Wie heißen die eigentlich?

Berlin, Du bist so wunderbar: Als architektonisch im Rest der Republik mit Farbe und Phantasie noch zurückhaltend umgegangen wurde, trieb man es hier bunt und schräg: Bei Inken und Hinrich Baller blieb keine Linie gerade. Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler entwarfen mit ICC und „Bierpinsel“ spektakuläre West-Berliner Wahrzeichen. Es gibt noch zig weitere Beispiele jener Science-Fiction-artigen Moderne, die in den späten 1970er, frühen 1980er Jahren eine Zeit lang goutiert wurde. Und deren Vertreter gerade ins Blickfeld der Denkmalpflege gerückt sind: Das Raumschiff ICC wurde in September 2019 unter Schutz gestellt. Und nun, recht überraschend und sehr berechtigt, auch das Diesterweg-Gymnasium im Wedding. 1974-77 nach Plänen des Büros Pysall Jensen Stahrenberg errichtet, zeigt das Schul- und Stadtteilzentrum optisch keine Zurückhaltung: orange Verkleidungen, grüne Fensterbereiche, abgerundete Ecken, ein Mix verschiedener Nutzungen. Neue soziale Konzepte in einer neuen Architektur. Eine Architektur, die zwar modern, aber nicht recht einzuordnen ist. Zu wenig Sichtbeton für Brutalismus, zu wenig Gradlinigkeit für den International Style, zu wenig Chichi für die Postmoderne (die ja sowieso erst einen Wimpernschlag später populär wurde). Irgendwie ist diese Art des Bauens namenlos geblieben.

Ennepetal, Haus Ennepetal (Bild: Key-dete, mapio.de)

Dabei war sie einst zumindest bei öffentlichen Bauten weit verbreitet – nicht nur in Berlin. Der Glaube, dass sich die Gesellschaft progressiver würde, war weit verbreitet: So viel bildungspolitischer Optimismus wie in den späten 1970ern herrschte nie mehr. Und der fand seinen Ausdruck in bunten Blechen, Raumschifformen, abgerundeten oder angeschrägten Ecken. Das Haus Ennepetal, die Neandertalhalle Mettmann, die Kinderabteilung des Horst-Schmidt-Klinikums Wiesbaden – sie alle sind Vertreter jener Ära, in der der Glaube an urbanes Wachstum auch Abseits der Metropolen ungebrochen war. Die drei letzten Beispiele sind natürlich nicht zufällig gewählt: Sie alle stehen zur Disposition, beziehungsweise ist ihr Abriss beschlossene Sache. Weil die gesellschaftliche Entwicklung eben doch nicht mithielt und man nun – in Ennepetal und Mettmann – wenig Lust verspürt, die zu großen Gebäudekomplexe einer neuen Nutzung anzupassen. In Wiesbaden haben sich die technischen Anforderungen geändert, und ein Neubau erscheint einfacher als ein Umbau. Die akut bedrohten Beispiele der bunten, bisweilen auch betonsichtigen Endsiebziger-Moderne finden sich überwiegend in Klein- und Mittelstädten.

Wiesbaden, Helios-Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (Bild: Institut für Kunstgeschichte, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, via SOSBrutalism)

Wenn überhaupt, hat sich der Begriff „Spätmoderne“ für die Bauten jener Ära etabliert – voraussetzend, dass die Postmoderne im Wortsinn die Moderne tatsächlich beendet habe. Das hat freilich nicht ganz geklappt, und braucht das Kind überhaupt einen Namen, um wieder allgemeine Aufmerksamkeit zu genießen? Die zwischen 35 und 50 Jahre alten Kulturhallen, Schulen, Rathäuser, Verwaltungsbauten und Stadtbibliotheken der Republik stehen mehrheitlich vor tiefgreifenden Sanierungen oder der Abrissfrage. Oft fragt man sich, wie ihre zeichenhafte, einen gesellschaftlichen Anspruch ausdrückende Architektur so herunterkommen konnte. Sind große Ziele aus der Mode gekommen? Selbst wenn: Es gibt keinen Grund, deshalb den gebauten Zeugen dieser optimistischen Zeit nicht mehr ein Geringstmaß an Pflege zukommen zu lassen. Und sich aus heutiger Sicht Gedanken zu machen, wie mit ihnen umzugehen ist (selbst, wenn manch ein Abriss dann doch unvermeidlich wird). Eine gewisse Portion gesellschaftlicher Optimismus täte vielleicht gerade ganz gut – sogar, wenn sie nur aus Beton, Stahl und Glas ist. Dabei ist es auch völlig egal, ob die bunte Baugattung einen Namen hat. Putzt die Gebäude und gebt ihnen ihre Farbenpracht zurück! Beige kann jeder … (5.11.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Berlin, Diesterweg-Gymnasium (Bild: Oliver Clemens, um 2019)

Neandertalhalle unter Schutz

Seit 2017 zog sich die Entscheidung, nun ist es amtlich: Die Neandertalhalle Mettmann bleibt unter Denkmalschutz, entschied das NRW-Bauministerium. Der Stadtrat freut sich nicht, insbesondere die Grünen (sic!) sind „bestürzt“, so Fraktionssprecher Nils Lessing. Obwohl der Abbruch der Halle nicht vom Tisch ist, befürchte er, dass dieser erschwert werde. Man wünsche sich ein Veranstaltungszentrum, umgeben von Wohn- oder weiterer Geschäftsbebauung. Allerdings in Form einer kleineren Multifunktionshalle. Der Altbau sei überdimensioniert, Betriebs- und Sanierungskosten zu teuer. Ähnlich sehen es fast alle Parteien. Der Ministeriumsentscheid wurde notwendig, da der Landschaftsverband Rheinland (LVR) die Neandertalhalle 2016 als denkmalwürdig einstufte, während ein von der Stadt beauftragtes Gutachten zu einem anderen Schluss kam.

Errichtet wurde die spätmoderne „Laubfroschoper“ von 1980 bis 1982 nach Plänen von Wolfgang Rathke. Die lange gut ausgelastete Halle wurde ab den 1990ern heruntergespart. Hinzu kommen die üblichen „Mängel“ beim Brandschutz, die sie zum kostenintensiven Sanierungsobjekt machen. Der Denkmalwert ist bestätigt, ein Abriss dennoch nicht ausgeschlossen – Staatssekretär Jan Heinisch sagte der Rheinischen Post: „Im Ministerium weiß man genau, dass die Neandertalhalle nicht nur eine dauerhafte, große finanzielle Belastung (…) für die Stadt darstellt, sondern auch, dass für den Erhalt der Halle mehr als acht Millionen Euro in das Gebäude investiert werden müssten.“ (db, 17.10.19)

Mettmann, Neandertalhalle (Bild: Kreisstadt Mettmann)