Offener Brief Garnisonkirche: Lernort statt Turmhaube

Die Liste der Unterzeichner:innen dieses offenen Briefs ist lang: Knapp hundert Wissenschaftler:innen, Architekt:innen, Künstler:innen, Kirchenvertreter:innen und Kulturschaffende appellieren an die Verantwortlichen, auf einen Nachbau der historischen Turmhaube der Garnisonkirche Potsdam zu verzichten. Diese stehe „für einen problematischen Nationalprotestantismus“. Zwar wurde der Turm 1968 von DDR-Seite gesprengt, seine Haube jedoch ging schon 1945 bei Fliegerangriffen verloren und erinnerte durch ihr Fehlen lange an die Kriegszerstörungen. Befürworter:innen des Wiederaufbaus der Garnisonkirche betonen die städtebauliche bzw. architektonische Qualität und positiv besetzte historische Momente (z. B. die Bildung der Preußischen Union). Andere kritisieren eine Rekonstruktion, die am (kirchlichen) Bedarf vorbei den Blick nicht in die Zukunft, sondern in eine zudem national getönte Vergangenheit richte (wie die Handschläge zwischen Hitler und Hindenburg).

Neben der Wiederaufbaustelle Garnisonkirche steht weiterhin das ehemalige Rechenzentrum (1971). Noch dient der ostmoderne Bau als Kunst- und Kreativhaus, dessen Mietvertrag allerdings 2023 ausläuft. Das Schicksal dieser Nutzung ist mit der Frage verknüpft ist, ob auch das Kirchenschiff wiederhergestellt werden soll (und wenn ja, wie). Entsprechend fordern die Unterzeichner:innen des offenen Briefs, den Schwerpunkt nicht auf eine Komplettrekonstruktion des Turms zu legen, sondern lieber den angekündigten Lernort nach vorne zu bringen und diesen mit Ausstellungsfläche, Personal und Finanzmitteln ganz konkret im Zukunftskonzept des Garnisonkirchen-Areals zu verankern. Denn, so der offene Brief, ein „Verzicht auf den umstrittensten Teil des Kirchturms wäre – neben dem Erhalt des Kunst- und Kreativhaus Rechenzentrum – eine Geste der Versöhnung.“ (kb, 12.3.21)

Offener Brief im vollen Wortlaut als pdf-Download

Titelmotiv: Potsdam, Rechenzentrum, um 1980 (Bildquelle: Müller, Ursula/Höchst, Otto, Potsdam, hg. von Potsdam Information, Potsdam 1980, via lernort-garnisonkirche.de)

Schutz fürs Hotel Mercure?

2016 hatten sich die Potsdamer Stadtverordneten dafür ausgesprochen, langfristig den Abriss des Hotel Mercure neben dem rekonstruierten Stadtschloss zugunsten einer „Wiese des Volkes“ anzustreben. Der Kauf des DDR-Hochhauses, Grundvoraussetzung für dieses Vorhaben, wurde aber nicht zuletzt aufgrund von Protesten und des (wenn auch für unzulässig erklärten) Bürgerbegehrens der Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“ vorerst ausgesetzt. Mittlerweile wurde die benachbarte, ostmoderne Fachhochschule abgerissen, das Mercure hingegen noch immer nicht angerührt. Ohnehin hatte dies 2016 gerade erst den Besitzer gewechselt und war damit dem Zugriff der Stadt entzogen.

2019 wurde das Hotel von der Betreibergesellschaft saniert, und nun drohen die Reko-Pläne der Stadt Potsdam endgültig zu zerbröseln: Laut der Märkischen Allgemeinen Zeitung prüft das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege die Aufnahme des ostmodernen Vorzeigeprojekts in die Denkmalliste. Eröffnet wurde das heutige Mercure am 1. Mai 1969 als Interhotel, geplant hatte es – wie auch die FH und das Rechenzentrum – ein Architektenkollektiv unter der Leitung von Sepp Weber (*1925). Der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht lobte den 17-stöckigen Prestigebau als „sozialistische Stadtkrone“ von Potsdam, als neue Höhendominante der wiederaufgebauten Stadt. Das alte Stadtschloss war kaum zehn Jahre zuvor gesprengt worden – auch gegen den Widerstand der Bevölkerung. (db, 17.1.20)

Potsdam, Havelbucht mit Hotel Mercure (Bild: Botaurus, CC0)

Balkan by bus

Manchmal sind die Reisen die besten, die nur im Kopf stattfanden. Eine Hoffnung, die Künstler wie Tom Korn durch Corona-Zeiten trägt. Als gelernter Schriftsetzer fügt er seine Arbeiten in Intarsientechnik aus vorgefundenen Materialien wie Teppichmusterkatalogen. Jüngst musste Korn seine Balkanreise abbrechen: Anfang März 2020 reiste er mit seiner artist-travel-group nach Sitia auf Kreta, um zwei Wochen gemeinsam künstlerisch zu arbeiten. Schon früh entstand dort die Idee, für die Rückreise den Landweg über Piräus zu wählen. Damit begab sich Korn mit dem Omnibus zu den brutalistischen Zeugnissen der dortigen Architektur.

Doch aus bekannten Gründen flog Korn am 14. März von Athen zurück nach Berlin und vollzog seine Reise im Homeoffice. Jeden Tag, an jedem Ort sollte in Skizzen und Texten ein „jugosphärisches Reisetagebuch“ entstehen. Das Ergebnis, Intarsienarbeiten zu Ikonen jugoslawischen Brutalismus, werden nun vom 4. September bis zum 3. Oktober 2020 unter dem Titel „Balkan bay bus“ ausgestellt in der Potsdamer Theaterklause (Zimmerstraße 10-11, 14471 Potsdam). Die Eröffnung wird am 4. September um 18 Uhr begangen. Außerdem gibt es das fiktive Reisetagebuch über die coronabedingt ausgefallene Balkanreise gleich zum Mitnehmen. (kb, 27.8.20)

„Balkan by bus“, Ausstellung von Tom Korn, 2020