ÜBER ECK: Das bunte Erbe der DDR

In Potsdam wird der Diskurs über die baulichen Zeugen der Ex-DDR besonders leidenschaftlich geführt. Einige Kräfte bemühen sich dort eifrig, die Überbleibsel des lange verschwundenen Staates gänzlich aus dem Stadtbild zu tilgen. Die Uhr sollte dieser Position zufolge, zumindest ästhetisch, auf die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückgedreht werden. Unter akuter Abrissbedrohung steht auch das ehemalige Rechenzentrum – heute Heimstätte für Künstler und Kreative – welches von einem herausragenden Beispiel ostmoderner Kunst am Bau geziert wird. Fritz Eisel schuf 1971 das Mosaik: „Der Mensch bezwingt den Kosmos“. Von nun an kündeten Kosmonauten vom vermeintlichen Sieg des Sozialismus inmitten der alten preussischen Residenz.

Vor diesem Hintergrund findet das Symposium „ÜBER ECK: Bauerbe der DDR“ statt. Beginn der Veranstaltung ist am 28.02.2020, zunächst im Potsdam Museum, Am Alten Markt 9, 14467 Potsdam. Weiter geht es dann im Rechenzentrum selbst, Dortusstraße 46, 14467 Potsdam. Themenschwerpunkt wird die Bedeutung und Interpretation des Mosaiks, sowie grundsätzlich baubezogene Kunst im öffentlichen Raum sein. Die Ergebnisse des Symposiums werden als Dokumentation gesichert, zeitgleich findet im Potsdam Museum eine Begleitausstellung statt. (jm, 24.2.20)

Potsdam, Rechenzentrum (Bild: rzpotsdam)

Bedrohte Moderne in Potsdam

Künstler*innen um die Siebdruckwerkstatt STUDIO114 zeigen ab heute im Potsdamer Haus der Begegnung unterm Titel „Ein Abriss der Potsdamer Moderne“ Ansichten ausgewählter Bauwerke ihrer Stadt. Hauptsächlich solche der Klassischen Moderne bis 1933 sowie der Ostmoderne der 1960er bis 1980er Jahre. Gemein ist den dargestellten Gebäuden ihr besonderer Status: Einerseits sind sie Zeitzugen des Versuchs, neue Philosophien und Anschauungsweisen des Bauens und damit auch der sozialen Funktion von Architektur zu berücksichtigen. Andererseits sind sie mehrheitlich Verfall oder Abriss geweiht, wurde und wird ihnen ihr ästhetischer und historischer Wert abgesprochen.

Diese Ignoranz herrsche noch heute, so die Ausstellungsmacher: Es werde weiterhin mit dem Aufbruch der Moderne gehadert. In einer Zeit, in der eher die traditionellen Bau-Vorstellungen zurückgesehnt werden, als einen eigenen zeitgenössischen Ausdruck zu suchen. Es zeige sich, dass Geld und die Visionen Einzelner Kraft berge, um Dinge positiv wie negativ zu verändern – doch was würde eine wirklich emanzipierte Stadtgesellschaft aus ihrer Umgebung machen? Die Beteiligten wünschen sich einen reflektierten Umgang mit der architektonischen Stadtgeschichte und verurteilen ebenso sinnlosen Abriss wie geschichtsklitternde Rekonstruktionen. Es gehe um Authentizität, einen wertschätzenden Umgang und den Mut in Potsdam in eine Moderne aufzubrechen. Das sehen Sie auch so? Dann kommen Sie heute, am 23. Januar, um 18 Uhr zur Vernissage! (db, 23.1.20)

Moderne in Siebdruck (Bild: Studio114)

Potsdam: Doch Abriss für die Nutheschlange?

Dass es in Potsdam der Ostmoderne an den Kragen geht, ist leider trauriges Allgemeinwissen. Nun geht die Stadtreparatur in die nächste Stufe, denn ein markanter Bau der Postmoderne soll fallen. Erste Ideen für die sog. Nutheschlange reichen zurück bis zur Berliner IBA 1984-87. Im Geist eines behutsamen Stadtumbaus sollte am Potsdamer Humboldtring eine begrünte, bewohnbare Lärmschutzwand entstehen: vorwiegend zwei- bis dreigeschossige Reihenhäuser um und über einem teils künstlichen Wasserlauf. Die expressiven Entwürfe stammten vom Architekten Hinrich Baller, lange Jahre Professor an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste. Bauträger war die GEWOBA, heute Tochter der kommunalen Immobilienholding Pro Potsdam.

Schon während der Baumaßnahme, die sich bis 2002 hinzog, gab es juristische Streitigkeiten zwischen Architekt und Bauträger. Inzwischen steht der Kopfbau, das sog. Terrassenhaus mit 38 Wohnungen und 200 Stellplätzen leer und soll abgerissen werden – eine Sanierung sei einfach zu kostspielig. Baller pocht auf sein Urheberrecht und vermutet ökonomisches Kalkül: Der Neubau verspreche mehr rentable Wohnfläche. Auch der Bund Deutscher Architekten (BDA) spricht sich gegen den Abriss aus und eine lokale Initiative kämpft gegen die Nachverdichtung. Ende letzter Woche jedoch lehnte der städtische Bauausschuss (ebenso wie der Umweltausschuss) ein Moratorium gegen den Abriss ab – die Diskussion dürfte weitergehen. (kb, 4.9.19)

Potsdam, Nutheschlange (Bild: Initiative Nutheschlange)