Das Märchen vom guten Nazi

„Wenn Hitler Freunde gehabt hätte, dann wäre ich bestimmt einer seiner engen Freunde gewesen“, behauptete der frühere Rüstungsminister und erklärte Liebligsarchitekt des Diktators nach dem Krieg. Die Mittäterschaft an den nationalsozialistischen Verbrechen wies Albert Speer jedoch weit von sich. Ein Verführter sei er gewesen, unwissend über die Gräueltaten des Regimes und beseelt von der Größe der architektonischen Aufträge. Diese Deutung eigneten sich nach 1945 viele Deutsche an, nicht zuletzt, um die eigene NS-Vergangenheit zu relativieren. Eine Ausstellung in Prora räumt mit dem Mythos auf und beleuchtet die Vita Albert Speers nach den aktuellen Erkenntnissen der Forschung.

Die Ausstellung, die im letzten Jahr bereits im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände zu sehen war, legt ihren Schwerpunkt auf die zweite Karriere Albert Speers. So machte der ehemalige Stararchitekt seine Erinnerungen mit Büchern und Vorträgen zu Geld – natürlich in einer von allen belastenden Details bereingten Form. Die Ausstellung kontrastiert sie mit den jüngsten Ergebnissen zeithistorischer Forschung, die Speers Selbstinszenierung als politisch naiver Künstler klar ins Reich der Legende verweisen. „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit“ ist bis zum 30. August 2018 im alten Tanzsaal von Prora zu sehen. (jr, 31.5.18)

Speer und Hitler (Bild: Bundesarchiv, Bild 146-1971-016-31, CC BY SA 3.0)

Eine Archäologie der Moderne

Nur noch wenige Zeitzeugen können über die Zustände in den Lagern der NS-Zeit berichten. Das Archivmaterial ist – gerade bei kleineren Einrichtungen wie den KZ-Außenlagern und Zwangsarbeitslagern – oft unergiebig. Doch ihre Spuren sind überall in Mitteleuropa auffindbar. Was erzählen diese materiellen Überbleibsel? Archäologie ist ein weitgehend ungenutztes Werkzeug, um dieser Frage nachzugehen.

Am Beispiel von Ausgrabungsfunden auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin zeigt Reinhard Bernbeck detailliert, was eine solche „Archäologie der Moderne“ leisten kann, wo ihre Grenzen liegen und wie sie sich in eine umstrittene „Erinnerungskultur“ einfügt. Reinhard Bernbeck veröffentlichte sein Buch „Materielle Spuren des nationalsozialistischen Terrors. Zu einer Archäologie der Zeitgeschichte“ Ende 2017 als Druck- und als Ebook-Ausgabe beim tanscript-Verlag. Bernbeck ist Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität Berlin und Professor Emeritus der Binghamton University, NY, U.S.A. (kb, 2.2.18)

Bernbeck , Reinhard, Materielle Spuren des nationalsozialistischen Terrors. Zu einer Archäologie der Zeitgeschichte, transript Verlag, Bielefeld 2017, 520 Seiten, ISBN-13: 978-3837639674.

Geschirr und Besteck der Häftlinge des Außenlagers Annener Gußstahlwerk des KZ Buchenwald im Westfälischen Museum für Archäologie (Bild: Reclus, CC0)

Schweres Erbe?

Manches Erbe wird als Last empfunden, hält es doch die Erinnerung an Geschichte(n) wach, die man eigentlich lieber vergessen würde. Besonders gilt das für die Hinterlassenschaften des Dritten Reiches – gleich, ob es um Repräsentationsbauten des Regimes geht oder um verschwindende Spuren ihres Terrors. Wie aufwühlend die Fragen nach einem angemessenen Umgang sind, zeigen aktuelle Debatten: die um die Sanierung des Hauses der Kunst in München durch David Chipperfield Architects zum Beispiel. In Mainz wurde gerade der Wettbewerb zur Gestaltung eines Gedenkortes „Deportationsrampe“ entschieden.

Die Hambacher Architekturgespräche bieten jedes Jahr eine Podiumsdiskussion an der Nahtstelle zwischen Architektur und baukulturellem Erbe. In diesem Jahr sprechen die Experten am 1. Juni ab 18 Uhr darüber, ob die Steine oder die Menschen die Verantwortung und wie das Erinnern tragen. Eingeladen wurden der Partner von Chipperfield Architects, der Architekt Martin Reichert, sowie der Architekt Peter Weber, der mit seinem Atelier den Wettbewerb Deportationsrampe Mainz für sich entschieden hat. Mit Ihnen diskutieren Dr. Julia Binder, Stadt- und Regionalsoziologin an der TU Cottbus, Thomas Metz, Generaldirektor der GDKE und Kammerpräsident Gerold Reker. (kb, 24.5.17)

München, Haus der Kunst, 2014 (Bild: M(e)ister Eiskalt, CC BBY SA 4.0)