Fluch und Segen?

Die Situation ist nicht neu, aber sie spitzt sich zu: Immer mehr – vor allem moderne – Kirchenbauten werden geschlossen, umgenutzt oder abgerissen. In NRW sollen von den rund 6.000 Räume in den nächsten Jahren rund 30 Prozent leerstehen (Jörg Beste, Synergon 2018). Daher zeigt das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) die Ausstellung „Fluch oder Segen? Kirchen der Moderne“. Ausstellungsort ist St. Gertrud in Köln: Die 1965 geweihte Sichtbetonkirche des Architekten Gottfried Böhm wird seit 2010 auch für Ausstellungen und Installationen genutzt. Mit Projektionen inszeniert „Fluch oder Segen?“ den Raum und erläutert seine Hintergründe.

Im zweiten Teil der Ausstellung sollen aktuelle Projekte die baulichen wie inhaltlichen Verschiebungen durch eine neue Neunutzung vermitteln. Ausstellungspartner ist „Zukunft.Kirchen.Räume“ von StadtBauKultur NRW, das innovative Kirchennutzungen bündeln und Gemeinden im Umbruch unterstützen will. Die Ausstellungseröffnung wird gefeiert am 8. September 2019 um 15 Uhr. Im Anschluss ist die Ausstellung, die von Ursula Kleefisch-Jobst, Peter Köddermann und Karen Jung kuratiert wurde, bis zum 10. November 2019 zu sehen in St. Gertrud (Krefelder Straße 57, 50670 Köln). (kb, 28.6.19)

Köln, St. Gertrud (Foto: © Michael Rasche)

Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

Die dritte Kirche

„Zukünftig werden 25 bis 30 Prozent der nordrhein-westfälischen Kirchenbauwerke außer Dienst gestellt werden“ – da ist es, das Viertel oder gar Drittel, das schon so lange (fast) unausgesprochen im Raum steht. Jetzt hat sich die „Landesinitiative StadtBauKultur NRW“ des Problems angenommen. Am 14. Februar 2019 startet das Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume“ mit einer Auftaktveranstaltung und der feierlichen Onlinestellung der dazugehörigen Homepage. Kurz vor Beginn sprach moderneREGIONAL mit dem Architekten Tim Rieniets, Professor für Stadt- und Raumentwicklung in Hannover und – bis 2018 als Geschäftsführer von StadtBauKultur NRW – Initiator des Projekts. (11.2.19)

moderneREGIONAL: Herr Prof. Rieniets, wie kommt es zu dieser großen Zahl von fast einem Drittel der nordrhein-westfälischen Kirchen, die künftig aus der liturgischen Nutzung genommen werden?

Tim Rieniets: Diese Zahl ist natürlich mit etwas Vorsicht zu genießen, da man nur schwierig an verlässliche und vollständige Werte kommt. Daher haben wir uns bei der Landesinitiative StadtBauKultur NRW die beiden Kommunen vorgenommen, in denen es ein Kirchenkataster gibt: Bochum und Gelsenkirchen. Hier sind bereits rund ein Drittel der Kirchenräume von Schließung betroffen. Und wir glauben, diese Entwicklung kommt auch auf viele andere Kommunen in NRW zu.

mR: Warum werden diese Kirchen geschlossen?

TR: NRW war nach dem Zweiten Weltkrieg durch ein starkes Bevölkerungswachstum und Zuwanderung geprägt, darunter auch viele katholische und evangelische Christen. Hinzu kamen ausgesprochen baufreudige Landeskirchen und Bistümer mit einem optimistischen Blick in die Zukunft. Doch so stark, wie damals alles gewachsen ist, so radikal kam auch der demographische Wandel. Mit der sinkenden Zahl an Kirchenmitgliedschaft und vor allen an Gottesdienstbesuchen werden dann teils auch die Kirchengebäude in Frage gestellt.

mR: Dann trifft es vor allem die Kirchen des 20. Jahrhunderts?

TR: Nicht nur, auch Bauten aus dem 19. Jahrhundert sind darunter. Aber sicher wurde in den Nachkriegsjahrzehnten besonders viel gebaut – und besonders gerne an dezentralen Standorten in damals neu entstehenden Stadtteilen. Wenn heute Gemeinden zusammengelegt werden, dann stehen zuerst die abgelegeneren Kirchenräume zur Disposition. Das hat wohl auch emotional-geschmäcklerische Gründe: Für viele Menschen entsprechen historisch anmutende Bauten eher ihrem heimeligen Bild von Kirche. Mit der Moderne wird oft noch gefremdelt. Bis in die 1970er Jahre hinein galt auch der Historismus als wertlos. Das hat sich inzwischen geändert, so könnte es auch mit den Nachkriegsbauten gehen.

mR: Nicht jede von Schließung bedrohte Kirche hat das Glück, von einem großen Architekten an prominenter Stelle errichtet worden zu sein. Was wird aus den zunächst unscheinbaren Stadtteilkirchen?

TR: Große Kirchen in prominenter Lage haben es natürlich einfacher, Menschen zu finden, die sich für ihren Erhalt einsetzen. Aber es gehört zum Anspruch unseres Projekts „Zukunft – Kirchen – Räume“, dass auch die Stadtteilkirchen eine Chance bekommen. Es geht nicht nur um Exzellenz. Vielleicht ist es ja gerade dieser zunächst unscheinbare Raum, der jetzt in seinem Quartier eine neue Bedeutung erlangen kann.

 

Virtuelle Karte bedrohter (hellgrün), geschlossener (schwarz), abgegebener (violett), umgenutzter (dunkelgrün) und abgerissener (rot) Kirchenbauten des Historismus und der Moderne in NRW (Auszug aus der moderneREGIONAL-Karte „invisibilis“)

 

mR: Was genau erwartet uns am 14. Februar?

TR: Eine Homepage, wie es sie noch nicht gibt! In drei Sparten werden Informationen bereitgestellt, damit von einer Schließung betroffene Gemeinden und Initiativen durchstarten können: Erstens werden rund 60 beispielhafte Umnutzungen aus ganz NRW vorgestellt. In einer zweiten Kategorie findet sich viel baufachliches Wissen für diese außergewöhnliche Aufgabe – von der Ideenfindung bis hin zu den Besonderheiten des Kirchenrechts. Und an dritter Stelle haben wir die Kontaktdaten von Fachleuten zusammengestellt, die bei diesen Prozessen helfend zur Seite stehen können: Ingenieure, Architekten und Moderatoren.

mR: Gemeinden und Initiativen können sich bei Ihnen bewerben.

TR: Zunächst hoffen wir, dass möglichst viele Interessierte in und über NRW hinaus die Homepage nutzen. Aber natürlich ist eine individuelle Beratung durch nichts zu ersetzen. Wer als Gemeinde oder gemeinnützige Initiative noch ganz am Anfang des Prozesses steht, kann sich bei unserem Offenen Projektaufruf bewerben. Eine Jury wählt rund acht Projekte aus, die über rund zwei Jahre intensiv begleitet werden.

mR: Warum engagieren Sie sich als Landesinitiative für diese Bauten? Das ist doch eigentlich ein innerkirchliches Thema …

TR: Wir haben es hier mit einem bedeutsamen gesellschaftlichen Transformationsprozess zu tun. Nachdem sich die Entwicklung schon seit mehreren Jahrzehnten angebahnt hat, manifestiert sie sich nun im Stadtraum. Da wird unser baukulturelles Erbe massiv in Mitleidenschaft gezogen. Wir dürfen diesen Wandel nicht allein dem Immobilienmarkt überlassen oder hoffen, dass die Kirchen diese Aufgabe alleine bewältigen können. Wir müssen diesen Wandel– gemeinsam mit den Kirchen, der Denkmalpflege und anderen Partnern – aktiv mitgestalten. Dann können wir in 20 oder 30 Jahren zurückblicken und sagen: Wir haben das Beste daraus gemacht!

Das Gespräch führte Karin Berkemann.

Ab dem 14. Februar 2019 freigeschaltet: die Projekthomepage.

Das von StadtBauKultur NRW initiierte Projekt „Zukunft – Kirchen – Räume. Kirchengebäude erhalten, anpassen und umnutzen“ findet in Kooperation mit der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen und der Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen und Unterstützung des M:AI Museum für Architektur- und Ingenieurkunst NRW und der RWTH Aachen statt.

Titelmotiv: Köln-Buchforst,
die kulturell genutzte Auferstehungskirche (Bild: K. Berkemann), die Bildnachweise zu den anderen Fotografien öffnen beim Klick auf das jeweilige Motiv.

Ein Baukunstarchiv für NRW

Ein Baukunstarchiv für NRW

von Ute Reuschenberg

Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Bild: Ute Reuschenberg)
Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Paul Schneider-Esleben, 1958) (Bild: Ute Reuschenberg)

Stellen Sie sich vor, ein Düsseldorfer Pionier der Nachkriegsmoderne wird mit einer Retrospektive geehrt – und diese findet in Bayern statt. Klingt irgendwie falsch? Stimmt. Und doch war es so: Zu seinem hundertsten Geburtstag würdigte man Paul Schneider-Esleben (1915-2005) zwar auch in seiner Heimatstadt. Aber die maßgebliche Ausstellung war im Architekturmuseum der Technischen Universität München zu sehen. Denn der umfangreiche Nachlass des 1915 geborenen Architekten – Erbauer der Haniel-Garage, des Mannesmann-Hochhauses oder des Flughafens Köln-Bonn, um nur einige Ikonen der späten Moderne NRWs zu nennen – wanderte 2006 mangels hiesiger Möglichkeiten in die bayrische Landeshauptstadt.

 

Eine Sache des Ortes

Dortmund, Baukunstarchiv, Ansicht Ostwall (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Leonie Reygers, Gründerin des Museums am Ostwall, bewahrte die Segmentbogenfenster als Erinnerung an das alte Oberbergamt (Bild: Podehl Foto Design)

Derartige Verluste soll das Baukunstarchiv NRW künftig verhindern, da sind die berufsständischen Vereinigungen des Landes NRW, die Stadt Dortmund und die Technische Universität Dortmund einig. Mit Unterstützung des Landes NRW stemmen sie dieses Projekt gemeinsam. Architektur ist eine Sache des Ortes, eng mit der lokalen Baugeschichte verknüpft und nur in diesen Zusammenhängen wirklich zu verstehen und zu erschließen. Daher will das Baukunstarchiv, das seine Pforten schon nächstes Jahr im ehemaligen Museum am Ostwall in Dortmund öffnen wird, zur Aufgabe gemacht, Nachlässe einflussreicher und regional bedeutsamer Bauschaffender aus ganz NRW sichern und zugänglich machen. Den Grundstock wird das „Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst“, kurz A:AI, der TU Dortmund bilden. In seiner Obhut befinden sich zahlreiche Nachlässe einflussreicher Architekten, die mit der Nachkriegsmoderne im bauintensivsten Bundesland eng verbunden sind. Zu nennen sind hier etwa Harald Deilmann, Eckhard Gerber, Bruno Lambart oder Eckhard Schulze-Fielitz.

 

Die Rettung des Museumsbaus am Ostwall

Dortmund, Baukunstarchiv, Erker (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Im Bereich des ehemaligen Kupferstichkabinetts von 1956 öffnet das Haus zur Stadt (Bild: Podehl Foto Design)

Seit Mitte Januar 2017 laufen am Dortmunder Ostwall nun die Umbauarbeiten. Nach dem Umzug des dort bis dato ansässigen Kunstmuseums in das Dortmunder U – das Gebäude der ehemaligen Dortmunder Union Brauerei – stand der Altbau leer. 2013 wurde er von der Stadt als Eigentümerin quasi zum Abriss freigeben, ein Investor lockte bereits mit einem lukrativen Neubauprojekt. Doch in der Dortmunder Bürgerschaft regte sich Widerstand. Die Abrisspläne konnten am Ende gestoppt werden, die Nutzung als Baukunstarchiv setzte sich durch. Durch diese glückliche Fügung erhält NRW endlich sein Gedächtnis der Bauschaffenden. Gleichzeitig bekommen die Studierenden der Campus-Uni Dortmund einen Lernort mitten in der City und die Dortmunder zusätzlichen Ort des kulturellen Lebens. Und ihnen bleibt ein vertrautes und liebgewonnenes Bauwerk mit Geschichte und Charisma erhalten, ein Bau, der letztlich den Genius Loci bewahrt. Tatsächlich lassen sich in dessen heutiger Gestalt noch immer die verschiedenen Phasen seines langen Lebens ablesen.

 

Vom Königlichen Oberbergamt zum Baukunstarchiv

Dortmund, Baukunstarchiv, Lichthof (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Der zweigeschossigen Lichthof entstammt dem Umbau des ehemaligen Oberbergamts zum Museum für Kunst und Gewerbe im Jahre 1911 (Bild: Podehl Foto Design)

So würdevoll-bescheiden der ehemalige Museumbau mit dem großzügigen zentralen Lichthof daherkommt, so überraschend und wechselvoll ist seine Geschichte. 1872-75 vom Berliner Architekten Gustav Knoblauch als Königliches Oberbergamt im Stil des Historismus erbaut, wurde das älteste Profangebäude der Stadt bereits 1911 zum städtischen Museum umgebaut. Das „Museum für Kunst und Gewerbe“ entstand unter der Federführung des Dortmunder Stadtbaurats Friedrich Kullrich. Diese frühe kulturelle Nutzung belegt den Wandel Dortmunds zur selbstbewussten Großstadt. Den Zweiten Weltkrieg hat das Gebäude erstaunlich gut überstanden. Dennoch wurde es zugunsten der Oberlichtsäle auf zwei Geschosse reduziert. An diesen Umgestaltungen der 1950er Jahre hatte die damalige, auch in baulichen Dingen sehr engagierte Museumsdirektorin Leonie Reygers einen hohen Anteil. Die schlichten Formen der Nachkriegsfassung entsprechen dabei durchaus der damaligen puristischen Bescheidenheitsästhetik. Die Segmentbogenfenster verraten dabei dennoch den Ursprungsbau. Das Dortmunder Museum war bundesweit eines der ersten, das die zuvor von den Nazis verfemte Kunst der Moderne ab 1949 wieder zugänglich machte. Bis 2009 war der Ostwall 7 eine DER Adressen für Gegenwartskunst. Von der bildenden Kunst geht es nun zur Baukunst.

 

Förderverein als wichtiger „Stützpfeiler“

Dortmund, Baukunstarchiv, Stufen (Bild: Copyright Spital-Frenking + Schwarz)
Dortmund, Ostwall 7: Symbolische Grundsteinlegung zum künftigen Baukunstarchiv NRW im Januar 2017 (Bild: Copyright Spital-Frenking + Schwarz)

Einen zentralen „Stützpfeiler“ des entstehenden Baukunstarchivs bildet das bürgerschaftliche Engagement, gebündelt im Förderverein für das Baukunstarchiv NRW. Dieser hat sich verpflichtet, einen Teil der jährlichen Betriebskosten des künftigen Baukunstarchivs aufzubringen. Um dieses dauerhaft gewährleisten zu können, sind weitere Mitglieder, Unterstützer und Förderer dringend erwünscht. Denn so sehr, wie dieser Dortmunder Glücksfall nun Gestalt annimmt, so sehr werden auch seine weiteren Geschicke vom Engagement Vieler abhängen! (14.2.17)


Literatur

Rose, Christof, Baumaßnahmen zum „Baukunstarchiv NRW“ starten, in: DAB Regional, Ausgabe 02, 2017, S.7.

Sonne, Wolfgang/Wittmann, Regina, Baukunst im Archiv, Das Potential des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) für Lehre, Forschung und Kultur, in: Sonne, Wolfgang/Welzel, Barbara (Hg.), St. Reinoldi in Dortmund, Dortmund 2016, S.45-49.

Hnilica, Sonja, Das alte Museum am Ostwall. Das Haus und seine Geschichte, Essen 2014.