Polnische Kirchen nach 1945

Wenn man lange nicht so konnte, wie man wollte, dann will man viel, wenn man endlich darf: In Polen ploppten ab den 1980er Jahren römisch-katholische Kirchenbauten auf, die an überschäumender Gestaltungsfreude ihresgleichen suchen. Insgesamt entstanden hier zwischen 1945 und 1989 über 2.000 moderne Kirchen. Ihre exaltierte Formensprache entsprach in diesen Jahrzehnten ebenso einem religiösen Bedürfnis wie einem Widerstandswillen gegen staatliche Repressionen.

Rechtlich nutzten die Gemeinden dabei eine Grauzone, in der sich die ambitioniertesten Architekten ihrer Zeit austoben konnten. Dieser einmaligen Kirchbauepoche widmen Karolina Popera und Kuba Snopek nun bei Dom Publishers einen 284 Seiten starken Katalog. Interviews und Baubeschreibungen werden lebendig durch die Fotografien von Igor Snopek und Maciek Lulko. Der Band erscheint in diesen Wochen pünktlich zur Frankfurter Buchmesse. (kb, 2.9.19)

Popera, Karolina/Snopek, Kuba, Day-VII Architecture. A Catalogue of Polish Churches post 1945, Fotos von Igor Snopek and Maciek Lulko, Dom Publishers, Berlin 2019, 21 × 23 cm, 284 Seiten, 200 Abbildungen, Softcover, ISBN 978-3-86922-741-2 (englisch).

Tschenstochau (Częstochowa), Church of St. Brother Albert Chmielowski‘, 1981, Aleksander Holas (Foto: Dom Publishers)

Zwischen nationalem Stil und Moderne

Als Polen unabhängig wurde, als bei Frankfurt an der Oder die Grenze zu Deutschland gezogen wurde, verlor die Stadt zugleich ihr wirtschaftliches Hinterland. Als Ausgleich verlegte man die Reichsbahndirektion Osten hierher. In dieser Gemengelage suchten die Architekten nach nationalen Ausdrucksformen. Der Architekt Martin Kießling schuf u. a. mit der Ostmarksiedlung (heute Paulinenhofsiedlung) prägende Orte der Zwischenkriegszeit. In Posen (Poznań) entwickelten Baumeister wie Adam Ballenstedt nach einer speziell polnischen Formensprache. Bei all dem blieben die Architekten untereinander weiter im engen fachlichen Kontakt.

In diesen Monaten reist eine deutsch-polnische Ausstellung, kuratiert von Uwe Rada und Szymon Piotr Kubiak, in einem begehbaren Überseecontainer durch die Region. Die Präsentation „Zwischen nationalem Stil und Moderne“, die sich der Architektur der Zwischenkriegszeit in Frankfurt (Oder) und Posen widmet, ist zu sehen vom 18. Oktober bis zum 3. November 2018 auf dem Marktplatz von Frankfurt an der Oder. Die Eröffnung wird am 18. Oktober um 18 Uhr gefeiert, der Eintritt in die Ausstellung ist frei. Das Projekt bildet Teil des umfassenderen Projekts „1918: Die vergessene Grenze“ mit Ausstellungen und Vorträgen in der Region. (kb, 16.10.18)

Frankfurt an der Oder, Paulinenhof (Bild: Global Fish, CC BY SA 3.0, 2012)

Polish Postmodernism

Wer von postmoderner Architektur spricht, denk zumeist an eine Zeitspanne kapitalistischen Wirtschaftens, an Villen und Bürogebäude mit überbordenden Fassaden und augenzwinkernden Formenzitaten. Dabei war das postmodere Bauen nicht auf den Westen beschränkt, auch im Osten Europas rangen Architekten in den 1970er und 1980er Jahren um neue Ausdrucksformen. Vor diesem Hintergrund will die Tagung „Polish Posmodernism“, die vom 27. bis 28. September 2018 im Deutschen Historischen Institut Warschau (Al. Ujazdowskie 39; 00-540 Warszawa) stattfinden wird, den Blick vor allem auf die polnische Architekturszene dieser Jahre lenken.

Zwischen 1968/70 und dem Ende der sozialistischen Ära war Polen nicht allein geprägt duch ökonomisch-politische Umwälzungen, sondern auch durch architektonische Innovationen. In diesen Jahren setzten sich Architekten lokal über die Begrenzungen des vorfabrizierten Bauens hinweg, fanden zu Restaurierungsprojekten oder zu über die Blockgrenzen hinweg vielbeachteten Kirchenneubauten. Gesucht werden noch Themenvorschläge, die kreisen um einzelne Bauprojekte, um architektonische Diskurse, um politische, soziale oder ökonomische Hintergründe des Baubetriebs. Vorschläge (Abstract von 400 bis 600 Worten, kurze CV, Beiträge sind auf Polnisch und Englisch möglich) sind willkommen bis zum 28. Februar 2018 unter: wienert@dhi.waw.pl and f.urban@gsa.ac.uk. (kb, 12.1.17)

Breslau/Wrocław, Plac Grunwaldzki , „Manhattan“ (frühe 1970er Jahre, Jadwiga Grabowska-Hawrylak mit Zdzisław Kowalski und Włodzimierz) (Bild: Olgierd Rudak, CC BY SA 2.0)