Jubiläum: 60 Jahre Hauptstadt Brasília

Wenn Brasilien derzeit in den internationalen Schlagzeilen auftaucht, dann zumeist mit der Politik des umstrittenen Präsidenten Jair Bolsonaro. Allzu leicht gerät dabei in Vergessenheit, dass der bevölkerungsreichste Staat Südamerikas weit mehr kulturelle Vielfalt zu bieten hat, als es die markigen Äußerungen des Staatsoberhauptes glauben machen wollen. Neben zahlreichen anderen Weltkulturerbestätten beweist das die Hauptstadt Brasília, deren Einweihung sich gestern zum sechzigsten Mal jährte.

Entstanden war die neue Kapitale, die Rio de Janeiro ablöste, durch einen internationalen Wettbewerb, der 1956 unter Regierungschef Juscelino Kubitschek ausgeschrieben wurde. Auf einer Hochebene fernab aller Ballungszentren gelegen, sollte Brasília die Binnenentwicklung fördern. Lúcio Costas Entwurf entwickelte dafür den „Plano Piloto“: Eine strenge Monumentalachse wird von einer gekurvten Achse gekreuzt. In der Vogelperspektive erinnert Costas Plan an ein Flugzeug oder einen Vogel mit ausgebreiteten Flügeln. Öffentliche Bereiche und Wohngebiete sind funktionell getrennt. Neben der außergewöhnlichen städtebaulichen Anlage sorgten insbesondere die Bauten Oscar Niemeyers für Aufmerksamkeit. Sie gelten inzwischen als Ikonen der modernen Architektur. Dazu zählen die Kathedrale und die Regierungsbauten am Platz der drei Gewalten. In den „Superquadras“ residiert man in aufgeständerten Scheibenhochhäusern. Dieser einzigartigen Verbindung von zeitgenössischer Architektur und Urbanistik verdankt Brasília den Ruf als Idealstadt der Moderne. (mk, 23.4.20)

Brasília, Palácio do Planalto (Bild: skeeze, CC0 1.0, 2001)

Call for Stuttgart

Für die DOCOMOMO-Tagung „coldWARchitectures“, die vom 29. bis zum 30. Oktober 2020 in Stuttgart stattfinden soll, können noch bis zum 30. April Themenvorschläge eingereicht werden. Der Veranstaltungstitel bezieht sich auf die Baukunst zu Zeiten des Kalten Krieges zwischen USA und UdSSR. Aus dieser Perspektive liegt eine der prägenden Zäsuren der Moderne nicht in 1945, sondern im folgenden Aufeinanderprallen der beiden Machtblöcke, die sich auch in zeichenhaften architektonischen Großprojekten ausdrückte. Das Symposion steht im Zusammenhang der Archivierung des Nachlasses des deutschen Architekturhistorikers Jürgen Joedicke.

Für mögliche Tagungsbeiträge werden drei Themenschwerpunkte vorgeschlagen: 1) die Architekturgeschichtsschreibung jener Jahre – nach 1948 (Gründung der beiden deutschen Staaten), nach 1975 (der Helsinki-Vertrag) und nach 1989/90 (die Öffnung des Eisernen Vorhangs); 2) zeichenhafte Architekturpojekte, die aus dem militärischen und ökonomischen Wettstreit erwuchsen; 3) kritische und methodische Alternativentwürfe der Architekturgeschichtsschreibung aus den letzten Jahrzehnten sowie deren mögliche Anwendung auf aktuelle Bauprojekte (im Zeichen von Dekolonisation und Klimawandel). Die Beiträge sollen eine Länge von 30 Muniten nicht überschreiten. Vorschläge (kurzer Themenvorschlag und kurzer Lebenslauf, beide je etwa eine Seite) können bis zum 30. April 2020 per Mail gesendet werden an: klaus.philipp@ifag.uni-stuttgart.de , katharina.stolz@ifag.uni-stuttgart.de, christian.voehringer@ifag.uni-stuttgart.de. (kb, 8.4.20)

Halle/Saale, Neustädter Passage (Titelmotiv zur Tagung „coldWARchitecture“, Bild: © Rudi Meisel)

Wer hat´s erfunden …?

Der Entwurf für ein mondänes Haus im Berner Oberland, gezeichnet vom Architekten Ernst Anderegg, wäre ohne das Architektur Archive Bern schon in der Papiertonne gelandet. Der 2019 gegründete Verein hat sich zum Ziel gesetzt, regionale eidgenössische Architekturgeschichte zu retten: Man stelle Nachlässe sicher, bewerte sie, suche nach öffentlich-rechtlichen Archiven zur dauerhaften Aufbewahrung und wolle künftig auch mit Museen zusammenarbeiten, sagte der Architekturhistoriker Daniel Wolf der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA zu den Zielen.

Aktuell wird gerade ein großer Bestand des Büros Urfer & Stähli aus Interlaken gesichtet, das unter anderem 1931 das Parkhotel Bellevue in Adelboden entworfen hat. Nach dem Tod der Namensgebenden Architekten übernahm der Mitarbeiter Karl Ryser das Büro, der 2012 starb. Zwei Jahre später musste sein Haus innerhalb weniger Tage geräumt werden – und buchstäblich in letzter Sekunde wurden Kisten und Müllsäcke (!) mit Plänen, Zeichnungen, Skizzenbüchern und Fotografien vorm Container bewahrt. Die Inkunabeln der Schweizer Architektur sind bereits archiviert, nun hat sich auch für die (zu unrecht) halb vergessenen Bauten und Baumeister eine Plattform gefunden. (db, 21.3.20)

Bern, Entwurf von Ernst E. Anderegg (Bild: Architektur Archive Bern)