Pomo zum Abreißen

Ein goldener Ring, ein byzantinischer Turm, römische Säulen: Klingt wie ein Gebäude von James Stirling oder Michael Graves, ist aber ein 2007 eröffnetes Einkaufszentrum in Kasan. Nach Russland kam die Postmoderne zeitverzögert, und in der ausgeprägtesten Form zu den Einkaufszentren. Bis Ende der 1980er Jahre errichtete man gerade Funktionsbauten im nüchternen Stil der Moderne. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schossen Einkaufszenten wie Pilze aus dem Boden – je auffälliger, desto besser. Besonders zwischen 1995 und 2010 versuchte man scheinbar, dem Funktionalismus eine farbenfrohe postsozialistische Konsumwelt entgegenzusetzen. Für viele Russen verkörpern diese Zentren heute den „wilden Kapitalismus“ und tragen gemeinsam mit der Postmoderne einen zweifelhaften Ruf. Manche sprechen gar von Barbarei, die meisten einfach nur von schlechtem Geschmack.

Ein Problem solcher Bauten: Sie wurden schnell und billig hochgezogen und werden wohl keine lange Lebensdauer haben. Grund genug also, so viele wie möglich fotografisch festzuhalten, und Sie als Kalender herauszugeben. Das hat nun Jiří Hönes getan. In Stuttgart geboren, ist Hönes aktuell als Redakteur für die Moskauer Deutsche Zeitung tätig. Schon früh interessierte er sich für Nachkriegsarchitektur und auch Mobilitätsgeschichte. Zu haben ist der Katalog für 10 Euro inkl. Versand innerhalb Deutschlands via E-Mail an: jirihoenes@googlemail.com. (pl, 4.11.19)

(Bilder: Jiří Hönes)

Station Russia

Die transsibirische Eisenbahn ist wohl die berühmteste Zugverbindung der Welt. Unzählige Legenden ranken sich um die Trasse von Moskau nach Vladivostok, die Ernennung zum Weltkulturerbe wäre keine Überraschung. So ist es nur konsequent, dass Russland seinen Pavillon bei der Architekturbiennale 2018 ganz dem Thema Eisenbahn widmet. Der jüngst erschienene Begleitband beleuchtet die vielschichtige Geschichte der russischen Schiene.

Wenngleich der Bau der Transsib auf die Zarenzeit zurückging, hatte die Eisenbahn doch gerade in der Sowjetunion einen besonderen Stellenwert. Das Land besaß ein eigenes Eisenbahnministerium, der Bau der Baikal-Amur-Magistrale diente der KPdSU bis in Breschnews Tage als propagandistischer Dauerbrenner. Die gemischtgeschlechtlichen Liegewagen, in denen man sich für die oft tagelangen Reisen häuslich einrichtete, brachten schließlich das Prinzip der Kommunalka auf die Schiene. Eisenbahnenthusiasten haben noch bis zum 25. November die Chance, die ganze Welt der russischen Eisenbahn auf der Architekturbiennale zu erleben. Gibt es eigentlich eine Direktverbindung von Moskau nach Venedig …? (jr, 7.8.18)

Kundgebung in der UdSSR, 1937 (Bild: Emmanuil Evzerikhin, © Courtesy: private collection)

Molok, Nikolai, Station Russia, Gestaltung von Andrey Shelyutto und Irina Chekmareva, Englisch od. Russisch, Cantz Verlag, Berlin 2018, ISBN 978-3-7757-4458-4.

Alle reden vom Fußball …

… wir nicht. Also selten. Eine Ausstellung in Moskau bringt uns aber doch dazu: Bis zum 26. August beleuchtet die Schau „Arhitektura Stadionov“ im Ščusev-Museum für Architektur Sportarenen Russlands und der ehemaligen Sowjetunion. Den sowjetmodernen Großbauten treten hier die jüngst eröffneten, modernen Fußballtempel gegenüber, die eigens für die Weltmeisterschaft (um)gebaut wurden.

Stadien hatten als Austragungsort von Sport- und Massenveranstaltungen einen besonderen Stellenwert in der sowjetischen Architektur. Renommierte Baumeister wie Nikolaj Kolli, Nikolaj Ladovskij oder Dimitrij Iofan beteiligten sich mit engagierten Beiträgen an der Suche nach der idealen sozialistischen Sportarena. Bei prestigeträchtigen internationalen Wettkämpfen sollten die Bauten ebenso wie die sowjetischen Sportler die Überlegenheit des politischen Systems demonstrieren.  Die Ausstellung versammelt Modelle und noch nie gezeigte Pläne mit Beispielen aus Moskau, St. Petersburg, Minsk, Jerevan und anderen Städten. Teils blieben die aufwändigen Entwürfe ungebaut, teils kann man sie derzeit in modernisierter Form täglich im Fernsehen bewundern. (jr, 3.7.18)

Lužniki Staion, Moskau, 1980 (Bild: RIA Novosti archive, image #487039, Vladimir Rodionov, CC BY-SA 3.0)