„Beherbergungsverbot“ für Raum 13?

Eigentlich ist dieses Projekt der Traum jedes Baubegeisterten: Da verlieben sich Kunstschaffende in ein ehemaliges Industrieareal, bespielen es aufs Feinste und halten damit nicht zuletzt das Dach dicht und den Vandalismus fern. Unter dem Namen „Raum 13“ wurde in Mülheim vom „Zentralwerk der schönen Künste“ ein Gesamtkunstwerk geschaffen, über zehn Jahre auf rund 10.000 Quadratmetern. Die ehemalige Hauptverwaltung von Klöckner Humboldt Deutz (KHD) geht zurück auf Nicolaus August Otto, der mit seinen Erfindungen ab den 1860er Jahren den Grundstein für die heutige Automobilentwicklung legte. Das Fabrikareal der Gasmotorenfabrik Deut, später KHD, wurde ab den 1880er/90er Jahren stufenweise an der Deutz-Mülheimer-Straße (Otto-&-Langen-Quartier) errichtet und erweitert. Prägende Bauten entstanden z. B: 1911, wieder anderes ging im Wiederaufbau nach 1945 verloren. Im Inneren finden sich heute beispielsweise prägende Einbauelemente der Nachkriegsmoderne.

Mit den 1990er Jahre kam der Umbruch für die Anlage: Der industrielle Betrieb wurde langsam stillgelegt. Ein Teil des Geländes wurde vom Land NRW aufgekauft, ein weiterer Teil liegt heute im Besitz eines privaten Immobilienentwicklers. Noch vor einem Jahr hatte die Stadt Köln ihr Interesse bekundet, das Areal zu erwerben und damit nicht zuletzt auch eine Kontinuität für die dortigen kulturellen Projekte in den denkmalgeschützten Gebäuden zu ermöglichen. Ein städtebaulicher Wettbewerb sieht eine Entwicklung des gesamten Quartiers vor. Noch Ende vergangenen Jahres stellt die Gruppe „Erdmöbel“ ihr traditionelles Adventsvideo vor – „Beherbergungsverbot“, gedreht in Raum 13 in Mühlheim. Nun soll die kulturelle Nutzung die Räume verlassen. Der private Eigentümer des KHD-Gebäudes kündigte „Raum 13“ und erstritt vor Gericht die Räumungsklage. Der Gerichtsvollzieher besuchte das Areal Anfang März, nun scheint es sich nur noch um Wochen zu handeln. (kb, 24.3.21)

"Beherbergungsverbot" von Erdmöbel in "Raum 13" in Mülheim (Bild: youtube-Still)

Titelmotiv/unten: „Beherbergungsverbot“ von Erdmöbel in „Raum 13“ in Mülheim (Bilder: youtube-Still)

Bürgerentscheid: VHS Mülheim bleibt

Es ist entschieden: Die Mehrheit der Mülheimer stimmte am Sonntag beim Bürgerentscheid für den Erhalt der Heinrich-Thöne-Volkshochschule (VHS). Immerhin 65,99 Prozent sprachen sich dafür aus, das Gebäude im Besitz der Stadt zu belassen und wieder in seine angestammte Nutzung zu nehmen. 2017 wurde der Bildungsbau wegen Brandschutzmängeln geschlossen. Stattdessen zog die Stadt mit der VHS in Mieträume in der Aktienstraße. Für Architekturfans ein herber Verlust, stand der 1979 eingeweihte Bau doch in seiner hohen Gestaltungsqualität beispielhaft für die Bildungsinitiative der 1960er und 1970er Jahre. Nach einem Wettbewerb hatte man damals die Entwürfe des Architektenteams Seidenstricker, Spantzel, Teich, Budde, Gutsmann und Jung ausgewählt, später noch einmal bearbeitet durch Dietmar Teich.

Der gestaffelte Stahlbetonbau passt sich auf vielfach gebrochenen Grundrissen nicht nur der Topographie an, sondern ermöglicht im Inneren zudem maximale Flexibilität für eine offene Lernatmosphäre. Eine Bürgerinitiative kämpfte rasch für den Erhalt der VHS, die Stadt sah sich mit den Sanierungskosten überfordert. Die Schätzung der notwendigen Finanzmittel schwankt zwischen 2 und 30 Millionen Euro. Nach dem rechtsverbindlichen Bürgerentscheid ist die Stadt nun zur Sanierung verpflichtet. Das könne jedoch, so die Kommune, noch ein Weilchen dauern – bis zu fünf Jahre. (kb, 8.10.19)

Mülheim, VHS (Bild: Ruesterstaude, CC BY SA 3.0, 2008)

Tengelmann vorm Abriss?

Wenn Konzerne „sich neu positionieren“, heißt das weder für die Beschäftigten noch für die Gebäude etwas Gutes. Eine derartige Neupositionierung plant auch die noch in Mülheim an der Ruhr ansässige Tengelmann-Unternehmensgruppe. Bekannt war das Familienunternehmen für seine gleichnamigen Supermärkte, mittlerweile wächst es zur Holding-Gesellschaft: Die Kaiser’s/Tengelmann-Märkte wurden 2016 an EDEKA verkauft, heute hält Tengelmann erhebliche Anteile an OBI, KiK, netto und weiteren Discountern. Der Firmenhauptsitz blieb dabei stets in der Mülheimer Wissollstraße. Dafür, dass es nun in der bisherigen Form nicht mehr weitergehen wird, hat unter anderem ein Unglück gesorgt: Im April 2018 verschwand Tengelmann-Mitgeschäftsführer Karl-Erivan Haub bei einem Skibergsteig-Rennen. Wenige Wochen danach wurde sein Bruder Christian W. E. Haub alleiniger Geschäftsführer – und verändert nun die Unternehmensstruktur nachhaltig.

Etwa 250 Menschen werden ihre Arbeit verlieren, und die Firmengebäude stehen quasi zum Abbruch frei. Neben den Betonskelett-Ziegelbauten der 1950er und 1960er Jahre betrifft dies womöglich auch das Technikum, ein erst 2012 zur Museums- und Veranstaltungshalle umgebautes ehemaliges Früchtelager von 1965. Bislang sind hier diverse Oldtimer untergebracht, die einst dem Unternehmen dienten, zudem gibt es eine über 3000 Quadratmeter große Veranstaltungsfläche. Ob die nach allen Regeln der (Bau-)Kunst revitalisierte Kulturhalle womöglich auch plattgemacht wird, steht in den Sternen – undenkbar erscheint es nicht. (db, 26.1.19)

Mülheim, Technikum (Bild: Tengelmann Group)