Wien, Nachkriegsmodern

Architektur und Design der 1950er bis 1960er Jahre findet man überall in Wien. Ob Wohnbauten, öffentliche Gebäude, städtische Infrastruktur oder Freizeitanlagen: Vieles aus dieser Zeit wird auch heute noch von uns allen genutzt. Während jedoch Landmarks wie die Stadthalle oder der Ringturm Beachtung finden, wird das „Mid-Century Design“ im Alltag gern übersehen. Das mag auch an der Formensprache liegen: Es ist keine Avantgarde, die uns hier begegnet, sondern eine konservative Moderne aus dem restaurativen politischen Klima der Nachkriegszeit – angesiedelt zwischen Beschwingtheit und Biederkeit; nur keine Experimente. Zum Zug kamen vornehmlich Architekten, die auch während der NS-Zeit, im Austrofaschismus oder im Roten Wien bauen durften. Die nach dem „Anschluss“ 1938 vertriebenen oder schon zuvor emigrierten Architekt*innen fanden nach 1945 in Wien kein Betätigungsfeld mehr, eine junge Generation stand erst in den Startlöchern. 

Die allgegenwärtigen Zeugen der Nachkriegsmoderne in Wien sichtbar zu machen, war das Ziel des Grafikers Tom Koch. Gemeinsam mit dem Fotografen Stephan Doleschal hat er ein Buch und eine Ausstellung konzipiert und dafür Gebäude, Interieurs und „Stadtmöbel“ aus den Jahren 1950 bis 1965 aufgespürt. Neben Ikonen wie dem Gartenbaukino, der Stadthalle oder dem Café Prückel sind auch weniger bekannte Beispiele des Mid-Century-Designs vertreten. Darunter befinden sich öffentliche Bauten wie die Hans-Radl-Schule in Gersthof, die Senderanlage Bisamberg oder das Atominstitut beim Prater, Freizeitangebote wie die Minigolfanlage am Postsportplatz in Hernals und das Bundesbad Alte Donau sowie Geschäftslokale wie „Nähzubehör Hartinger“ in der Spiegelgasse 13 (1. Bezirk). Die Ausstellung, ab dem 23. September beim WienMuseum am Karlsplatz Open Air zu sehen, präsentiert diese Fundstücke nach dem Baukastenprinzip: Formen, Farben und typische Materialien laden dazu ein, die Stadt mit geschärfter Wahrnehmung selbst neu zu erkunden. Das Thema passt perfekt zum Ausstellungsort: Denn das Wien Museum, 1959 als Historisches Museum der Stadt Wien eröffnet, ist ein weiteres herausragendes Beispieljener Ära. (db, 11.9.21)

Wien, Hans-Radl-Schule (Bild: Stephan Doleschal/ Mid-Century Vienna)

Pekka Pitkänen und die finnische Moderne

Bei DOM Publishers ist erstmals eine englischsprachige Monografie über den finnischen Architekten Pekka Pitkänen erschienen. Obwohl der Architekt außerhalb Finnlands bislang kaum Bekanntheit genießt, war eine solche Würdigung überfällig, denn er prägte maßgeblich die klare Nachkriegsmoderne seines Heimatlands. 1927 geboren, eröffnete er im südfinnischen Turku Mitte der 1950er Jahre ein Architekturbüro. Seine Bauten entstanden hauptsächlich in der Umgebung der nach Einwohnern immerhin sechstgrößten finnischen Stadt. Bekannt wurde er mit einer 1967 fertiggestellten Friedhofskapelle in Turku, die sich durch ihre geometrischen, geschlossenen Baukörper klar von der umgebenden Kulisse des Nadelwalds absetzt.

Als weiterer Meilenstein im Werk Pitkänens kann die Erweiterung des finnischen Parlaments gelten, die er 1978 gemeinsam mit Ola Laiho und Ilpo Raunio umsetzen konnte. In seinen letzten Jahren konzentrierte er sich auf öffentliche Bauten wie das Gericht von Turku (1997). Auf über 200 Seiten beleuchtet nun der Autor Mikko Laaksonen das breite Werk Pitkänens. Neben zahlreichen Abbildungen sollen in das Buch auch die unveröffentlichten Memoiren des Architekten eingeflossen sein. (mk, 4.2.21)

Laaksonen, Mikko, Concrete Modernism in Finland. Pekka Pitkänen 1927–2018, Dom Publishers, Berlin 2021, 21 x 23 cm, 204 Seiten, 350 Abbildungen, Softcover, ISBN: 978-3-86922-744-3.

Turku, Runosmäen koulu (Bild: © Samuli Lintula, CC BY SA 3.0, 2008)

Graz: Studierende bewerten die späte Moderne

Zwei Akademiker stehen mit Mundschutz vor einer brutalistischen Architektur. Er redet in die Kamera, sie auch. Dann zückt sie den Kleisterpinsel und beide heften ein Plakat an eben jenes Gebäude. Mit diesem Video warben Anselm Wagner und Sophia Walk im Wintersemester für ihre Projektübung an der TU Graz, in der Architekturstudierende die Bauten zwischen 1945 und 2000 „be-gutachten“ sollten. Ziel waren kleine beschreibende und wertende Texte mit Plänen und Fotografien, die besondere Objekte vorstellen. Dafür durchforsteten die Studierenden zu zweit ausgewählte Außenbezirke der Stadt auf mögliche Denkmalkandidaten hin. Bis Ostern soll daraus eine Zeitung entstehen, die den Verantwortlichen und Multiplikatoren vorgelegt wird.

Anselm Wagner und Sophia Walk vor der Markthalle Eggenberg – aus dem Einladungsvideo (öffnet beim Klick aufs Bild) zur Projektübung der TU Graz (Bild: Screenshot)

Der Hintergrund ist in Graz nicht viel anders als anderswo im deutschsprachigen Raum: Die Bauten der Nachkriegsjahrzehnte geraten unter Druck – Sanierungsstau, sich wandelnde Bedürfnisse und Anforderungen bedrohen das jüngere Kulturerbe der Stadt. Der Denkmalschutz kann mit dem immer rascher werdenden Wandel kaum mithalten. Hinzu kommt eine gewisse Vorliebe für die klassischen Bauten, die in Graz noch dazu meist in der geschützten Altstadtzone liegen. Die Randbezirke fallen dabei allzu oft noch hinten runter. So sind in den letzten Jahren einige bedeutende Architekturen dieser Ära abgerissen oder wenig sachgerecht umgestaltet worden, wie z.B. das Studentenwohnhaus Hafnerriegel (Werkgruppe Graz, 1963) oder die Raika Andritz (Team A, 1980).

Graz, Hypo-Bankfiliale (Emil Bernard, 1974–1975, 2000) (Bild: Alena Köstl/Anastasiia Kutsova)

Gestern wurden die Ergebnisse der Grazer Projektübung virtuell im kleinen Kreis vorgetragen – mit dabei drei externe „Gastkritiker“ (Markus Bogensberger, Pablo von Frankenberg und die Verfasserin). Während die Studierenden ihr Vorgehen und ihre Auswahl begründeten, entspannen sich Diskussionen um die großen Grundfragen: Darf die Nutzungsoffenheit eines Gebäudes seine Unterschutzstellung beeinflussen? Wie emotional werbend muss ein Denkmaltext sein? Und braucht es vielleicht sogar eine Quote für Gattungen oder Stile, damit nicht ein individueller Geschmack die Auswahl verdirbt? Am Ende zeigten sich die Mitwirkenden offen auch für die jüngsten Architekturen – immerhin hätten die 1990er noch etwas von qualitätvollen Baudetails verstanden. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen ihre Zeitungen fleißig studieren und das ein oder anderen in die Praxis zu übertragen wissen. Denn so viel haben die Studierenden bereits jetzt unübersehbar belegt: In Graz gibt es viel schützenswerte Moderne zu entdecken. (kb, 29.1.21)

Graz, Wohnhochhaus (Theodor Culk, Heinrich Gottwald, Viktor Reiter, 1957–64) (Bild: Cornelia Ott/Lisa Presnik)

Graz, Wohnhochhaus (Theodor Culk, Heinrich Gottwald, Viktor Reiter, 1957–1964) (Bild: Cornelia Ott/Lisa Presnik)

Graz, Haus Behmel (Viktor Winkler, 1972–1973) (Bild: Cornelia Ott/Lisa Presnik)

Graz, Wohnanlage Kroisbach (Team A (Franz Cziharz, Herbert Missoni, Ignaz E. Holub), 1966–1973) (Bild: Cornelia Ott/Lisa Presnik)

Graz, Bürogebäude (Atelier Schiefer, 1987–1990) (Bild: Jakob Bock/Darlene Pudil)

Graz, Fliesen Leeb (Leeb Condak Architekten (Peter Leeb, Christina Condak), 1998–1999) (Bild: Alena Köstl/Anastasiia Kutsova)

Graz, Kindergarten Salvator, ehem. Jugendhaus Seelsorgezentrum Graz-Nord) (Karl Raimund Lorenz, Peter Reitmayr, 1966–1969, 2012) (Bild: Cornelia Ott/Lisa Presnik)

Graz, Fernheizwerk Graz-Süd (Ferdinand Schuster, 1960–1964) (Bild: Alena Köstl/Anastasiia Kutsova)

Graz, Schule Alt-Grottenhof bzw. Internatsanbau Ekkehard-Hauer-Schule (Manfred Zernig, 1986–1987, Abriss geplant) (Bild: Alena Köstl/Anastasiia Kutsova)

Titelmotiv: Graz, Haus Zusertal (Michael Szyszkowitz + Karla Kowalski, 1979–1981) (Bild: Cornelia Ott/Lisa Presnik)