FACHBEITRAG: Das Bauhaus-Gebäude in Dessau

nach einem Vortrag von Monika Markgraf (20/1)

Es gibt nicht DIE eine große Renovierung des Dessauer Bauhaus-Gebäudes, es gibt mehrere. Da ist zunächst die “Reko 76” zu nennen, eine umfassende Maßnahme zu DDR-Zeiten. Zwischen 1996 und 2006 erfolgte dann die sog. Generalsanierung. Aber weil nach der Sanierung immer auch vor der Sanierung ist, werden kontinuierlich Arbeiten durchgeführt – deshalb entsteht zur Zeit ein langfristiger Pflegeplan für das Bauhaus-Gebäude.

Dessau, Bauhausgebäude (Bild: M_H.DE, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2013)

Dessau, Werkstatt-, Nordflügel, Brücke, Atelierhaus (Bild: M_H.DE, CC BY SA 3.0, 2013)

Von wegen “weiße Schachtel”

1926 entstand das Bauhaus-Gebäude nach Plänen von Walter Gropius, unter Mitwirkung der Bauhaus-Werkstätten. Was zunächst wie eine große Schachtel wirkt, ist ein komplexes Gebilde mit unterschiedlichen Teilen – gestaltet immer entsprechend ihrer Funktion. Den Werkstattflügel mit seiner innovativen Vorhangfassade z. B. nannte Gropius ein “Laboratorium der Ideen”. Hier wurden gemeinschaftlich die Bauhaus-Prototypen entwickelt. Das Atelierhaus (mit der Lochfassade mit den berühmten Balkonen) hingegen bot Wohn- und Arbeitsräume für Studierende und Jungmeister. Daher lag es etwas abseits, so konnten sich die jungen Leute zurückziehen. Ähnlich ließe sich dieser Ansatz an anderen Gebäudeteilen durchdeklinieren.

Diese unterschiedliche Gestaltung setzt sich auch im Inneren fort. Im Werkstattflügel gibt es unverputzte Oberflächen, an denen der schalungsraue Beton sichtbar ist. Auf der Brücke finden sich farbige Deckenfelder. Im Bordflügel hingegen sind – je Etage unterschiedlich – die Unterzüge farbig gefasst. So betrachtet, wird die Gestaltung des Bauhaus-Gebäudes immer komplexer, je tiefer man sich hineindenkt.

Dessau, Bauhausgebäude (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Dessau, Bauhaus-Gebäude (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Auf die Fenster kommt es an

Originale Fenster sind am Bauhaus-Gebäude außer in der Festebene vor allem in den Nebenräumen wie Sanitärbereichen, Treppenhäusern und Kellern erhalten. Viele Fenster erneuerte man während der Maßnahme von 1976, die auch eine Rekonstruktion der gesamten Vorhangfassade umfasste. Weitere Fenster wurden um 2000 wiederhergestellt – dieses Mal jedoch detail- und materialgetreu. 2010 ersetzte man Fenster der Reko 76 durch thermisch getrennte Profile und Isolierverglasung für eine bessere Energie-Effizienz.

Als das Bauhaus in Dessau 1932 geschlossen worden war, gab es auch Abrisspläne. Doch stattdessen nutzte die nationalsozialistische Verwaltung die Anlage und stellte so deren Erhaltung sicher. Am 7. März 1945 wurde die Stadt Dessau in weiten Teilen durch Brandbomben zerstört, wovon das Bauhaus-Gebäude teilweise betroffen war. Insbesondere die Vorhangfassade aus Stahl und Glas konnte der Hitze nicht standhalten. In der unmittelbaren Nachkriegszeit mauerte man die Außenwände mit kleinen Lochfenstern wieder auf. Als die DDR das Bauhaus wiederentdeckte, setzte man horizontale Stahlfenster ein, die dem ursprünglichen Erscheinungsbild näherkamen. Geblieben waren die horizontalen gemauerten Brüstungen, die dem Konzept der Vorhangfassade widersprachen.

Dessau, wiederhergestelltes Bauhausgebäude, 1983 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1983-0804-025, CC BY SA 3.0)

Dessau, wiederhergestelltes Bauhaus-Gebäude, 1983 (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1983-0804-025, CC BY SA 3.0)

Heute Müll, morgen wertvoll

Für das gesamte Gebäude gab es bereits 1976 eine sehr umfangreiche Bestandserfassung – erstellt unter der Leitung des Bauhäuslers Konrad Püschel, in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Architektur in Bauwesen in Weimar. Die auf dieser Grundlage durchgeführte Rekonstruktion umfasste Restaurierung, Konstruktion, Instandhaltung, technische Verbesserung usw. Die Reko 76 bildete eine der ersten grundlegenden Sanierungsmaßnahmen an prominenten Bauhaus-Bauten überhaupt. Zum Vergleich: Am Stuttgarter Weißenhof ging es erst in den frühen 1980er Jahren los.

Die Vorhangfassade wurde 1976 allerdings nicht in Stahl, sondern in Aluminium nachgestellt. Dabei hat man die Stege nicht wie zur Bauzeit außen dunkelgrau und innen weiß gestrichen, sondern einheitlich schwarz eloxiert. Die Fenster auf der Brücke und im Nordflügel wurden durch vereinfachte Nachbauten ersetzt. Einige der 1976 entfernten Fenster verwendete man für Gartengewächshäuser in Dessau und Umgebung. Um das Jahr 2000, im Rahmen dieser sog. Generalsanierung, wurden sie entdeckt, restauriert und wieder am Gebäude eingesetzt. Was heute als technisch unmöglich gilt, kann morgen wiederhergerichtet und am Originalort integriert werden.

Dessau, Bauhausgebäude (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Dessau, Bauhaus-Gebäude, Werkstattflügel und Brücke (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Energie in die Fenster

Als 2010 in Dessau das Thema energetische Ertüchtigung aufkam, wurde am Bauhaus wieder über die Fenster diskutiert. Zum einen führt die Stahl-Glas-Fassade zu hohen Energieverlusten, zum andern prägte sie das Erscheinungsbild des Bauhaus-Gebäudes. Die Transparenz, die Reflektionen – all dies würde sich durch thermisch getrennte Profile, durch eine Isolierverglasung völlig verändern. Daher suchte man eine Lösung nicht im Baulichen, sondern in der Nutzung. Im Werkstattflügel mit der Vorhangfassade wurden die Arbeitsräume jeden Tag auf etwa 21 Grad geheizt, was im Winter kaum zu schaffen ist. Der Ausweg lag darin, die ständigen Arbeitsplätze an anderer Stelle zu bündeln. In den schwer zu heizenden Zonen findet jetzt eine temporäre Nutzung statt: Seminare, Open Studios usw. Alles Übrige muss zwar temperiert, aber nicht permanent auf 21 Grad gehalten werden.

Es folgte eine sehr detaillierte Auseinandersetzung damit, in welchem Bereich welche Fenster welche Bedeutung haben. Im Ergebnis wurden einzelne Bereiche ausgewählt, in denen energetische Verbesserungen eingebaut werden konnten. Auf den ersten Blick lassen sich die neuen Fenster tatsächlich nicht von ihren Vorgängern unterscheiden: Die Profilbreiten sind identisch, die Profiltiefen natürlich nicht. Nur wenn sie das Element anfassen, fühlt es sich anders an.

An diesem Beispiel wird deutlich, wie sich die Bewertung von Bauelementen innerhalb kurzer Zeit ändern kann. Daher ist es unerlässlich, sich auch mit den originalen Bauteilen sehr genau zu beschäftigen und diese aufzubewahren. Im Bauforschungsarchiv werden Elemente und Materialproben aus den prägenden Phasen der Baugeschichte aufbewahrt. So besteht erstens die Möglichkeit, sie wieder am Gebäude einzubauen. Zum zweiten können so Rekonstruktionen wirklich detailgetreu erarbeitet werden. Und nicht zuletzt trägt das Original Informationen, die kein Foto transportieren könnte.

Dessau, Bauhausgebäude, Eingang (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Dessau, Bauhaus-Gebäude, Haupteingang (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Oberflächen im Blick

Bei der Generalsanierung zwischen 1996 und 2006 bildeten die Oberflächen ein zentrales Thema. Die Farbigkeit der Innenräume wurde geprägt von Hinnerk Scheper, dem Leiter der Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus. Um sein Ursprungskonzept in allen Details erfassen zu können, wurden sehr umfassende restauratorische Befunduntersuchungen vorgenommen. Denn beim Bauhaus-Gebäude geht es nicht um eine geschmacklich geprägte, dekorative Bemalung, sondern um eine architekturbezogene Ausgestaltung. Der Werkstattflügel beispielsweise wird durch schalungsraue Betonoberflächen, Hohlsteindecken und geschlämmte Mauern geprägt. Farbe wirkt auf matten oder glänzenden Untergründen unterschiedlich, damit wird in der Bauhaus-Architektur gespielt.

Der Aspekt Fußboden konnte durch ein sanierungsbegleitendes Forschungsprojekt vertieft werden. Da war z. B. der Steinholz-Estrich: zweilagig, durch Magnesit gebunden, mit eingemischten Sägespänen. Die poröse untere Schicht dient der Schall- und Wärmedämmung, während die obere Schicht fester und dadurch auch stabiler ausfällt. An zweiter Stelle ist Triolin zu nennen, das auf den ersten Blick an Linoleum erinnert. Doch in diesem Fall handelt es hier um einen frühen Kunststoffbelag auf der Basis von Nitrocellulose mit einem Hanf-Rücken. Dieses Material wurde nur in den 1920er und 1930er Jahren hergestellt – so kann es heute quasi nicht ersetzt werden. Umso wichtiger ist es, solche Fußbodenbeläge im Original zu erhalten.

Zudem wurde bei der Generalsanierung eine denkmalpflegerische Zielstellung festgeschrieben – eine Art Rahmenplan. Darin wird z. B. festgelegt, dass man in einem bestimmten Bereich möglichst nah an den Zustand von 1926 herankommen will. In einer anderen Zone orientieren sich alle Maßnahmen an der Reko 76. Nicht zuletzt gibt es Bereiche, in den z. B. technische Installationen möglich sind. Schon vor zehn Jahren bemühte sich die Stiftung Bauhaus um einen Pflegeplan für das Bauhaus-Gebäude, um bei der Instandhaltung Kontinuität und Qualität zu sichern.

Dessau, Atelierhaus (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Dessau, Bauhaus-Gebäude, Atelierhaus (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Eine Datenbank für alle

Am Bauhaus Dessau ist der Entwurf für eine Datenbank entstanden, die Informationen zur Instandhaltung und Pflege des Gebäudes systematisch erschließen will. Mit einer kleinen Datenbank stieß das Projekt schnell an seine Grenzen. Weiterführend wurde daher ein Facility-Management-System aufgelegt, mit dem die Stiftung Bauhaus tatsächlich schon arbeitet. Darin kann man Wartungspläne anlegen, Aufträge verfolgen und planen, Störungen melden usw. Zusätzlich ist ein Baustein “Denkmal-Management” entstanden, der an die Facility-Management-Datenbank angedockt wird. Darauf ruht die Hoffnung der Verantwortlichen, in diesem System endlich alle am Bauhaus-Gebäude Beteiligten in einem System zusammenführen zu können.

Literatur

Markgraf, Monika (Hg.), Archäologie der Modernde. Sanierung Bauhaus Dessau. Berlin 2006

Titelmotiv: Dessau, Bauhaus-Gebäude, Fenster (Bild: Birgit Böllinger, via Pixabay)

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Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

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PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

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INTERVIEW: Gefühltes Denkmal “Haus am Dom”

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Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.

PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

von Felix Wellnitz (20/1)

Für den Nudelfabrikanten Fritz Schminke und dessen Familie gestaltete der Architekt Hans Scharoun von 1930 bis 1933 im ostsächsischen Löbau ein mondänes Wohnhaus. Dieser Schlüsselbau der Moderne wird in einem Atemzug genannt mit Inkunabeln wie Mies van der Rohes Haus Tugendhat, Le Corbusiers Villa Savoye und Frank Lloyd Wrights Fallingwater. Seit 1978 steht Haus Schminke unter Denkmalschutz. Es ist heute nicht nur Museum und Veranstaltungsort, sondern kann auch für Übernachtungen gebucht und damit in seiner ursprünglichen Nutzung erlebt werden. Im Bauhaus-Jubiläumsjahr spielte es eine tragende Rolle – obwohl (oder gerade weil) Scharoun kein Bauhäusler war.

Löbau, Haus Schminke, Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Löbau, Haus Schminke, Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Hans Scharoun und das Klima

In Berlin als Architekt tätig, lehrte Scharoun sieben Jahre an der Staatlichen Kunstakademie in Breslau, nach Kriegsende dann an der TU Berlin. Zudem gehörte er den prominenten Vereinigungen “Gläserne Kette” und “Der Ring” an. Mit Haus Schminke lieferte er nicht nur einen innovativen Entwurf, sondern zeigte gleichermaßen Kompetenz für bauklimatische Zusammenhänge: Im Erdgeschoss öffnen sich durch Schiebe-Elemente frei schaltbare Räume nach Süden und zum nordseitig gelegenen Garten. Das südorientierte Bandfenster im Wohnzimmer ruht auf einer durchlaufenden, schwarzen Natursteinfensterbank, die als Wärmespeicher für die einfallende Solarstrahlung wirkt.

Im direkt anschließenden, dreiseitig verglasten Wintergarten findet sich ein „Pflanzenbecken“ – direkt unter der nach Süden geneigten, aufgeglasten Wand. Die Nordfenster wurden im Obergeschoss mit Tauwasserrinnen ausgestattet. Somit wusste Scharoun um diese kältesten und vorrangig tauwassergefährdeten Oberflächen. Ebenfalls noch erhaltene, sichtbare Gussheizkörper und die Fußbodenheizung im Wintergarten sind Teil der Raumgestaltung.

Löbau, Haus Schminke, Behaglichkeitsfeld im Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Löbau, Haus Schminke, Behaglichkeitsfeld im Wohnzimmer (Bild: Schmid/Wellnitz)

Behaglichkeiten

Bei Baudenkmalen steht der Schutz vor Schäden stets im Vordergrund. Dennoch braucht jede Nutzung auch eine gute thermische Behaglichkeit und einen begrenzten Energiebedarf. Neben diesen zentralen, eng zusammenhängenden bauklimatischen Aspekten muss auch im Bestand die Frage erlaubt sein: Wie lassen sich die CO2-Emmissionen senken? Im Neubau, aber auch bei Sanierungsmaßnahmen gelten dabei die Regeln der Energieeinsparverordnung (EnEV) und der zugeordneten Normen. Besonders im Denkmal aber finden sich historische Konstruktionen, die nach aktueller Normung kaum bewertet werden können.

In enger Zusammenarbeit der Stiftung Haus Schminke mit der OTH Regensburg wurden (vor der Ertüchtigung zum Bauhausjahr) ein zweijähriges bauphysikalisches Monitoring und eine thermische Gebäudesimulation durchgeführt: um die Bausubstanz bzw. deren bauklimatische Wirkung zu erforschen und um die Auswirkungen möglicher Sanierungsmaßnahmen auf Raumklima, Energiebedarf und Bausubstanz darzustellen. Im Haus Schminke zeigen die meisten Räume auch unter heutigen Maßstäben durchaus gute Behaglichkeiten. Nur der Wintergarten liefert bei Minusgraden oder Sommerhitze unbehagliche Tiefst- und Höchsttemperaturen – aber das ist in einer Übergangszone zwischen innen und außen kein Mangel.

Löbau, Haus Schminke, links: Fensterdetails (Bild: Schulze/Wellnitz); rechts: Simulationsmodell (Bild: Schmid/Wellnitz)

Neue Schäden

Seit der umfassenden Sanierung von 2000 sind neue Schäden fast ausschließlich an den Dachoberlichtern und am Außenputz wieder oder neu entstanden. Die damals ebenfalls sanierten Fensterkonstruktionen – Stahlprofile mit Einfachverglasung und Glashalteleisten aus Eiche – zeigen keine Kondensatschäden. Nur Wasserflecken an einigen ansonsten völlig intakten Holzleisten weisen darauf hin, dass zeitweise Tauwasser anfällt. Das hat auch damit zu tun, dass Fugen nicht mit Kitt verschlossen sind und immer wieder austrocknen können. Als Schwachpunkt bleibt ein vergleichsweiser hoher Energiebedarf, der vor allem dem hohen Glasanteil geschuldet ist. Es wurden zwar enorme solare Wärmegewinne gemessen, die aber durch die Einfachgläser schnell wieder abfließen und der Energiebilanz kaum gutgeschrieben werden können.

Löbau, Haus Schminke, Wintergarten (Bild: Schmid/Wellnitz)

Löbau, Haus Schminke, Wintergarten (Bild: Schmid/Wellnitz)

Wie dicht ist zu dicht?

Die Forschungen haben ergeben: Eine denkmalpflegerisch unkritische Dichtung der aktuell sehr luftdurchlässigen Fensterfalze hat ein größeres Energieeinsparpotential. Zwar wäre eine sehr schlanke Isolierverglasung noch effektiver, ist aber denkmalpflegerisch keine Option. Die Wärmedämmung des Dachs und der opaken Außenwände hätte nur einen geringen Nutzen, da die Wärmeverluste über die Glasflächen vorherrschen. Allerdings steigt mit der höheren Luftdichtheit auch das Schimmel- und Tauwasserrisiko. Daher sollten die Raumluftfeuchten nach dieser Maßnahme unbedingt messtechnisch überwacht werden. Bei Bedarf müsste man dann entsprechend lüften, um dieses einmalige Baukunstwerk zu schützen.

Löbau, Haus Schminke (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2012)

Löbau, Haus Schminke (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2012)

Literatur

Graupner, Lobers, in: Burkhardt, Berthold (Hg.), Haus Schminke. Geschichte einer Instandsetzung, Stuttgart 2002, S. 123.

Titelmotiv: Löbau, Haus Schminke (Bild: Sauer/Wellnitz)

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Winter 2020: Moderne lernen

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

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PORTRÄT: Haus Schminke in Löbau

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INTERVIEW: Gefühltes Denkmal "Haus am Dom"

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal “Haus am Dom”

Zur Sanierung des Hauses am Dom, Frankfurt.

FOTOSTRECKE: Der Einsteinturm in Potsdam

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Helge Pitz blättert sich durch die Baugeschichte.

INTERVIEW: Gefühltes Denkmal “Haus am Dom”

der Architekt Jochem Jourdan im Gespräch (20/1)

Das ehemalige Frankfurter Hauptzollamt ist kein ausgewiesenes Denkmal. Dennoch wurde es bei seinem Umbau von 2003 bis 2006 wie eines behandelt. Der 1926/27 vom nicht mal 30-jährigen Werner Hebebrand (1899-1966) gestaltete Bau in prominenter Lage am Kaiserdom war sowohl Teil des Neuen Frankfurt (Hebebrand zählte von 1925 bis 1929 zum Mitarbeiterstab von Ernst May) als auch eines der letzten Relikte der 1944 zerstörten Altstadt. Je länger das Zollamt mehr oder weniger unberührt die Zeiten überdauerte, desto stärker wurde es trotz seiner modernen Formen als Teil jenes verlorenen Sehnsuchtsorts erkannt, entwickelte sich zum emotionalen Denkmal.

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Die Stadt hatte die Immobilie Anfang der 2000er Jahre ans Bistum Limburg verkauft, das hier das „Haus am Dom“ plante; eine katholische Bildungs-, Konferenz- und Veranstaltungsstätte. Nach Wettbewerb übernahm die Planungen hierfür das Frankfurter Büro Jourdan & Müller Steinhauser Architekten, das mit Bauen im Bestand seit Langem vertraut ist. Und sich doch mit teils harschen Reaktionen auf die ersten Entwürfe konfrontiert sah. Vor allem das zunächst vorgesehene Flachdach und die Fassadengestaltung fanden keinen Anklang. Die damalige Oberbürgermeisterin Petra Roth wurde zitiert, „es ziehe ihr die Schuhe aus“.

Jochem Jourdan plante um und entschied sich für ein Satteldach. Nicht nur beim Altbau, sondern auch beim neu zu errichtenden Kopfbau am Südende, der an den kaiserlichen Krönungsweg grenzt und für den ein nach 1945 wiedererrichteter Bauteil abgerissen wurde. So heftig die Kritik am ersten Entwurf war, so einhellig war das Lob für den realisierten zweiten: Das „Haus am Dom“ wurde am 14. Januar 2007 durch Bischof Franz Kamphaus eröffnet. 2008 zeichnete es der BDA Hessen mit der Martin-Elsaesser-Plakette aus, im gleichen Jahr wurde es vom Land Hessen als „Vorbildlicher Bau“ prämiert. Alt-Bürgermeisterin Petra Roth ist heute oft zu Gast.

Daniel Bartetzko traf sich mit Jochem Jourdan im Haus am Dom – zu einem Gespräch über ein nicht denkmalgeschütztes Denkmal der 1920er Jahre – und wie man es samt seiner Umgebung wieder für die Stadtgesellschaft öffnet.

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

DB: War das Haus am Dom, dessen Bau ja stets unter öffentlicher Beobachtung stand, ein schwieriges Projekt?

JJ: Das Flachdach fand keinen Anklang – also haben wir Änderungen vorgenommen. Doch als schweren Konflikt hatten wir das nicht empfunden. Werner Hebebrand ging es übrigens genau so: Auch er wollte in den 1920ern erst ein Flachdach bauen. Die Proteste der Frankfurter Altstadtfreunde um Fried Lübbecke führten dann zum schließlich ausgeführten Satteldach. Bischof Kamphaus als unser Bauherr war immer offen und interessiert, und die Vorgabe, dass der ehemalige Zollabfertigungssaal im Erdgeschoss fürs Museum für Moderne Kunst als Ausstellungsraum verbleiben sollte, war auch von Anfang an klar. Wir konnten also das Projekt weitgehend planungsgemäß umsetzen und standen immer in Dialog. So gesehen war das Haus am Dom also kein ungewöhnlich schwieriges Projekt.

Frankfurt, Haus am Dom (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

Frankfurt, Haus am Dom, ehemaliger Zollsaal mit verschlossener Bodenöffnung (Bild: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten)

DB: Die Bausubstanz der 1920er Jahre, bei der viele Materialien, für die damals noch keine Langzeiterfahrungen vorlagen, verwendet wurden, bereitet heute oft Probleme. Gab es auch hier böse Überraschungen?

JJ: Da das Gebäude sowohl 1926/27 als auch beim vereinfachten Wiederaufbau Ende der 1940er Jahre sehr sorgsam ausgeführt wurde, fanden wir kaum Schäden vor. Es handelt sich um einen Stahlskelettbau, dessen Stützen mit Backsteinen verkleidet sind. Hilfreich für die Substanz war natürlich, dass Werner Hebebrand selbst auch den Wiederaufbau leitete. Er kannte die Konstruktion und beschwor keine unbeabsichtgten Folgeschäden herauf, wie sie durch unpassende Materialien, Isolierung oder nicht durchdachte Statik entstehen können.

Frankfurt, Haus am Dom, wiederhergestellte Farbfassung im Flur
(Bild: Daniel Bartetzko)

Die Nachkriegsgestaltung ist ja heute auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen, doch unter dem neuen Satteldach blieb zum Beispiel das nahezu unveränderte Flachdach bestehen. Im Büroflur des vierten Stocks ist es anhand der geknickten Betonträger noch immer ablesbar. Und wie viel 1920er auch um das Jahr 2000 noch im Gebäude steckten, offenbarten die Wände: In jeder Etage kamen die ursprünglichen Farbfassungen zum Vorschein, ebenso fanden sich Teile des zugehörigen Linoleumbodens. Somit ist in den Büroetagen jetzt wieder die originale Gestaltung zu finden. Selbst feine Details wie die abgerundeten Türlaibungen haben bis heute jede Renovierung seit 1945 überdauert. Genauso das verglaste Eck-Treppenhaus an der Nordseite, das man als Zitat der Fagus-Werke von Walter Gropius und Adolf Meyer lesen kann. In den geschmiedeten Eisenfenstern blieben die bauzeitlichen Bleiverglasungen von Hans Leistikow erhalten. Dieses auch von uns kaum veränderte Treppenhaus wird heute nicht beheizt, um Kondenswasserbildung zu vermeiden.

DB: Durch Abriss und den Neubau des sogenannten Domforums am Südende haben Sie den alten Baukörper aufgebrochen. Zwischen altem und neuem Teil befindet sich nun über dem ebenfalls neuen Haupteingang eine Art vertikales gläsernes Foyer. Ist das gewollte Unruhe?

JJ: Es ist ein Schritt hin zur früheren Kleinteiligkeit der Bebauung gewesen, die ja heute mit der neuen Altstadt vollends wiederhergestellt ist. Man erkennt das Haus am Dom von nahem als Einheit, aus der Entfernung ist es dagegen, obwohl immer noch groß, Teil der Parzellierung. Der gekrümmte Hebebrand-Bau weist in der Domstraße auch kunstvoll den Blick aufs Domportal. Und durch das Verlegen der Tiefgaragen-Einfahrt, die direkt neben dem Portal lag, ist nun der Platz vorm Dom ebenfalls wieder zum öffentlichen Raum geworden. Er wird unter anderem durch den neuen Kopfbau gerahmt. In dessen Giebelsaal haben wir zwei weitere Leistikow-Fenster integriert, die aus einem Depot des Bistums stammen. Sie entstanden in den frühen 1950ern und waren ursprünglich in der Wahlkapelle des Doms verbaut.

Frankfurt, Haus am Dom, Einfahrt zur Tiefgarage (Bild: Daniel Bartetzko)

DB: War die Tiefgarageneinfahrt der neuen Altstadt also im Weg?

JJ: Sie durchschnitt den Zugang über die Domstraße Richtung Altstadt und weiter Richtung Main, auch wenn sie als solches gar nicht so beherrschend war. Jetzt ist die Einfahrt einige Meter nach Norden versetzt und im Untergeschoss des ehemaligen Zollsaals im Hebebrand-Bau integriert. Hierfür wurde ein Fensterelement durch ein Tor ersetzt und die Rampe hinunter so geneigt, dass die rückseitige Fassade unberührt bleiben konnte. Dieses Durchstechen des Hauses wäre bei einem eingetragenen Baudenkmal schwierig durchzusetzen gewesen. Zumal die Sockelgeschosse mit ihrer Muschelkalk-Verblendung und den Eisenfenstern zu den herausragenden Details des Gebäudes zählen.

Frankfurt, Haus am Dom, links: Giebelsaal, rechts: großer Saal (Bilder: links: Jourdan & Müller Steinhauser Architekten, rechts: Daniel Bartetzko)

Der Saal selbst war früher mit dem Untergeschoss durch eine große Öffnung im Boden verbunden, die die Stadt Anfang der 1980er verschlossen hatte. Es ist dabei geblieben, der Boden ist nun mit Asphalt beschichtet. Der ursprüngliche Zugang zum Saal über die bauzeitliche Treppe von der Domstraße aus blieb bestehen, sodass die Besucher des MMK nicht erst durchs Haus am Dom kommen müssen. Die einfach verglasten Fenster im Saal haben wir mit dahinter gesetzten, belüfteten Kastenfenstern gedoppelt, sodass das Raumklima angenehm bleibt. Das Haus am Dom hat im Neubau ja eigene Säle und das Foyer ist ebenfalls groß genug für Veranstaltungen. Trotzdem gibt es natürlich auch einen Durchgang zwischen Zollsaal und Foyer.

DB: Nach über zehn Jahren Nutzung: Hat sich das Gebäudekonzept bewährt, funktioniert das Haus am Dom?

JJ: Die einzige spätere Ergänzung war ein Publikums-Zugang zur Dachterrasse, die nun auch für Veranstaltungen nutzbar ist. Hierfür ist im Obergeschoss eine Wendeltreppe installiert worden. Und nachdem jetzt die neue Altstadt fertig ist, wurde die Fassade neu gestrichen, denn sie hatte unter der jahrelangen Baustaub-Berieselung gelitten. Insgesamt wird das Haus am Dom als Teil der neuen Altstadt wahr- und angenommen. Und als die überkonfessionelle Begegnungs- und Kulturstätte, die es von Anfang an sein sollte.

Frankfurt, Haus am Dom, Jochem Jourdan fotografiert durchs Fenster im Giebelsaal die rekonstruierte “Goldene Waage” (Bild: Daniel Bartetzko)

Jochem Jourdan (*1937) studierte an der Technischen Hochschule Darmstadt u. a. bei Theo Pabst und Karl Gruber Architektur und legte 1965 bei Ernst Neufert die Diplom-Hauptprüfung ab. Er war Assistent am Lehrstuhl von Rolf Romero. 1969 gründete er in Darmstadt mit seinem Partner Bernhard Müller die Projektgruppe Architektur und Städtebau PAS (heute Jourdan & Müller Steinhauser Architekten). Seit 1980 ist der Bürositz in Frankfurt am Main. Jourdan realisierte unter anderem die Überbauung der Lindenstraße am Berlin Museum in Berlin-Kreuzberg (Teil der IBA 1987), die Kasseler documenta-Halle am Friedrichsplatz, die Hessische Landeszentralbank (mit Bernhard Müller, Wolfgang Rang, Michael Landes und Norbert Berghoff) – und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Haus am Dom die Rekonstruktion des Frankfurter Altstadthauses “Goldene Waage”. Von Jochem Jourdan stammt auch der 1997 entwickelte und 2008 fortgeschriebene Frankfurter Hochhausentwicklungsplan.

Titelmotiv: Jochem Jourdan im Nordtreppenhaus des alten Hauptzollamts vor den bauzeitlichen Leistikow-Fenstern (Bild: Daniel Bartetzko)

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Winter 2020: Moderne lernen

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