Museum

Kunsthalle Rostock (Bild Kunsthalle Rostock, CC by SA 3.0)

Der sozialistische Musentempel

1969 eröffnete in Rostock das erste neu erbaute Kunstmuseum der DDR – es sollte das einzige bleiben. Nichtsdestotrotz kam der Institution Museum im Arbeiter und Bauernstaat eine besondere gesellschaftliche und politische Rolle zu. Als Bildungseinrichtung mit breiter Adressatenschaft waren Museen für die um historische und kulturelle Deutungshoheit bemühte Staatsführung nicht zu vernachlässigen. Vom 2. bis 4. Juni 2019 widmet sich die internationale Tagung „Museen in der DDR“ diesem wissenschaftlich bislang kaum bearbeiteten Forschungsfeld.

Im Fokus stehen die Spezifika des DDR-Museums, egal ob es sich um eine Kunstgalerie, ein Naturkundemuseum oder das historisch-materialistisch aufgebaute und damit hochpolitische Museum für Deutsche Geschichte in Ost-Berlin handelt. Ziel der Veranstaltung ist ein Überblick über den aktuellen Forschungsstand, der auch in einem Tagungsband festgehalten werden soll. Die Tagung ist Teil des Jubiläumsprogramms anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Kunsthalle Rostock, die dem Konvent als Tagungsort eine passende Bühne bietet. Der Call for Papers läuft bis zum 30. November 2018, Abstracts (max. 2000 Zeichen inkl. Leerzeichen + Kurzlebenslauf) können hier eingereicht werden. (jr, 12.10.18)

Rostock, Kunsthalle (Bild: Kunsthalle Rostock, CC BY SA 3.0)

Berlin, Tacheles im Mai 1995 (Bild: Traumrune, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Nineties Berlin

Es war wohl eines der unruhigsten und zugleich kreativsten Jahrzehnte, das Berlin je erlebt hat: In den 1990er Jahren geriet die Stadt zur großen Spielwiese für die verschiedensten Subkulturen. Das DDR-Museum greift für die morgen startende Ausstellung „Nineties Berlin“ zu Begriffen wie „pulsierende Partystadt, Zentrum der Politik, Symbol der Freiheit“. In diese einmalige Atmosphäre sollen die Besucher in der „Alten Münze“ bis zum 28. Februar 2019 auf rund 1.500 Quadratmetern eintauchen können.

Multimedial inszenieren die Ausstellungsmacher die großen Themen dieses Jahrzehnts: die Umbrüche nach dem Mauerfall, die Club- und Technoszene, aber auch die kulturelle Besetzung leerstehender Häuser in Berlin-Mitte. Im Zentrum ertrotzte sich z. B. ab 1990 das Kunsthaus Tacheles kulturelle Freiräume in einem brachliegenden Kaufhaus von 1909. Bis 2012 wurde das Projekt vom neuen Eigentümer aus den Räumen teils herausgekauft, teils herausgetragen. Einige Künstler fanden sich andernorts in Berlin zusammen, einige präsentieren ihre Arbeit jetzt im Internet. Wer es nach der multimedialen Inszenierung von „Nineties Berlin“ eher klassisch mag, kann noch beim Gebäude des Tacheles in der Oranienburger Straße vorbeischauen. Nach einem erneuten Besitzerwechsel wird der Bestand aktuell um einen Neubau ergänzt – das Areal soll künftig (auch) wieder kulturell genutzt werden. (kb, 4.8.18)

Berlin, Tacheles im Mai 1995 (Bild: Traumrune, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Neues, altes Design-Museum

London, Commonwealth-Institute (Bild: Tarquin Binary, CC BY-SA 2.5)
So sah das Commonwealth-Institute im Jahr 2005 aus – heute gibt’s mehr Glas und dickere Nachbarhäuser… (Bild: Tarquin Binary, CC BY SA 2.5)

Das Design Museum in London hat ein neues Domizil, das selbst längst eine Design-Ikone ist: Bis zum Jahr 2002 beherbergte der Bau mit dem charakteristisch geschwungenen Dach das Commonwealth Institute, das hier ab 1962 mit Informationen und Kunstgewerbeobjekten Besuchern nahebringen sollte, wie „der Rest des Commonwealth“ lebte. In ein angeschlossenes Kino mit 450 Sitzen wurden Nachrichten aus diesen anderen Teilen der Welt übertragen.

Nachdem lange Ungewissheit über die Zukunft der denkmalgeschützten Anlage von Sir Robert Matthew, Stirrat Johnson-Marshall and Partners bestand, wird ab dem 24. November 2016 wieder eine Ausstellung unter dem kupferverblendeten Dach zu sehen sein. Das von Rem Koolhas gegründete Rotterdamer Büro OMA renovierte den Altbau und ersetzte dessen Außenwände durch Glas. Dazu entstanden drei – umstrittene – Apartmenthäuser in den Randbereichen des Geländes, für sie wurden unter anderem der Kinosaal und weitere Nebengebäude abgerissen. Der erhaltene Zentralbau des Commonwealth Institute ist nun bereits die dritte Heimat für das 1981 von Terence Conran gegründete Londoner Design Museum, das zunächst im früheren Heizkeller im Souterrain des Victoria and Albert Museum untergebracht war und 1989 in ein schneeweißes Bauhausgebäude am Themseufer umzog. Die ständig wachsende Sammlung sorgte nun erneut für einen Standortwechsel. (db, 22.11.16)

Beschlossen: Abriss der Buchheim-Villa

U 995 im Marinemuseum in Laboe (Bild: Darkone, CC BY SA 2.0)
Natürlich wissen wir, dass das kein Haus ist, sondern ein U-Boot (genauer: das U 995 im Marinemuseum Laboe), doch für eben jenes Gefährt wurde Buchheim mit dem verfilmten Buch „Das Boot“ bekannt – sein ehemaliges Wohnhaus in Feldafing sehen Sie hier! (Bild: Darkone, CC BY SA 2.0)

Es geht um ein, sagen wir es freundlich, auf sympathische Weise einfaches Nachkriegshaus in der Biersackstraße im beschaulichen Feldafing. Dennoch sorgt sein bevorstehender Abriss für Schlagzeilen, denn hier wohnte Lothar-Günther Buchheim (1918-2007), der Fotograf, der Maler, der Regisseur, der Autor, der Sammler. Sein Traum, seiner Kunstsammlung in Feldafing ein Museum zu widmen, scheiterte am Widerstand vor Ort. Stattdessen entstand über die Buchheim-Stiftung am Stanberger See ein Neubau.

Nach dem Tod Buchheims erwog die Gemeinde, sein altes Wohnhaus zum Museum umzunutzen. Zunächst wurde eine Veränderungssperre verhängt, doch der Denkmalpflege reichte der „genius loci“ allein nicht für eine Unterschutzstellung. Nun hat der Feldafinger Gemeinderat dem Anliegen der Buchheim Stiftung stattgegeben, auf dem Grundstück zwei neue Mehrfamilienhäuser zu errichten. Ein zweites mit Buchheim verbundenes Haus in Feldafing, die historistische „Grüne Villa“ in der Bahnhofstraße, steht bereits unter Denkmalschutz. Hier lagen die Anfänge des Buchheim-Museums, in einer kleinen Sammlung zu Anfassen. (kb, 4.11.16)

Gaslaternen ins Museum

Berlin, Charlottenburger Platz, dreiarmiger Kandelaber (Bild: Manfred Brueckels, CC BY SA 3.0)
Noch in der freien Wildbahn: Berlin, Charlottenburger Platz, dreiarmiger Kandelaber (Bild: Manfred Brueckels, CC BY SA 3.0)

Immerhin gibt es die Gaslaterne in Berlin schon seit 1826 – und lange war ihr Netz einmalig dicht: Rund die Hälfte der Gaslaternen weltweit, so schätzte man 2015, sollen in der deutschen Hauptstadt stehen. Doch schon Ende 2015 setzte sie der World Monuments Fund (WMF) auf die Rote Liste – in einer Kategorie mit der Altstadt von Venedig. Denn immer häufiger müssen die angestammten Beleuchtungskörper der energiesparenden LED-Technik weichen.

In diesem Sommer liegt das Problem an einer anderen Stelle. Bislang hatte die Stadt Berlin der Gaslaterne ein eigenes Museum gewidmet. In der Nähe des S-Bahnhofs Tiergarten wurden die inzwischen historisch gewordenen Beleuchtungsköper – handverlesene Exemplare aus 11 europäischen Städten aus den Jahren 1826 bis 1956 – seit 1978 vom Senat und von den Gaswerken unter freiem Himmel ausgestellt. Erst 2006 hatte man den Bestand zur WM aufwändig restauriert. Aber immer häufiger waren die Veteranen der Stadtbeleuchtung dem Vandalismus ausgesetzt. Daher sollen sie nun umziehen: ins Technische Museum in Kreuzberg. Die Kosten hierfür soll hauptsächlich der Senat tragen. Künftig will man die Laternen auf dem umzäunten Museumsparkgelände wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen. (kb, 26.6.16)

A California State of Mind

Los Angeles, Bailey House (Bild: Ilpo's Sojourn (Flickr), CC BY 2.0)
Los Angeles, Bailey House (1959, Fritz Koenig) (Bild: Ilpo’s Sojourn (Flickr), CC BY 2.0)

Stellen Sie sich bitte für einen Moment vor, es wäre Februar. Ein deutscher Februar. Packen Sie in die Vorstellung alles Verfügbare an Nebelschwaden und Rollkragenpulloverwetter. Dann dürften Sie jetzt in der richtigen Stimmung sein für die folgende Meldung: Vom 17. bis zum 20. Februar 2016 wird in Los Angeles im Getty Center die Konferenz „A California Stat of Mind. The Modern House Museum in Southern California“ ausgerichtet.

Das Netzwerk „Iconic Houses“, eine Plattform für moderne Hausmuseen und Architektenhäuser, veranstaltet damit seine vierte internationale Tagung. In einer Stadt, die nicht nur für Sonne und Palmen, sondern auch für seine moderne Baukunst eine Reise wert ist – von der Holzbauweise des Gamble House (1909, Greene & Greene) bis zur Glas-Stahl-Konstruktion Glaskubus des Bailey House (1959, Fritz Koenig). Die Konferenz startet am 17. Februar mit einer „Pre-conference House Tours“ durch die Stadt. Für Mitglieder des Netzwerks und ausgewählte Fachleute werden zudem themenbezogene Workshops angeboten: vom Umgang mit kleinen Hausmuseen bis zu Erhaltungskonzepten für moderne Anwesen. Vom 18. bis zum 19. Februar folgen für das allgemeine Publikum verschiedene Vorlesungen und an den Nachmittag Führungen durch ausgewählte Häuser. Als Ausklang können die Teilnehmer für den 20. Februar noch eine der „Post-conference House Tours“ durch Palm Springs buchen. (kb, 6.6.15)

Karl-Marx-Stadt liegt in Amerika

Das Wende Museum bringt Kunst und Alltag der DDR in die Vereinigten Staaten (Bild: The Wende Museum, Marie Astrid-Gonzalez. CC- BY-SA 3.0)
Das Wende Museum bringt Kunst und Alltag der DDR in die Vereinigten Staaten (Bild: The Wende Museum, Marie Astrid-Gonzalez. CC- BY-SA 3.0)

In den 1980er Jahren konzentrierte sich die DDR-Führung bei  der Suche nach Anerkennung für den maroden Arbeiter- und Bauernstaat zunehmend auf das westliche Ausland. Erich Honecker wurde nicht nur von Helmut Kohl und Francois Mitterand, sondern sogar vom Papst empfangen. Ein Wunsch blieb dem Generalsekretär jedoch verwehrt: der Staatsbesuch in den USA. Seit 2002 hat die DDR hier wieder eine ständige Vertretung: Das Wende Museum and Archive of the Cold War zeigt in Culver City bei Los Angeles die wahrscheinlich größte Sammlung ostdeutscher Alltags- und Kunstobjekte außerhalb Deutschlands.

Justinian Jampol, Gründer und Direktor des Museums, grenzt sich im Ansatz von selektiven Methoden historischer Museen oder Archive strikt ab. Der Historiker sammelte vielmehr seit seiner Studentenzeit Alltagsgegenstände ebenso wie Staatskunst, Illustrierte oder Mauersplitter. Wichtigstes Kriterium: DDR-Provenienz.  Das Ergebnis ist eine allumfassende thematische Sammlung, die bis heute ständig erweitert wird. Auch aus diesem Grund soll das mittlerweile fest etablierte Museum nun expandieren: die Stadt stellte hierzu einen ehemaligen Militärkomplex inklusive Atombunker aus dem Jahr 1949 (!) zur Verfügung. (jr, 10.11.2014)

Brücke von Jablanica (Bild: Alessandro Giangiulio, CC BY SA 2.0)

Entmachtet die Monumente!

von Dina Dorothea Falbe

Ein Museum im Niemandsland – das große Panoramafenster des modernen Baus gibt den Blick auf eine Brückenruine frei. Der Kunsthistoriker und Buchautor Christian Welzbacher beschreibt einen Besuch in dem Museum, das 1978 in Jablanica eröffnet wurde, um den Gründungsmythos der Volksrepublik Jugoslawien zu erzählen: Die Brücke war 1943 von Partisanenführer Tito gesprengt worden, um die gegnerischen Truppen durch eine Finte abzulenken und so den Krieg für sich zu entscheiden. Einst pilgerten Schulklassen zum Museum, waren stolz auf ihre Vorfahren, die in verlustreichen Schlachten die Gründung eines neuen Staates erkämpft hatten.

 

Ein Schatten seiner selbst

Heute ist das Museum nur noch ein Schatten seiner selbst. Welzbacher schreibt: „Ein neuer Krieg hat das Andenken an den historischen Krieg überlagert, dem man dieses Museum einst geweiht hatte. Er hat den Mythos erodieren lassen, hat die Partisanenrepublik und ihre Gewissheiten zerstört.“ Er fand heraus, dass es sich bei der zerstörten Brücke um eine Rekonstruktion handelt, die in den Sechzigerjahren als Kulisse für einen Film gebaut worden war, der ebenfalls den Mythos um Tito ausschmücken sollte. „Zerronnen der falsche Glanz der Historie“, konstatiert Welzbacher mit Blick auf die Ausstellung, die er 2008 im Gebäude vorfand: „Keine neuen Mythen. Nur Zettel inmitten der kläglichen Reste einer ungültig geworden Ausstellung.“ Die zerstörte Brücke ist kein historisches Zeugnis, stattdessen ist das Museum selbst eines geworden.

Ausgehend von dieser kuriosen Situation setzt Christian Welzbacher in seinem buchförmigen Essay „Das totale Museum“ dazu an, seiner Beobachtung nachzugehen, dass Museen „eher zu Orten der Behauptung, also unglaubwürdig geworden“ zu sein scheinen – gerade auch in Gegenden, denen die oben beschriebenen historischen Brüche in den letzten Jahrzehnten erspart geblieben sind. Er skizziert die Entwicklung des Museums von seinen Anfängen in der privaten Kunstkammer über die bürgerliche Institution bis zum Museum als Unternehmen in die heutige Zeit. Im Museum würde „jedes Ding zum Objekt“, indem es „einem bestimmten außermusealen Zusammenhang entnommen und dem konstruierten Sinnzusammenhang des Museum zugeführt wird“. Deshalb könnten drei Kuratoren aus derselben Auswahl an Gegenständen drei völlig unterschiedliche Ausstellungen erschaffen und das Museum sei „seinem Wesen nach und von jeher: institutionalisierte Klitterung“.

 

„Institutionalisierte Klitterung“

Der Begriff der Klitterung ist negativ besetzt. Ihm gegenüber steht die objektive Wahrheit, die aber bekanntlich eine Illusion darstellt. Eine solche Wahrheit zu setzen und glaubhaft zu machen, muss daher als politischer Akt gelten. Von der Politik lässt sich das Museum sowohl inhaltlich wie auch strukturell nicht trennen, auch wenn die Beziehung zwischen beidem sich ständig verändert. Anhand eines aktuellen Interviews mit dem Präsidenten der Bonner Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik“ zeigt Welzbacher auf, wie das Museum die Geschichte nicht nur zeigt, sondern produziert. Das Museum entscheidet, welche Überreste von historischen Ereignissen ausgestellt und mit anschaulichem Material ergänzt werden. So werden bestimmte Ereignisse als „gesellschaftlich relevant“ definiert.

Welzbacher legt nahe, dass man sich bei der Erstellung einer Ausstellung der politischen Ebenen des Museums bewusst sein sollte, um glaubwürdig zu wirken. Anstelle von Klitterung könnte man dabei auch von Mystifizierung sprechen. Das anfangs beschriebene Museum in Jugoslawien hat zumindest für einige Zeit wirkungsvoll einen gesellschaftlichen Mythos am Leben erhalten. „Mythos“ ist in der Bundesrepublik allerdings fast ebenso negativ besetzt wie „Klitterung“. Sehr offensiv wurde in den 1930er Jahren an einem Mythos für das sogenannte Dritte Reich gearbeitet. Auch darüber hat Christian Welzbacher ein Buch geschrieben: „Monumente der Macht“. Mit dem Untertitel „Eine politische Architekturgeschichte Deutschlands“ zeigt der Band einen vergrößerten kulturellen und sozialen Kontext von Architektur und deren Inszenierung im 20. Jahrhundert auf.

 

Monumente der Macht

Die symbolische Intention von NS-Architekturen ist bekannt. Hier war nicht nur die Formensprache übertrieben monumental, auch die Geschichtsklitterung war laut Welzbacher „radikal“. So wurde der Quedlinburger Dom 1937 umgestaltet, um ein einheitliches Geschichtsbild zu erzeugen und den dort begrabenen Sachsenkönig Heinrich I. zum direkten Ahnen des Nationalsozialismus erklären zu können. Schon nach der Machtübernahme 1933 hatte Hitler mit einer Zeremonie an der Potsdam Garnisonkirche die Nachfolge der Preußischen Herrscher beansprucht. In einer nachträglich angefertigten Malerei wurde die Begegnung mit Paul von Hindenburg in die Kirche verlegt und Hitlers Verbeugung weniger tief dargestellt, um ihn heroischer wirken zu lassen.

Die Nationalsozialisten nutzen die selbstgeschaffenen Mythen, um grausame Verbrechen zu legitimieren. Klar, dass sich nach 1945 niemand den Vorwurf machen lassen wollte, eine solche Mythenbildung zu betreiben. Die Architektur der Nachkriegszeit lässt sich als Bemühung deuten, eben jene Mythen zu überwinden. Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass auch die sogenannte unbelastete Moderne als „Stil“, auf den sich bundesdeutschen Architekten nach dem Krieg einigten, nur als Mythos bezeichnet werden kann. In „Monumente der Macht“ bringt Welzbacher Beispiele, wie es Architekten auch in der Bundesrepublik gelang, einen Mythos um sich und die eigene Arbeit zu erschaffen, der ihnen Ruhm einbrachte.

 

Ein unbelasteter Stil?

Welzbacher versteht diese erneute Mythenbildung gewissermaßen als Nachwirkung der NS-Zeit. Es wäre zu einfach, den gesellschaftlichen Anspruch der Architekten als Heuchelei abzutun. Die Architektur der Nachkriegszeit sollte ein sachliches, streng wissenschaftliches Weltbild repräsentieren, dass in Abgrenzung zur konstruierten Ideologie der Nazis als moralisch galt. Die moralische Komponente, die das ideale Museum in den Augen vieler noch heute besitzt, passt zu diesem gesellschaftlichen Anspruch. Dieser Haltung wohnt jedoch auch eine autoritäre Komponente inne: der Anspruch auf die alleinige Deutungshoheit der Realität, ein Monopol auf die Definition gesellschaftlicher Relevanz.

In „Das totale Museum“ beschreibt Christian Welzbacher am Beispiel des Guggenheim Museums in Bilbao, wie das Museum von der bürgerlichen Institution mit moralischem Anspruch zum Unternehmen wurde, das marktwirtschaftlich agiert. Die Unsicherheit der selbstständigen Kuratoren, die sich mit Werkverträgen finanziell nur schwer über Wasser halten, wirke sich auch auf die Inhalte aus, so seine These. Als leidenschaftlicher Museumsgänger sieht Welzbacher die Zukunft desselben jedoch längst nicht so negativ, wie diese Aussagen vermuten lassen. Stattdessen führt er Beispiele an, wie die Institution Museum beispielsweise auf künstlerische Weise „umcodiert“ werden kann. Im „Museum der Unschuld“, das der Schriftsteller Orhan Pamuk nach seinem gleichnamigen Roman auch real in Istanbul eingerichtet hat, stellt dieser Alltagsgegenstände aus der westlich orientierten Türkei der Siebzigerjahre aus. Deklariert als Museum für eine verflossene Liebe, kritisiert er auf subtile Weise die heutige konservative Politik.

 

Demokratisiert das Museum!

Die Entfernung des Museums von seiner moralischen Monopolstellung kann auch als Demokratisierung verstanden werden. Gesellschaftliche Ereignisse können unterschiedlich gedeutet werden. So entstehen unterschiedliche Mythen, die einander kritisieren, aber selbstverständlich koexistieren können. In diesem Kontext ist positiv zu bewerten, dass die Staatsarchitektur der Berliner Republik zum Großteil „keine eigenständige politische Botschaft vermittelt“, wie Welzbacher in „Monumente der Macht“ schreibt. Der Einzelne hat nun die Wahl zwischen mehreren Geschichten, damit können die Machtverhältnisse in der Demokratie immer wieder neu ausgehandelt werden. So jedenfalls die Theorie. In der Praxis scheint es noch immer schwer, die Vielfalt an baulichen Zeugnissen vergangener Epochen als wertvolle Grundlage für demokratische Entwicklungsprozesse zu erkennen. Gefordert wird oft, den politischen Bruch mit der Vergangenheit auch durch architektonische Symbolik auszudrücken, wie im letzten Jahr die Auseinandersetzung um das Münchner Haus der Kunst zeigte. Dabei sollte man aufpassen, dass Demokratie nicht „zum Pflichtfach wird“, bevor sie gelebt wird. So zitiert Welzbacher eine Aussage Carl Zuckmeyers von 1949: Wer „einmal den furchtbaren Zusammenbruch eines gepredigten Ideals erlebt hat, ist gegen alle gepredigten Ideale misstrauisch und skeptisch“. (7.1.18)

Titelmotiv: Brücke von Jablanica (Bild: Alessandro Giangiulio, CC BY SA 2.0)

Christian Welzbacher, Das totale Museum. Über Kulturklitterung als Herrschaftsform (Fröhliche Wissenschaft 107), Matthes & Seit Verlag, Berlin 2017, 128 Seiten, Klappenbroschur, ISBN: 978-3-95757-387-2.

Christian Welzbacher, Monumente der Macht. Eine politische Architekturgeschichte Deutschlands 1920-1960, Panthas Verlag, Berlin 2016, 280 Seiten, Schwarz-Weiß-Abbildungen, Hardcover, 17,5 x 24,5 cm, ISBN: 978-3-86964-106-5.

Das Lehmbruck-Museum wird 50

Duisburg, Lehmbruck-Museum, Lehmbruck-Trakt, 1964 (Bild: Lehmbruck-Museum)
1964 wurde das Duisburger Lehmbruck-Museum – hier der Lehmbruck-Trakt – eingeweiht (Bild: Lehmbruck-Museum)

Der Sohn hat es eigens für die Plastiken seines Vaters entworfen. Im Jahr 1964 wurde in Duisburg das Museum eingeweiht, das der Architekt Manfred Lehmbruck (1913-92) für das Werk des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) gestaltet hatte. Ganz im Sinn des Internationalen Stils verband der hochmoderne Komplex die helle Große Glashalle und den in die Erde eingegrabenen Lehmbruck-Trakt mit gewölbten Betonwänden. Im Jahr 1987 erweiterte man das Lehmbruck-Museum schließlich um einen Anbau.

Zum 50-jährigen Jubiläum des Museums wurde nun die ursprüngliche Aufstellung der Lehmbruck-Plastiken wiederhergestellt und um neue Impulse bereichert. Unter dem Titel „Sculpture 21st“ ergänzen zeitgenössische Künstler wie Tino Sehgal, Monika Sosnowska oder Erwin Wurm die Präsentation. Im unteren Bereich des Lehmbruck-Trakts wird zudem eine Dokumentation der Museumsgeschichte gezeigt. Und nicht zuletzt inszenierte das raumlabor berlin weitere Artefakte des 20. Jahrhunderts – von Hans Arp bis zu Pablo Picasso – unter dem Titel „Geister der Moderne“. (kgb, 22.6.14)

Neue Frauen

Neue Frauen (Bild: MKG Hamburg)
In den 1920er Jahren – hier die Werbung der Marke Yva – trug die moderne „neue“ Frau selbstbewusst Seidenstrümpfe (Bild: MKG Hamburg)

Die moderne „neue“ Frau der 1920er Jahre trug Seidenstrümpfe und kurze Haare. Aus der Sammlung Fotografie zeigt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe noch bis zum 27. Juli 2014 die Ausstellung „Neue Frauen“. Mit 40 ausgewählten Aufnahmen aus der Zeit der Weimarer Republik wird lebendig, wie tiefgreifend sich das Frauenbild nach dem Ersten Weltkrieg wandelte. Als 1918 das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, empfanden dies viele Zeitgenossinnen als Signal zum Aufbruch.

In Literatur und Film, aber auch in Modezeitschriften inszenierte man auf einmal Frauen, die Tennis spielten und Auto fuhren. Doch wurden sie nicht nur als Modell vor, sondern auch – wie Aenne Biermann, Lotte Jacobi oder Madame d’Ora – als Fotografin hinter der Kamera aktiv. Gerade in den jungen Berufsfeldern Film und Journalismus ergriffen Frauen ihre neuen Chancen. Die Ausstellung „Neue Frauen“ steht im Rahmen der Reihe „Die Sammlung im Kontext“, mit der das Museum für Kunst und Gewerbe bis 2015 tiefere Einblicke in seine Bestände zu Fotografie und Neue Medien geben wird.

Centre Le Corbusier fällt an die Stadt

Das Züricher  Le-Corbusier-Haus (Bild: Roland zh)
Das Centre Le Corbusier am Züricher See, das letzte Werk des Stararchitekten der Moderne, wird ab Juli 2014 wieder regelmäßig für Besucher geöffnet (Bild: Roland zh)

Am Ostufer des Züricher Sees wurde 1967 der letzte Entwurf des Architekten Le Corbusier (1887-1965) umgesetzt. Das farbenfrohe Gesamtkunstwerk beherbergt das Heidi-Weber-Museum mit Werken des Stararchitekten. Nach Unstimmigkeiten zwischen der Besitzerin Heidi Weber und der Stadt Zürich wird das Centre Le Corbusier ab Juli 2014 wieder regelmäßig für Besucher geöffnet. In diesem Jahr fiel das Haus – der Baurechtsvertrag lief nach 50 Jahren aus – zurück an die Stadt.

Keinen Beton-Kubus, sondern ein Gesamtkunstwerk aus Stahl, Glas und Farbe gestaltete der Stararchitekt für Zürich. Unter dem plastisch aufgefalteten Dach sind die Museumsräume als eigenständiger Baukörper eingefügt. Der Bau wurde durch die Initiative der Innenarchitektin Heidi Weber ermöglicht, die in den Räumen Wechselausstellungen zu Le Corbusier plante. Nach Übergabe an die Stadt, soll das Centre Le Corbusier nun für die kommenden zwei Jahre vom Frühjahr bis zum Oktober, von Mittwoch bis Sonntag, von 12 bis 18 Uhr geöffnet werden. Aus konservatorischen Gründen wird die Besucherzahl täglich auf 100 begrenzt.

Sitzen – Liegen – Schaukeln

Sitzen - Liegen - Schaukeln (Bild: Grassi-Museum Leipzig)
Sitzen – Liegen – Schaukeln (Bild: Grassi-Museum Leipzig)

Ihr Kaffeehaustuhl Nr. 14 wurde legendär – der Möbel-Firma Thonet widmet das Leipziger Grassi-Museum bis zum 19. September 2014 die Ausstellung „Sitzen – Liegen – Schaukeln“. Gegründet 1819, wurde Thonet bekannt für klare gebogene Holzmöbel. In den 1930er Jahren kamen Stahlrohrdesigns hinzu, in den 1950er Jahren beschäftigt man große internationale Gestalter wie Verner Panton oder Norman Foster. Die Leipziger Ausstellung zeigt über 100 (Sitz-)Möbelstücke, vom berühmten Kaffeehausstuhl bis heute. Begleitend ist ein reich bebilderter Katalog erschienen.

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