Mannheim: Ein Mutschler weniger

Nun ist es offiziell: Der Gemeinderat der Stadt Mannheim hat in seiner Sitzung vom 3. November beschlossen, dass es der Geschwister-Scholl-Schule auf der Vogelstang an den Kragen geht. Ein Neubau soll die Gesamtschule ersetzen, die aus einer Werkrealschule, einer Realschule und einem Gymnasium besteht und auch die Stadtteilbibliothek beheimatet. Zuvor hatte ein Gutachter bestätigt, dass die Schule „nicht sanierbar“ sei, wie der Mannheimer Morgen berichtet. Dank des Gutachtens könnten für den Neubau Fördermittel des Landes beantragt werden, heißt es auf einer Website der Stadt Mannheim.

Architekt der Geschwister-Scholl-Schule war der Mannheimer Architekt und Egon-Eiermann-Schüler Carlfried Mutschler. Errichtet wurde sie in zwei Bauabschnitten zwischen 1967 und 1975. Während die von Mutschler gemeinsam mit Frei Otto entworfene Multihalle kürzlich gerettet werden konnte, hat der Schulbau offenbar keine Fürsprecher. Auch ein Artikel der Süddeutschen Zeitung kam zum Schluss, dass Mutschlers Schulbauten nicht mehr in die Zeit passten. Dabei verfolgte der Architekt ein ambitioniertes Gestaltungskonzept. Mit Sichtbeton und rotem Sichtmauerwerk tritt die Schule in Beziehung zum nahe gelegenen Evangelischen Gemeindezentrum Vogelstang, das Mutschler 1968 mit den gleichen Materialien schuf. Man darf auf den Neubau gespannt sein – ob auch er die subtile städtebauliche Beziehung fortführen wird? (mk, 18.11.20)

Titelmotiv: Eingangsbereich der Geschwister-Scholl-Schule in Mannheim-Vogelstang von Carlfried Mutschler, (Bild: Maximilian Kraemer 2020)

Fällt St. Michael in Heidelberg?

Einem Bericht der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) zufolge plant die römisch-katholische Stadtkirchengemeinde Heidelberg, ihre Kirche St. Michael in der Südstadt abzureißen. Bereits seit Jahren wird über die Zukunft des Bauwerks nachgedacht. Kurz nachdem die Abriss-Idee erstmals aufkam, wurde die Kirche durch die obere Denkmalschutzbehörde 2013 als Kulturdenkmal gelistet. Nun soll der Abriss – nach Informationen der RNZ – im Pfarrgemeinderat diskutiert werden. Anstelle des Kulturdenkmals könne man sich ein Quartier für Demenzpatienten vorstellen, heißt es.

Gegen das Aus für die architektonisch wertvolle Kirche hat sich bereits Widerstand in den eigenen Reihen formiert: Ein Mitglied des Pfarrgemeinderats rief einen Verein ins Leben, der um den Erhalt von St. Michael kämpft. Für die Südstadt wäre der Abriss der Kirche städtebaulich ein herber Verlust. Mit ihrem quadratischen, um fünfundvierzig Grad gedrehten Baukörper und dem markant an einer Straßenecke positionierten Campanile prägt St. Michael die in den 1950er Jahren entstandene Umgebung. Von den schlichten Zeilenbauten und traditionellen Einfamilienhäusern hebt sich der Kubus mit Natursteinverkleidung deutlich ab. Zudem ist die 1963 nach Entwürfen von Manfred Schmitt-Fiebig entstandene Kirche, laut eines Porträts der Denkmalpflegerin Melanie Mertens, einer der ersten Bauten im Südwesten, bei dem ein neues Raumkonzept gewagt wurde – und das noch vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. (mk, 9.11.20)

Heidelberg-Südstadt, St. Michael (Bild: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Foto: Bernd Hausner)

Heidelberg-Südstadt, St. Michael (Bild: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Foto: Bernd Hausner)

Heidelberg-Südstadt, St. Michael (Bild: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Foto: Bernd Hausner)

Heidelberg, St. Michael (Bild: Luftschiffhafen, CC BY SA 3.0, 2012)

Heidelberg-Südstadt, St. Michael (Bild: Luftschiffhafen, CC BY SA 3.0, 2012)

Titelmotiv: Heidelberg-Südstadt, St. Michael (Bild: Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Foto: Bernd Hausner)

Sindelfingen: Neues Rathaus wird 50

Am 6. November 1970 wurde das Neue Rathaus in Sindelfingen nach fast zehn Jahren Planung eingeweiht. Damit erlebt das imposante Scheibenhochhaus gerade sein 50jähriges Bestehen. In der Wirtschaftswunderzeit profitierte Sindelfingen von hohen Gewerbesteuereinnahmen, die dank der schwäbischen Marke „mit Stern“ in die Stadtkasse flossen. Das Rathaus aus dem 19. Jahrhundert war für die wachsenden Aufgaben der Verwaltung zu klein geworden. Deshalb lobte man Anfang der 1960er Jahre einen Wettbewerb für einen Neubau aus. Von den eingehenden Entwürfen war die Jury so begeistert, dass sie schließlich zwei Planungen mit einem ersten Preis bedachte.

Die Architekten Günter Wilhelm und Jürgen Schwarz favorisierten ein Scheibenhochhaus. Der andere Preisträger, Roland Ostertag, hatte ein niedrigeres Gebäude mit Atrium vorgeschlagen. Letztlich fiel die Entscheidung zugusten von Wilhelm und Schwarz. Seit 2014 ist das Sindelfinger Rathaus als Kulturdenkmal gelistet. Angefangen von der Fassade mit überwiegend erhaltenem Sichtbeton (!) über das Foyer mit dunkelgrauen Granitböden bis hin zum Mobiliar samt Büffellederbezug scheint alles noch am rechten Platz zu sein. Selbst im hauseigenen Ratskeller nimmt man noch auf den originalen Fauteils Platz. Damit ist das Sindelfinger Rathaus ein sehenswertes Highlight für alle Fans des Brutalismus und die, die es werden wollen. (mk, 6.11.20)

Sindelfingen, Rathaus (Bild: qwesy qwesy, CC BY SA 3.0, 2015)

Sindelfingen, Rathaus (Bilder: Titelmotiv: historische Postkarte; unten: qwesy qwesy, CC BY SA 3.0, 2015)