Krefeld industriell

Spektakuläre Fabrikgebäude und repräsentative Villen, zeittypische Wohn- und Verwaltungsbauten sowie einst zukunftsweisende Büro- und Hochschulbauten: Krefeld ist reich an Gebäuden, die an die Hochphase der Industrialisierung und die hier vorherrschende Seidenindustrie erinnern. Die Vertreter dieser stets auf Innovation und zeitgemäße Gestaltung bedachten, früh globalisierten Branche knüpftenoft Kontakt zur zeitgenössischen Avantgarde, beauftragten und beschäftigten Künstler, Gestalter und Architekten, die für eine explizit moderne Handschrift bekannt waren. So lässt sich etwa die hohe Anzahl von ehemaligen Lehrern und Absolventen des Bauhauses erklären, die von Mitte der 1920er bis in die 1960er-Jahre in Krefeld tätig waren. Ludwig Mies van der Rohe, Johannes Itten, Lilly Reich, Georg Muche und viele andere schufen bedeutende Architekturen, prägten das Textildesign und revolutionierten die Ausbildung der Gestalter:innen. Auch Hans Poelzig, Egon Eiermann und Bernhard Pfau bauten in Krefeld für die Seidenindustrie.

Dieses Kapitel der Wirtschafts- und Kulturgeschichte hat Projekt MIK e.V. 2019 aus Anlass des Bauhaus-Jubiläums mit einem Wissenschaftlerteam erforscht, in einem Buch dokumentiert und in einer Ausstellung im Krefeld Pavillon von Thomas Schütte präsentiert. Ein themenorientierter Architekturführer ist nun online zu finden. Er stellt Gebäude, Institutionen und Personen vor, die in Zusammenhang mit der Seidenindustrie stehen, dazu ihre Kontore, Fabriken, Schulen und Institutionen. Ebenso präsentiert er die Wohnhäuser der Unternehmer und zeigt, wo die führenden Künstler und Gestalter:innen in Krefeld lebten. 75 Bauten und 65 Biografien erzählen von der produktiven Kooperation von Industrie, Kultur und Stadt. Die Auswahl folgt der Spur der Moderne, die mal in einen Industriekomplex der 1890er Jahre, mal zu einem Wohnhaus von Mies van der Rohe und schließlich zu einem futuristischen Schulgebäude der 1950er-Jahre von Bernard Pfau führen kann. Ziel dieses Projekts ist, die Stadt ein Stück weit lesbar und ihre Geschichte erfahrbar zu machen. Die Erarbeitung dieses Guides wurde durch die NRW-Stiftung finanziell unterstützt. (db, 21.5.21)

Krefeld, Mies van der Rohe – VerSeidAG (Copyright: Der Unfassbare, CC0)

Die vielen Namen der späten Moderne

Pioniermoderne, Eisenbahnmoderne, Rohstoffmoderne, Medienmoderne, Kriegsmoderne, Automobilmoderne, Endzeitmoderne – in seinem neuen Buch durcheilt der Architekt Wolfgang Koelbl (TU Wien) in großen Schritten die letzten gut 150 Jahre von Los Angeles. Damit etikettiert er zugleich die Bauschübe der modernen Stadt an sich, denn in der US-amerikanischen Metropole sieht er diese Entwicklung beispielhaft verdichtet. Ihn interessieren jedoch nicht die stilistischen Schubladen der Architektugeschichtsschreibung, er sucht vielmehr nach den Leidenschaften, nach dem Antrieb der Planenden und Bauenden. Und nicht zuletzt nach den Gründen ihres Scheiterns.

Die Kraft des Individuums

Los Angeles folge nicht dem europäischen Leitbild, wo man sich nach einem hohen kollektiven Anspruch ausrichte: Man plane die Stadt, wie die Gesellschaft darin sein soll. In der US-amerikanischen Metropole hingegen baue jede*r Einzelne nur das, was er/sie gerade braucht. Und dies unterscheide sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Mal stehen materielle Werte im Vordergrund (die Erdölförderung um 1920), mal zählen nur die künstlichen Bilderwelten (die Filmmetropole um 1930). In manchen Phasen dreht sich alles architektonische Schaffen um ein Fortbewegungsmittel (die Eisenbahn der 1870er/80er, das Automobil der 1950er/60er Jahre), in vielen Fällen geht es um einen geistigen Wert oder eine Gestimmtheit (der Aufbruchsgeist der ersten Siedler:innen um 1850, der militärische Vortrieb um 1940, das Zusteuern auf die Katastrophe in der Gegenwart).

Die Ambitionen der Moderne

Eigentlich müsse man, so Koelbl, die Moderne auch von ihren Nicht-Ambitionen, von den Phasen des Ermüdens und Dämmerns, her beschreiben. Doch im Hauptteil seiner Publikation wendet er sich den sechs zentralen Ambitionen dieser Epoche zu: 1) Die Moderne erhebt den Anspruch, die Vergangenheit einzuebnen und völlig neu zu beginnen. 2) Die Moderne will sich erheben, quasi schweben. 3) Die Moderne will unbegrenzt mobil sein, „Rollfelder“ ausbilden. 4) Die Moderne will nicht weniger als den ganz großen Wurf, die Masse, die Wüste zum Blühen bringen. 5) Die Moderne sucht das herausfordernde Fremde. 6) Die Moderne steuert auf die Katastrophe zu – mal leise, mal laut, in jedem Fall unausweichlich.

Moderne in Wellen

Für Koelbl verläuft die Moderne also nicht von A nach B, von der Klassischen zur Post-Moderne. Nicht ohne den Architekturgeschichtler:innen im Geist einen seiner Finger erhoben entgegenzurecken, bestreitet er eine akademisch-enge Stilabfolge. Vielmehr habe vieles, fast alles in den letzten Jahren weiter nebeneinander her existiert. Die Forschung richte allerdings ihren Scheinwerfer nur je auf die Dinge, die ihr gerade ins Konzept passen. Indem Koelbl die Gleichzeitigkeit der Moderne-Stile ausruft, ent-historisiert er sie. Es handle sich eher um eine Wellenbewegung. Und darin liege auch die große Hoffnung der „Endzeitmoderne“, wie er sie in Los Angeles aufgezeigt hat. „Wer die finale Erschöpfung überwunden hat, der beginnt mit der Moderne einfach wieder von vorne. Bis es nicht mehr geht.“ (kb, 4.4.21)

Koelbl, Wolfgang, Los Angeles. Endzeitmoderne, Jovis Verlag, Berlin 2020, Broschur, 17 × 24 cm, 608 Seiten, 80 Farbabbildungen, ISBN 978-3-86859-639-7.

Titelmotiv: „Endzeitmoderne“ (Bild: Buchcover, Jovis-Verlag)

Heidelberger Architekt Dieter Quast gestorben

Der Architekt und Innenarchitekt Dieter Quast ist am 21. November 2020 im Alter von 92 Jahren verstorben, wie seine Familie am vergangenen Samstag bekannt gab. Bis zuletzt lebte Quast im Stadtteil Boxberg, einer Waldsiedlung aus den 1960er Jahren, die er mit zahlreichen Bauten entscheidend prägte. Geboren am 6. Mai 1928, wuchs Quast in der Heidelberger Altstadt auf. Nach dem Abitur begann er eine Schreinerlehre, die die Voraussetzung für sein Studium der Innenarchitektur an der Hochschule für Bildende Künste in Stuttgart bildete. Zu seinen Lehrern zählte der bekannte Designer Herbert Hirche, bei dem Quast nach dem Diplom als Assistent tätig war. 1955 folgte die Eröffnung eines eigenen Architekturbüros in Heidelberg.

Mit seinen Kirchenbauten – wie der Matthäuskirche in Baden-Baden (1961) oder der Lutherkirche in Heidelberg (1966) – konnte sich Quast einen Namen machen. Auf Vermittlung von Herta-Maria Witzemann wurde er für den Wiederaufbau des Karlsruher Schlosses engagiert und gestaltete die Innenräume für das Badische Landesmuseum neu. Auch am Wiederaufbau des Bruchsaler Schlosses war Quast beteiligt. Durch seine Museumsbauten wurde Quast in den 1970er Jahren einem größeren Publikum bekannt. Zu nennen sind der Neubau des Sprengelmuseums in Hannover (1979, mit Peter und Ursula Trint) und der Umbau des documenta-Museums Fridericianum in Kassel (1988). (mk, 4.12.20)

Hannover, Sprengelmuseum (Bild: Axel Hindemith, PD, via wikimedia commons, 2005)