Nürnberger Gedankenspiele

Auf den ersten Blick sieht man ein Fußballstadion der späten 1980er: gelochte Stahlträger, freiligende Tragkonstruktionen, achteckig angeordnete Tribünen und viele Betonelemente. Tatsächlich liegen aber die Anfänge des Nürnberger Max-Morlock-Stadions in den Jahren 1927/28. Seinerzeit wurde es nach Plänen von Otto Ernst Schweizer als “Städtisches Stadion” errichtet. Ab 1933 gehörte das Bauwerk unweit des Dutzendteichs Teil zum neu entstehenden Reichsparteitagsgelände, heiß in den Folgejahren “Stadion der Hitlerjugend” . Eine Jugend, die „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“ sein sollte – Adolf Hitlers berühmt-berüchtigte Aussage fiel genaau hier, in einer Rede anlässlich des Reichsparteitags 1935. Von 1945 bis 1961 nutzte die US-Army das Stadion als Sportplatz, nun unterm Namen Victory Stadium. Und ab 1963, zum Start der Fußball-Bundesliga, zog schließlich der 1. FC Nürnberg hier ein. Nun trug die Sportstätte wieder den alten Namen “Städtisches Stadion” . 1972 wurden hier mehrere Spiele des Olympischen Fußballturniers ausgetragen, und auch bei der Fußball-WM 2006 war das Stadion Spielort. Damals trug es den diskutablen Namen “Easycredit-Stadion”. Zuvor, von 1991-2006 hieß es “Frankenstadion”. Es folgten weitere Sponsorennamen, bis schließlich ab 2017 Max Morlock (1925-1994), Spieler des Fußball-Weltmeisterteams 1954, Namensgeber wurde.

Obwohl der Bau zigfache millionenteure Renovierungen erfahren hat, ist er wieder einmal sanierungsbedürftig. Kosten von rund 30 Millionen Euro stehen hierfür im Raum. Mitte Januar hat die Stadt Nürnberg daher eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, die klären soll, ob nicht gar Abriss und Neubau die bessere Alternative seien. Dem entgegen steht, dass einige Teile des Stadions mit seinen charkteristischen, achteckig angeordneten Tribünen denkmalgeschützt sind. Erste Ergebnisse der Studie werden in einem Jahr erwartet, doch die Stimmen der Politik lassen bereits jetzt einen, äh, ausgeprägten Neubauwillen erkennen… (db, 28.1.22).

Nürnberg, Max-Morlock-Stadion (Bild: Chris Baier, CC BY-SA 2.5)

Helmut Jahn ist gestorben

Gestern verstarb der deutsch-amerikanische Architekt Helmut Jahn im Alter von 81 Jahren an den Folgen eines Fahrradunfalls. 1940 in Zirndorf bei Nürnberg geboren, absolvierte er sein Studium in München, um direkt danach 1966 nach Chicago zu wechseln. Hier begann er kurz darauf im Büro seines Berufskollegen Charles Murphy, das er ab 1983 leiten sollte – mit einem deutlichen Hang zu großformatigen Projekten. Über die Jahrzehnte erweiterte er seine Wurzeln, den Internationalen Stil à la Mies van der Rohe, durchaus um Rückgriffe auf historische Formen, darunter auch das hochhausaffine Art déco. Dabei entwickelte er Ansätze einer Hightech-Architektur weiter zur Vorherrschaft von Stahl und Glas. In dieser Ambivalenz gilt Jahn als typischer, aber erfrischend unpathetischer Vertreter der Postmoderne.

Jahn wählte den Spagat zwischen Wohnsitzen in den USA und in Deutschland. Die Liste der Werke, mit denen er die heimische Baulandschaft geprägt hat, ist lang und prominent. Zu nennen wären etwa das Berliner Sony Center (2000), der Münchener Flughafen (1999) oder der Frankfurter Messeturm (1991). Doch auch in seiner Wahlheimat hinterließ er u. a. mit dem State of Illinois Center (1985) in Chicago seine künstlerischen Spuren, zuletzt sollten noch Aufträge in ausländischen Boomregionen wie in China und in der Golfregion hinzukommen. Noch im letzten Jahr, zum 80. Geburtstag des Architekten, würdigte der Frankfurter DAM-Kurator Oliver Elser Jahns Auftritte als Gesamtkunstwerk: “Und es ist schön zu sehen, wie er sich auch als Künstler-Architekt, der aber in Klammern gesprochen, ein gnadenloser Kommerzarchitekt ist, dennoch als Künstler zu inszenieren weiß.” Jahn selbst fasste dieses Wechselspiel, ebenfalls 2020, gegenüber der Zeitschrift “Capital” in lakonischere Worte: “Architekten sind keine Künstler”. (kb, 9.5.21)

Berlin, Sony Center (Bild: Membeth, CC0 1.0, 2018)

Caltex-Comeback

Nein, der Markenname Caltex kommt nicht zurück – der ist in Deutschland bereits seit 1969 nicht mehr gebräuchlich. Doch eine der wenigen erhaltenen Typen-Tankstellen hat vor einigen Tagen den Betrieb wieder aufgenommen: Anfang 2015 schloss die Shell-Station im Stadtteil Erlenstegen die Pforten. Sie residierte in ebenjenem 1958 fertiggestellten, denkmalgeschützten früheren Caltex-Bau – damals in ganz Bayern der letzte seiner Art, der noch immer in Nutzung war. Die mangelnde Nachfrage bewog den Shell-Konzern, den Benzinverkauf hier einzustellen. Doch nun hat das Wirtschftswunder-Relikt wieder geöffnet: als Automatenkankstelle und befreit vom wuchtigen Werbebanner rund ums filigrane Flugdach.

Gebaut wurden die Caltex-Tankstellen ab 1956 Entwürfen des Frankfurter Architekten Willy H. Weisensee, der drei unterschiedlich große Typbauten schuf. Schon Anfang der 1960er Jahre griff der Konzern bei neu zu errichtenden Stationen auf konventionelle Architektur zurück, die (in der Rückschau) identitätsstiftenden Corporate-Identity-Tankstellen mit dem schwungvollen Dach blieben ein kurzes Kapitel der Firmengeschichte. Ab 1969 prangte statt des Caltex-Sterns dann das Chevron-Wappen an den Gebäuden. Und auch Chevron-Kraftstoffe sind hierzulande schon lange vom Markt verschwunden. Umso überraschender – und erfreulicher – dass eine solch kleine Tankstelle die Jahrzehnte weitgehend unbeschadet überstanden hat … (db, 11.2.20)

Nürnberg-Erlenstegen, Shell vor 2016 (Bild: Matthias Süß, CC BY-SA 4.0)