EU-Parlament: Neubau nach 26 Jahren

Solche Begründungen ist man beim Abriss von Objekten der 1950er oder 1960er Jahre gewohnt: Baufälligkeit. Doch in diesem Fall geht es um das Europäische Parlament in Brüssel, genauer gesagt das Paul-Henri-Spaak-Gebäude, eingeweiht 1995. Der (noch) bestehende Bau liegt prominent am Rand des Leopoldsparks. Benannt wurde er nach einem belgischen Politiker, einem der Gründungsväter der EU. Auch die Formensprache ist selbstbewusst, immerhin beherbergt der Bau mit dem Parlamentssaal ein Herzstück der europäischen Demokratie: zwei sich überschneidende Gebäuderinge auf ovalem Grundriss werden mittig von einer gläsernen Tonne überfangen. Für den Entwurf des Ensembles, das ursprünglich zu einem Konferenzzentrum erweitert werden sollte, zeichneten verantwortlich das Atelier d’Architecture de Genval, das Atelier Vanden Bossche, CERAU s.p.r.l. und CVR.

Die spät-postmoderne Raumschöpfung fand in Brüssel kaum Zustimmung. Rasch wurde sie mit einem wenig charmant gemeinten Spitznamen bedacht: „Caprice des Dieux“, die amorphe Struktur erinnere an einen französischen Weichkäse. Andere trauern noch den Jugendstilhäusern nach, die für den Neubau geopfert wurden. Schon 2012 hatte man Risse im Dachbereich des EU-Parlaments festgestallt und eine Abrissdebatte gestartet. Ausgeschrieben wurde ein Wettbewerb für Um- oder Neubaulösungen, die Bewerbungsfrist endete im Sommer des vergangenen Jahres. Doch inzwischen scheint der Abriss auf politischer Ebene favorisiert zu werden. Neben baulichen Mängeln werden Argumente wie Terrorsicherheit und Energieeffizienz in die Waagschale geworfen, um einen Neubau plausibel zu machen. Der Sieger des Architekt:innenwettbewerbs soll sehr zeitnah bekanntgegeben werden. (kb, 25.2.21)

Brüssel, EU-Parlament (Bild: Europäisches Parlament)

Wien: Plenarsaal wird saniert

Das Wiener Parlamentsgebäude verbindet man im Allgemeinen nicht mit der Nachkriegsmoderne. Der historistische Bau, der Ende des 19. Jahrhunderts nach Plänen Theophil von Hansens errichtet wurde, rekurriert in seinen Formen viel mehr auf die k. u. k. Monarchie als auf die zweite Republik. Eine Ausnahme bildet der Plenarsaal: 1956 wurde er für den Nationalrat in nüchtern-funktionaler Manier ausgestaltet und fungiert im Inneren des Parlamentspalasts als nachkriegsmodernes Gegenstück. Am 13. Juli tagte der österreichische Nationalrat hier zum letzten Mal, in den nächsten drei Jahren wird das Parlament umfassend saniert.

Der historische Plenarsaal war mit seinen 500 Plätzen für das Parlament der Bundesrepublik, das gerade einmal 165 Abgeordnete vereinte, viel zu groß. Stattdessen baute man den kleineren, im Krieg zerstörten Herrenhaussitzungssaal nach Plänen der Architekten Max Fellerer und Eugen Wörle neu auf und gestaltete ihn als mustergültiges Parlament der 1950er. Mit der Sanierung wird der Plenarsaal erneut grundlegend umgestaltet, die Sitzordnung wird neu organisiert, der gesamte Raum barrierefrei. Erhalten bleibt der stählerne Bundesadler, der auch während der gesamten Sanierungsarbeiten im Gebäude verbleibt. Am provisorischen Tagungsort des Parlaments in der Hofburg wird er durch eine Replik vertreten. (jr, 23.7.17)

Plenarsaal, Wien (Bild: Gryffindor, CC BY SA 3.0)