Vogel im Haus im Haus

Mit dem 1984 eröffneten Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main erschuf Oswald Mathias Ungers einen einzigartigen Museumstypus. Ins Zentrum einer entkernten Gründerzeitvilla stellte er einen Baukörper ein, der auf einem quadratischen Grundriss mit vier Stützen basiert. Über die Geschosse der Villa wächst der Baukörper zum stilisierten Ideal eines Hauses heran, ein Haus im Haus, das im Obergeschoss mit einem Satteldach abschließt. Ungers machte damit deutlich: Das Museum ist keine bloße Hülle für Architekturdarstellungen, es ist auch selbst Architektur im Maßstab 1:1. 

Ungers Schlüsselwerk findet anlässlich der Ausstellung “Einfach grün – Greening the City” eine ungewöhnliche neue Nutzung: als Nistkasten für Sperlinge, Meisen, Kleiber und Trauerschnäpper dient ein maßstabsgetreuer Nachbau des Haus im Haus. Die Ausstellung geht der Frage nach, was Grünflächen in der Architektur für Städte und ihre Bewohner:innen leisten können. Zu diesem Zweck ruft das DAM zum Einreichen von Projekten auf, die die Vielfalt an Möglichkeiten für Begrünungen im Bestand und Neubau widerspiegeln sollen. Eine Auswahl an nominierten Projekten kann bereits auf der Website eingesehen werden, weitere Einreichungen sind erwünscht. Die Ausstellung kann noch bis zum 11. Juli im DAM, sowie vom 31. Juli bis zum 12. September im StadtPalais – Museum für Stuttgart besucht werden. (re, 17.6.21)

Titelmotiv: Ungers Haus im Haus als Nistkasten (Bild: Deutsches Architekturmuseum Frankfurt)

Ungers und das Solarhaus

Ein neues Buch nimmt ein bislang kaum beachtetes und deshalb umso spannenderes Projekt des Architekten Oswald Matthias Ungers in den Blick. In „Negotiating ungers. The aesthetics of sustainability“ widmen sich die Herausgeber Cornelia Escher und Lars Fischer gemeinsam mit weiteren Autoren den Entwürfen für ein Solarhaus, die Ungers zwischen 1979 und 1980 für die rheinland-pfälzische Gemeinde Landstuhl entwickelte. In einem aufwändigen zweistufigen Wettbewerb sollten für ein Neubaugebiet innovative Einfamilienhäuser mit Solartechnik geplant werden. Neben Ungers waren weitere prominente Zeitgenossen wie Erich Schneider-Wessling oder Heinz Mohl im Wettbewerb vertreten.

Anstelle der Gebäudetechnik rückte Ungers das Thema Energie in den Mittelpunkt und versuchte ein neues Formenrepertoire zu entwickeln. Dafür wurde er mit einem Sonderpreis ausgezeichnet. Dennoch verschwanden die Entwürfe in der Schublade und ihre Realisierung lässt bis heute auf sich warten. Im Jahr 2018 veranstaltete das Ungers Archiv für Architekturwissenschaft in Köln eine Sommerschule, die Ungers‘ Position zur Nachhaltigkeit in der Architektur thematisierte und 2019 in eine Ausstellung im Brüsseler Civa mündete. Das Buch ist ab sofort erhältlich und kann per Email bestellt werden. (mk, 4.11.20)

Escher, Cornelia (Hg.), Negotiating ungers. The aesthetics of sustainability, hg. bei common books, 2020, ISBN: 978-0-9882906-2-4, Bezug via civa oder Email.

"Negotiating Ungers" (Bild: Buchcover, common books)

Titelmotiv: „Negotiating Ungers“ (Bild: Buchcover, common books)

O. M. Ungers programmatische Projekte

Unterm Titel „Programmatische Projekte“ gibt es vom 2. bis zum 27. September eine Ausstellung zu Planungen des Architekten Oswald Mathias Ungers (1926-2007), zu sehen im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft. Thematisiert werden Wettbewerbsprojekte des Kölners: das Studentenwohnheim Enschede (1964), die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl Rom (1965) und das Museum Preußischer Kulturbesitz Berlin (1965). Es sind (O-Ton Veranstalter!) „Projekte, die auf präzise und bewusste Art und Weise das konzeptuelle Wesen der architektonischen Form untersuchen, das Wesen der Form als Veranschaulichung einer Idee. Paradigmatisch werden dabei morphologische Grundkonzepte herausgearbeitet und weiterentwickelt, Themen wie Transformation oder Assemblage. Entgegen den Prinzipien des reduktiven Funktionalismus jener Jahre unterstreichen sie mit ihrer Bezugnahme auf Ort und Geschichte und mit ihrer rationalen Poesie die Autonomie der Architektur und die Bedeutung der Form. Sie kündigen damit einige wesentliche Fragestellungen der Architekturdebatte der folgenden Jahre an: Fragestellungen, die beispielsweise die Schlüsseltexte von Robert Venturi und Aldo Rossi aus dem Jahr 1966 charakterisieren“.

Die Ausstellung wurde von Stefan Vieths konzipiert. Sie ist nach der Schau „Erste Häuser“ die zweite von drei geplanten Ausstellungen, die sich dem architektonischen Werk von O. M. Ungers widmet. Die Ausstellung entstand in einer Kooperation des UAA Ungers Archiv für Architekturwissenschaft Köln, des Politecnico di Milano und des Architekturmuseums der TU Berlin. (db, 31.8.19)

O. M. Ungers, Entwurf 1964 (Bild: Ungers Archiv für Architekturwissenschaft)