Fotobuch: Militärstädte in Brandenburg

Auf 192 Seiten zeigt Johann Karl in seinem im Kerber-Verlag erschienenen Fotobuch die wechselvolle Geschichte ehemaliger militärischer Sperrgebiete in Brandenburg. Nun werden Truppenübungsplätze gemeinhin nicht unbedingt mit architektonischer Brillanz in Zusammenhang gebracht. Orte wie Wünsdorf waren aber mehr als bloße Militärstandorte. Sie wuchsen über Kaiserzeit, Nationalsozialismus und zu Zeiten der DDR zu ganzen Städten heran. Mit allem was dazu gehört – vom Wohnhaus bis zum Freibad. Diese der Öffentlichkeit einst weitgehend verborgenen Städte porträtiert Karl in historischen Aufnahmen und im heutigen Zustand. Kurze Texte informieren über die wichtigsten Hintergründe.

Das im Rahmen einer Abschlussarbeit an der Berliner Neuen Schule für Fotografie entstandene Buch nähert sich dem eigenen Charme der patinierten bis hin zu ruinösen Bauten. Wie die Neue Schule für Fotografie mitteilt werden Johann Karls Arbeiten zudem vom 18. September bis 25. Oktober 2020 im Rahmen der Ausstellung „Atopie“ in der hauseigenen Galerie in der Brunnenstraße 188-190 in Berlin zu sehen sein. (mk, 22.6.20)

Wünsdorf, Observationsbunker (Bild: Johann Karl/Schule der Fotografie Berlin)

Karlsruher Kino „Rheingold“ zu kaufen

Seit 1937 flimmerten in der Rheinstraße 77 in Karlsruhe-Mühlburg Westernhelden und Konsorten über die Leinwand: Das Kino „Rheingold“ bot einen weitläufigen Saal mit Emporen und erfreute sich großer Beliebtheit. Nun steht es zum Verkauf, wie die BNN erfahren haben. Als Kulturdenkmal eingetragen wurde das Gebäude aufgrund diverser Umbauten nicht. Findige Investoren könnte das freuen. Droht deshalb der Abriss? Erbaut wurde das Rheingold vom Architekten Hermann Loesch, der sich nach seinem Studium bei Hermann Billing und Friedrich Ostendorf in der Stadt niederließ. Loesch entwickelte sich zu einem wichtigen Planer für Lichtspielhäuser in der Region, so zählt auch die bekannte „Schauburg“ zu seinen Werken.

Da Loesch sich bereits früh der NSDAP angeschlossen hatte, konnte er zwischen 1933 und 1945 viele Aufträge zählen. Trotz seiner problematischen Verstrickungen war er in der Nachkriegszeit nur kurzzeitig inhaftiert und konnte bald wieder unbehelligt sein Architekturbüro weiterführen. Wechselvoll wie Loeschs Leben verlief auch die Geschichte des Rheingold-Kinos. Es entwickelte sich vom Truppenkino, zunächst für die Wehrmacht, später für Alliierte, über einen Beatclub und ein Raucherkino schließlich zu einem Varieté, das sich auf freizügige Shows „für Erwachsene“ spezialisierte. Allerdings könnte das Table Dancing hier bald Geschichte sein. (mk, 9.5.20)

Wenn Sie hier mehr sehen als Hakenkreuze …

Vielleicht ist es ein Zeichen wachsender Political Correctness, vielleicht aufsteigender Ängstlichkeit: In den vergangenen Monaten werden vermehrt lange gezeigte und zumindest geduldete Kunstwerke neu diskutiert, teils in Frage gestellt, teils ganz entfernt. Die Spanne reicht von der unbekleideten Schönheit bis zum nationalsozialistischen Emblem. In Essen soll nun die Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung vollständig umgestaltet werden. Erbaut 1937 von den Architekten Carl Conradi und Paul Dietsch, zeigt der Gottesdienstraum (noch) typische Merkmale seiner Zeit: eine neoklassizistische Wandgliederung und viel Holz.

Höhere Wellen schlägt die Debatte um die figurative bzw. zeichenhafte Ausstattung der Kapelle: Das Altarbild mit dem blondgelockten Jesus wurde bereits entfernt. Die Glasgstaltung von Carl Bringmann zeigt eine ähnlich herbe Formensprache der 1930er Jahre. Und die Balkendecke trägt christliche Symbolzeichen in ornamentalen, hakenkreuzartigen Verschlingungen. Der gesamte Kapellenraum soll in ein neues, ganz weiß-neutrales Gewand gehüllt werden. Dem stellt sich der „Arbeitskreis Essen 2030“ entgegen. Die erhaltene Gestaltung der Bauzeit sei auch „ein Beleg für die ideologische Durchdringung der evangelischen Kirche in den 1930er Jahren“. Da helfe kein Anstrich, nur Aufklärung. (kb, 4.12.18)

Titelmotiv: Essen, Kapelle im Krankenhaus der Evangelischen Huyssens-Stiftung (Bild: StagiaireMGIMO, CC BY SA 4.0, 2018)