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Es war die große Verheißung von Freiheit: Im Studentendorf Schlachtensee sollte „die akademische Elite von morgen Demokratie lernen, üben und sich vor allem als selbstbewusste Gemeinschaft empfinden, unterstützt durch die Architektur.“ Was die Amerikaner in den 1950er Jahren als Geschenk errichten ließen, wurde ab 2002/03 von einer Genossenschaft aus Studierenden und Befürwortern vor dem Abriss gerettet und als neuer Freiraum denkmalgerecht wiederhergerichtet. Diese Vision von akademischer Gemeinschaft ist aktuell an vielen Universitäten nicht lebbar – der Campus wurde an den heimischen Laptop verlagert. Umso schützenswerter erscheint das Berliner Beispiel. Als vor einigen Tagen die Prämierten beim Deutschen Preis für Denkmalschutz bekanntgegeben wurden, war auch die Studentendorf Schlachtensee eG darunter.

Köln, Ebertplatz (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, Wikimedia Commons)

Letzter Freizeitspaß am Kölner Ebertplatz (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, Wikimedia Commons)

Überraschenderweise wurde das große Thema der letzten Monate, die digitale Kulturarbeit, nun schon im zweiten Jahr in Folge nicht mit einem Denkmalschutzpreis bedacht. Der virtuelle Raum erschien den Juroren vielleicht zu wenig greifbar. Dabei waren es in jüngster Vergangenheit oft die Sozialen Medien, die Denkmalbelange erfolgreich ins Gespräch brachten. Das vielfach geteilte Musikvideo von Erdmöbel und Judith Holofernes half den Kölnern dabei, ihren Ebertplatz wieder unter Wasser zu setzen. Die Hamburger versammelten sich nach Facebookaufrufen zu Musik und Open-Air-Yogastunden, um für ihre denkmalwerten Brücken zu werben. Wir entdeckten den öffentlichen Raum neu und besetzten ihn hoffnungsvoll.

Pop-up-Absperrung für freien Fahrradverkehr in Berlin-Kreuzberg im Mai 2020 (Bild: onnola, CC BY SA 2.0, via flickr.com)

Im Shutdown wurden Zäune und Absprerrungen ironischerweise oft zum Garant kleiner Freiheiten. Pop-up-Fahrradwege etwa machten den Kampf um den öffentlichen Raum unübersehbar. Wie viel davon bleiben wird, bleibt abzuwarten. Mit einem Herbst, der sich kaum noch als Spätsommer wegignorieren lässt, mit immer mehr abgeriegelten Hotspots sind uns die kleinen Fluchten ins Freie zunehmend verwehrt. Die Maske schränkt nun oft schon auf Straßen und Plätzen das Blickfeld ein. Der Spielraum verlagert sich nach innen. Zurück auf normal, ob alt oder neu, wird immer unwahrscheinlicher. Und wo nichts mehr zu verlieren ist, wächst bekanntlich der Mut. Denken wir immer mal wieder frei vor uns hin, waschen uns natürlich davor und danach gründlich die Hände und verbergen ggf. aufkommende gute Laune hinter dem Mund-Nase-Schutz. Der nächste Frühling wird ein Fest! (9.10.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Die Verheißung eines freieren Lebens im Studentendorf Schlachtensee Berlin (Bild: Mila Hacke, Berlin, CC BY SA 4.0, 2009)

Claiming Common Spaces

Es geht um den öffentlichen, um den städtischen Raum. Klingt trocken? Nicht in diesem Fall. Bei „Claiming Common Spaces“ gibt es In- und Outdoor-Pannels, Vorträge, Keynotes, öffentliche Labore, Musik, Installationen, Performances u. v. m. Vom 21. bis zum 23. Juni treffen sich im und um das Berliner „HAU Hebbel am Ufer“ Künstler, Stadtforscher und Aktivisten, um die Stadt zurück zu erobern.

Da wäre z. B. der Vortrag der New Yorker Stadtsoziologin Sharon Zukin, der in weiteren Gesprächspanels zu konkrete Strategien fortentwickelt werden soll. Zu den künstlerischen Aktionen zählt der aufblasbare „Bubble Palace“, den die Architektengruppe Kniess/Judt/Dietrich/Scheler temporär auf dem ehemaligen Postbankgelände entstehen lassen will. Veranstalter von „Claiming Common Spaces“ ist das Bündnis internationaler Produktionshäuser mit seinen sieben Mitgliedern: das FFT Düsseldorf, das HAU Hebbel am Ufer in Berlin, das HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, das Kampnagel in Hamburg), das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main, das PACT Zollverein in Essen und das tanzhaus nrw in Düsseldorf. Das Programm findet in den jeweiligen Häusern des Bündnisses statt. (kb, 19.5.18)

Eine Vorschau auf die Berliner Tage aus dem Museo Universitario del Choppo in Mexiko Stadt (Bild: Bündnis internationaler Produktionshäuser)

 

Leonie Wirth: Ortstermin in Dresden

Jeder kennt die „Pusteblumenspringbrunnen“ der Prager Straße in Dresden. Auch wenn sie ihr architektonisches Umfeld heute weitestgehend verloren haben, zeugen sie noch von der Großzügigkeit der sozialistischen Vorzeigeflaniermeile. Die vegetabilen Schmuckstücke wurden entworfen von der Dresdner Künstlerin, Raumplanerin und Architektin Leoni Wirth (1935 – 2012). Das Kunsthaus Dresden zeigt nun erstmals erstmals Modelle und Entwürfe, plastische Objekte und Zeichnungen aus dem Atelier von Leoni Wirth.

Die Ausstellung „Ein Ortstermin mit Leoni Wirth“, die vom 1. November 2015 bis zum 6. März 2016 im Kunsthaus Dresden zu sehen ist, bildet eine Hommage an die Künstlerin, die in diesem Jahr 80 Jahre alt geworden wäre. Neben Fragen nach biographischer und kunsthistorischer Verortung des Werkes Leoni Wirths spiegeln Arbeiten von sechs zeitgenössischen Künstler die Aktualität des abstrakten Formenvokabulars für die zeitgenössische Kunst. In den Entwürfen von Leoni Wirth wie auch den zeitgenössischen Arbeiten der Ausstellung bleibt die abstrakte Form eine lebendige ästhetische Gratwanderung und eine Einladung zum Sehen. Begleitend zur Ausstellung werden u. a. Stadtrundgänge zu Werken von Leonie Wirth angeboten. (kb, 11.10.15)

Dresden, Wasserspiel von Leonie Wirth auf der Prager Straße, 1968 (Bild: SLUB Dresden/Deutschen Fotothek, Richard Peter sen.)