Verrückt – der Comic zum Berliner Schloss

„Na das schönste Erlebnis für einen Zeichner ist natürlich, wenn dein Baby zu Welt kommt, oder besser: wenn du deinen Comic gedruckt in den Händen hälst.“ So beschreibt Sebastian Strombach in einem Interview den freudigen Moment, wie er ihn in diesem Winter wieder erleben konnte, als er die Proofs für sein neuestes Werk „Verrückt“ aus der Knallfolie wickelte. Über die Rekonstruktion des Berliner Schlosses wurde fast doppelt so lange diskutiert, wie die Wiederaufbauarbeiten dauerten. Jetzt setzt nach und nach die Versöhnung, zumindest die Gewöhnung ein – auch künstlerisch. Strombach näherte sich dem strittigen Thema mit dem gespitzten Stift.

Auf doppelseitigen Panoramen wandert er durch die Baugeschichte des Schlosses vom Mittelalter bis in die Moderne. Aus der Sicht eines Flaneurs beleuchtet er aus den unterschiedlichsten Perspektiven die Bauherren und ihre Intentionen – ob Großer Kurfürst oder Walter Ulbricht. Erschienen ist der Band mit den kraftvollen Schwarz-Weiß-Zeichnungen im urbanophil-Verlag, gestaltet vom Bureau Punktgrau. (kb, 11.12.20)

Strombach, Sebastian, Verrückt. Der Comic zum Berliner Schloss, urbanophil-Verlag, Berlin 2020, 136 Seiten, ISBN 978-3982-0586-2-7.

Bühnen-Beistand

Die Städtischen Bühnen Frankfurt bewegen: Der von der Stadt beschlossene Abbruch der 1959-1963 errichteten Bühnen-Doppelanlage (die Reste des historischen Schauspielhauses von 1902 integriert) hat Abrissgegner und Rekonstruktions-Fans mobilisiert. Die Initiative Zukunft Städtische Bühnen Frankfurt plädiert für den weitgehenden Erhalt der bundesweit einmaligen Anlage von ABB Architekten. Am 23. November lädt sie zur Podiumsdiskussion Kulturikone weiterbauen, die via Zoom abgehalten wird. Diametral entgegengesetzt steht die Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt: Sie fordert in mehr oder minder offensiven Ton den Wiederaufbau des wilhelminischen Prunkbaus – und hat 23.588 Unterschriften gesammelt, die einen Bürgerentscheid ermöglichen.

Für den Erhalt der denkmalgeschützten Teile der Doppelanlage haben sich nun führende Organisationen der Denkmalpflege in einem offenen Brief starkgemacht: Das Bauwerk sei ein herausragendes Zeugnis der Stadtgeschichte, insbesondere das Foyer stehe wie kein zweites öffentliches Gebäude für den kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Aufbruch der Nachkriegszeit. Man appelliert an die Stadt, den Denkmalschutz anzuerkennen und bei Sanierungs- und Umbaumaßnahmen die Substanz zu bewahren. Die durchgeführten Untersuchungen ließen nicht erkennen, dass es andere öffentliche Belange gibt, seien es die Kosten oder die Nutzbarkeit, die einem Erhalt entgegenstehen. Zu den Unterzeichnern des Briefs zählen unter anderem der Verband Deutscher Kunsthistoriker, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, ICOMOS Deutschland und der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz. (db, 17.11.20)

Frankfurt, Städtische Bühnen um 1970 (Bild: Dontworry, CC BY-SA 3.0)

Luftgefechte

Berlin tut sich schwer mit seinen Kuppeln, spätestens seit der deutsch-deutschen Wiedervereinigung. Schon die Frage, ob der Architekt Sir Norman Foster dem wiederaufgebauten Reichstag eine Haube aufsetzen sollte, geriet zum Streit um das neue Selbstverständnis der Hauptstadt. Am Ende glückte der Kunstgriff, die gläserne Kuppel zum Zeichen von Transparenz und Offenheit zu stilisieren. Die Rekonstruktion des Berliner Schlosses hingegen setzt auf blickdichte Detailtreue – bis hin zum nachgebildeten Kreuz mit biblischem Spruchband, beide finanziert aus privaten Spenden. Und wieder entzündet sich an diesem Bauteil eine Grundsatzdebatte: Was haben christliche Zeichen mit revanchistischen Untertönen im säkularen Berlin zu suchen, noch dazu über einem künftigen Ort der Wissenschaften?

Berlin, Humboldtforum (Bild: Mike Peel, CC BY SA 4.0, 2017)

Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, Konstruktion der Kuppel, 2017 (Bild: Mike Peel, CC BY SA 4.0)

In Blickweite zur Domkuppel steckt der Teufel im Detail. Für das umstrittene Schloss-Spruchband vermischte Friedrich Wilhelm IV. zwei Bibelzitate (Apostelgeschichte 4,12/Philipper 2,10): „Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“ Das Verschneiden von Bibelversen klingt für jeden theologisch vorgebildeten Leser wie quietschende Kreide auf einer Tafel: Geht gar nicht! Denn beide Originalverse sprechen einzeln von der Freiheit des Gläubigen von weltlicher Willkür. Die Berliner Inschrift hingegen mahnt zum Staatsbückling im Namen der Religion. An dieser Stelle sind sich die meisten Kommentatoren einig, dass eine Chance vertan wurde. Wenn es denn unbedingt eine Rekonstruktion sein muss, hätte man die königliche Inschrift (ohne die angestrebte historische Silhouette zu beeinträchtigen) besser durch einen neuen künstlerischen Impuls ersetzt und damit elegant die Vorgeschichte des Gebäudes kritisch kommentiert.

Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, Aufsetzen der Kuppel, Sommer 2020 (Bild: © SHF, Foto: David von Becker)

Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, Aufsetzen der Laterne, 2020 (Bild: © SHF, Foto: David von Becker)

Das Kuppelkreuz hingegen wird sehr unterschiedlich gewertet. Manche verweisen auf die historischen Wurzeln (es gehört halt zu unserer Kultur), andere wünschen sich eine versöhnliche Neudeutung (tolerante Nächstenliebe statt preußischem Staatskirchentum), wieder andere fürchten revanchistische Signale. Eine Schieflage erfährt die berechtigte Diskussion, sobald von „dem“ Christentum die Rede ist. Wenn sich Kanzel und Thron zusammentaten, wurde allzu oft unterdrückt, ausgebeutet und gemordet. Doch einen Glauben mit seinem fehlbaren Bodenpersonal gleichzusetzen, greift auch bei anderen Religionen zu kurz (der Islamismus ist nicht „der“ Islam, die Politik des Staates Israel ist nicht „das“ Judentum). Die eigentliche Front verläuft nicht auf dem Dach, sondern am Fundament: Für ein weltoffen daherkommendes Nutzungskonzept ein Bauwerk der Monarchie zu rekonstruieren, ist widersinnig. Wer würde für ein veganes Restaurant einen Schlachthof wiederherstellen? (1.6.20)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Berlin, Wiederaufbau des Schlosses/Humboldtforum, 2016 (Bild: Julius1990, CC BY SA 4.0)