Der private Blick – Ostmoderne im Foto

von Katharina Sebold

Greifswald, Schönwalde II vom Rodelberg (Foto: Copyright Lothar Wölfel)
Man dachte und plante im großen Maßstab: Kinder blicken vom Rodelberg auf das Greifswalder Neubaugebiet Schönwalde II (Foto: Copyright Lothar Wölfel)

Greifswald hat (mindestens) zwei Gesichter: Da ist die altehrwürdige Universitäts- und Hansestadt, wie sie der hier geborene Maler Caspar David Friedrich festhielt. Und da ist der moderne Industriestandort mit seinen Plattenbausiedlungen. Dabei hat sich in Greifswald seit dem 13. Jahrhundert gar nicht viel verändert, auch der mittelalterliche Stadtgrundriss blieb bis heute fast unverändert erhalten. Um einen quadratischen Marktplatz legt sich ein Oval von 47 rechteckigen Quartieren mit einem rippenartigen Straßennetz. Aus dieser Zeit des Wachstums stammen die drei Pfarrkirchen. Reiche Händler und Handwerker bauten an den wichtigen Plätzen und Durchgangsstraßen repräsentative Häuser mit straßenseitigen, reich geschmückten Stufengiebeln. Die ärmere Stadtbevölkerung hingegen hinterließ traufständige Fachwerkhäuser in den Neben- und Verbindungsgassen sowie am Stadtkernrand. Auf dem Höhepunkt des Wohlstands wurde 1456 die Universität gegründet, doch verlor Greifswald durch den 30jährigen Krieg wieder an Bedeutung. Erst zwischen 1800 und 1870 entstanden zahlreiche klassizistische, meist zwei- oder dreigeschossige, traufständige Häuser. Dieses histori(sti)sche Stadtbild überstand fast unbeschadet die Industrialisierung, die sich im Süd(ost)en der Stadt ansiedelte, und zwei Weltkriege.

 

Ein Modellprojekt der „Altstadtplatte“

In der Nachkriegszeit boomte das Greifswalder Bauwesen erst wieder zwischen 1956 und 1962, im Vorfeld des territorialen Industrialisierungsprogramms: Am Stadtrand entstand das Ostseeviertel I (Südstadt I). In der DDR galt die Stadtentwicklungspolitik als Teil der Wirtschaftspolitik. Mit der Universität und dem Friedrich-Löffler-Institut sollte Greifswald nach Rostock ein zweites wirtschaftlich-wissenschaftliches Zentrum des landwirtschaftlich geprägten Nordbezirks werden. Dafür gründete man ab 1967 das Kernkraftwerk Nord in der nahen Lubminer Heide und das Werk für Nachrichtenelektronik (NEG). Für die zuziehenden Arbeiter wurden ab 1968 in Schönwalde (Südstadt II) und ab 1973 in Schönwalde II insgesamt 10.500 Wohnungen am östlichen und südlichen Stadtrand errichtet.

Immer noch spielte das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in der dicht besiedelten Altstadt (über 8.000 Menschen in 2.811 Wohnungen). Doch geriet das historische Zentrum langsam ins bauliche Abseits. Man wollte einen modernen Industriestandort sehen, keine „verschlissenen“ Wohnstraßen. Die Pläne der 1960er Jahre, die Altbauten weitgehend durch gestaffelte Wohnblöcke zu ersetzen, blieben in der Schublade. Bewegung kam auf, als Greifswald 1970 zum Ort eines Forschungsprojekts der Bauakademie der DDR wurde. Die rechteckigen Grundstücke waren günstig für das vorhandene Plattenbausystem. Um besser planen zu können, unterteilte man die Stadt in Abschnitte. Im ersten Abschnitt wurde bis 1972 geforscht, ab 1978 abgerissen und mit der weiterentwickelten Wohnungsbauserie (WBS) 70 gebaut. Auch die ab 1984 errichteten Neubauten des zweiten und dritten Abschnitts unterschieden sich architektonisch wesentlich von ihren historischen Vorgängern. Doch griff man den mittelalterlichen Stadtgrundriss auf und sanierte ausgewählte Baudenkmale. Insgesamt wurde ein Drittel der Altstadt „erneuert“.

 

Symbole einer neuen Gesellschaftsordnung?

Greifswald, Kaufhalle am 8. Mai (Bild: Lothar Wölfel)
Der junge Blick auf die die neue Warenwelt: der 8. Mai in der Greifswalder Kaufhalle (Bild: Lothar Wölfel)

Die randstädtischen Wohnsiedlungen und innerstädtische Ersatzneubauten sollten Symbole einer neuen Gesellschaftsordnung sein. Ob dies gelungen ist, das fragt nun die Fotoausstellung „Greifswald – Der private Blick“ im dortigen Pommerschen Landesmuseum. Die gezeigten Aufnahmen stammen vorwiegend von Greifswaldern, die ihre Stadt zwischen 1960 und 1990 mit der Kamera festhielten. Die Ausstellung will so den städtischen Alltag zwischen Abriss und Neubau abbilden. Neben offiziellen Veranstaltungen auf Plätzen und Straßen finden sich auch das studentische Leben und privat organisierte Hoffeste, Lesungen oder Kleinkonzerte auf den privaten Fotos. Aus Hunderten von eingesandten Lichtbildern wurden rund 200 Aufnahmen ausgewählt, die von den Nachkriegsjahrzehnten in Greifswald erzählen – aus der ganz persönlichen Sicht der Bewohner. Parallel zeigen Studierende des Caspar-David-Friedrich-Instituts mit eigenen Fotografien das historische wie das ostmodernen Gesicht der Stadt. (27.9.16)

Endlich eine Neubauwohnung

Guter Wohnraum war knapp im kriegszerstörten Rostock. Nach 1945 explodierten die Bevölkerungszahlen der Hansestadt. Die Architekten versuchten sich zunächst an einem „sozialistischen“ Stil nach sowjetischem Vorbild. Später herrschten kostensparende, reduziert-moderne Bausysteme vor. Dem Rostocker Städtebau von 1945 bis 1990 widmet das Kulturhistorische Museum Rostock bis zum 25. Mai 2014 die Ausstellung „Endlich eine Neubauwohnung – Ideal wohnen in Rostock“. Gezeigt werden die allgemeinen stadträumlich-gesellschaftlichen Entwicklungen ebenso wie die Entstehung der neuen Stadtviertel von Reutershagen über die Südstadt, Lütten-Klein, Evershagen, Schmarl und Groß Klein bis hin zu Lichtenhagen, Dierkow und Toitenwinkel. (1.4.14)

Endlich eine Neubauwohnung (Bild: KM Rostock)

FACHBEITRAG: Politik der Platte

von Philipp Meuser (16/2)

Moskau, Dezember 1954: Leonid Poljakov konnte stolz sein auf sein architektonisches Lebenswerk. Mit nur 43 Jahren hatte man ihn für das Moskauer Hotel Leningradskaja mit dem Stalin-Preis ausgezeichnet, dem Oscar der sowjetischen Architektur. Poljakov galt als Vertreter eines Zuckerbäckerstils, wie er für die Stalin-Zeit typisch war. Gesimse, Erker, Ornamente an der Fassade – mit Bauschmuck und Verzierungen geizte er wie seine Kollegen selten. Im Winter 1954 sollte dies dem mehrfach ausgezeichneten Architekten zum Verhängnis werden.

Stalins sieben stadtbildprägende Hochhäuser, zu den neben dem Hotel Ukraina (hier im Bild) auch das Hotel Leningradskaja gehört – wurden erst nach dem Tod des Diktators fertiggestellt, als Chruščëv bereits das kostengünstige Bauen eingefordert hatte (Bild: Philipp Meuser)

Rückblende ins Jahr 1953: Der Tod Stalins hatte zum Machtpoker in der Führungsriege geführt. Der Bauernsohn und potenzielle Stalin-Nachfolger Nikita Chruščëv hatte sich als Parteifunktionär bereits in der Ukraine einen Namen gemacht und galt als erfahrener Politiker in Fragen der Landwirtschaft. Als bislang vernachlässigtes Thema entdeckte Chruščëv nun die Wohnungssituation, die sich katastrophal zugespitzt hatte. Verheerende Kriegszerstörungen, die nicht enden wollende Landflucht und eine auf die Eliten ausgerichtete Wohnungspolitik machten es schier unmöglich, die Bevölkerung angemessen zu versorgen. Unter Stalin hatte es zwar erste Musterprojekte zur Rationalisierung des Wohnungsbaus gegeben, doch die breite Masse konnte die reich verzierten Arbeiterpaläste nur von außen bewundern.

Die wirkungsvollste Rede der Architekturmoderne

Nikita Chruščëv sprach häufig, leidenschaftlich und fachkundig vor Bauleuten, hier 1958 auf dem UIA-Kongress in Moskau (Bildquelle: Philipp Meuser, Die Ästhetik der Platte, Berlin 2015)

Chruščëv zeigte seinen politischen Führungsanspruch im Jahr 1954 mit zwei Aktionen. Im Frühjahr rief der Politiker die Neuland-Kampagne aus, um Kasachstan neben der Ukraine zur zweiten Kornkammer der Sowjetunion zu machen. Den zweiten und entscheidenden Impuls setzte er auf dem Allunions-Baukongress im Dezember 1954. Am letzten Konferenztag trat Chruščëv ans Mikrofon und rechnete mit der bisherigen Baupolitik ab. Es war der Versuch, die Grenzen der Kritik am Stalinkult auszuloten – ein Balanceakt. Seine Rede erfüllte aus heutiger Sicht zwei Funktionen: Sie diente als Auftakt zur Entstalinisierung und als architekturtheoretisches Manifest der sowjetischen Nachkriegsmoderne. Damit beeinflusste sie das Bauen des 20. Jahrhunderts, wie sonst vielleicht nur das Bauhaus-Manifest (1919) von Walter Gropius oder die Charta von Athen (1933 von Le Corbusier dokumentiert, aber erst 1941 als CIAM-Publikation veröffentlicht).

Chruščëv inszenierte sich damit als Fürsprecher des industrialisierten Bauens. Um Sympathie werbend, lobte er zunächst die hohe Qualifikation und Einsatzbereitschaft der BauarbeiterInnen, um dann über Details zu fachsimpeln. Über Chruščëvs RedenschreiberInnen kann nur spekuliert werden, es muss sich aber um SpezialistInnen für Planungs- und Bauabläufe gehandelt haben. Mit ihrer Expertise ausgestattet, sinnierte Chruščëv über den Vorteil vorfabrizierter Betonteile, die ein schmutziges Betonmischen auf der Baustelle überflüssig machten. Der Parteichef erörterte ausgiebig, dass Fassadenelemente in der Fabrik mit Fliesen verkleidet und auf der Baustelle als Fertigteilprodukte nur noch montiert werden müssten. Der Ziegelstein, so Chruščëv, habe als Material ausgedient. Moderne Baumethoden könnten auf Beton, Elektromotoren, Kräne und andere Maschinen zurückgreifen und das traditionelle Stein-auf-Stein-Mauern ablösen.

Abrechnung mit Stalins Stararchitekten

Dieser neue Kurs im Bauwesen sei existenziell, um politische Ziele erfolgreich umzusetzen. „Wir haben die Verpflichtung, deutlich an Geschwindigkeit zuzulegen, die Qualität zu verbessern und die Kosten zu senken!“ betonte Chruščëv. Mit diesem Satz wurde der Politiker in der Folgezeit immer wieder zitiert. Der gelernte Schlosser unterstrich damit, dass er sowohl vom Planungsprozess als auch vom Bauen selbst etwas verstand. Aber das Hauptproblem bestünde darin, so Chruščëv weiter, dass ArchitektInnen der alten Generation als „Baumeister“ ausgebildet worden seien, die sich selbst ein Denkmal setzen wollten.

Die Wohnungsnot war groß: Sibirien in den 1930er Jahren (Bildquelle: Nachlass Rudolf Wolters)

In sowjetischer Manier begann Chruščëv daraufhin, die führenden ArchitektInnen zu demontieren. Die Baukosten seien durch den Fassadenschmuck unverhältnismäßig hoch und die Nutzfläche (bezogen auf das Volumen) zu gering. Besonders auf Leonid Poljakov schoss Chruščëv sich ein. Er kritisierte dessen Hotel Leningradskaja wegen seiner Deckenmalereien, hochwertigen Materialien und Vergoldungen als übermäßig prunkvoll. Zudem würden die 354 Zimmer nur 22 Prozent der Gesamtfläche einnehmen. Bei gleichem Flächenbedarf und gleichen Baukosten hätte man gut und gerne 1.000 Zimmer ausstatten können.

In weiteren Beispielen diskreditierte Chruščëv die Stalin-Hochhäuser, die Moskaus neue Silhouette prägten, und führte so weitere berühmte und bis dato einflussreiche Architekten wie Mordvinov, Vlasov, Zacharov, Borezkij und Duškin vor. Aus heutiger Sicht ist diese Abrechnung als Testlauf für die zwei Jahre später eingeläutete Entstalinisierungskampagne zu verstehen. „Wir sind nicht gegen Schönheit. Wir sind nur gegen Überflüssigkeiten!“ fasste Chruščëv zusammen. Mit guten Proportionen, angemessen dimensionierten Fenstern und Türen sowie Fassaden mit kompositorisch gesetzten Balkonen und Farbakzenten forderte er letztlich eine nüchterne Architektursprache – und unterschied sich dabei kaum von den zahlreichen Manifesten im Bauwesen der 1920er Jahre.

Erste Erfahrungen im Typenbau

Chruščëv konnte für seine Rede auf erste Erfahrungen mit der neuen Technologie zurückgreifen, vor allem auf die Arbeit von Vitalij Lagutenko. Nachdem dieser 1947 zum Direktor des Büros für experimentellen Industriebau ernannt worden war, ließ er mit Michail Pozochin und Ašot Mndojanz in Moskau einen Wohnblock mit H-förmigem Grundriss errichten: ein Stahlbetonskelett, das mit Großtafeln ausgefüllt wurde. Vier weitere Bauten dieser Art folgten in der unmittelbaren Nachbarschaft, ab 1949 versuchsweise auch in anderen Städten. Das Projekt galt seinerzeit noch als Experiment, da sich weder die Produktionsmethoden noch die Erstellungsgeschwindigkeit für den industriellen Masseneinsatz eigneten. Zudem war die Rahmenkonstruktion für den Wohnungsbau zu kostenintensiv.

Ein weiteres Versuchsprojekt wurde ab 1951 am Moskauer ploščad‘ Pešanaja umgesetzt: ein ganzer Wohnblock. Die für das Vorhaben typischen Siebengeschosser entstanden in rekordverdächtigen fünf bis sechs Monaten. Nach einer neuen Arbeitsmethode, der Montagebauweise, wurden die Einheiten zeitversetzt begonnen, um die spezialisierten Maschinen und ArbeiterInnen nach einem Abschnitt direkt im nächsten einsetzen zu können. Die Architekten verzichteten bewusst auf zeitintensive feuchte Putzarbeiten, sondern wählten innen Trockenbauwände und außen Sichtmauerwerk. Hinsichtlich des Wohnkomforts handelte es sich noch um Stalin-Bauten. Es waren die letzten ihrer Art.

Unterwegs zum industriellen Wohnungsbau

Verheißung eines neuen Lebensstils: Jurij Pimenovs Gemälde „Hochzeit auf der Straße von morgen“ (1962) (Bildquelle: RIA Novosti/Tretjakov-Galerie, Moskau)

Was 1954 Chruščëv auf dem Allunions-Baukongress gefordert hatte, fand sich 1955 in einer Verordnung des Zentralkomitees der KPdSU wieder. Unter dem Titel „Über die Beseitigung der Übermäßigkeit im Planen und Bauen“ verabschiedete sich die sowjetische Führung am 4. November 1955 von der Stalinschen Architektur mit ihren Säulen und Verzierungen. So vehement Stalin seinerzeit die Abkehr vom Konstruktivismus auf politischer Ebene durchgesetzt hatte, taten es seine Nachfolger nun mit dem Eklektizismus der 1930er und 1940er Jahre. Die KPdSU-Verordnung mahnte außerdem die namentlich genannten Architekten ab und erkannte ihre Auszeichnungen ab – darunter Poljakovs Stalinpreis.

Positiv zielte sie darauf, Typenprojekte industriell vorzufertigen und somit die gesamte Bauindustrie umzuformen. Laufende Projekte sollten von den zuständigen Ministerien beziehungsweise Komitees vor Ort binnen drei Monaten überprüft und optimiert werden: weniger Fassadenschmuck, eine wirtschaftlichere Flächennutzung und ein besserer Mitteleinsatz. Die Behörden waren angehalten, die Planziele zu erfüllen. Zugleich forderte die KPdSU-Verordnung einen Wettbewerb für Typenprojekte im Bereich Wohnungen, Schulen und Krankenhäuser. „Den Formen und den ökonomischen Lösungen nach muss sowjetische Architektur einfach und streng sein“, stellte sie fest. Ein attraktives Gebäude wirke nicht durch kostbare Verzierungen, sondern durch die harmonische Verbindung von Funktion, Proportion, Material, Konstruktion und qualitätvoller Ausführung.

Wohnmodell für die Massen: die Chruščëvka

Die nach Nikita Chruščëv benannte Typenbauweise: die fünfgeschossige Chruščëvka (1950er Jahre), hier in Moskau (Bild: Alex Motrenko)

Die neuen baupolitischen Leitlinien zeitigten Erfolg. Chruščëv konnte die jährliche Fertigstellungsquote bei Wohngebäuden gegenüber der Stalinzeit verdoppeln. Überall im Land schossen Häuser aus dem Boden, die sich in Größe und Konstruktion kaum voneinander unterschieden. Bald schon erhielten die meist fünfgeschossigen Zeilenbauten in Erinnerung an ihren politischen Förderer den Namen Chruščëvka.

Zum Erfolg der Chruščëvka sollte auch wieder Vitalij Lagutenko beitragen, der in den 1960er Jahren wegweisende Typen wie K 7 entwickelte. Dank des industriellen standardisierten Bauens konnten zwischen 1956 und 1965 rund 108 Millionen SowjetbürgerInnen eine neue Bleibe beziehen. Rein rechnerisch entstand damit Wohnraum für mehr als ein Drittel der sowjetischen Gesamtbevölkerung.

Ein Fall fürs Museum?

Die „Lebensform Chruščëvka“: ein Bewohner des Serientyps G-5 in Leningrad im Jahr 2002 (Bild: Philipp Meuser)

Freilich war nicht jeder Neubau ein fünfgeschossiger Plattenbau mit monotoner Fassade. Doch über 75 Prozent der Gebäude waren industriell vorgefertigt und als Serientyp entstanden. Kein anderer Staat auf der Welt hatte seine Bauwirtschaft derart rationalisiert wie die UdSSR. Die Chruščëvka gehört ohne Zweifel zum weltweit meistgebauten Bautypus überhaupt. Allein in Russland wurden während der Sowjetzeit 290 Millionen Quadratmeter Wohnfläche in dieser Art geschaffen. Dies macht bis heute etwa zehn Prozent der gesamten Wohnfläche Russlands aus. Inzwischen hat man zwar damit begonnen, nicht sanierungsfähige Fünfgeschosser abzureißen, doch wurde der Lebensform Chruščëvka in Moskau – wie schon die Kommunalka – ein eigenes Museum gewidmet.

Rundgang

Literatur

Meuser, Philipp, Die Ästhetik der Platte. Wohnungsbau in der Sowjetunion zwischen Stalin und Glasnost, Berlin 2015.

Meuser, Philipp/Zadorin, Dimitrij, Towards a Typology of Soviet Mass Housing. Prefabrication in der USSR 1955-1991, Berlin 2015.

Harris, Steven E., Communism on Tomorrow Street. Mass Housing and Everyday Life after Stalin, Washington/Baltimore 2012.

Martiny, Albrecht, Bauen und Wohnen in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg. Bauarbeiterschaft, Architektur und Wohnverhältnisse im sozialen Wandel, Berlin 1983.

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