Postmoderne

Hamburg, Cremonbrücke (Bild: Marco Alexander Hosemann, 2019)

Cremonbrücke gefährdet

Bauwerke, die einst als innovativ gefeiert wurden, gelten später oft früher als andere als unpassend, wartungsintensiv oder schlicht zu groß. So ergeht es gerade der Cremonbrücke in Hamburg, derzeit Deutschlands Abriss-Stadt Nummer eins. Die Fußgängerbrücke über der Kreuzung Willy-Brandt-Straße/Kleiner Burstah wurde 1982 nach Plänen des Büros Pysall, Stahrenberg und Partner (PSP Architekten) gebaut. Eine stählerne Tripode mit drei Zugängen, freiliegenden Rolltreppen (!) und einem zentralen Tragmasten, das Ganze (einst) strahlend blau lackiert: Die Postmoderne setzte ein farbenprächtiges Zeichen.

Kaum 40 Jahre später wünscht sich die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BSW) das Brückenbauwerk weg. Begründung: siehe oben. Die notwendige Sanierung gehe ins Geld, die Unterhaltung der Rolltreppen zu aufwendig, und generell sei die Brücke auch nicht unverzichtbar. Zufälligerweise soll bald das „Holcim“-Gebäude neben dem südöstlichen Brückenaufgang abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Da wären doch einige Quadratmeter Baugrund zusätzlich willkommen. Ein Gebäude am Südwestaufgang der Brücke steht übrigens unter Denkmalschutz: die 1976-82 errichtete einstige Landeszentralbank (heute Deutsche Bundesbank), welche mit der Cremonbrücke eigentlich ein Ensemble bildet. Unter anderem Marco Alexander Hosemann vom Verein City-Hof e. V. versucht nun, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, auf dass die Cremonbrücke doch noch unter Schutz kommt. mR ist gerne dabei … (db, 7.7.19)

Tipp: Die Ausstellung „Brücken in Hamburg. Architektenturen des Übergangs“, erarbeitet von Studierenden des Kunstgeschichtlichen Seminars der Universität Hamburg unter Leitung von Dr. Frank Schmitz, präsentiert Fallstudien zu einzelnen Hamburger Brücken aus unterschiedlichen Zeitschichten – darunter viel bedrohte Moderne. Die Präsentation im Kunstgeschichtlichen Seminar (Edmund-Siemers-Allee 1, Westflügel, 1. Stock, 20146 Hamburg) startet mit einer Vernissage am 10. Juli 2019 um 18 Uhr.

Hamburg, Cremonbrücke 2019 (Bild: Marco Alexander Hosemann)

Stanley Tigerman (Bild: Lee Bey, CC BY 2.0, 2007)

Der Mies versinken ließ: Stanley Tigerman ist tot

In Chicago verstarb am 3.Juni der amerikanische Architekt Stanley Tigerman im Alter von 88 Jahren. Nach einer klassisch modernen Ausbildung, die ihn in das miesianische Mekka am Michigan See führte, ließ er die Crown Hall im Meer versinken – auf einer Collage mit dem Titel „Die Titanic“. Danach war Raum geschaffen für ein postmodernes Feuerwerk der Formen und Zitate. Ikonen wie das lächelnde Haus der Anti Cruelty Society entstanden. Dort offenbart sich Tigermans scharfer Sinn für das Ironische. Als Architekturtheoretiker verstand Tigerman die Baukunst als Allegorie.

Über Jahrzehnte wirkte er in Chicago als Lehrer an der University of Illinois. Zuletzt galt er als Nestor der dortigen Architekturszene. In den 1990er Jahren gründete Tigerman die Non-Profit Organisation Archeworks – einen interdisziplinären Designinkubator für Projekte mit sozialem Anspruch. Bis zuletzt galt er als kritische Stimme im Baugeschehen. Dass er in einem von Mies entworfenem Gebäude lebte und dies als „tägliche, stündliche Herausforderung“ bezeichnete, verrät augenzwinkernd einiges über die Gedankenwelt Tigermans. (jm, 5.6.19)

Stanley Tigerman (Bild: Lee Bey, CC BY 2.0, 2007)

Matteo Thun, Topolino, 1986 (Bild: Marta Herford, Marcus Schneider)

Sinnlich statt funktional

Im Bauhaus-Jahr den Funktionalismus gerade mal nicht feiern – das hat sich das Museum für Zeitgenössische Kunst Marta in Herford (Goebenstraße 2–10, 32052 Herford) auf die Fahnen geschrieben. Und das sogar im Titel der neuen Ausstellung: „Rebellische Pracht – Design Punk statt Bauhaus“ heißt es dort bis 1. September 2019. Okay, ob man kunterbunte, sinnliche Postmoderne der 1980er wirklich als Punk bezeichnen möchte, ist Interpretationssache. Als Gegenthese zur klassisch-modernen Nüchternheit sind die ausgestellten Designobjekte aber bestens geeignet. Möbel, Leuchten, Haushaltsgegenstände und auch glücklich machender Nippes von Gestaltern wie Ettore Sottsass, Matteo Thun oder Robert Venturi erstrahlen in farbenfroher, oft betont sinnfreier Pracht.

Basis der Ausstellung ist die einstige Sammlung der Designfirma anthologie quartett, die sich nun in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden – Archiv der Avantgarden (AdA) befindet. Das (kleingeschriebene) quartett entstand 1983 durch vier Gründungsmitglieder, als Galerie für Architektur, Design, Kunst und Mode in Hannover, eines war der Lübbecker Apotheker Rainer Krause (1952-2013), der sich auch um die Architektur verdient machte: Der von ihm initiierte Neubau der Bahnhofapotheke Lübbecke wurde 1976 von Superstudio in Florenz entworfen – und bescherte Deutschland eines der ersten postmodernen Bauwerke überhaupt. (db, 3.6.19)

Matteo Thun: Topolino, 1986 (Bild: Marta Herford/ Marcus Schneider)

Pulheim, Abteipassage (Bild: SPD Pulheim)

Abteipassage Pulheim wird abgerissen

Die Abteipassage in Pulheim-Brauweiler ist ein typisches Kind der postmodern beeinflussten 1980er: steile Dächer, viel (natürlich weiß) lackierter Stahl, Klinkerfassade und allerhand Glas- und Stahl-Spielereien im Einzelhandelsbereich. 1985 wurde der Bau vom Pulheimer Bürgermeister gemeinsam mit Stargast Willy Millowitsch eingeweiht, nun ist sein Ende offenbar beschlossene Sache. Im Juni 2018 wurde die Einkaufsmeile verkauft, der neue Eigentümer, eine Kölner Entwicklungsgesellschaft, will an ihrer Stelle einen großen Supermarkt samt Tiefgarage sowie bis zu 60 Wohnungen errichten. Der Planungsausschuss der Stadt gab Mitte September grünes Licht für das Bauvorhaben.

Bei Anwohnern und Geschäftsleuten hat dies wenig Begeisterung hervorgerufen: Viele fordern den Erhalt des Einkaufszentrums. Vor allem der inhabergeführte Handel fürchtet bei einem Abriss um seine Existenz. Rund 30 Einzelhändler warben im Planungsausschuss für eine Modernisierung der Abteipassage. Derweil steht das Gebäude schon zu größeren Teilen leer – wegen der üblichen Gründe: Brandschutz, Rettungswege, Barrierefreiheit. Die Stadt sieht im Neubau daher für Brauweiler die beste Lösung. Der geplante Flachdachbau wird aussehen wie jener in Köln. Oder Stuttgart. Oder Frankfurt. Oder Frechen. Oder Herborn. Oder Neu-Isenburg. Oder Wanne Eickel. Oder Gelnhausen. Oder (ab hier langsam ausblenden) … (db, 1.10.18)

Pulheim, Abteipassage (Bild: SPD Pulheim)

Haus Vanna Venturi, Chestnut Hill/ Pennsylvania (Bild: Smallbones, CC0)

Abschied von Robert Venturi

„Learning from Las Vegas“ propagierte Robert Venturi 1972 und erhob die operettenhafte Gebrauchsarchitektur des Las Vegas Strip ins Zentrum der Baukunst. Ganz recht: Gemeinsam mit seiner Frau Denise Scott Brown zählt der US-Amerikaner zu den großen Baumeistern und Theoretikern der Postmoderne. Nach Abschluss seines Studiums 1947 arbeitete er in den Büros von Eero Saarinen und L. Kahn, ehe er nach einem Europa-Aufenthalt sein eigenes Büro gründete, das er ab 1967 mit seiner Frau führte. Von Las Vegas zu lernen war schon der zweite Schritt: Bereits 1966 erschien als Quintessenz seiner Europa-Studien der Band „Complexity and Contradiction in Architecture“: An Beispielen der abendländischen Baugeschichte argumentierte Venturi für ein bildhaftes, assoziationsreiches Bauen; eine Architektur der Widersprüche, die er insbesondere in Manierismus und Barock erkannte.

Seit 1978 ist „Kompexität und Widerspruch in der Architektur“ auf deutsch erhältlich und längst ein Klassiker der Architekturtheorie. Natürlich hat Robert Venturi auch gebaut: mit Denise Scott Brown den Sainsbury-Flügel der Londoner National Gallery (1991), das Regionalparlament in Toulouse (1999) sowie etliche Gebäude in seiner Heimat USA, darunter das Haus Vanna Venturi (1959-64) für seine Mutter. 1991 wurde er mit dem Pritzker-Preis geadelt, Denise Scott Brown ging merkwürdigerweise leer aus. Am 18. September ist Robert Venturi im Alter von 93 Jahren gestorben. (db, 20.9.18)

Haus Vanna Venturi, Chestnut Hill/ Pennsylvania (Bild: Smallbones, CC0)

 

 

Ulm, Stadthaus (Bild: Martin Rivoir, 1992)

Postmoderne vs. Gotik

1988 war es, da stritt man in Ulm noch darum, ob man nun den Richard Meier nun haben wolle oder nicht. Martin Rivoir, damals 28, bezog gleichzeitig seine Wohnung am Münsterplatz, auf dessen weitläufige Brache er damals noch blicken konnte. Erst 1991 wurde der Bau der „begehbaren Skulptur“ nach zahlreichen Querelen und einem Bürgerentscheid begonnen. Da beschloss Rivoir, jeden Sonntag mindestens ein Bild der Baustelle zu machen. Im Anschluss wurden die über 600 Dias sorgfältigst nummeriert und sortiert. Es entstand eine einzigartige, akribische Baudokumentation, die nun vom 18. Juli bis 16. September 2018 im – inzwischen zu einer Ikone der Postmoderne avancierten – Stadthaus zu sehen sein wird.

Die Vorgeschichte: An der Stelle des heutigen Stadthauses befand sich ursprünglich das Barfüßer-Kloster, das bis in das Jahr 1250 zurückging. 1878, kurz vor Fertigstellung des Münsterturms, wurde das Kloster abgetragen, um einen offenen Blick auf den neuen Turm zu erhalten. Schnell stellte man fest, dass der Münsterplatz dennoch zu groß erschien, und so wurde 1924 ein Wettbewerb für dessen Bebauung ausgeschrieben, bei dem über 450 Entwürfe eingingen. Jedoch kam es zu keiner weiteren Planung. Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg befand sich an der Stelle ein Touristik-Pavillon, und erst Mitte der 1980er-Jahre wurde mit der Planung des Stadthauses begonnen. Am Wettbewerb im Jahre 1986 nahmen unter anderen auch Gottfried Böhm, Heinz Mohl sowie Hans Hollein teil. (pl, 11.7.18)

Ulm, Stadthaus (Foto: Martin Rivoir)