Jeder Quadratmeter du

Es soll ja Menschen geben, die gerne in der Platte wohnen. Für sie stellt die Unternehmenskommunikation der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte das Online-Portal “Jeder Quadratmeter du” zusammen. Über Berlin hinaus wirft sie einen Blick auf die schönen und nostalgischen Seiten des Plattenbaus. Die Botschaft ist ebenso klar wie gut präsentiert: Wohnen in der (Berliner) Platte ist hip. Entsprechend werden junge Kreative in der Kategorie “Zu Besuch bei” interviewt – die Fotografin, der Architekt und die Stylistin berichten strahlend, wie wohl sie sich hier fühlen.

Damit auch der Normal-Mieter im Beton gehobenes Cocooning betreiben kann, stellt die Redaktion unter “Platte kreativ” trendige Wohnaccessoires vor – u. a. zum Selbermachen (unsere Redaktion empfiehlt daraus die “Wandgarderobe Gabi”). Und nicht zuletzt sammelt die Kategorie “News und Tipps” aktuelle Veranstaltungen und weiterführende Bücher zum Thema. Für Architekturbegeisterte ist der lohnendste Klick sicher die “Platten-Doku”: Daten, Fakten und Filme zum Plattenbau – darunter Interviews mit Größen wie dem Möbeldesigner Rudolf Horn. Wenn Lobbyarbeit für die Platte so daher kommt: mehr davon! (kb, 4.9.14)

Chemnitz, als es noch Karl-Marx-Stadt hieß: Plattenbau im Jahr 1975 (Foto: Eugen Nosko, Bild: Fotothek df n-07_0000047, CC BY SA 3.0)

#Ostmoderne

Unter dem Titel “#Ostmoderne” ist ab 31. Juli 2014 in Erfurt eine Fotoausstellung des jungen Architekten Martin Maleschka zu sehen. Im Fokus stehen die zunehmend verödenden Plattenbausiedlungen Ostdeutschlands und deren Aneignung durch eine postsozialistische Umwelt. Maleschka war Anfang des Jahres bereits in Weimar mit einer Ausstellung zu sehen, wo sie die Tagung “Denkmal Ostmoderne II” der Bauhaus-Universität flankierte.

Für Erfurt stellte Martin Maleschka nun eine neue Präsentation zusammen. Maleschka, der selbst “in der Platte” in Eisenhüttenstadt aufgewachsen ist, widmet sich seit Jahren der Fotografie ostdeutscher Siedlungen. Seine Aufnahmen unterstreichen die Beziehungen zwischen den Bauten, der Kunst am Bau und den dort lebenden Menschen. Martin Maleschka kreiert einen ganz speziellen Blickwinkel auf das zumeist Ungeliebte und Unbeachtete. Die Ausstellung ist bis zum 30. August 2014 im Kunstraum Speicher in der Waagegasse 2 in Erfurt zu sehen. Zur Vernissage am 31. Juli um 20 Uhr spricht Dr. Mark Escherich von der Weimarer Bauhaus-Universität. (jr, 27.7.14)

Die Ausstellung wirft einen ungewohnten Blick auf die Ostmoderne (Bild: Martin Maleschka)

Hochhaus Ost-West

Die gebaute Welt bietet mehr als Fachwerkidylle mit einstelligen Geschosszahlen. Das ist bekannt. Doch in den Nachkriegsjahrzehnten schaffte es diese Wahrheit nicht immer bis in die Malbücher, Tourismusprospekte – und Modellbahnanlagen. Dabei lieferten die Kataloge für Miniaturbausätze ab den 1960er Jahren ausreichend Material, um auch eine moderne Großstadt abzubilden: Ein Hochhaus war ein Muss in der Produktpalette, hier machten Ost und West keinen Unterschied. Oder doch?

 

Zwischen Laden und Drempel

Bei der Schwarzwälder Modellbaufirma Faller gehörte um 1960 ein Hochhaus zu den Neuheiten: ein einladendes Ladengeschoss, darüber satte zwölf Büro- bzw. Wohnetagen, zu guter Letzt ein schwungvoller Drempel. Beim ostdeutschen Modellbau-VEB Vero kam das Plaste-Hochhaus zehn Jahre später auf den entkapitalisierten Markt, doch in der Form fühlt man sich an den Westen erinnert: eine aufgeständerte Verkaufszone, darüber diesmal sechs Wohngeschosse und zuletzt der malerische Flugdachabschluss. Dies- und jenseits der Mauer konnte der Miniaturwolkenkratzer in die Höhe erweitert und mit allerlei Schriftzügen, Werbeschildern und Schaufensterauslagen angereichert werden. Etwas Farbe machte die emporwachsende Moderne für die Zielgruppe gefälliger.

 

Einzeln und in Serie

Der Unterschied lag eher im dogmatischen Detail: Werbewirksam ähnelt der westdeutsche Bausatz dem realen Faller-Firmensitz, der parallel dazu in Gütenbach bei Furtwangen entstand. Ein individuelles Hochhaus wurde so zum Sinnbild aller Wirtschaftswunderwolkenkratzer. Der im Erzgebirge fabrizierte Vero-Bausatz hingegen propagierte das standardisierte “Raumzellen-Bausystem”, das – wenn auch mit einer Typenunschärfe – an die DDR-Platte erinnert. In der Montage und in den Details fiel das Modellbau-Ergebnis dann wieder individueller aus. Doch mehr wollen wir jetzt gar nicht verraten – die kleinen und großen Hochhäuser werden im kommenden Sommer Teil unserer Ausstellung „märklinMODERNE“ im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt und in der Stuttgarter Weißenhofgalerie. Wer selbst Teil des Projekts sein will, ist herzlich eingeladen, sich an unserem Crowdfunding zu beteiligen: www.startnext.com/maerklinmoderne. (kb/db, 16.10.17)