Frankfurt und „Die immer neue Altstadt“

Eines der meistdiskutierten Neubauprojekte Deutschlands wird ab 22. September 2018 im  Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) gewürdigt. Seine Ursprünge liegen in der Katastrophe des Kriegs: 1000 Menschen starben bei den Luftangriffen auf Frankfurt am 18. und 22. März 1944, innerhalb Stunden fielen hunderte Jahre Stadtgeschichte dem Feuersturm zum Opfer. Die Altstadt zwischen Dom und Römer wurde zerstört. Zurück blieben eine (planerische) Dauerbaustelle und ein Sehnsuchtsort – nach Historie, Gemütlichkeit, Identität. Doch schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Areal immer wieder diskutiert, umgebaut, neu interpretiert. Von Straßendurchbrüchen und ersten großflächigen Abrissen Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum „Altstadtgesundungs“-Programm der Nationalsozialisten.

Bald nach 1945 entbrannten um die Altstadt die ersten emotionalen Rekonstruktions-Debatten. Doch zunächst entstanden gemäßigt moderne Bauten, ehe man beim Technischen Rathaus 1972 die große Geste wählte. Die 1980er brachten mit der Ostzeile die erste Rekonstruktion, zudem hielt die Postmoderne mit der Schirn und den Saalgassen-Wohnhäusern Einzug. Wie nach dem Abrissbeschluss fürs Technische Rathaus die historisierende Neubau-Diskussion erneut einsetzte, und wie daraus die neue Altstadt hervorging, wird eine zentrale Frage der DAM-Ausstellung sein. Im Katalog kommen neben Kurator Philipp Sturm und Direktor Peter Cachola Schmal u. a. Martin Mosebach, Andreas Meier und Stephan Trüby zu Wort. Die Chancen für eine fruchtbare Kontroverse stehen gut! (db, 17.9.18)

Sturm, Philipp/Cachola Schmal, Peter, Die immer neue Altstadt. Bauen zwischen Dom und Römer seit 1900, Jovis Verlag, Berlin 2018, Hardcover, 19,5 x 27 cm, 368 Seiten, rund 250 Farb- und Schwarz-Weiß-Abbildungen, Deutsch/Englisch, ISBN 978-3-86859-501-7.

Frankfurt, neuer Hühnermarkt (Bild: Uwe Dettmar/DAM)

Braucht es einen Rekonstruktions-Watch?

Vor vier Wochen schrieb Dr. Stephan Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die „Urszene“ der „Neuen Frankfurter Altstadt“. Nach seinen Ausführungen waren es der rechtsradikal gesinnte Autor Dr. Claus Wolfschlag und sein politischer Weggefährte Wolfgang Hübner, die 2005 den Antrag der „Freien Wähler BFF (Bürgerbündnis für Frankfurt)“ formulierten, der in heute 15 rekonstruierte Häuser zwischen Dom und Römer mündete. Trübys Artikel löste einen Shitstorm aus – im Blog „Politically Incorrect“ etwa schrieb Hübner: „Trüby, Luxusantifaschist des Jahrgangs 1970, bekennt sich mit solch wutschnaubender Polemik als überzeugter Anhänger einer aus dem verbreiteten ‚Schuldkult‘ resultierenden ‚Sühnearchitektur‘, die viele deutsche Städten mit Betonbrutalismus und Traditionsverachtung verschandelt.“

Via Online-Petition fordern die ARCH+-Mitherausgeber Dr. Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo daher einen Rekonstruktions-Watch: „Urbane Gesellschaften […] sollten sich künftig genauer darüber informieren, mit wem sie gemeinsame (Stadtbild-)Politik betreiben.“ Denn hinter einer umfassenden Moderneschelte verberge „sich oft genug die Geschichtspolitik von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen“. Der Aufruf trägt die Signatur von über 50 namhaften Erstunterzeichnern von Prof. Arno Brandlhuber und Prof. em. Dr. Werner Durth über Oliver Elser und Christian Holl bis hin zu Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier und Prof. em. Dr. Karin Wilhelm. (kb, 4.5.18)

Virtuelle Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt im Bestand des Jahres 1944 (Bild: Jörg Ott, GFDL oder CC BY SA 3.0)

„Komplett durchdacht und sehr sehr schön“

„Das ist alles komplett durchdacht und sehr sehr schön geworden und es ist heute noch sehr schön, was ja auch nicht jedes Gebäude behaupten kann“, so der Nürnberger Planungsreferent Daniel Ulrich gegenüber dem Bayerischen Rundfunk (BR). Es geht um einen ebenso umschwärmten wie umstrittenen Bau: den vor 60 Jahren eingeweihten, heute denkmalgeschützten Archiv- und Bibliotheksbau von Fritz und Walter Mayer, besser bekannt als Wiederaufbau des Pellerhauses (Jakob Wolff der Ältere, 1605).

Am Renaissance-Innenhof wird bereits eifrig wiederhergestellt – da bliebe dann noch die Nachkriegsfassade, die bei einer Komplettrekonstruktion zerstört oder „transloziert“ werden müsste. Bis 2012 diente der Bau als Stadtbücherei, seitdem lagern hier Bestände des Deutschen Spielearchivs. Für die Zukunft plante der Stadtrat eigentlich eine Mischnutzung aus Spielearchiv, Graphischer Sammlung sowie Kinder- und Jugendhaus. Viel zu schade für diese zentrale Lage, meint Karl-Heinz-Enderle von den Altstadtfreunden: „Das Gebäude erfüllt überhaupt nicht seine Funktion“. Stattdessen bespielen die Altstadtfreunde den Innenhof bereits mit Konzerten und Lesungen. Für den Planungsreferenten Daniel Ulrich dreht sich die neuentflammte Debatte um eine Kernfrage: „Darf ich ein Baudenkmal abbrechen, um einen Neubau hinzustellen, der ausguckt wie ein Gebäude, das es seit 70 Jahren nicht mehr gibt?“ Der Stadtrat prüft gerade die Sachlage. (kb, 5.7.17)

Nürnberg, Pellerhaus, 2004 (Bild: keichwa, GFDL/CC BY SA 3.0)

10 Thesen zur Bauakademie

10 Thesen zur Bauakademie

"I was a Monument", Bildmontage zur Wiederaufbaudebatte zur Neuen Bauakademie Berlin von Felis Torkar
„I was a Monument“ (Bildmontage: Felix Torkar)

Zugegeben, in der Regel kümmern wir uns ums 20. Jahrhundert, aber bei diesem Knäuel aus Moderne, Klassizismus und dessen Wiederbelebungsversuchen machen wir eine begründete Ausnahme: die Berliner Bauakademie. Deren Eckdaten sind bekannt: 1836 errichtet Karl Friedrich Schinkel die Bauakademie, bis 1967 ersetzt die DDR die Kriegsruine durch ihr Außenministerium (Josef Kaiser u. a.), dieses wird 1995/96 zugunsten einer Rekonstruktion des Schinkel-Platzes „beräumt“, 2016/17 stellt der Bund 62 Millionen Euro für einen Schinkel-Wiederaufbau bereit.

In der heutigen FAZ argumentieren Oliver Elser (Kurator, Deutsches Architekturmuseum), Florian Heilmeyer (Architekturkritiker) und Ulrich Müller (Gründer der Architektur Galerie Berlin), „warum es dieses Jahr noch keinen Wettbewerb geben darf und wie der Weg zu einer ‚Neuen Bauakademie‘ aussehen kann“: 1. Nie wieder Schloss, 2. Keine Eile, 3. Unabhängigkeit („‚Stiftung Neue Bauakademie‘ ist die richtige Form dafür.“), 4. Programme durch Personen („Notwendig ist eine starke Intendanz, die ihre Arbeit bereits im Vorfeld eines Architekturwettbewerbs aufnimmt.“) 5. Bauakademie für alle, 6. Internationales Profil („Die Neue Bauakademie kann wie ein Brennglas alle Energien bündeln, die in Berlin zu den Architekturfragen unserer Zeit vorhanden sind.“), 7. Intellektuelles Fundament, 8. Ergebnisoffener Wettbewerb, 9. Kein Ausgabenzwang („Es muss auch möglich sein wenig oder vorerst nichts zu bauen.“), 10. Universell wie Schinkel („Schinkels Bauakademie war ein nutzungsoffener Bau.“). (kb, 20.3.17)

Potsdam rekonstruiert sich wieder

Potsdam rekonstruiert sich wieder

Potsdam, Gewölbebogen der Heilig-Kreuz-Kapelle, rekonstruiert im Frühjahr 2005 (Bild: Florian S., CC BY SA 3.0, 2006)
2005 errichteten die Potsdamer Wiederaufbau-Befürworter symbolisch einen Bogen der Heilig-Kreuz-Kapelle (Bild: Florian S., CC BY SA 3.0)

Der Fortsetzungsroman „Potsdam rekonstruiert sich“ hat das nächste Kapitel aufgeschlagen. Wie immer geht es um die Grundsatzfrage, wem die Stadt gehört, welche Geschichte man da wiederauferstehen lassen will und wer das Ganze bezahlen soll. Ein Bürgerbegehren gegen den geplanten Abriss der ostmodernen Bauten Staudenhof, Fachhochschule (FH) und Mercure-Hotel (Inter-Hotel) hatte 2016 zwar die notwendige Stimmenzahl übererfüllt. Die Stadt jedoch konterte formaljuristisch (man habe zu unklar formuliert), so dass der Fall am Donnerstag vor dem Verwaltungsgericht entschieden wurde – zugunsten der Stadt.

Der langdiskutiere Wiederaufbau der barocken Garnisonskirche (der Turm wurde 1968 von DDR-Seite gesprengt) wird zeitgleich konkreter: Der Bund bestätigte nun offiziell, 12 Millionen Euro für diesen Zweck bereitzustellen. Zuvor hatten EKD und Landeskirche zinslose Darlehen für das (liberalisierte) Projekt zugesagt. Im Herbst sollen die Bauarbeiten beginnen, voraussichtlich mit einem abgespeckten Turm ohne Glockenspiel. Dort, wo die Rekonstruktivisten das Kirchenschiff sehen, steht (noch?) das ostmoderne Rechenzentrum. Dessen kreativ-künstlerische Nutzung könnte sich verlängern – vielleicht (übergangsweise?) neben dem Turm. Am 12. März gründet sich auf dem Alten Markt ab 11 Uhr das neue Bündnis „Stadtmitte für alle“ mit vertrauten Forderungen: Rechenzentrum, Staudenhof und FH erhalten, keine weiteren Rekonstruktionen. (kb, 6.3.17)

3.000 über dem Soll

3.000 über dem Soll

Potsdam, Mercure-Hotel (Bild: Botaurus, gemeinfrei)
Markanter Teil der Stadt-Geschichte: das Potsdamer Mercure-Hotel (Bild: Botaurus, gemeinfrei)

Die Unterschriften sind ausgezählt, das Ziel ist erreicht, sogar übererfüllt: Nach Angaben der Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“ unterzeichneten 17.000 Potsdamer das Bürgerbegehren mit dem Thema: Soll das Mercure-Hotel bleiben? Um 1960 wurde in Potsdam, anstelle des abgebrochenen historischen Stadtschlosses, ein „neues sozialistisches Stadtzentrum“ geschaffen – und als markanten Teil davon gestaltete Sepp Weber bis 1969 das Interhotel. Schon seit Jahren denkt man laut über die „Potsdamer Mitte“ nach. Seit 2014 läuft ein mehrstufiges „Werkstattverfahren“, um die Neugestaltung des Lustgartengeländes zu diskutieren.

In diesem Zusammenhang setzt sich die Initiative „Potsdamer Mitte neu denken“ für die ostmodernen Gestaltungsqualitäten des Ensembles ein – und hat besagtes Bürgerbegehren angestoßen, das nun seinen Abschluss gefunden hat. Mit den selbst ausgezählte 17.000 Stimmen liegt das Ergebnis über den erforderlichen 14.000, das entspricht 10 Prozent der wahlberechtigten Potsdamer. Am kommenden Mittwoch sollen die Unterschriften dem städtischen Rechtsamt zur Prüfung vorgelegt werden. Bestätigt man hier das Ergebnis, muss sich die Stadtverordnetenversammlung mit der Frage auseinandersetzen. Folgt man hier nicht dem Bürgerbegehren, muss ein Bürgerentscheid folgen. (kb, 1.7.16)