Nürnberg

Nürnberg, Bowlingcenter "Brunswick" (Bild: nuernberg.bowlingworld.de)

Nürnberg: Ausgebowlt!

Beim Bowlen geht es nicht um schön (warum sonst diese Schuhe?), sondern um auffällig (darum die passenden Shirts!): Entsprechend geriet das 1963 von der amerikanischen Brunswick Corporation in Nürnberg fertiggestellte Bowling-Center vor allem groß und – sagen wir es freundlich – markant. Es soll sich sogar um das zweitgrößte Bowling-Center Europas gehandelt haben, das sich tief in das kollektive Bewusstsein von Generationen freizeitsuchender Franken gebrannt hat.

Bis heute zeugt der im brauntonigen Schachbrettmuster verkleidete Sockel vom einstigen Glanz. Der darüber breit gelagerte Flachdachbau präsentiert eine strahlende Krone auf blauem Grund, wo ursprünglich eine amerikanisch inspirierte Leuchtreklame um Kunden warb. Im Inneren wurde in den frühen 2000er Jahren bereits kräftig umgestaltet, hinzu kamen Pauschalangebote wie das „Flirtbowling“, der „Junggesellenabschied“ oder „Good Morning Nürnberg“ für die ganze Familie. Doch die Ära der großen Bowling-Anlagen scheint vorüber: Ende 2019 soll der Bowling-Palast einem hakenförmigen Neubau weichen. Die Planung des Wohnkomplexes ging nach Wettbewerb an das Münchener Büro Grassinger Emrich, die ersten Mieter könnten 2021 einziehen. (kb, 3.3.19)

Nürnberg, Bowlingcenter „Brunswick“ (Bild: nuernberg.bowlingworld.de)

Nürnberg, Pellerhaus, 2004 (Bild: keichwa, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Nürnberg: Knabbern am Pellerhaus?

Wir bauen uns die Welt, wie sie uns gefällt: wie früher, nur schöner. Gerade in weitgehend historischen Innenstädten sind die nachkriegsmodernen Wiederaufbauten im Visier der Rekonstruktivisten. Schon länger zählt auch das neue Pellerhaus in Nürnberg (1957) zu den Kandidaten. Die Altstadtfreunde Nürnberg, verantwortlich für den jüngst fertiggestellten Wiederaufbau des Innenhofs, möchten auch die Straßenansicht Pellerhauses von 1602 wiederherstellen. Interessant: Die Nürnberger Kulturreferentin Julia Lehner (CSU) tritt Teilen ihrer eigenen Parteifreunde entgegen. Gegenüber nordbayern.de betonte sie, man müsse die Auseinandersetzung mit dem Erbe unabhängig vom Geschmacklichen führen. Einen Abriss des denkmalgeschützten neuen Pellerhauses sieht Lehner, auch Mitglied des bayerischen Landesdenkmalrats, als Rechtsbruch.

Das Areals des 1945 nahezu völlig zerstörten Pellerhauses (mit anschließendem Imhoffhaus) wurde seinerzeit – nach Beschluss der Stadt Nürnburg, nach Plänen der ortsansässigen Architekten Fritz und Walter Meyer – neu bebaut, einige Renaissance-Reste wurden einbezogen. Nach mehreren Änderungen wurde mit der Neubau 1956 begonnen, 1957 als Stadtbibliothek und -archiv eingeweiht. Seit 1998 steht der Gebäudekomplex als Einzeldenkmal unter Schutz. Schon die Innenhof-Rekonstruktion (2008-18) wurde vom Bund Deutscher Architekten kritisiert. Die nun wieder aufkommende Diskussion um den 1950er-Jahre-Bau sieht man dort erst recht nicht gerne – während etwa im Forum „Stadtbild Deutschland“ Begeisterung und Aufbruchsstimmung vorherrschen … (db, 27.1.19)

Nürnberg, Pellerhaus, 2004 (Bild: keichwa, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Stuttgart-Heslach, Seilbahn (Bild: Fyrtaarn, CC BY SA 4.0, 2017)

Tipps zum TofD: Dem Himmel entgegen

Sie streben nach Höherem? Haben wir! Hier drei Tipps zum TofD im Süden: Die Pfarrkirche Erscheinung des Herrn (Terofalstraße 66, München-Blumenau) entstand 1970 in der Parkwohnanlage Blumenau nach Plänen des Architekten Günter Eisele. Die an Stahlseilen aufgehängte Holzbalken-Decke lässt den Dachstuhl wie schwebend, wie auf den Kopf gestellt wirken. Am 9. September ist die Kirche von 11 bis 17 Uhr geöffnet, Führungen werden um 11 und 15 Uhr angeboten (Kontakt: Dr. Kurt Einhellig, kurt.einhellig@online.de). Auch in Nürnberg lohnt ein Besuch: Die Christuskirche (Siemensplatz 2, Nürnberg-Steinbühl) aus dem Jahr 1957 kann – neben einer sehenswerten Architektur – mit bestechend schönen Meistermannfenstern aufwarten. Am 9. September ist die Kirche von 9.30 bis 14.30 Uhr geöffnet (Torben Schultes, Diakon, 0911 446200), es gibt Kaffee und Kuchen!

Ganz wörtlich erhebend ist unser letzter Tipp: Die Standseilbahn (Böblinger Straße 237, Seilbahnstraße, Südheimer Platz, Stuttgart) in Stuttgart-Heslach wurde 1929 von der Maschinenfabrik Esslingen erbaut. Kubische Wagen aus Teakholz und Mahagoni machen die Anlage ebenso zum Highlight wie die ästhetisch behutsam eingepasste Streckenführung. Die Öffnungszeiten am 9. September liegen zwischen 9 und 17.50 Uhr, Tickets sind in der Tal- und Bergstation erhältlich. Führungen werden um 10, 10.45, 11.30, 12.15, 13.30, 14.15, 15, 15.45 und 16.30 Uhr angeboten. Für die Technikführungen in den Maschinenraum ist eine Voranmeldung nötig unter: 0711 78857713 (Kontakt: Hans-Joachim Knupfer, Pressestelle, Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB), 0711 78852686, presse@ssb-ag.de). (kb, 1.9.18)

Stuttgart-Heslach, Seilbahn (Bild: Fyrtaarn, CC BY SA 4.0, 2017)
Nürnberg, Bahnhof Süd, Umladehallen (Bild: Manfred E. Fritsche, CC BY SA 3.0, 2009)

„Blitzabriss“ in Nürnberg

Lange hatte man in Nürnberg diskutiert, dann ging alles auf einmal ganz schnell: Von den Umladehallen am ehemaligen Bahnhof Süd sind nur noch Trümmer übrig. Die Hallen standen als letzter Rest des Areals nahe Rangierbahnhof und Südring seit Jahren leer. Ihre Entstehung reicht bis in die Zwischenkriegszeit zurück. Nachdem erste Planungen durch die Wirtschaftskrise verzögert worden waren, konnten die Umladehallen von 1933 bis 1935 errichtet werden. Vor dem Beginn des Güterumschlags bildeten die Hallen den Rahmen für die Ausstellung „Die Jahrhundertfeier der Deutsche Eisenbahnen“. Und während der NS-Reichsparteitage wurde das Areal zum „Mitropadorf“ umfunktioniert: Wegen knapper Hotelzimmer nächtigten hier Ehrengäste in abgestellten Schlafwagen.

Im Zweiten Weltkrieg blieben die Hallen von schwereren Schäden verschont. Nach der Einstellung des Güterumschlags im Jahr 1998 wurden nur noch einzelne Teile als Lager genutzt. Und seit der neue Stadtteil Lichtenreuth aus der Taufe gehoben wird, scheinen vielen die historischen Hallen im Weg. Noch im Frühjahr hatte das Museum Industriekultur mit einer eigenen Ausstellung auf ihren Wert hingewiesen. Man plädierte für eine kreative Umnutzung, etwa für kulturelle Zwecke oder als Zentrum im neu entstehenden Stadtteil. Nun haben die Abrissbagger Fakten geschaffen. (kb, 17.6.18)

Nürnberg, Bahnhof Süd, Umladehallen (Bild: Manfred E. Fritsche, CC BY SA 3.0, 2009)

Ein Blick in die Ausstellung "Architektenmöbel" im Neuen Museum Nürnberg (Foto: Anna Seibel, Bild: Neues Museum Nürnberg)

Gesessen wird immer

Auch in stürmischen Zeiten gibt es einige wenige Branchen, die krisensicher scheinen: Friseur (Haar wachsen immer), Chocolatier (muss man nicht begründen) – und Möbel. Das Sitzen, Liegen, Arbeiten, Wohnen zählt zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Da ist es nur konsequent, dass die Baumeister mit dem Haus auch gleich die Einrichtung entwerfen. Denn hier greifen Architektur und Design ineinander und im besten Fall entstehen kleine Kunstwerke. Mit der Präsentation „Architektenmöbel. Möbelmanifeste“ stellt das Neue Museum Nürnberg (Staatliches Museum für Kunst und Design) nun Möbel-Entwürfe von verschiedenen architektonischen Strömungen und Gruppierungen vor.

So zeigen die Stuhlkonstruktionen von Egon Eiermann (1904-70) auch die funktionale Seite der deutschen Nachkriegsmoderne. Im Material der Möbel von Frank Gehry (* 1929) offenbart sich sein dekonstruktivistischer Ansatz. Oder in den Flächenrastern der Objekte von Superstudio (ab 1966 in Florenz) wird dessen in die Unendlichkeit fortgeführte Utopie abgebildet. Damit machen diese sehenswerten Zeugnisse der Designentwicklung auch ein Stück moderner Architekturgeschichte greifbar. (kb, 26.4.18)

Blick in die Ausstellung „Architektenmöbel“ (Bild: Neues Museum Nürnberg, Foto: Anna Seibel)

Nürnberg, City Point 2014 (Bild: ECE-Group)

City Point Nürnberg kommt weg

Die Zeil-Galerie in Frankfurt ist ein Beispiel für die sagenhaft beschleunigte Obsoleszenz von Kommerzbauten. Nach gerade mal 24 Jahren rückten die Abrissbagger an, um das spät-postmoderne Einkaufszentrum in innerstädtischer Filetlage platt zu machen. In Nürnberg geht es noch schneller: Dort fällt bald das City Point – nach gerade mal 20 Jahren. Der langjährige Betreiber des 1999 eröffneten Gebäudes, die ECE Projektmanagement hat es im Mai 2017 an  die Düsseldorfer Development Partner AG verkauft. Von dort wurde nun nach längerer Unklarheit bestätigt, dass man neu bauen wolle. Ende 2019, nach Auslaufen der gültigen Mietverträge, könne der Abriss des bisherigen Gebäudes erfolgen. Doch zugegeben: Anders als bei der Zeil-Galerie fällt hier kein bemerkenswerter Bau. Freilich aber ein bemerkenswert rücksichtsloser, der das historische Zeughaus einrahmt und bedrängt.

Vor 1945 stand an dieser Stelle das Apollo-Theater, 1954 wurde ein – damals schon umstrittenes – modernes Kaufhausgebäude der Hertie-Gruppe errichtet. 1997-99 wurde daraus der City Point, der mit seiner Blechfassade wahrhaft keine Zierde der City ist (man verzeihe uns an dieser Stelle die subjektive Einschätzung!). Der Neubau soll die bisherige Größe der Einzelhandelsfläche beibehalten, zusätzlich soll dort ein Hotel von etwa 10.000 Quadratmetern Größe entstehen. (db, 16.3.16)

Nürnberg, City Point 2016 (Bild: ECE-Group)