Schlagwort: Nationalsozialismus

Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018)

Wenn Sie hier mehr sehen als Hakenkreuze …

Vielleicht ist es ein Zeichen wachsender Political Correctness, vielleicht aufsteigender Ängstlichkeit: In den vergangenen Monaten werden vermehrt lange gezeigte und zumindest geduldete Kunstwerke neu diskutiert, teils in Frage gestellt, teils ganz entfernt. Die Spanne reicht von der unbekleideten Schönheit bis zum nationalsozialistischen Emblem. In Essen soll nun die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung vollständig umgestaltet werden. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigt der Gottesdienstraum (noch) typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz.

Höhere Wellen schlägt die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle: Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits entfernt. Die Glasgstaltung von Carl Bringmann zeigt eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre. Und die Balkendecke trägt christliche Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Der gesamte Kapellenraum soll in ein neues, ganz weiß-neutrales Gewand gehüllt werden. Dem stellt sich der „Arbeitskreis Essen 2030“ entgegen. Die erhaltene Gestaltung der Bauzeit sei auch „ein Beleg für die ideologische Durchdringung der evangelischen Kirche in den 1930er Jahren“. Da helfe kein Anstrich, nur Aufklärung. (kb, 4.12.18)

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018) 

Speer und Hitler (Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1971-016-31 / CC-BY-SA 3.0)

Das Märchen vom guten Nazi

„Wenn Hitler Freunde gehabt hätte, dann wäre ich bestimmt einer seiner engen Freunde gewesen“, behauptete der frühere Rüstungsminister und erklärte Liebligsarchitekt des Diktators nach dem Krieg. Die Mittäterschaft an den nationalsozialistischen Verbrechen wies Albert Speer jedoch weit von sich. Ein Verführter sei er gewesen, unwissend über die Gräueltaten des Regimes und beseelt von der Größe der architektonischen Aufträge. Diese Deutung eigneten sich nach 1945 viele Deutsche an, nicht zuletzt, um die eigene NS-Vergangenheit zu relativieren. Eine Ausstellung in Prora räumt mit dem Mythos auf und beleuchtet die Vita Albert Speers nach den aktuellen Erkenntnissen der Forschung.

Die Ausstellung, die im letzten Jahr bereits im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zu sehen war, legt ihren Schwerpunkt auf die zweite Karriere Albert Speers. So machte der ehemalige Stararchitekt seine Erinnerungen mit Büchern und Vorträgen zu Geld – natürlich in einer von allen belastenden Details bereingten Form. Die Ausstellung kontrastiert sie mit den jüngsten Ergebnissen zeithistorischer Forschung, die Speers Selbstinszenierung als politisch naiver Künstler klar ins Reich der Legende verweisen. „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“ ist bis zum 30. August 2018 im alten Tanzsaal von Prora zu sehen. (jr, 31.5.18)

Speer und Hitler (Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1971-016-31, CC BY SA 3.0)

Geschirr und Besteck der Häftlinge des Außenlagers Annener Gußstahlwerk des KZ Buchenwald im Westfälischen Museum für Archäologie (Bild: Reclus, CC0)

Eine Archäologie der Moderne

Nur noch wenige Zeitzeugen können über die Zustände in den Lagern der NS-Zeit berichten. Das Archivmaterial ist – gerade bei kleineren Einrichtungen wie den KZ-Außenlagern und Zwangsarbeitslagern – oft unergiebig. Doch ihre Spuren sind überall in Mitteleuropa auffindbar. Was erzählen diese materiellen Überbleibsel? Archäologie ist ein weitgehend ungenutztes Werkzeug, um dieser Frage nachzugehen.

Am Beispiel von Ausgrabungsfunden auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin zeigt Reinhard Bernbeck detailliert, was eine solche „Archäologie der Moderne“ leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und wie sie sich in eine umstrittene „Erinnerungskultur“ einfügt. Reinhard Bernbeck veröffentlichte sein Buch „Materielle Spuren des nationalsozialistischen Terrors. Zu einer Archäologie der Zeitgeschichte“ Ende 2017 als Druck- und als Ebook-Ausgabe beim tanscript-Verlag. Bernbeck ist Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität Berlin und Professor Emeritus der Binghamton University, NY, U.S.A. (kb, 2.2.18)

Bernbeck , Reinhard, Materielle Spuren des nationalsozialistischen Terrors. Zu einer Archäologie der Zeitgeschichte, transript Verlag, Bielefeld 2017, 520 Seiten, ISBN-13: 978-3837639674.

Geschirr und Besteck der Häftlinge des Außenlagers Annener Gußstahlwerk des KZ Buchenwald im Westfälischen Museum für Archäologie (Bild: Reclus, CC0)

München, Haus der Kunst, 2014 (Bild: M(e)ister Eiskalt, CC BBY SA 4.0)

Schweres Erbe?

Manches Erbe wird als Last empfunden, hält es doch die Erinnerung an Geschichte(n) wach, die man eigentlich lieber vergessen würde. Besonders gilt das für die Hinterlassenschaften des Dritten Reiches – gleich, ob es um Repräsentationsbauten des Regimes geht oder um verschwindende Spuren ihres Terrors. Wie aufwühlend die Fragen nach einem angemessenen Umgang sind, zeigen aktuelle Debatten: die um die Sanierung des Hauses der Kunst in München durch David Chipperfield Architects zum Beispiel. In Mainz wurde gerade der Wettbewerb zur Gestaltung eines Gedenkortes „Deportationsrampe“ entschieden.

Die Hambacher Architekturgespräche bieten jedes Jahr eine Podiumsdiskussion an der Nahtstelle zwischen Architektur und baukulturellem Erbe. In diesem Jahr sprechen die Experten am 1. Juni ab 18 Uhr darüber, ob die Steine oder die Menschen die Verantwortung und wie das Erinnern tragen. Eingeladen wurden der Partner von Chipperfield Architects, der Architekt Martin Reichert, sowie der Architekt Peter Weber, der mit seinem Atelier den Wettbewerb Deportationsrampe Mainz für sich entschieden hat. Mit Ihnen diskutieren Dr. Julia Binder, Stadt- und Regionalsoziologin an der TU Cottbus, Thomas Metz, Generaldirektor der GDKE und Kammerpräsident Gerold Reker. (kb, 24.5.17)

München, Haus der Kunst, 2014 (Bild: M(e)ister Eiskalt, CC BBY SA 4.0)

Baukörper des Nationalsozialismus

Wewelsburg, ehemaliger Obergruppenführersaal mit "Schwarzer Sonne" (Bild: Dirk Vonderstraße, CC BY 2.0)
Selbst Ort nationalsozialistischer Geschichte und Gestaltung: die Wewelsburg, hier der ehemalige Obergruppenführersaal mit der „Schwarzen Sonne“ (Bild: Dirk Vonderstraße, CC BY 2.0)

Das 8. Wissenschaftliches Symposium zum Thema „Baukörper des Nationalsozialismus – Zur Architektur im ‚Dritten Reich'“ widmet sich am 17. September im Burgsaal der Wewelsburg einem schweren Thema: Mit Architektur zeigte und festigte der Nationalsozialismus seine Ideologien und Machtansprüche, gliederte den städtischen und ländlichen Raum. Deutlich wird dies nicht nur an erhaltenen Großbauten in Nürnberg oder dem Olympia-Gelände in Berlin, sondern auch an der KDF-Anlage Prora auf Rügen und den nicht ausgeführten Ausbauplänen für die Wewelsburg bei Paderborn.

Die Vorträge des Symposiums werfen anhand beispielhafter Baukörper Schlaglichter auf dieses Themenfeld: Dr. Fabian Link (Frankfurt) thematisiert die Stellung von Burgen in der NS-Weltanschauung. Florian Dierl (Nürnberg) nimmt das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg in den Blick. Stefan Wunsch (Vogelsang) beleuchtet die Funktion der ab 1936 in Vogelsang veranstalteten Lehrgänge. Dr. Emanuel Hübner (Münster) zeigt, dass die für die Olympischen Sommerspiele 1936 errichteten Wettkampfstätten auch heute noch eine sichtbare Erinnerung an die Berliner Spiele sind. In der Abschlussdiskussion soll die Frage nach dem heutigen Umgang mit den baulichen Relikten der ehemaligen NS-Großanlagen gestellt werden. Die Tatungsteilnahme ist kostenfrei, um Anmeldung wird gebeten unter: 02955 7622-0. (kb, 13.9.16)

Die Architektur der Vernichtungslager

Plan des Vernichtungslagers Sobibór als Beweismittel während des Prozesses im Landgericht Hagen 1965-1966 (Copyright: Stadtarchiv Hagen)
Plan des Vernichtungslagers Sobibór als Beweismittel während des Prozesses im Landgericht Hagen 1965-1966 (Copyright: Stadtarchiv Hagen)

Im Dezember 1966 verkündete das Landgericht Hagen sein Urteil im Prozess gegen 12 wegen Verbrechen im Vernichtungslager Sobibór Beschuldigte. In Sobibór wurden zwischen Frühjahr 1942 und Oktober 1943 ca. 250.000 Juden in Gaskammern ermordet. Das Lager war eines von drei Vernichtungslagern im von Deutschland besetzten Polen, in denen man insgesamt mindesten 1,7 Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordete.

Annika Wienert untersuchte in ihrer 2015 veröffentlichten kunsthistorischen Doktorarbeit die bauliche Strukturen, die einzig zum Zweck der massenhaften Tötung errichtet wurden: Lagerarchitektur als raumorganisierende Struktur aus Freiflächen und provisorischen Bauten, Zaun, Appellplatz, Baracke und Gaskammer, die permanent um-, aus- und rückgebaut wurde. Am 22. November stellt Wienert in Hagen um 14 Uhr ihre Publikation mit einem Vortrag „Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager“ in Hagen (Geschichtsmuseum, Museumsplatz 3) vor. Die Autorin studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Philosophie in Bochum und Krakau. Neben der Arbeit an ihrer Dissertation war sie als freiberufliche Kunstvermittlerin für Museen und Institutionen tätig. Seit Februar 2015 ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte von Architektur, Kunst und Design der TU München. (kb, 31.10.15)

Wienert, Annika, Das Lager vorstellen. Die Architektur der nationalsozialistischen Vernichtungslager, Neofelis-Verlag, Berlin 2015, 302 Seiten, Softcover, 15 x 21 cm, ISBN 978-3-95808-013-3.

Archäologie an NS-Lagerstandorten

Gedenktafel im Außenlager Falkensee (KZ Sachsenhausen) (Bild: OTFW, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Gedenktafel im Außenlager Falkensee (KZ Sachsenhausen), einem der Exkursionsziele der Tagung (Bild: OTFW, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Erinnern – auch an den Nationalsozialismus – braucht heute scheinbar historische Orte und „greifbare“ Hinterlassenschaften erscheint heute kaum mehr vorstellbar. Dieser Wunsch führte zur „Wiederentdeckung“ vieler bislang unbeachteter Stätten. Zu dieser „Spurensuche“ leisteten bürgerschaftliche Initiativen einen wesentlichen Beitrag. Diese Entwicklung stellte die archäologische Forschung und die Bodendenkmalpflege vor neue Herausforderungen. Wie lassen sich diese zeitgeschichtlichen Denkmalen schützen, erhalten und präsentieren?

Zu diesem Thema richtet das Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum richtet – gemeinsam mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, der Freien Universität Berlin, der Universität Wien, der Stiftung Topographie des Terrors Berlin, der Archäologische Gesellschaft in Berlin und Brandenburg e.V. und dem Büro für Zeitgeschichte und Denkmalpflege, Berlin – vom 17. bis 19. September 2015 eine Veranstaltung aus. In der Tagung werden diese Punkte fachübergreifend diskutiert. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf den Resten des NS-„Lagersystems“, die nicht nur im Raum Berlin-Brandenburg als Zeugnisse der nationalsozialostischen Gewaltherrschaft nahezu omnipräsent vertreten sind. Die Tagung „Archäologie und Gedächtnis. NS-Lagerstandorte Erforschen – Bewahren – Vermitteln“ findet im Archäologischen Landesmuseum Brandenburg (Neustädtische Heidestraße 28, 14776 Brandenburg an der Havel) statt, Anmeldungen sind bis zum 31. August möglich. (kb, 19.8.15)

Piktogramme der Macht

Arno Breker, "Die Partei" (Bild: DIREKTOR)
Arno Breker, „Die Partei“ (Bild: DIREKTOR)

Welche Bilder nutzten moderne Diktaturen? Vom 28. bis 29. Mai 2015 folgt eine Münchener Tagung „Piktogramme der Macht“ dieser Frage. Die Hanns-Seidel-Stiftung München und die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig wollen gemeinsam die politischen Bildzeichen des Nationalsozialismus und Kommunismus untersuchen. Denn deren Ästhetik und Symbolik waren, so die These, für die Propaganda der beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts entscheidend.

Bis zum 30. November 2014 können noch Themenvorschläge für die Tagung eingesandt werden. Mögliche Schwerpunkte sind: Ästhetik, Form- und Farbikonographie dieser Bildzeichen von der Hoch- bis zur Trivialkunst; Mechanismen der Auswahl von Motiven; Rückgriff auf ältere politische oder christliche Bildzeichen; die Einbindung politischer Bildzeichen in zeremonielle Vorgänge u. v. m. Die interdisziplinäre Tagung richtet sich besonders an (Kunst-, Design-, und Wirtschafts-)Historiker. Die Vorträge sollen nicht länger als 30 Minuten dauern, Reise- und Unterbringungskosten können nicht erstattet werden. Exposés von max. 1,5 Seiten werden bis zum 30. November 2014 erbeten an: Dr. Annelies Amberger M. A. und Prof. Dr. Johannes Tripps, Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK) , Karl-Liebknecht-Straße 145, 04277 Leipzig, johannes.tripps@htwk-leipzig.de und dr-amberger@mnet-mail.de. (kb, 1.11.14)

Monumentales Schwimmerlebnis

Energetisch saniert: Die 1938 errichtete Schwimmhalle der Kaserne in der Berliner Finckensteinallee. Bild: Veauthier Meyer Architekten
Energetisch saniert: die 1938 errichtete Schwimmhalle in der Berliner Finckensteinallee (Bild: Tobias Reckert)

Die mächtige Backstein-Schwimmhalle in der Berliner Finckensteinallee diente einst der „SS-Leibstandarte Adolf Hitler“ zur Erquickung. Nach 1945 übernahm die US-Army das Gelände, und ab 1994 nutzte schließlich Schulen und Vereine das allmählich verfallende Baudenkmal. 2006 wurde es wegen Baumängeln geschlossen. Nun ist das Schwimmbad nach 76 Jahren erstmals für jeden zugänglich: Nach achtjähriger Sanierung durch das Büro Veauthier Meyer Architekten, Andreas Veauthier und Dr. Nils Meyer wurde es Ende August 2014 als öffentliches Bad wiedereröffnet.

Rund 13 Millionen Euro hat die Restaurierung samt energetischer Ertüchtigung gekostet. Unter anderem wurde zur Dämmung des Dachs die Decke abgehängt – die Neukonstruktion nimmt die Form des bauzeitlichen Glasdachs auf. Bittere Pille: Da die Beckentiefe auf Geheiß der Berliner Bäder Betriebe auf zwei Meter reduziert wurde, musste die originale Sprungturmanlage abgebrochen werden. Der Salto vom Zehnmeter-Brett ist fortan Geschichte. (db, 17.9.14)