Schlagwort: Ostmoderne

Novosibirsk (Bild: Brücke-Osteuropa, PD, 2007)

Sun City Nowosibirsk

Die drittgrößte Stadt Russlands liegt in der westsibirischen Steppe: Nach Moskau und St. Petersburg hat es Nowosibirsk in die oberste Liga der Sowjetmetropolen geschafft. Die heutige Großstadt wurde um die Jahrhundertwende mit dem Vordringen der Eisenbahn gegründet. 1903 erhielt der Ort die Stadtrechte, 1926 den Namen Nowosibirsk, „Neu-Sibirien“. Heute gilt die einstige Neugründung als einer der kulturellen und wirtschaftlichen Mittelpunkte des Landes.

In ihrer neuen Publikation „Sun City Nowosibirsk“ porträtieren die drei Herausgeber – Stephan Lanz, Stefanie Peter und Kathrin Wildner – „ausgewählte urbane Transformationsprozesse“ – wie den Wandel der Großwohnsiedlungen oder wiederkehrende Planungen für den Marx-Platz. Es geht um die Prozesse, wenn Volks- in Privateigentum übergeht, wenn staatliche Planung vom Druck des Kapitals eingeholt wird. Textbeiträge, Fotoserien und ein Glossar dokumentieren und kommentieren so aus verschiedenen Perspektiven den Wandel von der sozialistischen zur kapitalistischen Stadt ebenso wie den Umgang mit dem sprichwörtlichen sibirischen Winter im öffentlichen Raum. Die Buchvorstellung findet morgen, am 15. Juli 2018, ab 19 Uhr in Berlin in der Floating University (Lilienthalstraße, 10965 Berlin-Kreuzberg) statt. (kb, 14.7.18)

Lanz, Stephan/Peter, Stefanie/Wildner, Kathrin (Hg.), Sun City Nowosibirsk. Transformationen einer sibirischen Metropole (metroZones14), Spector Books, Leipzig 2018, ISBN 9783959051651.

Nowosibirsk (Bild: Brücke-Osteuropa, PD, 2007)

Jeanssozialismus (Bild Wallstein-Verlag)

Jeanssozialismus

Ungarn erlebte nach 1945 eine umfassende Sowjetisierung und eine forcierte Integration in das von der UdSSR dominierte osteuropäische Staatensystem. Ein Volksaufstand im Jahr 1956 wurde durch die Rote Armee brutal niedergeschlagen. Doch im Gegensatz zu anderen „Bruderstaaten“ im realsozialistischen Osteuropa schlug Ungarn wirtschaftlich in der Folge einen Weg dosierter Liberalisierung ein. Die Mischform aus Planwirtschaft und Konsumgesellschaft wird bis heute salopp „Gulaschkommunismus“ genannt. Eine neue Dissertation geht dem historischen Phänomen differenziert am Beispiel der ungarischen Mode nach.

Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Jeans. Wurde sie anfangs noch von der politischen Führung des Landes als imperialistisches Teufelszeug verdammt, avancierte sie in den 1970er Jahren zum Symbol für die erfolgreiche Versorgungspolitik und internationale Konkurrenzfähigkeit der Volksrepublik. Die Analyse stellt die spezifische historische Dynamik heraus, indem sie sowohl den ungarischen Modediskurs als auch Quellen aus den Archiven der politischen Institutionen und der Textilindustrie einbezieht. Sie liefert einen wertvollen Beitrag dazu, die veraltete Annahme eines (wirtschafts)politisch heterogenen Ostblocks zu differenzieren. (jr, 8.7.18)

Müller, Fruzsina, Jeanssozialismus. Konsum und Mode im staatssozialistischen Ungarn, Wallstein Verlag, Göttingen 2017, ISBN 978-3-8353-3059-7.

Titelmotiv: Buchcover, Wallenstein Verlag

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039 / Vladimir Rodionov / CC-BY-SA 3.0)

Alle reden vom Fußball …

… wir nicht. Also selten. Eine Ausstellung in Moskau bringt uns aber doch dazu: Bis zum 26. August beleuchtet die Schau „Arhitektura Stadionov“ im Ščusev-Museum für Architektur Sportarenen Russlands und der ehemaligen Sowjetunion. Den sowjetmodernen Großbauten treten hier die jüngst eröffneten, modernen Fußballtempel gegenüber, die eigens für die Weltmeisterschaft (um)gebaut wurden.

Stadien hatten als Austragungsort von Sport- und Massenveranstaltungen einen besonderen Stellenwert in der sowjetischen Architektur. Renommierte Baumeister wie Nikolaj Kolli, Nikolaj Ladovskij oder Dimitrij Iofan beteiligten sich mit engagierten Beiträgen an der Suche nach der idealen sozialistischen Sportarena. Bei prestigeträchtigen internationalen Wettkämpfen sollten die Bauten ebenso wie die sowjetischen Sportler die Überlegenheit des politischen Systems demonstrieren.  Die Ausstellung versammelt Modelle und noch nie gezeigte Pläne mit Beispielen aus Moskau, St. Petersburg, Minsk, Jerevan und anderen Städten. Teils blieben die aufwändigen Entwürfe ungebaut, teils kann man sie derzeit in modernisierter Form täglich im Fernsehen bewundern. (jr, 3.7.18)

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039, Vladimir Rodionov, CC BY-SA 3.0)

Berlin, Kino International zu seiner Eröffnung am 15. November 1963 (Bild: Horst Sturm, 1963)

Bauten der Ostmoderne unter Denkmalschutz

Wenn eine Veranstaltungsankündigung schon im Titel mit Anführungszeichen hantiert, dann geht es um Probleme oder Ironie oder Unsicherheit. In diesem Fall hat sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) die Bauten der (hier wären sie) „Ostmoderne“ vorgenommen. Gemeint sind die „zwischen 1945 und 1965 in der sowjetischen Besatzungszone“ errichteten Architekturen. Schon die Begriffsfindung für diese Epoche bereitet den Fachleuten Kopfzerbrechen, man will weder vereinnahmen noch verharmlosen. Seit einigen Jahren scheint sich für diese Zeit der Stilbegriff der „Ostmoderne“ durchzusetzen.

Die Stilformen der Ostmoderne, so die Veranstaltungsankündigung, würden sich von denen im Westen zu dieser Zeit unterscheiden – und würden eben dort bislang kaum Anerkennung finden. Dem will die DSD nun abhelfen: mit der Veranstaltung „Bauten der ‚Ostmoderne‘ unter Denkmalschutz“, einem Tagesseminar zur Baustilkunde, das am 16. August 2018 von 9 bis 17 Uhr statt im Nicolaihaus der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (Brüderstraße 13, 10178 Berlin) stattfindet. Denn viele Bauten der DDR-Zeit stehen – ob aus geschichtlichen, städtebaulichen, künstlerischen oder weiteren Gründen – bereits unter Denkmalschutz. Vor diesem Hintergrund werden im Tagesseminar die Aufgaben bei Sanierungen von Bauten der Ostmoderne und gelungene Praxisbeispiele vorgestellt. Es wird eine Teilnahmegebühr erhoben, weitere Informationen unter: 0228 9091-426, denkmalakademie@denkmalschutz.de. (kb, 21.6.18)

Berlin, Kino International zu seiner Eröffnung am 15. November 1963 (Bild: Horst Sturm, 1963)

Trabant überquert provisorischen Grenzübergang bei Katharinenberg (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-1121-412, CC BY SA 3.0, Foto: Jürgen Ludwig)

Es ist nicht alles gesagt

2019 steht nicht nur das vielbeschworene Bauhaus-Jubiläum ins Haus, ebenso jährt sich die Friedliche Revolution zum 30. Mal. Und während in der zeitgeschichtlichen Forschung die Angst vorzuherrschen scheint, es sei über die DDR eigentlich schon alles erforscht und gesagt, boomt die „Public History“, die öffentliche Auseinandersetzung mit der Ost-Vergangenheit. Vor diesem Hintergrund findet unter dem Titel „Es ist nicht alles gesagt“ vom 30. November bis 1. Dezember 2018 in Berlin (Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität in Berlin) ein „Workshop zur DDR-Forschung“ statt.

Die Veranstaltung soll gerade nicht Bilanz ziehen, sondern als „work in progress“ kooperatives, moderiertes Arbeiten mit praktischen Impulsen anregen. Daher werden noch Themenvorschläge gesucht z. B. zu diesen Fragestellungen: Wie können heute in der DDR-Forschung Begriffe wie „Widerstand“, „Täter“ und „Opfer“ verwendet werden? Wer sind Zeitzeugen und wie wertet man ihre Berichte aus? Welche Spielräume gab es überhaupt innerhalb eines autoritären Staats? Wo sind die zeitlichen und räumlichen Schnittmengen zwischen der damaligen Geschichtsschreibung und einer „Geschichte von unten“? Ein Abstract (ca. 300 Wörter) und eine Kurzbiographie können bis zum 1. August 2018 gesendet werden an: Steffi Brüning, Universität Rostock, steffi.bruening@gmx.de, und Maria Neumann, Humboldt Universität zu Berlin, maria.neumann.hu@googlemail.com. (kb, 16.6.18)

Ein Wartburg 353 überquert den provisorischen Grenzübergang bei Katharinenberg (Bild: Bundesarchiv Bild 183-1989-1121-412, CC BY SA 3.0, Foto: Jürgen Ludwig)