Schlagwort: Modelleisenbahn

Bernd Bartetzko mit Modellbahn (Bild: privat, 1958)

Das neue mR-Heft ist online!

Wie war das damals an Weihnachten? Stand da auch die Modellbahn neben dem Baum oder haben Sie lieber nach der Bescherung im stillen Kämmerlein an Ihrer Miniaturwelt gebastelt? Vielleicht gehören Sie ja sogar zu den Glücklichen, deren Anlage das ganze Jahr aufgebaut in Keller oder Kinderzimmer stand! Wir haben Sie nach Ihren Modellbau-Erinnerungen gefragt: Kindheits- und Jugendbilder mit der Miniatur-Eisenbahn und den dazugehörigen Bausätzen.

Die schönsten Einsendungen zeigen wir in unserem neuen mR-Heft „Modell Moderne – Wir haben alle mal klein angefangen“ (Redaktion: D. Bartetzko/K. Berkemann) online – und noch bis zum 7. September 2018 analog im Rahmen unserer Ausstellung „märklinMODERNE“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt. Zum vertiefenden Weiterblättern empfehlen wir den dazugehörigen Katalog, erschienen im Jovis Verlag. (db/kb, 14.5.18)

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Titelmotiv: Bernd Bartetzko mit Modellbahn (Bild: privat, 1958)

"märklinMODERNE" in den Tagesthemen (Bild: youtube-Still)

Pressestimmen zu märklinMODERNE

Im Hobbykeller zeigten sich die Deutschen erstaunlich modern – auf den Modelleisenbahnanlagen des Wirtschaftswunders standen Neu und Alt, Hochhaus und Fachwerkhaus, friedlich nebeneinander. Das Projekt „märklinMODERNE“ zeigt erstmals, wie architekturbegeistert die vermeintlich spießigen Modelleisenbahner wirklich waren. Die Wanderausstellung Online-Magazins moderneREGIONAL – mit Fotografien von Hagen Stier und Andreas Beyer; mit einem Film von Otto Schweitzer und C. Julius Reinsberg; mit Interviews mit Falk Jäger, Leopold Messmer, Klaus Raschzok, Klaus Staeck und Matthias Viessmann; mit Beiträgen von Dina Dorothea Falbe, Oliver Elser, Teresa Fankhänel, Christian Holl, Ralf Liptau, Matthias Ludwig, Verena Pfeiffer-Kloss und Jörg Schilling – wurde erstmals präsentiert mit den Ausstellungspartnern Deutsches Architekturmuseum Frankfurt und architekturkturgalerie am weißenhof Stuttgart, wurde gefördert von der Wüstenrot Stiftung.

„Beim Blick auf die Miniaturbauten aus den Wirtschaftswunderjahren in Westdeutschland sowie auf die DDR-Gebäude zur selben Zeit wird Überraschendes deutlich: Es ging damals hochmodern zu.“ (ARD Tagesthemen)

„Die Architektur der Wirtschaftswunderzeit – also Flachdächer, Flugdächer, Schmetterlingsdächer, Hochhäuser mit Rasterfassaden, futuristische Tankstellen – alles ist da. Nur ein bisschen versponnener, sehr viel handlicher als in Wirklichkeit.“ (Bayern 2)

 

TV-Berichte


 

Radio-Interviews

KIP-Radio, 2. September 2018:

Deutschlandfunk, Corso, 21. Mai 2018:

hr2, 18. Mai 2018:

Deutschlandfunk, Kompressor, 18. Mai 2018:

Bayern2, 17. Mai 2018 (ab Minute 16:49)

SR2, 16. Mai 2018

 

Print- und Online-Berichte

urbantick, 27. August 2018

Baunetz, 2. August 2018

VDI-Nachrichten, 2. August 2018

Stuttgarter Nachrichten/Stuttgarter Zeitung, 1. August 2018

paysages, 8. Juli 2018

Spiegel-Online, 2. Juli 2018

Floornature, 15. Juni 2018

Rheinpfalz, 26. Mai 2018

Süddeutsche Zeitung, 25. Mai 2018

Mannheimer Morgen, 23. Mai 2018

Sachsenhäuser Wochenblatt, 23. Mai 2018

Frankfurter Neue Presse, 18. Mai 2018

Frankfurt Live, 18. Mai 2018

Frankfurter Neue Presse, 17. Mai 2018

Frankfurter Allgemeine Zeitung/Rhein-Main-Zeitung, 17. Mai 2018

Baunetz, 17. Mai 2018

RTLonline, 17. Mai 2018

Salzburger Nachrichten, 7. Mai 2018

Form, 30. Mai 2018

Deutsche Bauzeitung, 16. Januar 2018

des Weiteren: Neuen Osnabrücker Zeitung, 31. Mai 2018; Öffentlicher Anzeiger, 19. Mai 2019; Allgemeine Zeitung, 19. Mai 2018 u. v. m.

 

#märklinMODERNE

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Vero-Bausatz "Hochhaus und Wohnbaugruppe" (Bild: historischer Vero-Katalog)

Hochhaus Ost-West

Die gebaute Welt bietet mehr als Fachwerkidylle mit einstelligen Geschosszahlen. Das ist bekannt. Doch in den Nachkriegsjahrzehnten schaffte es diese Wahrheit nicht immer bis in die Malbücher, Tourismusprospekte – und Modellbahnanlagen. Dabei lieferten die Kataloge für Miniaturbausätze ab den 1960er Jahren ausreichend Material, um auch eine moderne Großstadt abzubilden: Ein Hochhaus war ein Muss in der Produktpalette, hier machten Ost und West keinen Unterschied. Oder doch?

 

Zwischen Laden und Drempel

Bei der Schwarzwälder Modellbaufirma Faller gehörte um 1960 ein Hochhaus zu den Neuheiten: ein einladendes Ladengeschoss, darüber satte zwölf Büro- bzw. Wohnetagen, zu guter Letzt ein schwungvoller Drempel. Beim ostdeutschen Modellbau-VEB Vero kam das Plaste-Hochhaus zehn Jahre später auf den entkapitalisierten Markt, doch in der Form fühlt man sich an den Westen erinnert: eine aufgeständerte Verkaufszone, darüber diesmal sechs Wohngeschosse und zuletzt der malerische Flugdachabschluss. Dies- und jenseits der Mauer konnte der Miniaturwolkenkratzer in die Höhe erweitert und mit allerlei Schriftzügen, Werbeschildern und Schaufensterauslagen angereichert werden. Etwas Farbe machte die emporwachsende Moderne für die Zielgruppe gefälliger.

 

Einzeln und in Serie

Der Unterschied lag eher im dogmatischen Detail: Werbewirksam ähnelt der westdeutsche Bausatz dem realen Faller-Firmensitz, der parallel dazu in Gütenbach bei Furtwangen entstand. Ein individuelles Hochhaus wurde so zum Sinnbild aller Wirtschaftswunderwolkenkratzer. Der im Erzgebirge fabrizierte Vero-Bausatz hingegen propagierte das standardisierte „Raumzellen-Bausystem“, das – wenn auch mit einer Typenunschärfe – an die DDR-Platte erinnert. In der Montage und in den Details fiel das Modellbau-Ergebnis dann wieder individueller aus. Doch mehr wollen wir jetzt gar nicht verraten – die kleinen und großen Hochhäuser werden im kommenden Sommer Teil unserer Ausstellung „märklinMODERNE“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Stuttgarter Weißenhofgalerie. Wer selbst Teil des Projekts sein will, ist herzlich eingeladen, sich an unserem Crowdfunding zu beteiligen: www.startnext.com/maerklinmoderne. (kb/db, 16.10.17)

Damit mit Falzarego-Kapelle im Faller-Modellbau-Katalog 1961 (Bild: Faller-Katalog 1961)

In Plastik sind alle gleich

Daniel Bartetzko/Karin Berkemann (18/2)

Hektisch heute? Da hätten Sie erst einmal das Jahr 1961 erleben sollen! Gegen die „Hast“ jener Tage bewarben die süddeutschen Modellbau-Fabrikanten Hermann und Edwin Faller damals ihre Miniaturhäuser als „heilsames“ Hobby. Der anspruchsvolle Kunde sollte sich beim lärm- und mühelosen Basteln entspannen. Die anspruchsvolle Kundin hingegen trat in den bunter werdenden Modell-Katalogen nur äußerst selten in Erscheinung – und wenn, dann eher in dekorativer Mission. Und weil ja bekanntlich nichts politischer ist als das angestrengt Unpolitische, schwang in den Werbebildern immer auch ein Stück Familien- und Weltbild mit: Während da draußen eine Mauer, zwei Blöcke und diverse interstellare Wettrennen hochgezogen wurden, war die Moderne auf der Modellbahnplatte der Wirtschaftswunderzeit eine betont harmonische.

 

Von Doppelnullen und fliegenden Dächern

Damals war der Marktführer Märklin längst zum Inbegriff für das „rollende Material“ aufgestiegen. Dabei war es der Konkurrent Trix, der 1935 die 00-Eisenbahn im Maßstab 1:90 auf den Markt brachte. Bald folgten fast alle Hersteller dieser Größe, die 1950 noch von Doppelnull in Halbnull (H0/1:87) geändert wurde. In ihrer Anfangszeit blieb die sogenannte „Tisch-Bahn“ ein Privileg der Gutbetuchten. Hermann Göring hortete auf seinem Landsitz Carinhall nicht nur Raubkunst, sondern auch mehrere Modelleisenbahnen. Doch dieses Spielzeug ist ideologiefrei: Was sich auf der Platte tut, entscheidet alleine ihr Erbauer. Hier darf zwischen vielgleisigen Schnellzugstrecken die Sinfonie einer Großstadt erklingen oder eine Bimmelbahn in ein Bergdorf-Idyll schnaufen.

Den Herstellern der Häuschen-Bausätze ging es neben wirtschaftlichem Streben auch um Passion, sorgfältige Recherche und manchmal um unverwirklichte (Architekten-)Träume. In den Nachkriegsjahren zeigten die Faller-Modelle bunte Geländer, schräge Wandabschlüsse und immer wieder mittig gefaltete Flugdächer. Wer den Firmensitz in Gütenbach besucht, findet sie wieder in den Villen und in der Fabrik der Faller-Brüder. Beim Konkurrenten Kibri war die Moderne schlicht und kubisch. Das Bahnhofsensemble Neu-Ulm wurde ebenso miniaturisiert wie der Bahnhof Kehl. Bei Vollmer in Stuttgart gab es ab den frühen 1960ern eine Auswahl gelb geklinkerter Bahn-Systembauten, dazu diverse moderne, schmucklose Einfamilienhäuser, deren Vorbilder in den gutbetuchten Randbezirken der Stadt zu suchen sein dürften.

 

„Klingt einfach, ist es aber nicht“

Die Miniaturhäuser der ersten Nachkriegsjahre waren aus Blech, Holz und Pappe. Und schwarz-weiß, zumindest in den Katalogen von Faller, Kibri und Vollmer. Für die frühen Broschüren wurden höchstens die Titelblätter in einer Farbe hinterlegt oder einzelne Schriftzüge hervorgehoben. Menschen spielten im Bild keine prägende Rolle. In einem der seltenen Fälle erhob Kibri 1956 einen Jungen, der gerade strahlend einen Bahnhof-Bausatz vollendet, zur Chiffre. Die Stilmittel des Bahnhofs wie der Grafik verweisen eher in die erste, als in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ohne dass es die schwarzen Linien zeigen würden, vervollständigt der heutige Betrachter blondes Haar und blaue Augen. Mitte der 1950er Jahre leuchteten bald bunte Modelllandschaften auf den Faller-Titelblättern, im Innenteil wurden einzelne Fotos koloriert und farbige Grafiken eingestreut. Und wenn sich schraffierte und punktierte Flächen mit Schrift verbanden, zog fast schon eine Vorahnung von Roy Lichtenstein durch den Schwarzwald.

Der Sprung zum bunten Plastikbausatz, zum Kunststoffspritzguss-Verfahren, vollzog sich in der Bundesrepublik in den 1950er Jahren: In eine gezielt gekühlte Stahlform wird mit hohem Druck flüssiger Kunststoff eingespritzt. Nach dessen Aushärten fallen die Elemente am sogenannten Spritzling aus der aufgeklappten Form. Um den Kinderfernseh-Moderator Peter Lustig zu zitieren: „Klingt einfach, ist es aber nicht.“ Der Werkzeugmacher muss die Gussform so vorbereiten, dass sich die Bauteile nach dem Spritzen nicht verziehen. Der Modellbauer kontrolliert die Kühlung der gesamten Maschine, den korrekten Fließdruck und die Temperatur. Es zählen Sekunden, wenn das Werkstück ausgeworfen wird und in eine temperierte Box oder ein Wasserbad fällt. Dabei gilt, ob Fachwerk, Historismus, Bauhaus oder Avantgarde: In Plastik sind alle gleich.

 

Die Kunst des Schummelns

Vordergründig sind Modellbahnhäuser verwandt mit Architekturmodellen. Doch ein Architekturmodell als solches offenbart den Unterschied: Auf einer Modellbahnplatte würden maßstäblich eingedampfte Großbauten alle Dimensionen sprengen. In der Miniaturwelt ist die Kunst der Auslassung und des Maßstabssprungs gefragt. Und die des Schummelns: Modellhäuser sind befreit von Bauvorschriften, Nutzerfreundlichkeit und Statik. Ob Fallers Turmcafé bei voller Auslastung auf dem Flugdach der darunterliegenden Tankstelle halten würde, lässt sich nur vermuten. Das Faller-Hochhaus kann ausschließlich durch den Eingang eines Ladengeschäfts betreten werden, die DDR-Pendants von Vero ändern vom Erdgeschoss zu den oberen Etagen gar die Modellbahn-Nenngröße von 1:87 in 1:160. Was zählt, ist der stimmige Gesamteindruck.

Ab 1957 bot Faller allumfassende Lebenshilfe: Das „Faller Modellbau Magazin“ (ab 1977: „Welt der Modellbahn“) erschien mit Farb-Cover, der Innenteil blieb schwarz-weiß. Fotos wurden um technische Detailzeichnungen bereichert – Hauptsache deutlich. Doch, eine Seltenheit im Vergleich zu den Katalogen, hier waren gelegentlich echte Bastler bei ihrem Hobby zu sehen, hier durften sich Miniatur- und Alltagswelt kurz berühren. Einen ähnlichen Ansatz verfolgten die Kundenhandreichungen „1000 Möglichkeiten mit Vollmer-Teilen“ oder für den ostdeutschen Spur-TT-Fan in den 1960er und 1970er Jahren die Zeitschrift „Modellbahn Praxis“. In den Faller- Katalogen wurden Eltern und Kinder um 1960 auf freigestellten Farbfotos traulich vereint: Die weibliche Seite dekorierte die Landschaft, während der männliche Part die Technik kontrollierte. 1961 begegneten sich Junge und Mädchen bei einer der Werbegrafiken auf Augenhöhe. Im Kern blieb es aber dabei: Der Bub baute und das Mädel bewunderte ihn dafür.

 

Von wegen spießig

Während Kibri um 1960 noch formidable Grafiken im Mondrian-Stil schuf, schwenkte man dort um 1965 zu einem konsequenten Fotorealismus – ein Trend, dem Vollmer und VauPe folgten. Die Faller-Kataloge präsentierten die gewohnt wohlgeordnete Modellbauwelt zunächst eher vor psychedelisch gefärbten Hintergründen. Auch der Anbieter OWO zeigte die DDR en miniature architektonisch und grafisch durchaus modern. Der ostdeutsche Traditionsbetrieb Auhagen hingegen vollzog um 1970 fast nahtlos den Sprung zum durchgängigen Farbfoto. Je näher das Modell-Bild der – zugegebenermaßen sehr aufgeräumten – gebauten Wirklichkeit kam, desto besser für den Verkauf.

Heute liegt die schrumpfende Modellbahn-Szene nicht ganz so brach, wie man meinen mag. Wer als popkulturell sozialisierter Intellektueller darüber lächelt, dass der CSU-Politiker Horst Seehofer eine Eisenbahn im Hobbykeller baut, dem sei gesagt, dass auch Rod Stewart und Neil Young als Teilzeit-Lokomotivführer wirken. Die ehemaligen Diskotheken-Inhaber Frederik und Gerrit Braun locken jährlich über eine Million Besucher in ihr Miniatur Wunderland Hamburg. Der Modellbauer Gerald Fuchs treibt dieses Genre im wahren Wortsinn auf die Spitze, wenn er dutzende alte Stadthaus-Bausätze zu einem monumentalen Großbau kombiniert. Doch egal, wer wie was baut, die Erkenntnis ist: Gute Architektur kann durch keinen Kleberfleck beschädigt werden.

Titelmotiv: Dame mit Falzarego-Kapelle im Faller-Katalog 1961 (Bild: Faller-Katalog 1961)

Klaus Raschzok mit seiner Modelleisenbahn (Foto: Andreas Beyer)

„Im Kopf weiterspielen“

Zu Hause beim Theologie-Professor Klaus Raschzok (18/2)

Als wir im fränkischen Neuendettelsau durch die Wohnungstür treten, ist der Fotograf zuerst etwas enttäuscht. Er hatte auf eine richtige Modellbahnplatte gehofft – mit Bergen und Gleisen und Zügen. Stattdessen hat Klaus Raschzok, Jahrgang 1954, seine Sammel-Leidenschaft über alle Zimmer verteilt. Auf Holzregalen und in Vitrinen warten ausreichend Loks, Bahnhöfe und Häuser, um mehr als eine Anlage zusammenzustellen. Sein Beruf als Universitätsprofessor lasse ihm leider zu wenig Zeit, erklärt Raschzok. „Ich komme meist nur dazu, die Dinge anzuschauen oder anzufassen. Aber ich habe in meiner Kindheit so viel ‚Bauerfahrung‘ gesammelt, dass ich im Kopf weiterspielen, weiterbauen kann.“

moderneREGIONAL: Herr Prof. Raschzok, es ist in Ihrer Wohnung nicht zu übersehen: Sie sind Modellbahnsammler.

Klaus Raschzok: Um genau zu sein: Ich bin ein Modellbahndilettant. Ein Spiel-Sammler, kein System-Sammler. Ich greife einfach aus Freude zu Modelleisenbahndingen, die Spielspuren zeigen. Diese V200-Lok hier von Märklin beispielsweise hat überall Farbabriebe. Man sieht, die ist mehrfach abgestürzt, die hat ein Kind in der Hand gehabt. Denn die Modelleisenbahn erzählt Geschichten, die Spuren hinterlassen, die sich in meiner Fantasie wieder zu Geschichten entfalten. Da ist eine kindliche Faszination im Kopf, in der Fingerkuppe, auch in der Nase da. Ich behaupte, ich kann eine Märklin-Eisenbahn von einer Trix oder Fleischmann am Geruch unterscheiden. Das ist ein Kindheitseindruck: Sie machen so eine Verpackung auf und das riecht nach Märklin.

mR: Mit dieser gut riechenden V200-Lok hat also alles begonnen?

K. R.: Der Anfang reicht noch weiter zurück, er liegt bei meinem Großvater, der Schreiner war. Als ich ein Kindergartenkind von drei, vier Jahren war, hat er mir eine Holzeisenbahn gebaut. Meine erste richtige Märklin-Modelleisenbahn habe ich mit zehn Jahren von meinem Vater geschenkt bekommen – als Belohnung für das erste Probe-Vierteljahr im Gymnasium. Zu Weihnachten erstand mein Vater, der einfacher Postbeamter war, von einem Kollegen eine gebrauchte Märklin-Eisenbahn. Weil der Sohn des Kollegen sich mit 16 Jahren lieber ein Rennrad vom Erlös wünschte. Und dieser Kollege hat meinem Vater versprochen, mich bis Weihnachten in die Kunst des Modelleisenbahnbaus einzuführen. Wir fingen damit an, Gleisbildpläne zu zeichnen. Er hat mir die Installation der Schienen gezeigt und mich in die Grundlagen der Elektrotechnik der Märklin-Modelleisenbahnen eingewiesen. Und bis Weihnachten stand eine eigene tischgroße Platte für mich zu Hause. Ich hatte also einen Mentor, der mir eine unglaubliche Liebe zu den Dingen vermittelt hat. Das war sozusagen im Kaufpreis, im Gegenwert eines Rennrads, inbegriffen.

mR: Was hat Sie an der Modelleisenbahn begeistert?

K. R.: Dass ich die Dinge hier so zusammenstellen konnte, wie sie in Wirklichkeit oft nicht möglich waren. Wir sind in sehr beengten Wohnverhältnissen aufgewachsen. Aber auf der Modellbahnplatte hatte ich ein Dorf mit Wohnhäusern, wie man sie in meiner Kindheit gebaut hat. Wie sie die Eltern meiner Freunde bauen konnten. Und wie ich es immer bedauert habe, dass meine Eltern das eben nicht konnten. So baute ich mir selbst ein kleines modernes Dorf, in dem ich mich wohl gefühlt hätte. Es war wirkliche Lebenskunst, dass mein Vater mir diese Modelleisenbahn besorgt hat. Er schenkte mir damit – in der wohnlichen Enge meiner Kindheit – große Weite, ein Fenster zur Welt.

mR: Was war Ihr erstes Modell?

K. R.: Diese kleine Fünfziger-Jahre-Kirche von Faller, die ich hier mitgebracht habe. Sie erinnerte mich an die Kirche im Dorf meiner Großeltern. Sie war ein Stück Heimeligkeit, ein Stück Idylle. Das Modell war ein Volltreffer von Faller, weil es eine emotionale Qualität hat. Wenn sie stilrein wäre, hätte sie sich wahrscheinlich gar nicht so gut verkauft. Da ist zwar Modernes dabei. Aber es ist eine Standardkirche, wie sie sich damals jede Gemeinde vom örtlichen Architekt hätte bauen lassen können. Diese Modell-Kirche war bei meinem Mentor, beim Arbeitskollegen meines Vaters, nicht vorgesehen. Die habe ich von meinem eigenen Geld ergänzt. Nichts ahnend, dass sich meine Berufsentscheidung, Pfarrer zu werden und evangelische Theologie zu lehren, irgendwie auf geheimnisvolle Weise in diesem Stück abgezeichnet hat.

mR: Welchen Menschen begegnen Sie auf den Modellbahnbörsen?

K. R.: Der typische Modellbahner ist leider in meinem Alter, 60, 65, oder älter. Aber noch viel spannender finde ich die Menschen, die mit gebrauchten Modellbahnen handeln. In Berlin habe ich beispielsweise den Herrn Herziger. Ein sehr vornehmer jüdischer Mitbürger, der seine Kundschaft immer erst abtastet, ob sie auch den hintergründigen jüdischen Humor nehmen kann. Dann wird er zum Geschichtenerzähler, spannt einen Bogen vom Stetl seines Vaters, der als Einziger den Holocaust überlebt hat, bis zu ihm, dem in Berlin der Nachkriegszeit geborenen Juden und begeisterten Modelleisenbahner.

mR: Es gibt eine jüdische Seite der Modellbahngeschichte?

K. R.: Darauf hat mich mein Herr Herziger dezent aufmerksam gemacht hat: Der Siegeszug der Firma Märklin setzte ein, als die jüdischen Modellbahnhersteller aus Nürnberg enteignet wurden. Bis 1934 war die Firma Josef Kraus Weltmarktführer, dann wurde der Inhaber enteignet. Seine Spuren verlieren sich in Theresienstadt oder Auschwitz. Und Märklin wurde der große Gewinner. Heute kostet ein unbespielter Märklin-Waggon unter Sammlern das Zehnfach von einem vergleichbaren Waggon dieser jüdischen Firma.

mR: Ersteigern Sie solche Stücke auch im Internet?

K. R.: Ich habe mir über die Jahre hinweg immer wieder die Freude gegönnt, Stücke gebraucht zu erwerben, die für mich in der Kindheit unerschwinglich waren. Dafür gehe ich in einen Laden und entdecke Dinge, die es dort in den letzten Jahren nicht gab. Mein Herr Herziger sagt dann immer: „Herr Prof. Raschzok, schauen Sie mal, das habe ich extra für Sie zurückbehalten.“ Das ist doch viel schöner, als es schnell bei ebay zu ersteigern.

mR: Sie haben zwei erwachsene Söhne von 32 und 34 Jahren. Haben sie Ihre Modellbahn-Begeisterung geerbt?

K. R.: In jedem Haus, in dem sie seit ihrer Kindheit gewohnt haben, hatte ich eine Modelleisenbahn aufgebaut und betrieben. Beide Söhne sind beruflich so stark eingebunden, dass sie das Modellbahnfieber noch nicht erfasst hat. Aber in ihrer Erinnerung ist Modellbahn etwas, was Vater und Söhne miteinander verbindet. Ich weiß noch, als unser Jüngster schon kurz vor 30 war, hat er sich gewünscht, dass wir einen Tag vor Weihnachten wieder im Keller weiterbauen an unserer gemeinsamen Modelleisenbahnanlage.

mR: Wollen Sie die Anlage hier in Ihrer neuen Wohnung wieder aufbauen?

K. R.: Wir haben uns für meinen bevorstehenden Ruhestand so eingerichtet, dass Platz für eine Anlage besteht. Die ist natürlich noch nicht gebaut. Aber da ist der Traum, die unvollendete Anlage fortzusetzen. Ich habe die Mahnung eines liebenswürdigen Händlers aus Eisenach im Ohr. Mike Wüst verabschiedet mich immer mit dem Satz: „Sie müssen auch damit spielen, mir sind schon viele Kunden zuvor weggestorben.“

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Wolfgang Voigt spielt Flughafen (Bild: privat)

Wolfgang Voigt, * 1950

Er war zwölf, sein Bruder vierzehn Jahre alt: 1962 radelten sie an vielen Wochenenden zum Hamburger Flughafen. „Dann haben wir ihn zu Hause nachgebaut: Eine Holzplatte wurde mit weißer Pappe bedeckt und in Vorfeld und Bauzone aufgeteilt“, erinnert sich der Architekturhistoriker Wolfgang Voigt. Zwar gab es im Angebot der Firma Siku ein Terminalgebäude, aber: „Ich wollte ja damals schon Architekt werden und so baute ich mit Hilfe der Mauerplatte ‚Backstein‘ von Faller ein Abfertigungsgebäude mit seitlichen Flügelbauten und Kontrollkabine auf dem Dach.“ Hinzu kamen Katalog-Modelle wie der Kiosk B-2123 und die Tankstelle B-217 von Faller. Auf dem Vorfeld war Platz für drei Flieger aus Revell-Bausätzen: eine Vickers Viscount der Lufthansa, eine Lockheed Constellation der US Air Force und ein damals neuartiger Jet, die elegante „Caravelle“ in den Farben der SAS. Und drumherum standen Wiking-Autos.

„Bei den Besuchen am Flughafen wurden aus der Schalterhalle Prospekte und Flugpläne mitgenommen. Besonders nett waren die Leute von der Lufthansa und der KLM. Als die KLM von Propellermaschinen auf Jets umstellte, schenkte sie uns das nicht mehr benötigte Schaufenster-Modell einer Lockheed-Constellation.“ Im Kinderzimmer wurde ein Reisebüro eingerichtet. Wenn die Eltern Besucher hatten, mussten diese zuerst bei den Söhnen eine Flugreise buchen!