmoderne

Dass wir hier der Modellarchitektur verfallen sind, ist spätestens seit dem Ausstellungsprojekt „märklinMODERNE“ kein Geheimnis. Wo wir damals beim Jahr 1975 stoppten, kamen uns jetzt einige postmoderne Schönheiten in die Finger, die ebenso einen kurzen Blick verdient haben. Denn hinter der FutureLine, die von der Firma Vollmer (heute Viessmann) um 1987 – etwa zeitgleich mit einem neuen Fachwerkdorf – auf den Markt geworfen wurde, standen ganz konkrete Vorbilder aus der baden-württembergischen Landehauptstadt. Zukunft war in jenen Jahren offenbar gleichbedeutend mit Postmoderne, zumindest auf der Modellbahnplatte. Und während alle hier gezeigten Miniaturhäuser bis heute erhältlich sind, haben nicht alle ihre großen Vorbilder die letzten Jahre unbeschadet überstanden.

Stuttgart, links: Charlottenstraße, rechts: Allianz-Zweigniederlassung Ecke Uhlandstraße/Olgastraße (Bilder: links: C. Holl, rechts: allianz-vertrieb.de)

Zwei Vorbilder für die Vollmer-FutureLine: Stuttgart, links: Charlottenstraße 8–14, rechts: Allianz-Zweigniederlassung Ecke Uhlandstraße/Olgastraße (Bilder: links: C. Holl, rechts: allianz-vertrieb.de)

Nach Stuttgarter Vorbild

Mit dem City-Eckhaus und -Wohnhaus der FutureLine rückte der Modellbauhersteller gleich zwei Stuttgarter Bauten der Postmoderne ins Bild: links die Wohn- und Geschäftshäuser in der Charlottenstraße 8–14 im Bohneviertel, aus deren Fassadenabfolge Vollmer ein Modul herauslöste; rechts vermutlich die Allianz-Zweigniederlassung (Büro Brümmendorf Müller Murr Reichmann, 1977–1989) in der Uhlandstraße 2, deren langgestrecktes Ensemble für das Modell zu einer geschlossenen Ecklösung komprimiert wurde. Die Tage des Versicherungsbüros sind jedoch gezählt. Schon 2017 kündigte das Unternehmen seinen Umzug nach Vaihingen an, unter Aufgabe aller Stuttgarter Standorte. Was dies für den charmanten Eckbau bedeutet, ist nicht bekannt. Die Häuserzeile in der Charlottenstraße hingegen scheint bleibend intensiv genutzt zu werden – von der Wohnung über die Volksbankfiliale bis zum Chinarestaurant.

Wäre auch eine Miniaturausführung wert: Düsseldorf, Kaufhof an der Kö mit rechts angrenzendem Parkhaus (Bild: Kürschner, PD, 2019)

Brüder im Geiste

Zur FutureLine zählten ebenso (wenn auch weniger beliebt) eine Städtische Feuerwehr und ein City-Parkhaus. Erstere ist der Feuerwache in Stuttgart-Degerloch (1966, Neubau an anderer Stelle ist beschlossen) im Bruno-Jacoby-Weg 6 entlehnt, zu Letzterem konnten wir kein Vorbild ermitteln. Doch schaut man bundesweit in die Postmoderne, hatten Parkhäuser häufig eher Ähnlichkeit mit dem FutureLine-Wohnhaus. Gerne passte man die schnöden Notwendigkeiten in das erhofft harmonische historische Stadtbild ein. In Düsseldorf ist dafür als Beispiel das Parkhaus des „Kaufhofs an der Kö“ zu nennen. Das Warenhaus, das 1909 nach Plänen von Joseph Maria Olbrich (mit Otto Engler) fertiggestellt und bis 1953 wiederhergerichtet wurde, erweiterte man 1960 um einen Parkhaus-Annex (Hermann Wunderlich). Dieser erhielt wiederum 1985 – gleichzeitig mit der Aufstockung des Hauptbaus – seine heutige dekorfreudige Fassade (Büro Dietrich und Herrmann). Es bleibt zu hoffen, dass zumindest diese postmoderne Neuschöpfung bereits die Wertschätzung genießt, die der städtebaulich wie baukünstlerisch wertvolle Entwurf verdient. (kb, 2.8.21)

Wäre ebenfalls eine Miniaturausführung wert: Düsseldorf, Kaufhof an der Kö, rechts: Einfahrt zum Parkhaus, rechts. Dachanschluss zwischen Waren- und Parkhaus (Bilder: Kürschner, PD, 2019)

Vollmer-FutureLine, City-Wohnhaus (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

Eine Einzelbetrachtung wert: Vollmer-FutureLine, City-Wohnhaus (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

Vollmer-FutureLine, City-Eckhaus und -Wohnhaus (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

„Großzügig gestaltete Bauten“: Vollmer-FutureLine, City-Eckhaus (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

Vollmer-FutureLine, City-Eckhaus (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

„Perfekt bis ins Details“: Vollmer-FutureLine, City-Eckhaus (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

Vollmer-FutureLine (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

„Postmoderne Architektur, die auch in ein historisches Stadtbild passt“: Vollmer-FutureLine (Bild: Vollmer-Katalog 1987, privat)

Vollmer-FutureLine, City-Parkhaus (Bild: ebay.de)

Vorbild unbekannt: Vollmer-FutureLine, City-Parkhaus (Bild: ebay.de)

Vollmer-Future-Line, Städtische Feuerwehr (Bild: historischer Karton)

Der Feuerwache in Stuttgart-Degerloch entlehnt: Vollmer-Future-Line, Städtische Feuerwehr (Bild: historischer Karton)

Für die Hinweise auf die Stuttgarter Vorbilder geht ein herzlicher Dank an Christian Holl und Maren Harnack.

Titelmotiv: Vollmer-FutureLine, links das City-Eckhaus, rechts das City-Wohnhaus (Bild: Vollmer/Viessmann, historisches Katalogfoto)

Bald auch in der Märklin-Stadt!

Die mR-Wanderausstellung „märklinMODERNE“ zeigt zum ersten Mal, wie modern die vermeintlich spießigen Modelleisenbahner wirklich waren: Im Hobbykeller des Wirtschaftswunders gehörten Flugdach, Glaskuppel und Rasterfassade wie selbstverständlich zum Miniatur-Stadtbild. Jetzt, endlich, kommt die Ausstellung auch in die Märklin-Stadt, nach Göppingen. Die Vernissage wird am 10. Juli 2019 um 19.30 Uhr im Museum im Storchen (Wühlestraße 36) begangen. Anschließend ist märklinMODERNE hier bis zum 27. Oktober 2019 zu sehen.

Geboten wird ein umfangreiches Begleitprogramm: Am 31. Juli können 8- bis 12-Jährige im Ferienprogramm unter dem Motto „Klein aber fein: Mein Haus im Schuhkarton“ in die Modellbauwelt eintauchen (10.00 bis 12.00 Uhr, Ferienveranstaltung, max. 10 Kinder. Materialkosten 3,– Euro, Anmeldung erforderlich unter 07161/650-9911, museen@goeppingen.de). Ebenso findet am 9. Oktober ein Kurs für 8- bis 12-Jährige statt unter dem Titel „Modellgeschichte(n): Von Bauten und Bausätzen“ (15.00 bis 16.30 Uhr, max. 10 Kinder, Materialkosten 3,– Euro, Anmeldung erforderlich unter 07161/650-9911, museen@goeppingen.de). Öffentliche Führungen durch die Ausstellungen werden angeoboten am 15. und 25. August, am 15. September, am 13. und 27. September jeweils um 15 .00 Uhr. Und als besonderes Bonbon wird am 4. August 2019 zum Schloss-Straßen-Fest eine Märklin-Gartenbahn im Museumsgarten aufgebaut (11.00 bis 18.00 Uhr, ganztägig freier Eintritt, Märklin-Gartenbahn im Museumsgarten, Ausstellungsführungen um 13.00 und 15.00 Uhr). (kb, 1.7.19)

märklinMODERNE, Mega-City von Gerald Fuchs (Bild: Moritz Bernoully, 2018)

Moderne Größe

Dass wir bei moderneREGIONAL ein großes Herz für die kleinen Architekturen haben, ist bekannt. Daher haben wir uns voller Freude durch den neuen kleinen Online-Auftritt von Christoph Liepach geklickt, den er den Puppenhäusern des ostdeutschen Herstellers „Vero“ gewidmet hat. Vero bildet sich aus der Abkürzung für „VEB Vereinigte Erzgebirgische Spielwarenwerke Olbernhau“, die von 1966 bis 1972 zerlegbaren System-Puppenhäuser für den nationalen und internationalen Markt produzierten.

Die kleinen Konstruktionen spiegeln die Eleganz der Wohnbauten der 1960er und 1970er Jahre, gemischt mit einem Hauch kapitalistischer Bungalows von Neutra bis Wright. Der Spielwarenhersteller Vero – ebenso bekannt für seine Modellbahn-Häuschen – konzipierte Module, die in verschiedenen Puppenhaustypen eingesetzt wurden. Deren Aussehen wird geprägt von der Grundplatte mit Gehwegpflaster, vom Holzfurnier, von den roten und blauen Flachdächern. Die volle Schönheit der modernen Systembauten können Interessierte nun bei Christoph Liepach online bestauenen und bei Interesse auch gegen eine Gebühr analog entleihen. (kb, 14.1.19)

Vero-Puppenhaus, 1968 (Bild: Christoph Liepach)