INTERVIEW: “Wir würden selbst einziehen!”

Fünf Fragen zum Quelle-Fertighaus im Freilichtmuseum am Kiekeberg (22/1)

Ein ganzes Leben aus dem Katalog – in einem genormten Haus: Ab Mitte der 1950er Jahre arbeitete ein Planungsteam unter der Leitung des Architekten Edgar Berge für den Fürther Versandhausriesen Quelle an einem seriellen Fertighaus-Angebot. Vorbild für die Entwürfe war vor allem der florierende US-amerikanische Fertighausbau. Eine zu gründende Tochterfirma, die Quelle-Fertighaus GmbH, sollte die Herstellung und Vermarktung übernehmen. Das fertige Produkt tauchte erstmals im Katalog Herbst/Winter 1962/63 auf: ein Flachdach-Bungalow mit wahlweise 60, 80 oder 100 Quadratmetern Grundfläche. Seit 1965 gab es für die konservativere Kundschaft die – stets auf der gleichen Grundform basierenden – Häuser auch mit Satteldach, nun mit 80, 100 oder 110 Quadratmetern Fläche. Dennoch wurde der Geschäftszweig kein Erfolg: Die Quelle-Fertighaus GmbH erzielte nie Gewinn. Das Programm wurde daher Anfang der 1970er Jahre umgestellt. Die Häuser der zweiten Generation zeichneten sich durch ein individualisiertes Erscheinungsbild und massive Bauweise aus. Ab 1980 kooperierte Quelle mit dem Haus-Hersteller Zenker. Das eigene Fertighausprogramm war Geschichte.

Im Freilichtmuseum am Kiekeberg (FLMK) in Rosengarten-Ehestorf nahe Hamburg kann man seit September 2021 ein originales Quelle-Haus besichtigen. Dieser “Typ 110 D” (D für Satteldach) wurde 1966 in Winsen/Luhe zunächst als Musterhaus errichtet. 1968 zog das Ehepaar Gröll mit seinen drei Söhnen hier ein. Bereits 2015 vereinbarte Gisela Gröll, dass das Gebäude ins Freilichtmuseum kommen soll. Nach ihrem Tod wurde es 2019 in Kooperation mit den Söhnen Ronald (61), Christian (59) und Matthias Gröll (58) transloziert – samt Einrichtung. Kein einziges Stück von dieser wurde übrigens je bei Quelle gekauft. In der Dauerausstellung ist das Haus nun Teil der “Königsberger Straße“, welche sich mit dem bundesdeutschen Lebensalltag von etwa 1950 bis 1979 auseinandersetzt. Daniel Bartetzko hat den Projektleiterinnen Zofia Durda, Theda Boerma-Pahl und Museumsdirektor Stefan Zimmermann fünf Fragen zum Serien-Haus gestellt.

Quelle-Fertighaus im Freilichtmuseum am Kiekeberg, Juni 2021 (Bild: FLMK)

Daniel Bartetzko (mR): War es auf jeden Fall geplant, in das Projekt Königsberger Straße ein Fertighaus zu integrieren?

Theda Boerma-Pahl (TP): Ja, von Anfang an. Das Quelle-Fertighaus der Familie Gröll brachte den damaligen Museumsdirektor Rolf Wiese überhaupt erst auf den Gedanken, eine neue Baugruppe aus der Zeit nach 1945 für das Freilichtmuseum zu konzipieren. So entstand die Idee zur Königsberger Straße.

Zofia Durda (ZD): Zwei Faktoren waren für die Übernahme des Gebäudes entscheidend: Erstens die Tatsache, dass es ein Fertighaus von Quelle war. Quelle war die erste bundesdeutsche Versandfirma, welche Fertighäuser ins Sortiment aufnahm, und zwar solche, die eigens für das Unternehmen entwickelt wurden. Zweitens spielte die Geschichte der Familie Gröll und die Ausstattung des Gebäudes eine große Rolle. Zusammen mit dem Haus übernahmen wir 2018 das darin befindliche Inventar und präsentieren das Fertighaus heute so eingerichtet, wie es in den späten 1970er Jahren aussah bzw. hätte aussehen können.

Winsen an der Luhe 2019 (von links nach rechts): Ronald und Christian Gröll (oben), Alexander Eggert, Zofia Durda und Stefan Zimmermann vom FLMK am Originalstandort (Bild: FLMK)

mR: Freilichtmuseen haben lange vor allem handwerkliche, individuell erstellte Bauten und Alltagsgegenstände gezeigt. Ist es nicht ein ungewohntes Gefühl, nun auch eine industriell gefertigte Gattung zu integrieren, die einst zur Verdrängung der bisher im Museum präsentierten Gebäude beigetragen hat?

TP: Die Schwerpunkte der Forschung und Ausstellung in Freilichtmuseen haben sich in den letzten Jahren teilweise sehr stark gewandelt, da der Einzug des Zeitschnitts nach 1945 eine thematische Ausweitung bedeutet. Uns erschien es unausweichlich, sich mit den Bauten der Nachkriegsjahrzehnte auseinanderzusetzen. Wie unser Publikum das aufnehmen würde, darüber waren wir anfangs nicht sicher. Aber schnell wurde uns widergespiegelt, wie sehr sich die Besucher:innen als Erlebnisgeneration oder als deren Kinder und Enkel für die eigene Geschichte interessieren.

Stefan Zimmermann (SZ): Gerade nach 1945 veränderte sich der Alltag im Dorf fast schlagartig. Die akute Wohnungsnot nach dem Krieg, der hohe Siedlungsdruck und einhergehend die zunehmende Trennung von Wohnen und Arbeiten veränderten die bisher von der Landwirtschaft geprägte Region. Sie wurde Wohnort für viele Menschen, die zur Arbeit nach Hamburg pendelten. Mit der zunehmenden Industrialisierung in der Herstellung von Baumaterialien verlor die traditionelle Bauweise an Bedeutung.

TP: Der Vermittlungsanspruch unseres Museums ist, den Alltag in der Region vom 17. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre zu präsentieren und erlebbar zu machen. Für das 20. Jahrhundert gehören Typenbauten und vorgefertigte Bauteile eben dazu.

SZ: Schon lange gibt es bei uns eine Rekonstruktion eines Betonfertigteilewerks aus den 1910er Jahren. Mit der Königsberger Straße zogen eine Gasolin-Typentankstelle aus den 1950er und das Quelle-Fertighaus aus den 1960er Jahren ins Museum. Das historische Vorbild für den Nachbau eines Siedlungsdoppelhauses ist ebenfalls ein Typenbau aus dem Landkreis, auch wenn er nicht häufig zur Anwendung kam. Darüber hinaus werden zwei serienmäßige Behelfsbauten Teil der Baugruppe sein: eine seit mehreren Jahren im Museum befindliche Nissenhütte und eine Ley-Bude, die wir 2022 übernehmen werden.

ZD: Durch die Gegenüberstellung des Geländeteils, in dem überwiegend Fachwerkbauten zu finden sind, mit der Königsberger Straße können die Veränderungen in der Bau- und Wohnkultur thematisiert werden. Das Individuelle zeigen wir übrigens trotzdem – durch die Einrichtung der Gebäude und konkrete Familien- und Objektgeschichten.

Rosengarten-Kiekeberg, Quelle-Fertighaus, Wohnzimmer, Juni 2021 (Bild: FLMK)

mR: Spielt es auch eine Rolle, dass es nicht nur ein Fertighaus ist, sondern sogar noch eines aus dem Warenkatalog eines Versandhauses? Also von einem Vollsortimenter, der gefühlt ein ganzes Alltagsleben käuflich macht.

SZ: Das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Für die meisten Leute, die uns besuchen, ist Quelle ein Begriff. Doch Quelle-Fertighäuser sind nicht allgemein bekannt – schließlich waren sie kein großer Verkaufshit. Insofern gibt es hier einen guten Ansatzpunkt für die Vermittlung.

ZD: Die Versandhaus-Thematik spielt bei uns vor allem bei Führungen eine Rolle. In der Ausstellung weniger, da wir in dem Gebäude eine konkrete Familiengeschichte präsentieren. Und Familie Gröll zog zwar in ein Musterhaus von Quelle, bestellte aber nie etwas bei dem Versandhaus.

mR: Ist das Quelle-Haus nicht eigentlich schon einen wesentlichen Schritt näher an der heutigen Lebensrealität als der Rest der Königsberger Straße, die ja eher die 1950er Jahre repräsentiert?

TP: Das Quelle-Haus steht bei uns im Museum für das “moderne” Wohnen. Im Vergleich zu dem anderen Wohngebäude der Königsberger Straße, dem Flüchtlingssiedlungshaus aus den 1950er Jahren, ist das Fertighaus natürlich komfortabler: Die Wohnung ist größer und verfügt über ein innenliegendes Bad und ein separates WC, eine große Fensterfront im Wohnzimmer sowie eine Einbauküche. Insofern entspricht dies tatsächlich eher der heutigen Wohnrealität.

ZD: Quelle warb ja auch explizit damit, mit dem eigenen Fertighaus modernen Wohnkomfort zu günstigen Preisen zu bieten. Das Versprechen lautete: zweckmäßige Form – und anfänglich ausschließlich ein Flachdach, funktionaler Grundriss, Ausführung in Leichtbauweise mit modernen Baumaterialien. Das bedeutete zum Teil auch den Einsatz von Asbest. Heute wirken die Gebäude immer noch zeitgemäß, auch wenn sie natürlich energetisch nicht auf dem aktuellen Stand sind.

SZ: Aber nochmal zurück zur Königsberger Straße, weil eins noch gesagt werden muss: In der Baugruppe werden nach ihrer Fertigstellung unterschiedliche Zeitschnitte vertreten sein – von der Ley-Bude, mit der wir an die letzten Kriegsjahre anschließen, bis in die späten 1970er Jahre im Quelle-Fertighaus.

Rosengarten-Kiekeberg, Quelle-Fertighaus, Detail (Bild: FLMK)

mR: Und wie ist die Resonanz aufs Quelle-Haus?

SZ: Sehr gut! Von den Menschen, die das Quelle-Fertighaus besuchen, hören und lesen wir viel Positives. In Bezug auf die Einrichtung erfahren wir von der Begeisterung für den Detailreichtum der Inszenierung, welcher durch die Unterstützung der Familie Gröll ermöglicht wurde. Viele kennen noch bestimmte Gegenstände von früher und fühlen sich ein Stück weit in die eigene Vergangenheit zurückversetzt.

TP: Unsere Besucher:innen stellen häufig auch fest, dass sie das Gebäude eben als sehr modern und den Grundriss als gut geschnitten empfinden. Manche würden selbst gerne in so einem Haus leben.

ZD: Wir würden dort ehrlich gesagt auch alle drei gerne einziehen!

Winsen, Translozierung Quelle-Haus 2019 (Bild: FLMK)

Winsen, Translozierung des Quelle-Hauses, 2019 (Bild: FLMK)

Rosengarten, Quelle-Haus Dezember 2021 (Bild: FLMK)

Rosengarten, Quelle-Haus, Dezember 2021 (Bild: FLMK)

Quelle-Fertighaus-Fibel, 1962 (Scan: FLMK)

Quelle-Fertighaus-Fibel, 1962 (Scan: FLMK)

Titelmotiv: Quelle-Haus Typ D, Katalogabbildung, ca. 1966 (Scan: FLMK)

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Inhalt

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INTERVIEW: "Wir würden selbst einziehen!"

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Ein Bilder-Rundgang durch die gelb-rote Welt von Maggi.

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Düsseldorf, WDR-Funkhaus (Bild: © Raimond Spekking, CC BY SA 4.0, 2014)