Schlagwort: Paderborn

Essen-Überruhr, St. Suitbert, 2008 (Bild: Wiki05, PD)

Rettet Ökumene die Lehmbrock-Kirche?

Kaum sind die Reformationsfeierlichkeiten überstanden, klingt es im Kirchenbau nach Annäherung. Am Paderborner Flughafen (haben wir nachrecherchiert, gibt es tatsächlich) wurde gerade ein neuer ökumenischer „Raum der Stille“ eingeweiht. Er ist gleichermaßen gedacht für Protestanten, Katholiken und Syrisch-Orthodoxe, für Fluggäste, Mitarbeiter und Besucher. In der Essener Pfarrei St. Josef Ruhhalbinsel geht es aktuell nicht um neue Räume, sondern um den Abschied von alten. Der Zeitplan zum „Pfarreienentwicklungsprozess (PEP)“ sah, beim Start durch eine Koordinierungsgruppe 2015, ein Votum für den 5. November 2017 vor. Alles soll dann im Dezember 2017 ans Bistum gegeben, 2018 gemeinsam in handelnde Schritte übersetzt werden.

Das „Sonntagsblatt“ der Gemeinde schrieb, nach einer vielgestuften Diskussion, zum erwarteten PEP-Votum: „Fest steht bis dato lediglich, dass die Kirche Herz Jesu in Burgaltendorf und das Gemeindeheim St. Josef in Kupferdreh noch lange über den Pfarreihaushalt finanziert werden sollen.“ Gestern meldete Radio Essen dann konkreter: „Die Pfarrei […] will einige ihrer Kirchen und Gemeindezentren zusammen mit der evangelischen Kirche betreiben.“ Für die fünf zur Disposition stehenden Kirche (in Überruhr, Byfang und Burgaltendorf) bestehe erst akuter Handlungsbedarf, wenn eine umfangreichere Sanierung anstehe. Unter diesen Fragezeichen findet sich die 1966 von Josef Lehmbrock mit dem Statiker Stefan Polónyi kunstvoll gefaltete Kirche St. Suitbert. (kb, 10.11.17)

Essen-Überruhr, St. Suitbert (Bild: Wiki05, PD)

Köln, Hochhäuser Deutschlandfunk und Deutsche Welle (Bild: Copyright Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via wikimedia commons)

Mit den Riesen auf Augenhöhe

Das Projekt „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ porträtiert zehn Großbauten der 1960er und 1970er Jahre in Nordrhein-Westfalen. Gemeinsam ist den „Riesen“, dass sie in den vergangenen Jahren in der öffentlichen Diskussion standen und teilweise sogar vom Abriss bedroht waren. Heute verkörpern sie eine euphorische Epoche und zeigen oftmals architektonische Qualitäten. Im ersten Schritt des Projekts haben Alexandra Apfelbaum, Gudrun Escher und Yasemin Utku die aktuellen öffentlichen Debatten und historisches Material ausgewertet. Die Ergebnisse können als Studie gratis heruntergeladen werden.

Daran knüpft im Herbst 2017 die Reihe „Mit den Riesen auf Augenhöhe“ an. An den einzelnen Veranstaltungsorten werden die Besonderheiten des jeweiligen Bauwerks in Besichtigung und Diskussion erfahrbar. (Die Teilnahme ist jeweils kostenlos, genauere Informationen zu Zeit und Ort sowie die Anmeldung erfolgen über die örtlichen Volkshochschulen). Als Termine sind angesetzt: am 18. September in Duisburg, am 27. September in Dortmund, am 4. Oktober in Bochum, am 11. Oktober in Bonn, am 18. Oktober in Aachen, am 25. Oktober in Dortmund, am 1. November in Paderborn, am 8. November in Essen, am 15. November in Marl, am 22. November in Köln und am 29. November in Gronau. (kb, 17.8.17)

Köln, Hochhäuser Deutschlandfunk und Deutsche Welle (Bild: Copyright Raimond Spekking, CC BY SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Paderborn: Stellwerk soll fallen

Senne-Bahn, Zug der NWB im Bahnhof Hövelhof (Bild: ludger1961, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Mehr neue Technik, weniger alte (Bahn-)Bauten: Entlang der Senne-Bahn wird modernisiert (Bild: ludger1961, GFDL oder CC BY SA 3.0) – und das Paderborner Stellwerk, das deshalb bald abgerissen werden soll, sehen Sie HIER

Noch wacht der „Kleine Hermann“ in Paderborn über das Stellwerk. Im Schatten eines Gründerzeit-Eckhauses, den eine „Kopie“ des Hermannschlacht-Denkmals bekrönt, schiebt sich das markante Stellwerk in die Detmolder Straße. Es regulierte einen Bahnübergang der Sennestrecke zwischen Bielefeld und Paderborn, die aktuell modernisiert wird. Und mit der neuen Technik soll auch das „alte“ Bauwerk aus der Nachkriegszeit fallen. „Für das alte Stellwerk gibt es nach dem Rückbau der Innenanlagen keine weitere Verwendung, sodass anschließend ein Abriss erfolgen wird“, erklärte ein Vertreter der Bahn gegenüber der „Paderborn am Sonntag“.

Einer möglichen privaten Nutzung des funktionslos gewordenen Stellwerks erteilt der Bahnsprecher eine klare Absage: Dafür bräuchte es einen eigenen Zugang zum Gebäude – und der sei „wegen der Zuwegung von der Gleisseite aus“ nicht zugelassen. Vor Ort formiert sich Widerstand gegen den angekündigten Abriss: Der Verein „Historisches Paderborn“ sieht mit dem Stellwerk – nach dem Lokschuppen an der Abtsbrede – ein weiteres „Stück Baukultur, das sang und klanglos aus dem Stadtbild“ zu verschwinden droht. Eine private Zuwegung zum Stellwerk sei sehr wohl möglich, man will noch einmal das Gespräch mit der Bahn suchen. (kb, 29.4.15)

Modernisierung und Wiederaufbau

"Berliner helfen beim Aufbau" (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-S93492, Foto: Rudolph, 1948)
„Berliner helfen beim Aufbau“ (Bild: Bundesarchiv Bild-Nr. 183-S93492, Foto: Rudolph, 1950)

Wiederaufbau – ein Begriff, der für den Städtebau der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht greift. Vielmehr ging es um „einen langfristigen Prozeß der Modernisierung von Stätten“, so zumindest die These des Experten-Workshops „Zweifache Transformation: Städtebau zwischen Modernisierung und Wiederaufbau (1880–1960)“ vom 21. bis zum 22. November 2014. Veranstalter ist die Universität Paderborn (Warburger Str. 100, 33098 Paderborn, Raum: B3.231), hier die Fakultät für Kulturwissenschaften, dem Historischen Institut.

Der Blick geht von der „Entdeckung der Altstadt“ um 1900 über die Konzepte des Neuen Bauens in den 1920er Jahren bis zu den ideologischen Umgestaltungen der 1930er Jahre. Nach 1945 knüpften viele Akteure an die alten Planungen an – ein bislang häufig wenig beachteter Tatbestand. Daher geht es der Konferenz weniger um die Brüche, als vielmehr um die Kontinuitäten in dieser Entwicklung. In den Vorträgen werden, neben Überblicksthemen, die Städte Braunschweig, Warschau, Frankfurt/Main und Stuttgart behandelt (kb, 12.11.14)

PORTRÄT: Gute Bausünden

von Turit Fröbe (16/1)

Siegen, Bausünde (Bild: Turit Fröbe)
SIEGEN: Liebevoll durchgestaltet wurde dieser Restaurant-Annex in Siegen an einer steil abschüssigen Straße. Auf Fußgängerniveau erscheint das Objekt als nahezu geschlossener Monolith – in den oberen Etagen öffnet es sich mit unregelmäßig angeordneten Plattformen und einem auskragenden Erker. Das System der Außenlaternen wird zum Ornament der Komposition (Bild: Turit Fröbe)

Originelle, gut gemachte Bausünden, die von Ambitioniertheit, Mut und Fantasie zeugen, sind leider viel seltener, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Die große Mehrheit der Bausünden ist austauschbar, langweilig und macht aus unseren Städten Einheitsbrei. Diese „schlechten Bausünden“ werden in der Regel übersehen, weil sie als einzelnes Objekt kaum Anstoß erregen. Sie sind unsichtbar und gefährlich.

Meist entzündet sich der Volkszorn an gut gemachten Bausünden. Sie sind sichtbar und gefährdet! Diese jedoch vor der Abrissbirne zu schützen lohnt sich, da diese Sünden durchaus Potential für ihre Städte besitzen. Infolge ihrer Expressivität haben sie eine starke Bildqualität, die für Wiedererkennbarkeit und Orientierung sorgt, was, angesichts der kontinuierlich zunehmenden schlechten Bausünden, immer wichtiger wird.

Bei genauerer Betrachtung entfalten diese geschmähten Objekte außerdem eine überraschende ureigene Schönheit und einen ganz eigenwilligen Charme. Dabei zeigt sich, dass Bausünde nicht gleich Bausünde ist, sondern dass die Objekte ganz unterschiedliche Qualitäten und Entstehungsgeschichten aufweisen. So manche Bausünde ist einfach nur aus der Mode gekommen und erfreute sich in der Erbauungszeit möglicherweise sogar einmal gewisser Beliebtheit. Andere waren von vornherein vielleicht etwas verunglückt aber gut gemeint; ein sehr großer Anteil von gut gemachten Bausünden wurde erst nachträglich in den Stand der Bausünde erhoben durch Anbau, Umbau, Überformung, Dekoration oder sonst was. Die Spielarten sind so individuell wie die Bausünden selbst.

 

Kleine Parade der Bausünden (Bilder: Turit Fröbe)

Arnsberg: Verloren im postmodernen Gebirge ARNSBERG: Das Beispiel zeigt, wie sich einer aus der Mode gekommene Gründerzeitfassaden elegant ein modernes Antlitz geben lässt. Man hake sie rechts und links beherzt unter und gebe ihr eine neue Frisur, überforme ganz oder zumindest zum Teil die Erdgeschosszone …
PADERBORN: Spiegelglas Ihres Vertrauens PADERBORN: Dieses verspiegelte 70er-Jahre-Ufo in Paderborn reagiert nicht nur auf den urbanen Kontext, sondern nimmt ihn förmlich in die eigene Komposition auf.
HANNOVER: Parkplatz mit Ost-, äh Westblick HANNOVER: Die Bauaufgabe, die den Architekten in der Nachkriegszeit die größten gestalterischen Freiräume offerierte, war zweifellos das Parkhaus.
Bielefeld, Parkhaus (Bild: Turit Fröbe) BIELEFELD: Der Fantasie der Parkhausplaner waren kaum Grenzen gesetzt. Zumindest in westdeutschen Städten sind sie ein relativ zuverlässiger Garant für gut gemachte, ausdrucksstarke Bausünden.
LÜNEBURG: Traum aller Denkmalpfleger LÜNEBURG: Feine Fahrzeugbunker finden sich auch in Städten mit ansonsten intakter historischer Innenstadtbebauung. So in Lüneburg, wo ein Parkhaus an eines der Wahrzeichen der Stadt geklebt wurde. Klar, so ein Wasserturm wirkt aus der Ferne und wird nicht unbedingt im Stadtraum aufgesucht.
POTSDAM: Such den Wasserturm... POTSDAM: Im Vergleich zum Potsdamer Wasserturm, um den der Hauptbahnhof herumgewuchert ist, hat der Lüneburger Turm jedoch viel Raum, um zu atmen.
MANNHEIM: Postmoderner Barock im Hightech-Kleid? MANNHEIM: Auch die Postmoderne war eine Hochphase guter Bausünden. Das Mannheimer Stadthaus widerlegt, dass diese Architekturen entweder postmodern oder hightech sein mussten – aber nicht beides. Hier kreuzte man den griechischen Tempel mit Barockschloss und Centre Pompidou.
BRAUNSCHWEIG: Karstadt, gut behütet BRAUNSCHWEIG: Wie fließend die Grenze zwischen guter Architektur und guter Bausünde ist, zeigt Gottfried Böhm, der zu Recht jahrzehntelang Deutschlands einziger Pritzker-Preisträger war. Seine Architekturen sind fantasievoll, expressiv und daher sehr anfällig für das Prädikat „Bausünde“. Aus seiner Feder stammt die wohl schönste Karstadt-Filiale.
MANNHEIM: Geben Sie sich die Kugel MANNHEIM: Auch der Bibliotheksbau in Mannheim mit den überraschenden monumentalen Sandstein-Kugeln in den Schaufenstern, der sich jeglicher Einordnung entzieht, ist ein Werk Gottfried Böhms. Er hat sich niemals selbst zitiert, sondern für jeden Standort eine ganz eigene Eigenwilligkeit erfunden!