Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel

von C. Julius Reinsberg (18/1)

Mit dem Stichwort „nordkoreanische Baukunst“ verbinden die meisten wohl ausgedehnte Plattenbauviertel, nicht ende wollende Prachtstraßen oder vielleicht den protzigen Chuch’e-Turm, der als Wahrzeichen der Hauptstadt Pjöngjang gilt. Und tatsächlich erinnert die Architektur der im Koreakrieg stark zerstörten Metropole mit ihren monumentalen Bauten vielerorts an den sozialistischen Klassizismus der Sowjetunion der Stalinjahre oder seine chinesischen Adaptionen. Sinnbildlich für Nordkorea ist jedoch ein anderer Bau, der sich ebenfalls in Pjöngjang befindet: das Ryugyŏng-Hotel.

Nordkoreanisches Prestigedenken

Das Bauwerk steht beispielhaft für die ausgeprägte Sucht nach Rekorden, Superlativen und internationalem Prestige, welche die Führung Nordkoreas – immer noch ganz in der Logik des Kalten Krieges – bei den meisten staatlichen Bauprojekten an den Tag legt. Ein 1982 fertig gestellter Triumphbogen etwa orientiert sich klar am Arc de Triomphe in Paris, überragt diesen jedoch um drei Meter, um den Titel „höchster Triumphbogen der Welt“ beanspruchen zu können. Auch die 20 Meter hohen Monumentalstatuen der verstorbenen Machthaber Kim Il-sung und Kim Jong-Il brauchen sich im weltweiten Vergleich entsprechender Denkmale nicht zu verstecken. Doch obwohl es sich beim Ryugyŏng-Hotel sogar um das höchste Bauwerk des Landes handelt, taugt dieses kaum mehr zur baulichen Propaganda. Tatsächlich steht der gewaltige Betonbau im wenig schmeichelhaften Ruf, die größte Bauruine des Landes und sogar der Welt zu sein.

Das höchste Hotel der Welt

Die nordkoreanische Führung schielte bei der Grundsteinlegung im Jahr 1987 freilich auf einen ganz anderen Titel. Das Hotel sollte dem damals höchsten Hotel der Welt, dem Westin Stamford in Singapur, den Rang ablaufen. Die dortigen Arbeiten, die ein südkoreanisches Bauunternehmen ausführte, waren bereits 1986 abgeschlossen worden. Die Einweihung der nordkoreanischen Antwort war für 1989 geplant. In diesem Jahr fanden die Weltjugendspiele in Pjöngjang statt und ein internationales Medieninteresse war garantiert. Der Bau, so die Hoffnung des Regimes, sollte außerdem auch westliche Investoren und mit ihnen Devisen ins Land locken.

Die Architektur des Ryugyŏng-Hotels ist zwar überzogen monumental, aber erstaunlich modern. Ganz im Sinne der Postmoderne entwarfen die nordkoreanischen Architekten einen gigantischen Betonbau, der in seiner Form ebenso an die antiken Pyramiden wie an die mächtigen Raketen sowjetischer Raumfahrtprogramme erinnerte. In Anlehnung an die Wolkenkratzer, die zeitgleich auf der ganzen Welt entstanden, sollte das riesige Hotel mit einer gläsernen Vorhangfassade verkleidet werden. Der Baukomplex ergibt sich aus drei dreieckigen Flügeln – jeder von ihnen erstreckt sich über eine Länge von 100 Metern –, die in einem Winkel von 75 Grad zueinander angeordnet sind und nach oben spitz zulaufen. Gekrönt werden sie von einem Kegel, der fünf rotierenden Restaurants Platz bieten sollte. An jedem der Flügel ist ein kleiner Baukörper angeordnet, den man, bleibt man im Raketenvergleich, als Triebwerk deuten kann. Darüber hinaus sollte die Planung nach bewährter Manier mit Zahlen und Daten rein quantitativ überzeugen: die Propaganda versprach, das 330 Meter hohe Bauwerk werde auf 105 Etagen 3.000 Hotelzimmern Platz bieten, außerdem auch ein Casino und Konferenzräume enthalten.

Eröffnung nicht in Sicht


Der ehrgeizige Eröffnungsplan konnte indes nicht eingehalten werden. Erst im Jahr 1992 war der Rohbau fertiggestellt. Ein gigantischer, unverkleideter Betonkoloss überragte nun die Stadt – und dies sollte sich in den nächsten Jahren nicht mehr ändern. Die Bauarbeiten wurden vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der UdSSR eingestellt; in Nordkorea, das auf strikt planwirtschaftlichen Kurs blieb, löste das Ereignis eine verheerende Wirtschaftskrise aus. Aus dem einstigen Prestigeprojekt wurde damit ein ständiges Ärgernis für die Machthaber des Landes. Das Hotel wurde zum sprichwörtlichen Elefant im Raum: Wenngleich die Propaganda versuchte, den Bau totzuschweigen, aus Panoramaansichten der Stadt herauszuschneiden und in offiziellen Stadtplänen nicht zu erwähnen, ließ er sich beim besten Willen nicht aus der Stadtsilhouette hinaus definieren. Die größte Bauruine der Welt erreichte sogar eine Bekanntheit, die weit über die Grenzen des abgeschotteten Staats in Südostasien hinausreichte. Das Esquire Magazine verlieh ihm den Titel „Schlimmstes Bauwerk in der Geschichte der Menschheit“, eine italienische Videoinstallation versah das Ryugyŏng mit martialisch anmutenden Trägerraketen, um es kurzerhand zum Mond zu schießen. In der internationalen Fachwelt kursierten außerdem Berichte über schwere Baumängel, die einen regulären Betrieb des Hotels unmöglich machten.

2008 schließlich wurden die Arbeiten dennoch wieder aufgenommen. Ein ägyptischer Baukonzern schrieb sich die Fertigstellung des Bauwerks auf die Fahnen, das nordkoreanische Regime verkündete, 2012 werde der Bau anlässlich des 100. Geburtstages des „ewigen Präsidenten“ Kim il-Sung eröffnet. Tatsächlich verschwand der rohe Beton – wie vor über einem Jahrzehnt geplant – hinter einer gläsernen Fassade, statt eines verrosteten Baukrans krönte nun ein Funkmast den Kegel auf der Spitze des Bauwerks. Der Eröffnungstermin wurde jedoch erneut kleinlaut verschoben. Den bislang letzten Versuch startete eine europäische Luxushotelkette, die ankündigte, 2013 zumindest in den oberen Stockwerken des Baus Zimmer anzubieten. Zu einem Vertragsabschluss kam es aber offenbar nicht, so dass der riesige Komplex weiterhin auf seine ersten Gäste wartet.

Ein Sinnbild der Kim-Diktatur

Das Ryugyŏng-Hotel ist damit in mehrerlei Hinsicht sinnbildlich für das nordkoreanische Regime. Er simuliert als hohle Kulisse Internationalität und Weltoffenheit in einem Land, das seit Jahren erfolgreich den Titel des meist abgeschotteten Staats der Welt verteidigt. Es zeugt von Zynismus, in einem bitterarmen Land in ein überdimensioniertes Prestigeprojekt zu investieren, dessen Hauptnutzer – Touristen – allenfalls als Quelle von Devisen erwünscht sind und bisher eine absolute Randerscheinung darstellen. Eine Nacht im Ryugyŏng mag ein Wunschtraum für die wenigen ausländischen Touristen sein, welche die nordkoreanische Hauptstadt besuchen – unverfälscht bliebe der Symbolcharakter des Hotels nur, wenn seine Rezeption ewig unbesetzt bliebe.

Literatur

Berg, Nate,North Korea’s Best Building Is Empty: The Mystery Of The Ryugyong Hotel, in: The Daily Beast. Februar 2016.

Frank, Rüdiger, Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates, München 2014.

Hagberg, Eva, The Worst Building in the History of Mankind, in: Esquire, Januar 2008.

Pjönjang, Ryugyŏng-Hotel (Bild: Alkhimov Maxim, CC BY SA 3.0, 2011)

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Winter 18: Im Hotel

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Chrstina Gräwe an einem ikonischen Wim-Wenders-Drehort.

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Dina Dorothea Falbe besucht das „Rote Kloster“.

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Heiko Haberle über 100 Stunden im „Brutalismus-Hotel“.

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Jerusalem, Beit Belgiyah

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Karin Berkemann in einem modernen Rundtempel.

Auf ein Milcheis mit Mark Escherich

„Damit konnten die Erfurter etwas anfangen.“ Noch fünf Jahre später strahlt Mark Escherich, wenn er im egapark vor dem Pavillon steht. Mit viel Engagement wurde damals der markante Rundbau aus dem Jahr 1974 gerettet. Erst protestierten nur Denkmalschützer und eingefleischte Ostmodernisten gegen den drohenden Abriss. „Mit seiner bildhaften Architektur steht der Pavillon in der Tradition der ikonischen Solitärbauten der späten 1960er Jahre“, unterstreicht Escherich den künstlerischen Wert. Immer mehr Bürger ließen sich für die Erhaltung des Rundbaus begeistern. Es war hilfreich, so Escherich, dass viele Erfurter mit dem Bau positive Erinnerungen verbinden. „Und als der Oberbürgermeister öffentlich erzählte, wie gerne er hier als Kind ein Eis gegessen hat, da hatten wir es geschafft.“

„In der Mokka-Milch-Eisbar“

Mitte der 1970er Jahre beherbergte der Rundbau im Untergeschoss ein Kindertheater, im Obergeschoss eine Milcheisbar. Eine was? Mark Escherich kontert musikalisch: „In der Mokka-Milch-Eisbar“, damit hätten doch die Ost-Beatniks „Thomas Natschinski und Gruppe“ schon 1970 diese besondere Form von Treffpunkt besungen. Natschinski meinte streng genommen das 1963 eingeweihte Café in der Berliner Karl-Marx-Allee, gleich neben dem nicht minder legendären Kino International. Gut zehn Jahre später bildete die Milcheisbar in Erfurt den Mittelpunkt einer umfassenden Spiel- und Freizeitfläche. Selbst eine Rollschubahn fehlte nicht. Die gibt es heute auch noch, nur steht darauf inzwischen ein Wasserbassin für den Nachwuchs. Escherich sieht es positiv: „Da freut sich doch der Denkmalschützer. Es ist alles noch da, das Becken ist nur draufgesetzt.“

Ein Bild von einem Pavillon

Das Kindertheater zog bald aus, das Café blieb im Rundbau. Bis 2009, als man hier den gastronomische Betrieb einstellte. „Um zu beweisen, wie baufällig der Pavillon sei, hatte man sogar Teile der Deckenverkleidungen abgenommen.“ Als man sich dann doch für eine Sanierung (Architekturbüro Spangenberg + Braun) entschied, musste viel rekonstruiert werden: Das Untergeschoss und das stählerne Tragwerk sind noch original. Ersetzt wurden (größtenteils in der alten Farbigkeit) die Fensterwände, die Dachkonstruktion und der Innenausbau. Manches konnte aber auch verbessert werden – zumindest im Sinn des Entwurfsverfassers, meint Escherich: „In seinem ersten Modell hatte der Architekt Klaus Thiele in den frühen 1970er Jahren einen rundum gläsernen Zylinder geplant.“ 1974 kamen dann doch Einbauten und schwere Vorhänge hinzu. Bei der Sanierung wurde das Cafégeschoss freigeräumt, zugunsten eines Raumeindrucks in der ursprünglichen Planungsabsicht.

Was die Erinnerung prägt

Ja, Escherich weiß noch, dass er als Kind im Erfurter Park war. Da gab es diese neuartigen Klettergerüste mit Seilverspannungen. Aber der Pavillon sei ihm damals nicht hängengeblieben. Seine Wochenenden gehörten in jenen Jahren noch dem Sport: Als Stabhochspringer saß er – sobald der mitzubringende Stab durch das Bahnfenster ins Abteil eingefädelt war – einige Male auch im Zug in die Bezirksstadt Erfurt. Kulinarisch war man damals pragmatisch: „ein Plastebeutel mit Knackwurst, Brötchen und einem Apfel“. Doch als Denkmalschützer weiß er heute, wie sich die Erinnerung ans Essen mit der Erinnerung an besondere Orte verbinden kann. Am Nordende des Parkgeländes z. B. stand bis in die frühen 1990er Jahre die „Zentralgaststätte“ mit der „Rendezvous-Brücke“, einer Art Freiterrasse. Pünktlich zur Bundesgartenschau 2021 soll hier wieder eine große Halle entstehen, dieses Mal mit einer Wüsten- und Dschungellandschaft – und einer neuen Rendezvous-Brücke. Manche Erinnerungen halten sich eben hartnäckig.

Ein Park entdeckt seine Vergangenheit

Heute werben die Betreiber des ega-Geländes, das 1992 als Gartenbaudenkmal ausgezeichnet wurde, auch mit der Vergangenheit. Schon 1950 hatte man hier, in der Nähe der ehemaligen Cyriaksburg, eine Gartenschau präsentiert. Bis 1961 wurde das Areal (Reinhold Lingner) für die Internationale Gartenbauausstellung hergerichtet, auf der die Sozialistischen Länder regelmäßig ihre Leistungen vorzeigten. 1974, als der Rundbau eröffnet wurde, fanden auf dem Gelände zudem die 15. Arbeiterfestspiele statt. Nach der Wiedervereinigung landete der Park schließlich im Besitz der Stadtwerke, einer hundertprozentigen Tochter der Kommune. In den letzten Jahren wurde der Festplatz rekonstruiert, das Logo der 1960er Jahre wieder auf die Wegweiser gesetzt – und 2021, 60 Jahre nach der Eröffnung, wird die Bundesgartenschau in Erfurt zu Gast sein. Escherich nutzt seine Jahreskarte schon jetzt mit Begeisterung: „Mein vierjähriger Sohn liebt hier besonders die Wasserspiele und den Kinderbauernhof. Und zwischendurch gibt es ein Eis im Rundbau.“ Mit kulinarisch gestützter Denkmalpädagogik kann man gar nicht früh genug anfangen.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (17/3).

Dr.-Ing. Mark Escherich, Tischlerlehre, Studium des Bauingenieurwesens und der Architektur, zuletzt an der Bauhaus-Universität Weimar, Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde der Landeshauptstadt Erfurt sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur Denkmalpflege und Baugeschichte der Bauhaus-Universität Weimar, Konzeption und Organisation der Weimarer Tagungen „Denkmal Ost-Moderne“ 2011 und 2014.

Titelmotiv: Mark Escherich am Rundbau im Erfurter egapark (Bild: K. Berkemann)

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Sein aktuell im mdv (Mitteldeutscher Verlag) erschienenes Buch „Stadtbilderklärer Gera-Lusan“ versteht Christoph Liepach als Erinnerungsbuch und zugleich beispielhafte Dokumentation einer Neubausiedlung der DDR. Layout, Bild und Grafik gestaltete er als Reminiszenz an das Design der 1970er Jahre.

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