Zementierter Stil

Noch ein Weihnachtsgeschenk gefällig? Die edition cement, der Online-Laden des Künstlers und Grafik-Multitalents Tom Korn, bietet reichlich Moderne für die Wand. Vor allem den Hochhauskalender, der das brutalistische Jugoslawien noch einmal aufleben lässt: Beton der 1960er bis 1980er Jahre, aus der besten Zeit der südslawischen Republik, erbaut von volkseigenen Betrieben für eine bessere Zukunft. Brutalistische Wohnhäuser, Büros, Hotels und ein Studentenwohnheim in futuristischem Design. Es gibt 14 Motive, in 42 Farbauszügen nach meist eigenen Vorlagen handgezeichnet, mit der 2-farbigen Riso MZ770 in 28 Druckrunden in insgesamt 9 Farben gedruckt und mit viel Geduld und Metallspirale gebunden (die Technik-Freaks haben jetzt Info satt!). Der Kalender hat ein immerwährendes Kalendarium, ist also ab sofort für immer nutzbar. Ist das nix!? Übrigens ist der Kalender für 2023 mit Ikonen der westdeutschen Neuen Heimat bereits in Vorbereitung …

Tom Korns Jugoslawien-Kalender hat die Maße 22 x 44 cm, wurde in einer Auflage von 120 (nummerierten und signierten) Exemplaren produziert und kostet 50 Euro. Der Vorrat ist endlich, also zögern Sie nicht zu lange, liebe Modernisten! Wer jetzt nicht auf der Suche nach Kalendern ist, kann sich bei der edition cement auch noch durch ein wunderbares Sammelsurium nationaler wie internationaler Motive klicken. Vom Bierpinsel übers Farnsworth-House, Hamburger Abrissen bis zum Blok 63/Novi Belgrad: All dies gibt es als Druckgrafik für die Wand. Und wem der Sinn mehr nach Spielerischem steht, der kann das Formstein-Memory ordern. Brutalistische Weihnachten? Aber immer doch! Wir wünschen Rohes Fest! (db, 3.1.21)

Von Drinnen nach Draußen

Es wird Grün: Teil zwei der achtteiligen digitalen Veranstaltungsreihe “MODERNE Strukturen und Ideen im Wandel” – in Medienpartnerschaft mit moderneREGIONAL – stellt die Freiraumgestaltungen als selbständiges Element der Großwohnsiedlungen in den Fokus. Am 14. Oktober von 16 bis 18 Uhr geht es via Zoom einerseits um das Herausstellen zeitgenössischer Gestaltungsideale, andererseits um die Frage, wie man mit diesen Räumen in Gegenwart und Zukunft umgehen kann: aus Sicht von Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Denkmalpflege. Welche gestalterischen, sozialen und planerischen Werte gibt es, und warum werden Freiräume heute oft als reine Baulandreserven missverstanden? Liefern nicht gerade sie interessante Antworten auf drängende Fragen, nicht nur angesichts des Klimawandels?

Landschaftsarchitektin Susanne Weisser (Wuppertal) nimmt die im rheinischen Westen fast schon legendäre Großsiedlung Düsseldorf-Garath in den Blick und berichtet über „Eindrücke und Aspekte“ . Die Rostocker Denkmalpfleger Uta Jahnke und Peter Writschan stellen unter dem Titel „Städtebau im Rostocker Nordwesten (1960-1980) und Beispiel(e) visionärer Freiraumgestaltung(en)“ nicht weniger legendäre Pendants aus der DDR vor. Kirsten Angermann, Wiss. Mitarbeiterin an der Bauhaus Universität Weimar (Professur Denkmalpflege und Baugeschichte), berichtet von der Denkmalerfassung für die Berliner Anlage Ernst-Thälmann-Park und über die unterschiedlichen Blickwinkel auf Architektur und Grün. „Je grüner desto besser?“ fragt kritisch Stefanie Rößler, Wiss. Mitarbeiterin am Dresdner Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung. Sie stellt „Potenziale und Grenzen der Freiraumentwicklung für eine sozial-ökologische Transformation von Großwohnsiedlungen“ zur Diskussion. Die Moderation übernehmen Prof. Dr. Carola Neugebauer von der RWTH Aachen und Dr. Martin Bredenbeck (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland/Verband Deutscher Kunsthistoriker) und laden alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, sich in die offene Diskussion dieses Formats einzubringen. Die Reihe ist interdisziplinär und dialogisch angelegt und lebt vom Input aller Mitwirkenden. (mR 4.10.21)

Der Zoom-Link: https://rwth.zoom.us/j/99120829780?pwd=NlBKZ2Ji
TUw2d2pFV1ZFYk9ra1lxZz09
, Meeting-ID: 991 2082 9780, Kenncode: 771578.

Berlin, Ernst-Thälmann-Denkmal (Bild: Max Schwalbe, CC BY-SA 4.0)

Krefeld industriell

Spektakuläre Fabrikgebäude und repräsentative Villen, zeittypische Wohn- und Verwaltungsbauten sowie einst zukunftsweisende Büro- und Hochschulbauten: Krefeld ist reich an Gebäuden, die an die Hochphase der Industrialisierung und die hier vorherrschende Seidenindustrie erinnern. Die Vertreter dieser stets auf Innovation und zeitgemäße Gestaltung bedachten, früh globalisierten Branche knüpftenoft Kontakt zur zeitgenössischen Avantgarde, beauftragten und beschäftigten Künstler, Gestalter und Architekten, die für eine explizit moderne Handschrift bekannt waren. So lässt sich etwa die hohe Anzahl von ehemaligen Lehrern und Absolventen des Bauhauses erklären, die von Mitte der 1920er bis in die 1960er-Jahre in Krefeld tätig waren. Ludwig Mies van der Rohe, Johannes Itten, Lilly Reich, Georg Muche und viele andere schufen bedeutende Architekturen, prägten das Textildesign und revolutionierten die Ausbildung der Gestalter:innen. Auch Hans Poelzig, Egon Eiermann und Bernhard Pfau bauten in Krefeld für die Seidenindustrie.

Dieses Kapitel der Wirtschafts- und Kulturgeschichte hat Projekt MIK e.V. 2019 aus Anlass des Bauhaus-Jubiläums mit einem Wissenschaftlerteam erforscht, in einem Buch dokumentiert und in einer Ausstellung im Krefeld Pavillon von Thomas Schütte präsentiert. Ein themenorientierter Architekturführer ist nun online zu finden. Er stellt Gebäude, Institutionen und Personen vor, die in Zusammenhang mit der Seidenindustrie stehen, dazu ihre Kontore, Fabriken, Schulen und Institutionen. Ebenso präsentiert er die Wohnhäuser der Unternehmer und zeigt, wo die führenden Künstler und Gestalter:innen in Krefeld lebten. 75 Bauten und 65 Biografien erzählen von der produktiven Kooperation von Industrie, Kultur und Stadt. Die Auswahl folgt der Spur der Moderne, die mal in einen Industriekomplex der 1890er Jahre, mal zu einem Wohnhaus von Mies van der Rohe und schließlich zu einem futuristischen Schulgebäude der 1950er-Jahre von Bernard Pfau führen kann. Ziel dieses Projekts ist, die Stadt ein Stück weit lesbar und ihre Geschichte erfahrbar zu machen. Die Erarbeitung dieses Guides wurde durch die NRW-Stiftung finanziell unterstützt. (db, 21.5.21)

Krefeld, Mies van der Rohe – VerSeidAG (Copyright: Der Unfassbare, CC0)