FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

von Verena Pfeiffer-Kloss und Felix Richter mit Fotos von Martin Maleschka (19/4)

Acht Buchstaben, ein kurzer Bindestrich: Der Coca-Cola-Schriftzug zählt unbestritten zu den zeitlosen Klassikern der westlichen Werbewelt. Schwungvoll und lebendig, geradezu grazil tastet sich die rote Linienführung über den weißen Grund, schwappend leicht wie die echte Limonade in den Händen freudvoller Tänzer. Nach der Wende eroberte das Coca-Cola-Signet auch den Ostteil Berlins: 1991 wurde es großflächig auf das prominente Dach des Spitteleck-Hochhauses in der Leipziger Straße montiert und bildet seitdem eines der identitätsstiftenden Werbebilder des wiedervereinigten Berlins. So harmonisch und vertraut erscheint uns diese Verbindung von Architektur und Schriftzug, von Spitteleck und Coca-Cola heute, dass man meinen könnte, das Signet sei immer schon da gewesen, habe die Grenzen des Eisernen Vorhangs schlichtweg ignoriert.  

Reine Gewöhnung

Berlin, Spitteleck noch ohne Werbezug (Foto: Bernd Sednik, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0921-001, CC BY SA 3.0, 1985)

Berlin, Spitteleck-Hochhaus noch ohne Coca-Cola-Werbung (Foto: Bernd Sednik, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0921-001, CC BY SA 3.0, 1985)

Diese Wahrnehmung verdankt sich nicht der reinen Gewöhnung an das Bild vom Spitteleck mit seiner roten Leuchtschrift, sondern zeigt deutlich ein wenig beachtetes Merkmal der DDR-Architektur: Sie war immens affin gegenüber baubezogener Schrift, ja baubezogene Schrift gehörte in der DDR, so die These dieses Beitrags, zum Repertoire der baubezogenen Kunst – nicht zuletzt und gerade wegen der sozialistischen Interpretation des Werbeauftrags, die der Archigrafie als einer stilistisch-ästhetischen Verbindung von Architektur und Typografie wiederum neue Möglichkeiten einräumte. Wie diese im DDR-Bauwesen letztlich ausgeschöpft wurden und was die baubezogene Schrift in der DDR besonders macht, dem spürt dieser Beitrag nach. Topografischer Ausgangspunkt für die archigrafische Spurensuche bildet die Ost-Berliner Karl-Marx-Allee, die in mehreren Bauabschnitten zwischen 1949 und 1969 als Prachtboulevard der ostdeutschen Hauptstadt errichtet wurde.  

Ein erster politisch-ideologischer Hintergrund zum Verständnis der Archigrafie in der DDR findet sich in Meyers Neuem Lexikon, das in der Ausgabe von 1977 wie folgt definiert: Werbung ist die „bewußte, zweckgerichtete Beeinflussung von Menschen, die der zielgerichteten Durchsetzung politischer, kultureller und wirtschaftlicher Interessen dient und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringt. […] Im Kapitalismus artet die Werbung in marktschreierische, täuschende und kostspielige Reklame aus, die zur bedenkenlosen Konsumentenmanipulierung genutzt wird, rigoros eingesetztes Mittel im Konkurrenzkampf ist und letztlich der Profitsicherung dient. Im Sozialismus muß die Werbung den Erfordernissen und dem realen Leistungsvermögen der Volkswirtschaft entsprechen, die Erfüllung der Volkswirtschaftspläne sichern, in ihrem Aussageinhalt umfassend und wahrheitsgetreu informieren, dem Konsumenten eine zweckmäßige Warenauswahl erleichtern und zur Sicherung sozialistischer Verbrauchsgewohnheiten beitragen.” 

Werbebotschaften im öffentlichen Raum der DDR waren meist also abstrakte Hinweise auf Produkte, die man vor Ort erhalten kann. Sie waren aber auch zu verstehen als Verbraucherinformation, die der Steuerung einer konkurrenzlosen Volkswirtschaft mitsamt ihrer Mängel sowie der Erziehung zu einem adäquaten, entbehrenden Konsumverhalten dient. Das entkoppelte zwar die baubezogene Schrift der DDR zu einem großen Teil vom verheißungsvollen Werbeauftrag des Kapitalismus, änderte aber kaum ihre eigentliche Funktion: Buchstaben, am besten noch leuchtende, waren spätestens seit den 1920er Jahren für die Darstellung von Urbanität unerlässlich – jenseits von politisch-agitatorischen Botschaften und lokaler Information. 

Kaffee, Tee und Zierfische

Berlin, Werbezug an der Karl-Marx-Allee (Bild: Martin Maleschka)

Berlin, Werbezug an der Karl-Marx-Allee (Bild: Martin Maleschka)

Die Schriften und Schriftbilder an den Bauten der Berliner Karl-Marx-Allee sind beinahe genauso berühmt wie der Coca-Cola-Werbezug am Spitteleck. „Kaffee und Tee“ steht über dem Caféeingang an einem der Zuckerbäckerbauten am Frankfurter Tor. Harmonisch schmiegen sich die gelben und roten, im Abendlicht orangefarben leuchtenden Buchstaben an die neohistoristische Architektur. Wie mit einer Tortenspritze aufgetragen, ist das Schriftbild zu einer eng geneigten Handschrift geformt. Drei Zeilen, ein leichter Versatz und ein Unterstrich, der in seinem markanten Schwung an das Schriftbild von Kreidetafeln erinnert. Geradezu typisch ist das Unspezifische. Es gibt Kaffee und Tee – nicht Kaffee Hausbrandt oder Jacobs Krönung – und das ist es, was den Werbezug von seinen Pendants im Westen unterscheidet und ihn in die Nähe einer formalen Verbraucherinformation rückt. 

Weiter im Westen der Karl-Marx-Allee zeigt die Moderne ihre Schriftbilder. Anfang der 1960er Jahre entwarf der Grafiker Klaus Wittkugel den Namenszug für Josef Kaisers Café Moskau. Streng geometrisch konstruiert steht die klare Struktur der halbfetten Grotesk im krassen Gegensatz zu den breit liegenden Handschriften im älteren Teil der Allee. Präzise nehmen die weißen Versalien die Genauigkeit des streng rechtwinkligen Baus mit seinen mathematisch-seriell anmutenden Betonstrukturverschattungen auf und bilden damit das typografische Gesicht der DDR-Architektur der Moderne. Dazu passt der ebenfalls serifenlose Versalienzug am Kino International, gleich gegenüber, der weit spationiert geradezu sinnbildlich für eine neue Leichtigkeit der DDR-Archigrafie steht. 

Berlin, Buchstabenmuseum, "Die Zierfische" (Bild: Martin Maleschka)

Berlin, Buchstabenmuseum, „Zierfische“ (Bild: Martin Maleschka)

Ungeachtet der hohen Bedeutung, welche die Grotesk-Schrift auch in der Spätphase der DDR innehatte, zeigen die 1970er und 1980er Jahre wieder vermehrt Bezugnahmen auf das archigrafische Bild der 1950er. Ein wiederum berühmtes Beispiel dafür ist der Zierfische-Schriftzug, der sich ebenfalls am Frankfurter Tor, gegenüber von „Kaffee und Tee“ befand. Er beruht auf der Handschrift des Schrift- und Reklamemalers Manfred Gensicke, der ihn entwickelte, und besticht durch die Verbindung von traditioneller Schreibschrift und stilprägender Neongrafik. Mittelblau am Tag und leuchtend Gelb in der Nacht passt die geschwungene Typo farblich wie formal zu den Bauten der Allee. Mit den bunten Neon-Fischen, die in comicartiger Manier an der Hausecke schwimmen, verschmilzt der Schriftzug spielerisch zu einer augenzwinkernd bildhaften Komposition, mit einem großen „Z“, das selbst an einen Zierfisch erinnert.  

Dieser wohl mehr Erinnerungen als neue Erkenntnisse hervorrufende Spaziergang in der Karl-Marx-Allee zeigt, dass die baubezogenen Schriftzüge – ja vielmehr Schriftbilder – Bestandteil der baubezogenen Kunst in der DDR waren und zugleich eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die urbane und speziell auch stadtbildlich-harmoniestiftende Signatur des Boulevards besaßen, die weit über die Ästhetisierung des Einzelbaus hinausgeht. 

Im typografischen Zentrum

Dresden, "Dresden grüßt seine Gäste" (Bild: Martin Maleschka, 2011)

Dresden, Freiberger Straße, Hochhaus mit Leuchtschriftzug „Dresden grüßt seine Gäste“ (Bild: Martin Maleschka, 2011)

Der Schriftgussbetrieb VEB Typoart Dresden prägte maßgeblich die Typografie in der DDR. Grafiker und Schriftsetzer wie Gert Wunderlich, Herbert Tannhaeuser, Albert Kapr oder Franz Ehrlich entwarfen hier Schriften, die auf nahezu allen ostdeutschen Druck- und Werbeerzeugnissen zu finden waren und heute zum lebendigen, gestalterischen Erbe der DDR gehören. Mitunter wurden die hier entwickelten Schriftbilder auch gezielt als Alternativen zu westlichen Typografien gezeichnet. So Arno Dreschers Super Grotesk, die von der Futura beeinflusst war und letztlich zur meistgenutzten Schrift der DDR avancierte. Ein weiteres Beispiel ist Gert Wunderlichs Maxima, die als humanistische Groteskvariante mit niedriger Mittellänge und weit laufender Spationierung als sachlich leichtes Pendant der Helvetica Max Miedingers gesehen werden kann. 

Auch wenn diese Typoart-Schriften nur selten eins zu eins in baubezogene Schriften und Schriftbilder umgesetzt wurden, so war doch ihr Einfluss auf die Archigrafie der DDR unverkennbar. In den 1960er Jahren waren es vor allem die oben genannten Gebrauchsschriften Super Grotesk und Maxima, die das Design der mehrheitlich unikat gefertigten Schriftzüge prägten. Ebenso finden sich in dieser Dekade bildhafte und plastische Anleihen an Auszeichnungsschriften wie die für die Werbung hergestellte Quadro von Erhard Kaiser, beispielsweise an der Markthalle Berlin oder an der „Teetasse“ am Berliner Haus der Statistik. 

In den baubezogenen Schriften der 1970er und 1980er Jahre lassen sich mit der Renaissance der handschriftlichen Signatur wiederum vermehrt Anleihen an serifenbetonte Antiquaschriften beobachten. Stilprägend wirkte hier in besonderer Weise Albert Kaprs Leipziger Antiqua, die gerade in den halbfetten und fetten Garnituren „ihre Herkunft aus dem Schreiben mit der Breitfeder nicht verleugnen“ wollte. So wurde die Leipziger Antiqua auch als Schrift gesehen, die „etwas vom Wollen und der Größe und der Zuversicht der Gegenwart in die Formenwelt“ der Typografie einbringen kann und die mit der ihr innewohnenden Zitation des Art Déco geradezu prädestiniert erschien, in ihrer Vorbildwirkung auch die baubezogenen Schriftzüge für die gesamtgesellschaftlichen Sehnsüchte nach Urbanität, Vitalität sowie zugleich Kiez und Intimität zu sensibilisieren.  

Und die DDR leuchtet doch! 

Dresden, Milchbar Pinguin (Bild: Martin Maleschka)

Leipzig, Milchbar Pinguin – Albert Kaprs Leipziger Antiqua war Vorbild für viele Schriftbilder (Bild: Martin Maleschka)

Aller typografischer Signets zum Trotz, wirklich urban im klassischen Sinne wird Schrift erst, wenn sie leuchtet. Neonleuchten, also unter Zugabe von Elektrizität aus sich selbst heraus leuchtende Gasröhren, wurden in den 1920er Jahren zu Zauberstäben der Großstadt. Und die gab es auch in der DDR, wenn auch aufgrund der hohen Kosten in weit geringer Zahl als im Westen. Zentral für das Leuchten in der DDR war ebenfalls Dresden, denn dort wirkt seit 1926 und bis heute die Firma Neon-Müller. Ihr Gründer, der Elektromeister und Kunstschlosser Fritz Müller, erkannte das Potential des gerade entdeckten Gases und begann in den späten 1920er Jahren, für zahlreiche Unternehmen in und um Dresden Leuchtwerbungen zu installieren.

Während der DDR blieb das Unternehmen in den Händen des Sohnes, Frank R. Müller, der mit seinen Mitarbeitern eine Vielzahl von Leuchtbildern im gesamten Land realisierte, sodenn man diese nicht – sei es aus Kosten-, Überproduktion oder Qualitätsgründen – aus der VR Polen importierte. Für seine Heimatstadt gestaltete Neon-Müller die Leuchtschrift „Dresden grüßt seine Gäste“, die unter Denkmalschutz stehende Werbung für das „prickelnd frische“ Margonwasser – eine der wenigen Branding-Kampagnen der DDR – sowie das Schriftbild „Der Sozialismus siegt“, das zwischen 1968 und 1987 (!) vom Hochhaus am Pirnaischen Platz aus in die dunkle Stadt strahlte. Daneben finden sich zahlreiche kleinere Schriftzüge aus dem Hause Neon-Müller, die den Alltag der Stadt zum Teil bis heute erhellen.  

Museumsleuchten 

Chemnitz, Buchstaben fürs Museum, einst Teil des Schriftzugs Edeka am Alten Tor (Bild: Anna Galda)

Chemnitz, Buchstaben fürs Museum, einst Teil des Schriftzugs Edeka am Alten Tor (Bild: Anna Galda)

Andere DDR-Archigrafien sind auf dem Weg ins Museum oder bereits dort angekommen. Die Zierfische beispielsweise mussten einer Sanierung weichen und sind daher seit gut zehn Jahren ein Kernstück des Berliner Buchstabenmuseums. Die Schriftzüge des auf seinen Abriss wartenden Leipziger Bowlingtreffs wollte bislang auch niemand wegwerfen. Und in Chemnitz, wo der öffentliche Raum langsam auch seiner historischen Buchstaben beraubt wird, hat das Institut für Ostmoderne diesen Sommer mit der Rettung von Buchstaben aus der DDR begonnen. Das Fragment aus der Leuchtwerbung „Edeka am alten Stadttor“ ist vom 23. bis zum 31. Oktober 2019 in einer Ausstellung des Instituts für Ostmoderne im Open Space des Gunzenhauser Museums in Chemnitz zu sehen. Neben institutionellen Initiativen zeugen nicht zuletzt auch ambitionierte typografische Projekte von einem stetig wachsenden Interesse an den Schriftzügen der DDR: Erst in den letzten Jahren wurden die Buchstaben der Zierfische und des Café Moskaus zu den Schriften Gensicke ZF bzw. Moskau Grotesk ausgebaut.  

Literatur

Bergner, Walter, Entwurf und Herstellung von Schrifttypen in Ostdeutschland, in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 6, 1996, S. 405-436. 

Kapr, Albert/Schäfer, Detlef, Fotosatzschriften, Itzehoe 1989, S. 95. 

Maleschka, Martin, DDR. Baubezogene Kunst. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990, Berlin 2019.

Meyers Neues Lexikon, 2., völlig neu erarbeitete Auflage in 18 Bänden, Bd. 15, Leipzig 1977, S. 149, sv. “Werbung”.

Titelmotiv: Berlin, Spitteleck-Hochhaus mit Coca-Cola-Werbung (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2016).

Rundgang

Die baubezogene Schrift aus der DDR-Zeit ist ebenso im Verschwinden begriffen wie die Kunst am Bau dieser Zeit und die Bauten selbst. Martin Maleschka hat ein paar Ikonen und einige weniger bekannte Beispiele für die Archigrafie in der DDR für diese Fotostrecke zusammengestellt. Aus den Metropolen des verschwundenen Landes ebenso wie von den Dörfern, von traditionsbewusster Handschrift bis zur Neongroteske.

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Inhalt

LEITARTIKEL: Schrift trifft Bau

LEITARTIKEL: Schrift trifft Bau

Agnès Laube über die neue Einheit von Text und Architektur.

FACHBEITRAG: Zeichenräume

FACHBEITRAG: Zeichenräume

Roland Meyer über den Buchstabendschungel der Moderne.

FACHBEITRAG: Schrift-Zug

FACHBEITRAG: Schrift-Zug

Sven Heinrichs über Typografien in der Berliner U-Bahn.

FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

Felix Richter, Verena Pfeiffer-Kloss und Martin Maleschka über Schrift in der baubezogenen DDR-Kunst.

FACHBEITRAG: Typewalk

FACHBEITRAG: Typewalk

Tobias Köhler über eine Themenweg zum Werk des Architekten Franz Hart.

PORTRÄT: Carlo Scarpa

PORTRÄT: Carlo Scarpa

Christian Steubing über Schrift im Werk des intalienischen Star-Architekten.

INTERVIEW: "Gehirnscheiben"

INTERVIEW: „Gehirnscheiben“

Der Lichtkünstler Frank Oehring zum Leitsystem des ICC.

FOTOSTRECKE: Alfabeto Apuano 8.1

FOTOSTRECKE: Alfabeto Apuano 8.1

Felix Richter über eine Schrift, die den Makel zur Kunstform erhob.

Die Minol-Story

von Daniel Bartetzko (19/1)

Der Minol-Pirol zählt heute zu den großen Unbekannten. An den etwa gleichaltrigen „Tiger im Tank“ erinnern sich die meisten Automobilisten hingegen noch bestens. Das Maskottchen des Esso-Konzerns war mit Unterbrechungen bis Ende der 1990er Jahre als Werbeträger unterwegs und taucht immer noch gelegentlich auf. Der Pirol aber ist heute eher über 40-Jährigen mit sozialistisch geprägter Herkunft vertraut: Ab Anfang der 1960er war der seltene Vogel die Werbefigur des VEB Minol, dem zentralen Kraftstoff-Lieferanten in der DDR. Und auch, wenn er fast vergessen ist, fliegt der Pirol bis heute: Vier Minol-Tankstellen gibt es Anfang 2019 noch immer. In Leipzig, Zeitz, Heidenau und Wesenberg, mithin alle im Osten der Republik. 1989 waren es 1.250.

„Deutsches Benzin“

Frankfurt am Main, Leuna-Tankstelle (Bild: historische Abbildung)

Frankfurt am Main, Leuna-Tankstelle (Bild: historische Abbildung)

Die Frühgeschichte der DDR-Marke ist noch gesamtdeutsch: Die in Frankfurt am Main ansässige I. G. Farben ließ ab 1927 Automobilkraftstoff im neuen sächsischen Leuna-Werk produzieren. Vertrieben wurde er bis 1945 von der konzerneigenen Berliner Gasolin-AG unter dem Markennamen Leuna (Untertitel: „Deutsches Benzin“). Nach Kriegsende entstand daraus in Westdeutschland – unter weitgehender Beibehaltung des bisherigen Markenauftritts – die Marke Gasolin mit Sitz in Hannover. In der Sowjetischen Besatzungszone wurde hingegen am 1. Januar 1949 die Deutsche Kraftstoff- und Mineralölzentrale (DKMZ) gegründet, die den Markennamen Minol einführte; ein Kunstwort aus Mineralöl und Oleum. 1956 entstand schließlich der Monopolist „VEB Kombinat Minol“. Wer in der DDR Kraftstoff kaufte, war bis 1989 automatisch Kunde bei den rot-gelb gestalteten Tankstellen. Produziert wurde das Benzin bis zum Ende der DDR weiterhin in den Leunawerken.

Farbenfroh

"Tankstellenkarte der DDR" (Bild: historische Vorlage)

„Tankstellenkarte der DDR“ (Bild: historische Vorlage)

Anders als in der Bundesrepublik, wo konkurrierende, mehrheitlich internationale Mineralölkonzerne mittels Corporate Identity das eigene Profil zu etablierten suchten, war das Werben um Kunden in der DDR faktisch überflüssig. Dennoch war Minol natürlich um ein positives Image bemüht – und zumindest in den Grundzügen um einen Wiedererkennungseffekt. Das bewusst farbstarke Design von Schildern, Zapfsäulen sowie den firmeneigenen Tankwagen war ein wichtiger Indentitätsfaktor. Hinzu kamen nach westlichem Vorbild eine Kundenzeitschrift – der „Minol-Ratgeber“ – mit Tipps rund um Auto und Zweirad sowie Werbeutensilien wie Kinder-Malbücher, Mützen, Putztücher. Und eben der Minol-Pirol, der als Figur in diversen Größen und Ausführungen auch einige Kinder im Westen begeisterte. An den Intertank-Raststätten der Transitautobahnen konnte man ihn zeitweise gegen harte Westwährung kaufen …

Die meisten gelb-roten Minol-Tankstellen verschwanden nach 1989 schnell, der Kapitalismus hielt nach der Grenzöffnung mit Rasanz Einzug: Die westlichen Konzerne eröffneten im Goldgräberrausch moderne Großtankstellen heutiger Prägung. Anfang der 1990er waren die hell erleuchteten Benzintempel, oft noch von ruinösen Altbauten umgeben, die Botschafter der neuen, bunten Konsumwelt. Zunächst schwamm auch die im Osten noch immer klangvolle Marke Minol mit: Der volkseigene Betrieb wurde 1990 zur Aktiengesellschaft umstrukturiert, und innerhalb von drei Jahren entstanden rund 200 moderne Tankstellen. Alle in neuem Outfit, denn der Shell-Konzern hält die Rechte am gelb-roten Markenauftritt, sodass Minol seit 1990 postmodern lila-violett-gelb daherkommt. Im Januar 1993 übernahm (begleitet von einem Schmiergeld-Skandal) der französische Mineralölkonzern Elf Aquitaine die Minol AG und ließ die Marke in den Folgejahren allmählich verschwinden.

Auf Spurensuche

Gotha, Minol-Tankstelle vor dem ehemaligen Hotel “Thüringer Hof” (Bild: Felix Ol, CC BY SA 2.0, August 1989)

Gotha, Minol-Tankstelle vor dem ehemaligen Hotel “Thüringer Hof” (Bild: Felix Ol, CC BY SA 2.0, August 1989)

Doch was ist vom einstigen Riesen geblieben? Die Spurensuche gestaltet sich vielfältig und führt teils in die Frühzeit des Kraftverkehrs – inklusive Relikten mancher lange erloschener Marken. 1949 wurden in der DDR sämtliche noch betriebsbereiten Tankstellen vereinheitlicht. Die nun zu Minol gleichgeschalteten Stationen mussten abgesehen vom festgelegten Design der Zapfsäulen, Logos und Werbemittel baulich keinem vorgegebenen Konzept folgen. Neubauten waren leichter zu erkennen: Ihre Fassaden strahlten weiß, Sockel und Dachränder wurden ab den 1960ern rot-gelb gehalten. Nicht alle Altbauten konnten dem sanften Corporate Design angepasst werden, und so gab es noch in den 1980ern in manch städtischem Hinterhof oder vor ländlichen Fachwerkscheunen eine winzige Minol-Station.

Bis zum Minol-Verkauf 1993 kam das Tanken in den neuen Bundesländern so mitunter einer Zeitreise gleich. Wo im Westen selbst mittelgroße Zapfstationen der 1970er schon wieder verschwanden, waren in der Ex-DDR viele Gebäude aus den 1920ern kaum verändert in Betrieb. Einige haben bis heute überlebt, so etwa der 1925 fertiggestellte Rundbau an der Bautzner Straße in Dresden, der noch immer Tankstelle ist. Die überdachte Station in Mirow in Mecklenburg-Vorpommern (um 1930) kommt mit ihrem Satteldach eher dem NS-Autobahnprogramm oder dem Heimatschutzstil nahe. An der Berliner Sonnenallee verfällt seit Anfang der 1990er Jahre eine 1938 für die Marke „Standard“ (Esso) errichtete Tankstelle. Trivia: Von diesem Gebäude gibt es einen Papierbausatz, sodass der geneigte Bastler es zumindest in verkleinertem Maßstab retten kann … Besser steht es um die einstige „Naphta“-Tankstelle mit Autowerkstatt an der Glienicker Brücke in Berlin (1937/38, Otto von Estorff/Gerhard Winkler): Sie ist denkmalgerecht saniert und beherbergt heute ein Restaurant samt Oldtimer-Museum.

„Stets dienstbereit“

Die Minol-Pirol-Werbefiguren (Bilder: Copyright DDR-Museum Berlin)

Die Minol-Pirol-Werbefiguren (Bild: Copyright DDR-Museum Berlin)

Die 1927 eröffnete erste Leuna-Tankstelle, Ausgangspunkt auch der Minol-Geschichte, existiert ebenfalls noch. Das 1920 zunächst als Werkstatt errichtete Gebäude steht nahe dem Haupttor des einstigen Werksgeländes. Nach Kriegsschäden wurde es um 1950 als Minol-Tankstelle wiedereröffnet, nach der Wiedervereinigung unter Elf- und später Total-Logo bis Oktober 2007 betrieben. Es folgten Zwischennutzungen und Leerstand. Mittlerweile ist der eher klassisch gehaltene Bau mit dem markanten Mäander oberhalb des Erdgeschosses saniert und um einen Anbau erweitert. Sprit gibt’s hier nicht mehr, stattdessen residieren nun eine Krankenkasse und eine Bäckerei-Filliale in den ehemaligen Werkstatträumen.

Seit 2000 ist der Elf-Aquitaine-Nachfolger Total S.A. Markenrechtsinhaber. Und damit jene Rechte nicht erlöschen, wurden ab 2003 wieder die eingangs erwähnten Tankstellen in Minol zurückbenannt. Gerade feierte die Marke in kleinem Kreise 70. Geburtstag und soll nach Aussage von Total auch in Zukunft als Teil des Konzernerbes bestand haben. Also heißt es auch in weiterhin zumindest an einigen ausgewählten Tankstellen: „Stets dienstbereit zu ihrem Wohl/ist immer der Minol-Pirol“.

Titelmotiv: Der Minol-Pirol (Bild: historische Vorlage)

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Winter 19: Station machen

Insel mit Zapfsäule

Insel mit Zapfsäule

LEITARTIKEL: Till Schauen über neue Treffpunkte.

Das Caltex-System

Das Caltex-System

FACHBEITRAG: Ulrich Biene unter frei schwingenden Dächern.

Die Shell-ODK und -ODZ

Die Shell-ODK und -ODZ

FACHBEITRAG: Peter Huber über moderne Tankstellen-Typen.

Die Minol-Story

Die Minol-Story

FACHBEITRAG: Daniel Bartetzko über eine ostdeutsche Kultmarke.

Die Autobahnkapelle

Die Autobahnkapelle

PORTRÄT: Karin Berkemann macht unterwegs kurz Pause.

"Dem Abriss geweiht"

„Dem Abriss geweiht“

INTERVIEW: Joachim Gies und sein Foto-Projekt „Abgetankt“.

Best of #schönetankstelle

Best of #schönetankstelle

FOTOSTRECKE: Unsere LeserInnen haben zur Kamera gegriffen.

Ostbrause

Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR (18/4)

„Limonade mit Fruchtgeschmack“, mehr Titel brauchte ein Erfrischungsgetränk in der DDR nicht. Dazu noch die Angabe der Zuckermenge (7 Kilo je Hektoliter) und die jeweilige VEB-Brauerei, fertig war die sozialistische Kundentransparenz. Doch manchmal ging die Werberlaune dann doch mit den Ost-Textern und -Formgestaltern durch: Da hießen die süßen Brausen „Siciliana“, „Sonny Limonade“ oder „Tropen Cola“, später zog gar die „Disco“ in die Getränkewelt ein. Und als die Kundinnen immer mehr Wert auf die Linie legten, versprach „Diabeli“ den schlanken Genuss – mit Zuckerersatzstoffen. (kb)

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Herbst 18: „Geht aufs Haus!“

"Buy the World a Coke"

„Buy the World a Coke“

LEITARTIKEL: Jürgen Tietz über Trinken als Kunst.

Die Trinkhalle

Die Trinkhalle

FACHBEITRAG: Martin Bredenbeck kurt in Bad Neuenahr.

Die Forschungsbrauerei

Die Forschungsbrauerei

FACHBEITRAG: Ralf Giebl aus einem Münchner Sudhaus.

Der Entenflötenkessel

Der Entenflötenkessel

FACHBEITRAG: Karin Berkemann auf Pomo-Spurensuche.

Opa und die Colafabrik

Opa und die Colafabrik

PORTRÄT: Reiner Kolodziej erinnert sich an Berlin.

"Ernst gibt es genug"

„Ernst gibt es genug“

INTERVIEW: Hendrik Bohle über den Milchpilz.

Ostbrause

Ostbrause

FOTOSTRECKE: Limonaden- und Cola-Etiketten der DDR.