Öffentlichmachen, das

Spätestens seit den 1980er Jahren gilt der öffentliche Raum als Allheilmittel. Ein paar gut platzierte Betonbänke, etwas homöopathisch eingesetztes Grün und in wagemutigen Fällen noch eine Halfpipe – das passende soziale Leben wird sich schon von alleine einstellen. Doch die Erfahrung zeigt, dass diese Rechnung der späten Moderne nur selten aufgegangen ist. Nun wollen die Herausgeber des Bands “Figurationen von Öffentlichkeit” Abhilfe schaffen. Der Politikwissenschaftler Philippe Koch sowie die Architekten Stefan Kurath und Simon Mühlebach richten ihren Blick auch auf den Faktor Mensch. Einen Platz, einen Park, eine Straße müsse man sich aneignen, erst dann werde daraus öffentlicher Raum. Doch dabei sei das Gestalterische ebenso bedeutsam. Denn, so lobenswert der Spatial Turn, die geisteswissenschaftliche Rückbesinnung auf den Raum auch sei, man dürfe vor lauter Theorie nicht die Konkretion vergessen. Nur wo architektonische und soziale Prozesse gut ineinandergreifen, kann demnach Öffentlichkeit gelingen.

Sechs Stufen bis zur großen Bühne

In Wissenschaftsdeutsch heißt dieser Ansatz relationale Ontologie: Orte sind nicht öffentlich, sie werden öffentlich gemacht – indem man sie eingrenzt, nutzt und mit einer symbolischen Identität versieht (oder gleich mehreren). Wie sich Formen und Intensitäten dieser Interaktion zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteur:innen unterscheiden, das nennen Koch, Kurath und Mühlebach “Figurationen”: Einzelne können je für sich in ruhigen Zonen den sie umgebenden Dingen annähern oder mit anderen wortlos in Beziehung und damit den Raum ordnen. Auch Gruppen eigenen sich einen Ort an und organisieren sich darin. Einzelne oder Gruppen hinterlassen flüchtige oder feste Spuren, vom Aschenbecher in der Raucherecke bis zu Graffiti. Nicht zuletzt werden Zonen mit Konsumzwang und der Freiheit davon verstanden und schließlich die volle Inanspruchnahme des öffentlichen Raums als Agora oder Bühne.

Sozialkunde für Retroaffine

In der Zusammenschau geht es um nicht weniger als die Frage, wie öffentliche Räume gestaltet, angeeignet und mit gesellschaftlicher Bedeutung angereichert werden. Das Autorenteam entfaltet seine Thesen an vier beispielhaften Plätzen in der Schweiz: dem Lagerplatz in Winterthur, dem Europaplatz und Bern, dem Murg-Auen-Park in Frauenfeld und dem Richtiplatz in Wallisellen. Folgerichtig rahmt das Buch die inhaltlichen Grundsatzbeiträge durch eine einführende Definition des Ziels und abschließend durch einen übersichtlichen Methodenkatalog und ein Literaturverzeichnis. Halb dokumentarisch, halb künstlerisch aufgefasst Fotostrecken verdeutlichen die Beobachtungen. Hinzu kommen Chronologien der Fallbeispiele und Interviews mit dort prägenden Akteur:innen wie Vittorio Magnago Lampugnani. All dies ist für Retroaffine verpackt in die Ästhetik eines 70er-Jahre-Sozialkunde-Schulbuchs, lässt sich in einem Rutsch oder in Etappen durcharbeiten und weitet den eigenen Blick auf den städtischen Raum. Was will man mehr. (kb, 4.12.21)

Koch, Philippe/Kurath, Stefan/Mühlebach, Simon (Hg.), Figurationen von Öffentlichkeit. Herausforderungen im Denken und Gestalten von öffentlichen Räumen, hg. vom ZHAW Institut Urban Landscape, Triest-Verlag, Zürich 2021, 128 Seiten, ca. 160 Abbildungen, 19,5 × 31,4 cm, fadengeheftete Broschur, ISBN 978-3-03863-065-4.

Titelmotiv: Ausschnitt aus dem Buchcover

BUCHMESSE-SPEZIAL: Da steht ein Pferd vor dem Hochhaus

Ein Buch, das einen adrett gekleideten Reiter hoch zu Pferde vor einem Hochhausriegel zeigt, kann nicht verkehrt sein. Aber, bleiben wir bei den Inhalten von “Transformative Partizipation”. Matthias Brunner, Maren Harnack, Natalie Heger und Hans Jürgen Schmitz vom Forschungslabors Nachkriegsmoderne an der Frankfurt University of Applied Sciences haben einen neuen Sammelband zusammengestellt, wie sich Siedlungen 1945+ gemeinschaftlich erhalten und weiterentwickeln lassen. Wo in der ähnlich strukturierten englischsprachigen Publikation im letzten Jahr mehr die bauhistorischen Fachleute von außen analysierten, kommen jetzt im deutschsprachigen Pendant die Initiativen zu Wort. Mit dabei sind prominente Projekte wie rund um die Platte in Leipzig-Grünau und zu Unrecht weniger bekanntes Engagement wie in Darmstadt-Kranichstein. Schon die Bauzeit selbst wollte die Bedürfnisse der Bewohner:innen architektonisch aufgreifen (wusste noch nicht recht, wie, so die These des Buchs). Doch nun gebe es eine Reihe professioneller “Partizipationsexpert*innen” mit guten Ideen. Solange Gestaltungsspielraum, Erwartungen und Ziele klar abgesteckt und alle relevanten Akteur:innen mit im Boot seien, könne einem wirklich Überraschendes vor dem Hochhausraster begegnen.

Öffentliche Orte

Wo in vielen Quartieren längst Post und Ladenzentrum geschlossen haben, sind Kirchenräume oft die letzte öffentliche Raumreserve. Aber auch diese Bauten geraten zunehmend unter Druck. Kirche hat ihre Vorsilbe verloren, denn sie kann das “Volks” inzwischen ebenso wenig im Namen führen wie einige der ehemals großen Parteien. Aber wie man sich aus der ehemals bequemen gesellschaftlichen Mitte heraus einen neuen Platz erobern kann, daran kauen die Berufschrist:innen noch. In den vergangenen Jahren hat sich dafür eine eigene Denkschule ausgebildet: die Öffentliche Theologie. Aus diesem Umfeld haben Ulrich H. J. Körtner, Reiner Anselm und Christian Albrecht verschiedenste Beiträge über “Konzepte und Räume” zu einem Buch gebündelt. Entstanden ist ein umfassender Überblick über Richtungen (manche sehen sich als integraler Bestandteil, andere als das beratendes Gegenüber der Gesellschaft) und Anwendungsgebiete (zwischen Ethik und Diakonie). Obwohl viel von Orten und Räumen die Rede ist, sucht man das konkret Bauliche vergeblich. Dafür wird, und diese Leistung ist kaum zu überschätzen, eine Brücke zwischen scheinbar unversöhnlichen Lagern geschlagen.

Sichtbare Teilhabe

Am Ende geht es nur gemeinsam, will man den öffentlichen Raum nicht den ökonomisch getönten Regeln einer neoliberalen Gesellschaft überlassen. Denn der Kampf um die innerstädtischen Freiflächen hat längst begonnen. Wer ohne sichtbares Kaufansinnen in der Fußgängerzone umherstreift, hat es schwer. Erst recht, wenn man in Kleidung, Verhalten oder Hygienezustand aus dem bürgerlichen Raster fällt. In ihrer neuen Publikation “Die fragmentierte Stadt” haben sich Jürgen Krusche, Aya Domenig, Thomas Schärer und Julia Weber mit der Frage auseinandergesetzt, wer sich wo, wann, wie aufhalten darf, wie Teilhabe und deren Gegenteil im städtischen Raum genau aussehen. Dafür haben die Autor:innen viel hingeschaut, sensibel dokumentiert, künstlerisch aufbereitet und Strategien hinterfragt, wie sich Teilhabe auch jenseits der gutbetuchten Mitte organisieren lässt. Darin sind sich die drei hier vorgestellten Neuerscheinungen einig: Der Markt allein wird es nicht richten. Es braucht gute Ideen und kluge Strategien, um den öffentlichen Raum als Frei- und Spielfläche zurückzugewinnen. (kb, 23.10.21)

Brunner, Matthias/Harnack, Maren/Heger, Natalie/Schmitz, Hans Jürgen (Hg.), Transformative Partizipation. Strategien für den Siedlungsbau der Nachkriegsmoderne, Berlin 2021, Broschur, 16,5 × 24 cm, 160 Seiten, 65 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, ISBN 978-3-86859-691-5.

Körtner, Ulrich H. J./Anselm, Reiner/Albrecht, Christian (Hg.), Konzepte und Räume Öffentlicher Theologie. Wissenschaft – Kirche – Diakonie (Öffentliche Theologie 39), Leipzig 2020, 312 Seiten, 15,5 x 23 cm, Paperback, ISBN 978-3-374-06394-9.

Krusche, Jürgen/Domenig, Aya/Schärer, Thomas/Weber, Julia, Die fragmentierte Stadt. Exklusion und Teilhabe im öffentlichen Raum, Berlin 2021, Schweizer Broschur, 17 × 22 cm, 208 Seiten, ISBN 978-3-86859-643-4.

Titelmotiv: “Transformative Partizipation” (Bild: Buchcover/Jovis-Verlag, Nils Heck/Staatstheater Darmstadt)

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