Münchens dunkle Seite

Wer mit München nur Schickimicki und Oktoberfest verbindet, tut der süddeutschen Metropole mehr als Unrecht. Den Gegenbeweis treten aktuell gleich zwei Ausstellungen an: Die Präsentation „Nachts. Clubkultur in München“ im Münchner Stadtmuseum (St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München) wirft einen intensiven Blick auf die Subkultur der bayerischen Landeshauptstadt. Gezeigt werden ausgewählte Objekte, Installationen und Fotografien aus acht Jahrzehnten. Im Mittelpunkte stehen besondere Orte und Nächte, an denen sich die Clubszene als Kristallisationspunkt besonderer sozialer Entwicklungen erwies. Damit streifen die Ausstellungsmacher:innen die großen und kleinen Themen Gender, Sexualität und Gemeinschaft, Drogen, Rausch und Euphorie.

Angesichts der prekären Situation, in die eine ganze Szene durch die coronabedingten Einschränkungen gerade ist, droht vielen Clubs aktuell das Aus, die bereits in den 1980er und 1990er Jahren eine wichtige Rolle spielten. Da lohnt, parallel zum Besuch des Münchner Stadtmuseums, ein Blick in die Ausstellung „Pop, Punk, Politik“ im Monacensia im Hildebrandhaus (Maria-Theresia-Straße 23, 81675 München). Hier stehen die 1980er Jahre in der bayerischen Landeshauptstadt im Mittelpunkt. Gezeigt werden typische Fotografien und Objekte dieser Ära – wie Fanzines, Radiotexte, Songtexte und Lyrics, Manuskripte, Manifeste, Starschnitte u. v. m. Auch hier will man auf Trends und Merkmale der damaligen Subkultur hinweisen, die bis in die heutigen kulturellen Entwicklungen und gesellschaftlichen Diskurse hineinwirken. Beide Ausstellungen sind als Projekte über mehrere Monate hinweg angelegt: „Nachts“ ist zu sehen bis zum 1. Mai 2022, „Pop, Punk, Politik“ bis zum 31. Januar 2022. (kb, 24.8.21)

Tina Weber, Leere Innenansicht des Atomic Café, um 1999 (Bild: © Tina Weber)

Helmut Jahn ist gestorben

Gestern verstarb der deutsch-amerikanische Architekt Helmut Jahn im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls. 1940 in Zirndorf bei Nürnberg geboren, absolvierte er sein Studium in München, um direkt danach 1966 nach Chicago zu wechseln. Hier begann er kurz darauf im Büro seines Berufskollegen Charles Murphy, das er ab 1983 leiten sollte – mit einem deutlichen Hang zu großformatigen Projekten. Über die Jahrzehnte erweiterte er seine Wurzeln, den Internationalen Stil à la Mies van der Rohe, durchaus um Rückgriffe auf historische Formen, darunter auch das hochhausaffine Art déco. Dabei entwickelte er Ansätze einer Hightech-Architektur weiter zur Vorherrschaft von Stahl und Glas. In dieser Ambivalenz gilt Jahn als typischer, aber erfrischend unpathetischer Vertreter der Postmoderne.

Jahn wählte den Spagat zwischen Wohnsitzen in den USA und in Deutschland. Die Liste der Werke, mit denen er die heimische Baulandschaft geprägt hat, ist lang und prominent. Zu nennen wären etwa das Berliner Sony Center (2000), der Münchener Flughafen (1999) oder der Frankfurter Messeturm (1991). Doch auch in seiner Wahlheimat hinterließ er u. a. mit dem State of Illinois Center (1985) in Chicago seine künstlerischen Spuren, zuletzt sollten noch Aufträge in ausländischen Boomregionen wie in China und in der Golfregion hinzukommen. Noch im letzten Jahr, zum 80. Geburtstag des Architekten, würdigte der Frankfurter DAM-Kurator Oliver Elser Jahns Auftritte als Gesamtkunstwerk: „Und es ist schön zu sehen, wie er sich auch als Künstler-Architekt, der aber in Klammern gesprochen, ein gnadenloser Kommerzarchitekt ist, dennoch als Künstler zu inszenieren weiß.“ Jahn selbst fasste dieses Wechselspiel, ebenfalls 2020, gegenüber der Zeitschrift „Capital“ in lakonischere Worte: „Architekten sind keine Künstler“. (kb, 9.5.21)

Berlin, Sony Center (Bild: Membeth, CC0 1.0, 2018)

München: Der Toaster hat ausgedient

Das Klinikum Großhadern in München wurde 1977 nach Plänen der Architekten Schwethelm, Schlempp und Eichberg fertiggestellt. War bis dato noch jede Fachklinik in einem eigenen Gebäude untergebracht, wurde Großhadern als zentralistisch organisierte Krankenhausmaschine entworfen. Das Herzstück der Klinik bildet das 13-geschossige Bettenhaus mit dem Spitznamen „Toaster“. Über 20 Jahre betrug die Bauzeit für das seinerzeit größte Bauvorhaben des Freistaats. Rund 40 Jahre später soll der Komplex nun abgerissen werden.

Die Entscheidung des Planungswettbewerbs für einen Neubau fiel im Februar auf die Architektengemeinschaft HENN, C. F. Møller und Sinai. In mehreren Abschnitten sollen die Bestandsgebäude sechs neuen Klinikzentren weichen. Die Großstruktur wird demnach wieder in ihre einzelnen Bestandteile zerlegt, was der zeitgemäßen Typologie eines Krankenhauses entspricht. Mit der Fertigstellung des neuen Megaprojekts wird erst Ende der 2040er Jahre gerechnet. Folglich fragt man sich, ob nach diesem beträchtlichen Zeitraum die Konzeption des Neubaus nicht schon wieder veraltet sein wird – damit könnte der Neubau demselben Schicksal erliegen wird wie heute der „Toaster“. (re, 16.4.21)

München-Großhadern, Klinikum (Bild: Kingofears, GFDL. oder CC BY SA 3.0, 2010)