Nicht alles weiß

Kommen Sie mit auf Wanderschaft durch 100 Jahre europäische moderne Architekturgeschichte in Bildern. Nein, dies wird keine Winterwanderung durch schneeweiße Kubenwälder und kahle Wohnlandschaften, wie man das gemeinhin erwarten könnte im ausklingenden Bauhausjahr. Die Sonderausstellung „Europa – Wege in die Moderne/Architekturphotographie von Sigrid Schütze-Rodemann und Gert Schütze“, zu sehen noch bis zum 29. Dezember 2019 im Technischen Halloren- und Salinemuseum in Halle/Saale, zeigt ein subjektives Panorama der mannigfaltigen Ausprägungen moderner Architektur auf dem ganzen Kontinent. Dabei geht es nicht um einen Standpunkt – die Bilder zeichnen sich weniger durch Nähe, als vielmehr auch durch ironische Distanz zum Sujet aus. 

Die beiden Fotografen wurden bekannt durch ihren besonderen Blick auf die gebaute Umwelt. Als fotografische Chronisten ihres Wirkungsortes Halle/Saale dokumentierten Sie die Entwicklung einer Stadt, die stark von den Umbrüchen und Widersprüchen des vergangenen Jahrhunderts geprägt ist. Mit einem derart geschulten Blick wird nun in dieser Schau das große internationale Projekte „Moderne“ betrachtet und analysiert. Eine Reise die sich lohnt. (jm, 3.12.19)

„Wege in die Moderne“ (Bild: Halloren- und Salinenmuseum Halle/Saale)

Ostmoderne – Westmoderne

Neben der West- gab es auch eine Ostmoderne, oder umgekehrt – so die These des Designtheoretikers Walter Scheiffele. In seiner neuen Publikation, frisch erschienen bei Spectator Books, zeichnet er das Wechselspiel zwischen beiden nach: am Beispiel der Möbel, die seit Werkbundzeiten in den Deutschen Werkstätten Hellerau gebaut wurden. Künstler wie Mart Stam, Selman Selmanagic oder Franz Ehrlich gaben hier schon früh Impulse, die von der Möbelgestaltung bis zum Städtebau lange weiterwirken sollten.

Nach Kriegsende avancierten die Deutschen Werkstätten zum führenden Möbelhersteller der DDR, der die Möbelprogramme von Selmanagic und Ehrlich in Serie produzierte. In der BRD gelangten zeitgleich das Typenmöbelprogramm M 125 von Hans Gugelot und das INwand-System von Herbert Hirche in die Wohnzimmer. In der Ostmoderne, in Hellerau wiederum führte Rudolf Horn das Möbeldesign mit seinem MDW-Montagemöbelsystem die Möbelgestaltung zu einem neuen Höhepunkt. Am 1. Oktober findet im Zentrum für Baukultur Sachsen (Schloßstraße 2, Dresden) um 19 Uhr eine Buchvorstellung statt. (kb, 1.10.19)

Scheiffele, Walter, Ostmoderne – Westmoderne, Spectator Books, Leipzig 2019, 382 Seiten, fadengehefteter Festeinband, 21,7 x 27 cm, ISBN: 9783959053266.

Hellerau, Möbelfabrik, Stuhlpresse, 1951 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-12500-0004, CC BY SA 3.0, Foto: Peter Heinz Junge)

Magdeburg: Reformstadt der Moderne

Das diesjährige Landesmotto Sachsen-Anhalts „Hier machte das Bauhaus Schule“ zieht die Aufmerksamkeit sofort in den Orbit der berühmten Dessauer Kunstschule. Dabei geht wieder einmal unter, was viele längst vergessen haben: Die Landeshauptstadt Magdeburg marschierte in den 1920er Jahren in der ersten Reihe der modernen Bewegung. Bereits 1921 berief man keinen Geringeren als Bruno Taut zum Stadtbaurat. Danach wurde es bunt in Magdeburg: Nicht nur die Fassaden, auch der Kreis junger progressiver Gestalter um Taut versuchten, die Industriestadt in das lichte Zeitalter der Moderne zu katapultieren. Wenige Jahre später entstand hier mit der Beimssiedlung die erste  moderne Großsiedlung ihrer Art in Deutschland.

Dass Magdeburg sich nicht hinter dem dem Schatten des zu Recht häufig memorierten „Neuen Frankfurt“ ducken brauchte, zeigt nun die Ausstellung „Reformstadt der Moderne. Magdeburg in den Zwanzigern“ im Kulturhistorischen Museum der Stadt (Otto-von-Guericke Straße 68-73, 39104 Magdeburg). Vom 8. März bis zum 19. Juni 2019 kann man dort Mustergültigem aus jenen Jahren begegnen. Von spielerischen Glasbaukästen Tauts über Grafiken bis hin zu Auszügen aus der international beachteten Theaterausstellung wird hier alles aufgearbeitet, was damals avantgardistisches an der Elbe produziert wurde. 1933 bereitete der Nationalsozialismus auch der modernen Musterstadt Magdeburg ein jähes Ende. (jm, 12.3.19)

Magdeburg, Albinmüller-Turm im Stadtpark anlässlich der Deutschen Theaterausstellung im Jahr 1927 (Bild: Kulturhistorisches Museum Magdeburg, Detail)