Albert Speer und die Bundesrepublik

Er war einer der wenigen führenden Nationalsozialisten, die sich bei den Nürnberger Prozessen von den verbrecherischen Taten des NS-Regimes distanzierten: Albert Speer. Für sich selbst nahm der ehemalige Rüstungsminister und Lieblingsarchitekt Hitlers jedoch in Anspruch, nichts davon gewusst zu haben: Er sei lediglich ein naiver Künstler und Mitläufer gewesen. Diese Argumentation brachte dem ehemaligen Nazifunktionär große Sympathien in der bundesdeutschen Bevölkerung ein – und war nachweislich falsch. Eine neue Biographie dekonstruiert den Mythos vom „guten Nazi“ Speer.

Die Erzählung des unpolitischen Künstlers und Technokraten, der sich  von den beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten im „Dritten Reich“ blenden ließ, stieß in der deutschen Nachkriegsgesellschaft auf breite Zustimmung. Sie lieferte vielen Deutschen eine paradigmatische Apologie für die eigene Vita. Die Monographie gilt nicht nur der Dekonstruktion des Mythos Speer, sondern beleuchtet auch die frühe Erinnerungskultur der Bundesrepublik. Am Dienstag, 20. Juni 2017 findet um 18.30 Uhr eine Buchvorstellung im Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg statt. Die aktuelle Sonderausstellung des Hauses widmet sich ebenfalls Speers Karriere in der Bundesrepublik. (jr, 8.6.17)

Brechtken, Magnus, Albert Speer. Eine deutsche Karriere, Siedlerverlag, München 2017, ISBN: 978-3-641-15967-2.

Prora: Das doppelte Mahnmal

Prora: Das doppelte Mahnmal

Markus Georg Reintgen, HOTEL_HITLER, 2016, zweiteilig (Bild: © Markus Georg Reintgen)

In Prora auf der Insel Rügen planten die Nazis ein gigantisches Erholungsheim für 20.000 Menschen. Bis 1939 entstand an der Küste ein 4,5 Kilometer langes Gebäudeband, das nur durch die rechtwinklig anschließenden Gebäuderiegel rhythmisiert wird. Im Zweiten Weltkrieg kamen die Arbeiten zum Erliegen, ein Teil der Anlage wurde zerstört. Die verbliebenen 2,5 Kilometer beheimateten jahrzehntelang Soldaten der DDR.

Nach der Wiedervereinigung wurde ein Großteil des „Koloss von Prora“ von Investoren zu Wohn- und Hotelbauten umfunktioniert. Nun steht mit Block V ein Gebäude-Teil vor der Privatisierung, der in seinem Inneren beredtes Zeugnis von der Kasernenvergangenheit Proras ablegt. Die Initiative „Denk-MAL-Prora“ will mit einer Unterschriftensammlung, die bereits 15.600 Unterzeichner fand, auf eine neue Erinnerungskultur hinwirken. Man fürchtet, dass durch Konzentration auf den Außenbau allein die NS-Zeit erinnert wird, während die wesentlich längere Nutzung durch das DDR-Militär in Vergessenheit gerät – obwohl Prora als „doppeltes Mahnmal“ dienen könnte. Wer sich der Frage aus künstlerischer Perspektive nähern möchte, hat dazu bis zum 25. Juni im arp museum (Bahnhof Rolandseck, Remagen) Gelegenheit: Die Ausstellung „Was sich abzeichnet“ zeigt – unter Werken von Stipendiaten des Künstlerhauses Schloss Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz – auch Schwarzweiß-Aufnahmen aus Prora von Markus Georg Reintgen. (jr, 30.3.17)