Nachverdichtung extrem: Aus zwei mach vier

In einem Investorenwettbewerb sollte der Umgang mit den sanierungsbedürftigen öffentlichen Teilen des Mannheimer Collini-Centers ausgelotet werden. Zwar stand den Teilnehmern ein ressourcenschonender Erhalt offen, doch die sieben eingereichten Entwürfe sahen den Abriss des 1975 eröffneten Bürohochhauses und der sogenannten galerie vor (mR berichtete). Der Ablauf des Wettbewerbs war ungewöhnlich: Interessierte durften sich nur bei einem Workshop einen Eindruck von den Entwürfen verschaffen. Zudem mussten sie eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen, was mit der Anonymität des Verfahrens begründet wurde. Inzwischen steht die favorisierte Planung fest und kann im Modell in der galerie besichtigt werden. Die Namen der Investoren werden aber erst nach der Entscheidung des Gemeinderates über den Zuschlag für das Areal bekannt gegeben. Ob die Bevölkerung dies als transparent wahrnimmt?

Wie der Mannheimer Morgen berichtet, sollen anstelle des Bürohochhauses und der galerie nun gleich vier Gebäude entstehen. Drei sollen östlich, ein niedrigerer Bau westlich des Wohnhochhauses errichtet werden. In unmittelbarer Nähe soll künftig ein Hochhaus aufragen, dass nur wenig niedriger ist als das Wohnhochhaus des Collini-Centers (nebenbei bemerkt das höchste Wohngebäude Baden-Württembergs). In einigen Wohnungen dürfte die Aussicht über die Quadratestadt dahin sein. Dahin ist damit bald auch eines der bedeutendsten Ensembles des Brutalismus in Deutschland … (mk, 17.2.20)

Mannheim, Collini-Center (Bild: Rudolf Stricker, CC0)

„Neue Heimat“ kann man gar nicht genug haben

Da ist die große Ausstellung in München, da war letztes Jahr die umfassende Publikation aus Berlin – und jetzt erscheint beim Hamburger Verlag Dölling und Galitz ein weiteres Buch zu diesem prägenden Stück westdeutschen Bauens: zur Neuen Heimat, die als größter Wohnungsbaukonzern Europas zwischen 1947 und 1985 Hunderttausende von Wohnungen in der Bundesrepublik errichtet. Aber zum Portfolio gehörten ebenso Universitäten, Kongresszentren, Großkliniken, Hotels, Schulen, Ferien-, Einkaufs- und Sportzentren, Fernsehturm und Seilbahn.

Das Geheimnis: Die Neue Heimat lieferte als Generalunternehmer Komplettangebote zu niedrigen Preisen. Damit wollte man nach dem Krieg die Hoffnung auf ein besseres Leben für Alle umsetzen – bis die Utopie in den 1980er Jahren abgewickelt wurde. Die von Ulrich Schwarz und Hartmut Frank in der Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs herausgegebene Publikation versteht sich als „die erste umfassende Dokumentation der wichtigsten Projekte der Neuen Heimat in Deutschland und im Ausland“. (kb, 23.2.19)

Schwarz, Ulrich/Frank, Hartmut (Hg.), Neue Heimat. Das Gesicht der Bundesrepublik. Bauten und Projekte 1947-1985 (Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs 38), Dölling und Galitz, Hamburg 2019, 38 Seiten, 960 Abbildungen, Hardcover, 23 x 28 cm, ISBN 978-3-86218-112-4.

Neue Heime

Das Hamburger Wohnbauunternehmen „Neue Heimat“ wurde 1926 aus der Taufe gehoben, 1933 von der Deutschen Arbeitsfront übernommen und 1950 wiederbegründet. In den folgenden Jahrzehnten avancierte das Unternehmen zur größten Wohnungsbaugesellschaft der nicht-kommunistischen Welt. Über ein halbes Jahrhundert lang setzte der gewerkschaftseigene Konzern im deutschen Wohnungs- und Städtebau Maßstäbe. Doch in den späten Jahren verheddert sich die Neue Heimat zunehmend in Expansionen, Tochtergesellschaften und Auslandsbeteiligungen. 1982 beschleunigte dann ein Korruptionsskandal das Ende der Neuen Heimat, die ab 1986 vollständig abgewickelt wurde.

Für viele schien damals mit der Neuen Heimat auch das Wohlfahrtsversprechen der Nachkriegsmoderne zu Grabe getragen. Rückblickend wird diese Phase des bundesdeutschen Städte- und Wohnungsbaus gerade wiederentdeckt. Vor diesem Hintergrund untersucht die aktuell bei DOM Publishers erschienene Publikation „Neue Heime als Grundzellen eines gesundes Staates“ erstmals die Konzernzeitschrift „Neue Heimat Monatshefte“ der 1950er bis 1970er Jahre. Für das Frühjahr 2019 ist in der Pinakothek der Moderne (Architekturmuseum der TU München) die Ausstellung „Die Neue Heimat (1950-1986). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ geplant. (kb, 28.10.18)

Mönninger, Michael, „Neue Heime als Grundzellen eines gesunden Staates“. Städte- und Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne. Die Konzernzeitschrift Neue Heimat Monatshefte 1954-1981, Berlin 2018, Dom Publishers, 21 × 23  cm, 480 Seiten, 300 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-504-3.

Stuttgart-Rot, Neue-Heimat-Siedlung (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2017)