Stillstand statt Bewegung

Wenn man durch Kölns Fußgängerzone bummelt, entdeckt man unweigerlich zwischen den Einzelhandelspalästen einen silberglänzenden Kunstschatz. Extravagant und futuristisch gibt sich die Fassade des ehemaligen Kaufhauses Wormland an der Hohe Straße/Ecke Salomongasse. Die Edelstahlhaut, die den Baukörper komplett umschließt, bildet den Hintergrund für die kinetische Plastik „Licht und Bewegung“ des ZERO-Künstlers Otto Piene, die jüngst in die Rote Liste des Kunsthistorikerverbands aufgenommen wurde. Ab 1966 tanzten Aluminiumkugeln begleitet von Lichteffekten auf der Fassade. Der damalige Inhaber des Herrenbekleidungshauses Theo Wormland beauftragte den Architekten Peter Neufert mit der Neugestaltung seines Geschäftes. Bauherr und Architekt verband ihre Kunstsinnigkeit: Hochkultur und Kaufkultur als symbiotisches Miteinander.

Von solchem Verständnis kann heute keine Rede mehr sein. Seit Jahren leuchtet und bewegt sich nichts mehr. Für den aktuellen Eigentümer scheinen die Leichtmetallkugeln lästig zu sein. Die fensterlose Fassade macht eine profitable Nutzung als Bürofläche unmöglich. Dem Denkmalschutz wird wieder die Rolle als Verhinderer aufgezwungen. Unterdessen zerfällt der ungenutzte Bau hinter der schillernden Haut – es zeichnet sich gar der mögliche Abriss ab. Doch die einzigartige Fassadenschöpfung hat tatkräftige Unterstützer. Die Galeristin Martina Kaiser zeigt sich umtriebig und treibt Sponsoren auf, um die Restaurierung und von Pienes Plastik finanzieren zu können. Der Eigner allerdings ließ sich noch nicht für die kühle Fassade erwärmen. (jm, 6.5.20)

Köln, Wormland-Haus (Bild: Raimond Spekking, CC BY-SA 3.0)

Otto Piene ist tot

Vor 30 Jahren ließ der Künstler Otto Piene überdimensionale Sterne in den Berliner Himmel aufsteigen. Seine luftigen Gebilde, von ihm „Berlin Superstar“ getauft, waren am 19. Juli 2014 wieder Teil des „Sky Artv Event“. Zwei Tage zuvor verstarb Piene in Berlin unerwartet, nachdem er noch an der Eröffnung seiner zweiteiligen Retrospektive hatte teilnehmen können. Die Schau „More Sky“ ist bis zum 31. August 2014in  der Neuen Nationalgalerie und der Deutsche Bank Kunsthalle zu sehen.

Mit Heinz Mack (* 1931) gründete Piene (* 1928)  1957 die Gruppe ZERO. In der Folge nahm er u. a. an der Documenta und der Biennale teil. Seine Lichtinstallationen sprengten die Gattungsgrenzen, indem sie den öffentlichen Raum einbezogen und erweiterten. Seit den späten 1960er Jahren war Piene vorwiegend in den USA tätig. In Deutschland blieb er vor allem durch seine Inszenierung zu den Münchener Olympischen Spielen 1972 in Erinnerung: ein monumentaler  Regenbogen. (kb, 28.7.14)

Otto Piene, Berlin Superstar, 1984 (Bild: Otto Piene Archiv/ZERO foundation)