Die letzten Tage der Ostdeutschen

von Danuta Schmidt

Wie eine wandgroße Grafik, wie eine Radierung fast wirkt Roger Melis‘ Marzahn-Bild von 1983. Das modernste Plattenbaugebiet der DDR im Schnee. Die Autos, zu Dutzenden parkend in Reih und Glied, wie Spielzeugautos streichholzschachtelgroß vor den monumentalen Betonriegeln mit Fensterrasterung. Die Fahrspuren im Schnee wirken wie mit der Rasierklinge ins Bild gekratzt, die neu gepflanzten Bäumchen wie zarte Linien, ganz entfernt ein einzelner Trabi auf der Hauptstraße. Die Fotografien von Roger Melis sind voller Poesie. Und selbst die Tristesse des Winters in Marzahn vermochte er so zu abstrahieren, dass man das Bild liebt, sobald man es in seinem 3 mal 4 Metern am Anfang der Ausstellung in der Berliner Reinbeckhallen zu Gesicht bekommt.

Wissenschaft, Mode, Porträts

Geboren 1940, wuchs Melis im Haushalt des Dichters Peter Huchel im Berliner Westen und ab 1952 in Wilhelmshorst bei Potsdam auf. 1960 schloss er eine Lehre als Fotograf ab und fuhr anschließend für ein halbes Jahr als Schiffsjunge zur See. Von 1962 bis 1968 arbeitete er als wissenschaftlicher Fotograf an der Berliner Charité. Ab 1962 entstanden seine ersten Porträts von Dichtern und Künstlern, ab 1963 Reportagen und ab 1968 Modefotografien. 1968 wurde Melis Mitglied im Verband Bildender Künstler und als freiberuflicher Fotograf zugelassen. Zusammen mit Arno Fischer, Sibylle Bergemann u. a. gründete er 1969 die Fotogruppe Direkt.

In den folgenden Jahren konzentrierte er sich auf Porträt-, Reportage- und Modefotografien für Sibylle, Neue Berliner Illustrierte, Wochenpost, Die Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Geo und verschiedene Verlage in Ost und West. Melis war Mitinitiator und seit 1981 Vorsitzender der Zentralen Arbeitsgruppe Fotografie im Verband Bildender Künstler. Wegen eines gemeinsamen Beitrags mit Erich Loest für die Zeitschrift Geo erhielt er von 1981 bis 1989 eine Auftragssperre für die DDR-Presse, so dass er sich verstärkt Buch- und Ausstellungsprojekten zuwandte. Er hatte von 1978 bis 1990 einen Lehrauftrag an der Kunsthochschule Weißensee inne, 1993 bis 2006 war er Lehrer für Fotografie beim Lette-Verein Berlin. Roger Melis war seit 1970 mit der Modejournalistin Dorothea Bertram verheiratet. Er verstarb im Herbst 2009 in Berlin mit nur 69 Jahren.

„In einem stillen Land“

Roger Melis hinterließ ein breites Ouvre, das sein Stiefsohn Mathias Betrtram im Leipziger Lehmstedt-Verlag herausgegeben hat. Eines der bekanntesten Bücher ist „In einem stillen Land“, das bereits lange vergriffen war und nun zweisprachig wieder aufgelegt wurde. Bekannt wurde Melis vor allem für seine Porträts. Da sind die Berühmtheiten der DDR: Maler wie Willi Sitte, Schriftstellerinnen wie Anna Seghers, Theaterdramaturg Heiner Müller, Schauspielerin Katharina Thalbach, Liedermacherin Bettina Wegner und Sängerin Nina Hagen. Und er zeigte die Menschen im Alltag. Manchmal wirken sie seltsam entrückt. Ein Junge mit Indianerfedern geschmückt, ein anderer mit einer Maske auf einem Spielpatz, Szenen auf dem Rummelplatz, eine regennasse Straße als Spiegel, ganz leicht, doch auch die Arbeiter in Lohn und Brot, Handwerker, Maschinisten, Schornsteinfeger in der Uckermark, Demonstranten auf einer Kundgebung.

Die von der Stiftung Reinbeckhallen ausgerichtete und von Mathias Bertram kuratierte Ausstellung „Die Ostdeutschen“ (Reinbeckhallen, Reinbeckstraße, 1712459 Berlin) bildet die bislang umfangreichste Retrospektive der DDR-Fotografien von Roger Melis. Sie präsentiert – nur noch bis zum 28. Juli 2019! – neben bereits klassischen Aufnahmen viele bislang unbekannte Fotografien aus dem Roger-Melis-Archiv. Die Ausstellung findet in Kooperation mit der LOOCK Galerie und dem Roger Melis Archiv statt. (25.7.19)

Ausstellungsfotos: Danuta Schmidt