DDR-Architektur nach dem Mauerfall

Inzwischen liegt der Fall der Berliner Mauer 30 Jahre zurück. Grund genug für die Journalistin und studierte Architektin Danuta Schmidt mit dem Architekten Prof. Wolf-Rüdiger Eisentraut über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Architektur der DDR zu sprechen. Wie wurde Architektur in der DDR umgesetzt? Und wie wird sie heute wahrgenommen? Diese und weitere Fragen werden am 8. November um 20 Uhr in der Bezirkszentralbibliothek Mark Twain (Marzahner Promenade 55, 12679 Berlin) diskutiert werden. Um eine Anmeldung unter der Telefonnummer 030 54 704 142 wird gebeten.

Wolf-Rüdiger Eisentraut war zusammen mit seinem Team für den Bau der Bibliothek und des angrenzenden FreizeitForums Marzahn verantwortlich. 1991 wurde die Bibliothek eröffnet. Wie aber gelang es in dieser Zeit des Wandels und der Euphorie ein solches Großprojekt zum Abschluss zu bringen? In dem Gespräch sollen die Herausforderungen des Bauens in der Wendezeit beleuchtet werden. Daneben geht es auch darum, wie die „Ostmoderne“ in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt und als historisch bedeutsam vermittelt werden kann. (mk, 2.11.19)

Berlin, FreizeitForum Marzahn (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2017)

Palast der Republik saniert

Der Palast der Republik erstrahlt in neuem Glanz – zumindest auf den jüngst restaurierten Collagen Dieter Urbachs. Der Architekt und Grafiker arbeitete in den 1970er Jahren im Auftrag bedeutender DDR-Architekten. Seine Werke zeigen Ostberliner Architektur und Stadtplanung in Form lebhafter Stadtansichten. Die Berlinische Galerie zeigt 18 solcher Collagen in der Ausstellung „Kunst in Berlin 1880-1980“. Sie wurden jüngst mit Mitteln des Stiftungsbündnisses „Kunst auf Lager“ restauriert.

Da die Collagen ansprechender wirken als die meisten Pläne und Aufrisszeichnungen, warben Ostberliner Baumeister damit bei der Staatsführung für ihre Arbeit. Reproduktionen von Urbachs Arbeit fanden sich außerdem in Bauausstellungen und der DDR-Presse. Das Stiftungsbündnis „Kunst auf Lager“ fördert seit 2012 die Erschließung und den Erhalt von Museumsbeständen. Es widmet sich insbesondere Kunstwerken und historischen Artefakten, die in den Magazinen unter suboptimalen Bedingungen lagern und der Restaurierung harren. (jr, 16.11.15)

Der Palast der Republik auf einer Ansicht Dieter Urbach (Bild: Dieter Urbach, Berlinische Galerie)

Ostmoderne International

Ort von guter Architektur und viel DDR-Geschichte: das Kino International in Berlin (Bild: Reimer-Mann-Verlag)
Das Kino International in Berlin konnte seinem Namen auch zu DDR-Zeiten gerecht werden – es liefen auch Streifen aus dem „kapitalistischen Ausland“ (Bild: Reimer-Mann-Verlag)

Jedes Jahr im Februar lockt die Berlinale Kinobegeisterte aus aller Welt in die deutsche Hauptstadt. Die Filmfestspiele sind inzwischen das größte Publikumsfestival der Welt. Eines der beteiligten Lichtspielhäuser trägt den globalen Anspruch traditionell im Namen: das Kino International. Als es 1961 als Premierenkino der ostdeutschen Produktionsfirma DEFA eröffnet wurde, klang dieser Name noch nach Wunschdenken. Aber sogar zu DDR-Zeiten widmete man sich nicht nur Filmen aus den „sozialistischen Bruderstaaten“, sondern auch aus dem „kapitalistischen Ausland“.

Eine Monographie zeichnet nun die Geschichte des Filmpalasts nach. Dabei beschränkt sich der Autor Dietrich Worbs nicht auf eine bauliche und architekturgeschichtliche Analyse, sondern bezieht auch die Biographien der am Bau beteiligten Protagonisten, die städtebauliche Bedeutung des „International“ und seine bewegte Geschichte als Premierenkino ein. So ist ein facettenreiches Porträt eines außergewöhnlichen Bauwerks entstanden.

 

Städtebauliches Zentrum

„Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen? Die Architektur, die Sie uns da anbieten, ist […] einer Sozialistischen Gesellschaft nicht zumutbar. […] Das Kino ist eine Kiste.“ So kommentierte eine staatliche Kommission das Modell, das Architekt Josef Kaiser und seine Kollegen als Zentrum für den zweiten Bauabschnitt der Stalinallee vorsahen. Neben dem Kino International gehörten das Hotel Berolina und das Café Moskau dazu. Offenbar hallten in den Köpfen der SED-Genossen noch die „16 Grundsätze des Städtebaus“ nach, die den sowjetischen Klassizismus in den frühen 1950er Jahren nach Berlin bringen sollten. Trotzdem wurde der Plan aber fast unverändert umgesetzt, der von Sowjetführer Chruščëv eingeleitete städtebauliche Paradigmenwechsel zeigte auch in der DDR seine Wirkung. Im zweiten Bauabschnitt der Stalinallee entstand ein offenes Wohngebiet mit begrünten Höfen, das im International sein kulturelles Zentrum fand.

Mit dem weit auskragenden Foyer und dem Panoramafenster – als eine Art zweite Leinwand machte es den Kinobesucher für den Passanten selbst zum bewegten Bild – löste Kaiser den Anspruch ein, den der Name des Filmpalastes aufstellte. Worbs spricht gar von einem „Bau ohne Präzedenz“ – und sieht ihn in der Tradition der sowjetischen Arbeiterclubs der 1920er. Dementsprechend fanden sich im Kino auch eine Stadtteilbibliothek und ein Clubraum. Zentrale Bedeutung nahm ferner die Introduktion des Kinobesuchers ein, die Worbs überzeugend auf Ideen Adolf Loos‚ zurückführt.

Nicht nur der Bau, auch der Erbauer wich von der DDR-Norm ab. So trat Kaiser nie in die SED ein, entwickelte sich aber trotzdem zu einem der wichtigsten Architekten des Arbeiter- und Bauernstaats. 1962 erhielt er den Nationalpreis II. Klasse. Neben dem Kino Kosmos und dem Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz gestaltete er auch das Außenministerium der DDR, das die Berliner in Anlehnung an den langjährigen Amtsinhaber Otto Winzer „Winzer-Stube“ tauften. Worbs sieht in Kaiser „kein[en] Gegner und kein[en] Anhänger des SED-Regimes“. Dass er dennoch derart reüssieren konnte, ist bemerkenswert.

 

Schüsse im Kinosaal

Auch das Programm des International musste nicht hinter seinem Namen zurückstehen. So stammten 1/3 der gezeigten Filme aus dem Westen, 1/3 aus den „Bruderländern“. Doch auch manche DDR-Produktion führte zum Run auf das Premierenkino, was der SED bisweilen unheimlich wurde. So bestellte sie zur Premiere des kurz zuvor in Ungnade gefallenen Films „Die Spur der Steine“ Provokateure in den Kinosaal, um das folgende Verbot zu rechtfertigen. Beim daraus entstehenden Tumult soll sogar ein Schuss gefallen sein, da ein Volkspolizist nicht anders Ruhe zu schaffen wusste.

Nach 1990 sorgte eine ausgewogene Nutzung des International – Programm- und Eventkino neben Festveranstaltungen – dafür, dass das Lichtspielhaus auch nach dem Fall der Mauer nicht umgebaut oder zweckentfremdet wurde. Der Vergleich mit dem ebenfalls von Kaiser entworfenen Kino Kosmos zeigt, dass dies nicht selbstverständlich ist. Das Kosmos wurde einschneidend zum Multiplexkino umgebaut.

Vielleicht liegt die systemübergreifende Popularität des Baus auch in der Architektur und Konzeption des Kinos begründet, das seiner Zeit weit voraus war. Worbs deutet das International als einen Vorgriff auf eine „künftigere, offenere Gesellschaft“, weniger als architektonisches Sinnbild des Realsozialismus. Man mag diese Beurteilung teilen oder nicht; dieses Buch verbindet umfassende historische Recherchen mit einem universellen Erkenntnisansatz und ist daher ein Muss für jeden Ostmoderne-Interessierten. (jr, 10.5.15)

Worbs, Dietrich, Das Kino International in Berlin, Reimer-Mann-Verlag, 2015, ca. 160 Seiten, broschiert, 40 Abbildungen, 17 x 24 cm, ISBN 978-3-7861-2711-6.