Die Autobahnkapelle

von Karin Berkemann (19/1)

Eine Tankstelle wird zur Kapelle, das ist der Traum eines jeden kirchlichen Schreibers. Passende Wortspiele (Auftanken + Seele) liegen derart auf der Straße, dass sie sich fast schon wieder verbieten. Aber auch ganz nüchtern betrachtet, passen alte und neue Nutzung an der Autobahnraststätte Rhynern bei Hamm bestens zusammen: Reisende haben Bedürfnisse und finden hier einen Ort, um diesen nachzugehen. Wenn dabei dann noch eine denkmalgeschützte Autobahntankstelle erhalten und mit einem neuen Sinn gefüllt wird, bleiben sogar für Modernisten keine Wünsche mehr offen.

Am „Tor Westfalens“

Die Bundesautobahn 2 (A 2) entstand ab 1933 als Ost-West-Achse, die von Oberhausen über Hannover und Magdeburg bis nach Berlin verlaufen sollte. 1938 wurde die Teilstrecke im Westfälischen dem Verkehr übergeben. Bei Rhynern, das seit 1974 zur Stadt Hamm gehört, errichtete man 1939 eine provisorische Raststätte. Den Plan dafür zeichnete kein Geringerer als der Düsseldorfer Architekt Helmut Hentrich, der später im renommierten Büro Hentrich, Petschnigg und Partner (HPP) am Düsseldorfer Dreischeibenhaus (1960) beteiligt sein sollte. Ende der 1930er Jahre hatte er den Weg in den Kreis um Albert Speer gefunden, der zuletzt als „Wiederaufbaustab“ seinen Dienst tat. Nach Kriegsende wurde die Raststätte Rhynern bis 1948 ausgebaut, indem man auf die Entwürfe von Hentrich zurückgriff: Zwei Tankstellen – eine im Süden, eine im Norden – rahmten als „Tor Westfalens“ eine vierspurige Autobahn, begleitet von Parkplätzen, einem Rasthof mit Gastronomie.

Nutzlos mit Verkehrsanschluss

Die durchdachte symmetrische Anlage tat bis Mitte der 2000er Jahre ihren Dienst, bis die A2 auf sechs Spuren ausgebaut wurde. Statt zweier Häuschen erhielt Rhynern nun im Osten eine größere Tankstelle. Doch die Architekturen der 1940er Jahre standen seit 1990 unter Denkmalschutz, sollten also erhalten bleiben. Rasch gründete sich eine Initiative, die aus der nördlichen Tankstelle eine Kapelle machen wollte. Das Modell der Autobahnkirche war in der BRD seit 1958 bekannt und bewährt, mit den Jahren hatte man solche Stationen auch in historischen Räumen einzurichten gelernt – und eine bessere Verkehrsanbindung als in Rhynern war kaum zu finden. Der evangelische Kirchenkreis Hamm übernahm den Vorstoß, der Bund als Eigentümer der Anlagen konnte überzeugt, ein ökumenisch besetzter Förderverein gegründet, die Stadt mit für die Finanzierung gewonnen und der Umbau bis 2009 abgeschlossen werden.

Kunstvolles Understatement

Die Außenanlagen wurden in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege wieder nach dem Vorbild der Bauzeit hergestellt. In das entkernte Innere der ehemalgien Tankstelle, die teils noch von der Autobahnmeisterei genutzt wird, brachte man die Kapelle als hölzernen Einbau ein. Der Raum erhält sein Licht durch ein schlichtes hochliegendes Fensterband. Die Ausstattung ist auf Bänke, einen Altartisch, ein Lesepult und einen Kerzentisch beschränkt – alle Teile aus Corten-Stahl aus einer Schmiede der Abtei Königsmünster. Nach außen markiert ebenfalls seit 2009 die haushohe Cortenstahl-Installation „Tor“ des Künstlers Michael Düchting den kirchlichen Ort.

Jährlich rund 20.000 Besucher

Für Besucher steht die Autobahnkapelle Hamm nun von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends über ein automatisiertes Schließsystem offen. Der Raum wurde bewusst nüchtern gehalten, was nicht nur dem Protestantismus westfälischer Prägung entspricht, sondern auch dem Anspruch auf einen konfessions-, vielleicht sogar religionsübergreifenden Ruheort. Jährlich nehmen rund 20.000 Menschen diese Einladung an. Die Erinnerung an die alte Funktion einer Tankstelle bleibt eine rein bauliche – von den Zapfsäulen oder ähnlichen technischen Einrichtungen blieb nichts erhalten.

Literatur

Antz, Christian/Berkemann, Karin (Hg.), 100 spirituelle Tankstellen. Reisen zu christlichen Zielen, Freiburg i. Br. 2013, aktualisierte Neuausgabe 2015.

Foto-Porträts zur Autobahnkapelle Hamm auf flickr: Bergfels, Dirk van Keulen, Patrick.

Titelmotiv: Autobahnkapelle Hamm (Bild: Dirk van Keulen, via flickr)

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Brücken-Raststätte „Dammer Berge“

von Daniel Bartetzko (17/3)

Autofahrer sollen hier verwirrt nach ihrem Wagen suchen. Auf der falschen Seite der Autobahn. Skandinavische Fernfahrer sollen hier mit ihren Kollegen den LKW und die Richtung tauschen. Für alle anderen Verkehrsteilnehmer bedeutet die Brücken-Raststätte zwischen Oldenburg und Bremen eher eine futuristische Wegmarke oder eine Erinnerung an die Zeiten, als eine Autofahrt noch an ein Abenteuer zu grenzen schien. Die Elektronik-Pioniere „Kraftwerk“ lieferten mit dem Song „Autobahn“ wenig später den passenden Soundtrack. Und für Moderne-Fetischisten ist das nach wie vor unübersehbare Rasthaus „Dammer Berge“ in jedem Fall einen Zwischenstopp wert.

104 x 38 Meter

Wir sind an der A 1, an der sog. Hansalinie zwischen Köln, Bremen und Hamburg. Hier sollte eine Idee verwirklicht werden, die zwei Jahre zuvor schon mit der Raststätte Frankenwald erprobt worden war: eine „Restaurantbrücke“ über die Autobahn, auf der die Fahrgäste die Seiten wechseln können. Für das Projekt „Dammer Berge“ zeichnete die niedersächsische Bauverwaltung verantwortlich. Von 1967 bis 1969 spannten die Architekten Paul Wolters und Manfred Bock eine Stahlbetonkonstruktion über die A 1, setzten darauf eine – bei viel gutem Willen blitzförmig zu nennende – Aluminium-Glasfassade. Die 104 Meter lange Brücke wurde zwischen zwei 38 Meter hochaufragenden roten Pylonen eingehängt. Die Konstruktion umfasste ein Restaurant mit 320 Sitzplätzen, in dem die Gäste teils vom Personal bedient wurden, teils selbst zur Ausgabe gehen mussten. Daneben gab es einen Clubraum mit 60 Plätzen für kleinere Veranstaltungen. Nicht zu vergessen ein Motel sowie die Pächter- und Personalwohnung. 1970 wurde auf dem Gelände der Raststätte noch eine ökumenische Autobahnkapelle ergänzt.

Tanken, Rasten, Selbstbedienen

Die zweite blieb zugleich die letzte bundesdeutsche Brückenraststätte: Zwar hatte der Bau „Dammer Berge“ wegen seiner außergewöhnlichen Form in der Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt. Doch für das zuständige Ministerium galt die Idee bereits 1970 als gescheitert. Mit den Jahren wurde die Raststätte „Dammer Berge“ ganz auf Selbstbedienung umgestellt. Seit 1998 ist sie in privater Hand und wird von der Gruppe „Tank und Rast“ gemeinsam mit zahlreichen anderen Raststätten betrieben. Von der einstige Euphorie war man zwischenzeitlich weit entfernt. Eine Aufnahme der Brückenraststätte schaffte es 2001 gar in ein Sammelbändchen unter dem nicht sehr schmeichelhaften, wenn auch sicher nicht unironisch gemeinten Titel „Langweilige Postkarten“.

Und unten rauscht das Meer

Doch mit aller Hartnäckigkeit hat sich das markante Bauwerk ins kulturelle Gedächtnis der Autofahrer hochgearbeitet. Inzwischen gilt es vielen Eltern schon als nostalgischer Zwischenstopp für die mitreisenden Kinder – und als praktische Quengelbremse. Denn der unfallsichere Blick auf den nicht abreißen wollenden Autoverkehr bei einer Cola-Pommes ist eine sichere Bank gegen Reisefrust bei den Jüngsten. Und für die Älteren bleibt der alte Trick: Bekanntlich lässt sich ja das Motorrauschen mit etwas gutem Willen zur Meeresbrandung umdeuten. Damit wäre schon unterwegs eine Stunde Urlaub gewonnen.

Titelmotiv: Brücken-Rasthaus „Dammer Berge“ (Bild: Tank & Rast Gruppe)

Zum Weiterkochen


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