Plattenbau à la française

von Carsten Diez (18/3)

Das zerstörte Saarland war nach Kriegsende für Architekten und Stadtplaner eine „Terre Promise“ – ein gelobtes Land – des neuen Bauens. Auch der Konstrukteur Jean Prouvé wurde von der Aussicht gelockt, hier seine Metallhaus-Ideen im großen Stile umsetzen zu können. Auf seine Empfehlung an die französische Militärregierung hin kam ebenso sein Freund, der Architekt G. H. Pingusson. Für beide standen im Saarland alle Türen offen: Prouvé wollte in Zusammenarbeit mit der Dillinger Hütte tausende Metallhäuser bauen. Pingusson träumte von einer modernen Stadt, wie Le Corbusier sie zu Beginn der 1920er Jahren entwickelt hatte.

Die Metallhäuser des Jean Prouvé

Wie nach dem Ersten Weltkrieg beflügelte auch 1945 die Kraft zum Utopischen erneut die Innovation. Doch war dies mit einem Metallbau vereinbar, einem Leichtbau, bei dem schon die Konstruktion eine mögliche Mobilität aufzeigt? Nach dem Krieg hatten viele Menschen dagegen das Bedürfnis nach Stabilität und Bodenbeständigkeit – Werte, die nur der Massivbau aus Beton und Stein garantieren konnte. Daher musste Prouvés ehrgeiziger Plan der „Maison Sarre“ von 1946 wohl scheitern. Ein 1947 in den Saarbrücker Saaranlagen errichtete Musterhaus trug zwar noch Prouvés Handschrift (mit Pierre Lefèvre), entsprach aber nicht seinen Ansprüchen. Zurückgekehrt nach Frankreich, entwickelte Prouvé aus der „Maison Sarre“ neue Varianten.

Jean Prouvés Bewunderung für die Automobilindustrie, insbesondere für André Citroën, war bestimmend für sein Schaffen. Er sah das Auto als perfektes Gehäuse und Vorbild seiner Häuser. So entwickelte er ein Gebäude namens „la Maison Citroën“, das 1951 in Paris ausgestellt wurde. Prouvé hoffte, dass die Mitarbeiter der Firma Citroën darin wohnen würden. Daraus wurde zwar nichts, doch die Idee war nicht aufzuhalten – allerdings nahm sie durch Raymond Camus nun den gegenläufigen Weg.

Raymond Camus setzt auf Beton

Camus, ein ehemaliger Citroën-Ingenieur, übertrug die in der Automobilindustrie erprobten Rationalisierungsmethoden auf den Hochbau. Der Anstoß kam vom Wiederaufbauministerium, das in der Betonvorfertigung die Lösung der enormen Wohnungsnot sah, besonders unter dem Druck der Zement-Lobby. Befördert wurde dies durch Le Corbusier, der mit dem Bau der ersten „Unité d’Habitation“ in Marseille (1947-52) den Beweis erbracht hatte, dass dem Beton in Frankreich die Zukunft gehörte.

Raymond Camus ließ sich sein Plattenbausystem patentieren und verschrieb sich der Aufgabe, der Wohnungsnot mit einer industriellen Bauweise zu begegnen. Sein erster Auftraggeber waren die verstaatlichten lothringischen Kohleminen. Die Bergmannsfamilien, bislang notdürftig in Baracken untergebracht, sollten künftig in modernen Cités wohnen. Zu diesem Zweck gründete Camus mit dem örtlichen Bauunternehmen Dietsch ein Fertigteilwerk in Marienau-les-Forbach, im Osten Frankreichs nahe der der deutschen Grenze. In zehn Jahren konnten insgesamt 6.000 Wohnungen im lothringischen Kohlerevier errichtet werden. Seit den 1960er Jahre wurden Lizenzen des Camus-Systems in viele europäische Länder verkauft, vornehmlich in den damaligen Ostblock. Die Sowjetunion wiederum entwickelte die Bauweise auf Basis der Camus-Patente weiter und exportierte die Großtafelbauweise später in die DDR zurück.

Die Lösung der Wohnungsfrage

Noch in den frühen 1960er Jahren herrschte im Saarland große Wohnungsnot, vor allem in den Ballungsgebieten. Angesichts des erwarteten Zuzugs von DDR-Flüchtlingen einerseits und von Arbeitskräften für die wachsende Montanindustrie anderseits musste sich die Planungsstrategie grundlegend ändern. Die im Saarland weit verbreitete Eigenheimförderung reichte nicht aus, genügend Wohnungen bereitzustellen. Auf französischer Seite, wo man sich mit ähnlichen Entwicklungen konfrontiert sah, wurden bereits Mitte der 1950er Jahren industrielle Methoden im Wohnungsbau angewandt. In Farébersviller wurde etwa nach Plänen von G. H. Pingusson in fünf Jahren mit dem Fertigteilsystem der Fa. Camus-Dietsch eine Cité mit 1.678 Wohneinheiten (WE) aus dem Boden gestampft. Andere Großsiedlungen im Département Moselle wie Behren-les-Forbach (2.640 WE) und Freyming-La Chapelle (1.068 WE) folgten.

Wegen des Rückgliederungsprozesses in die Bundesrepublik setzte der Siegeszug der Platte im Saarland erst 1962 ein. Zuerst wurden bis 1965 auf der Folsterhöhe am Saarbrücker Stadtrand fast 1.000 Wohnungen im Camus-Dietsch-Verfahren errichtet. Parallel dazu entstand zwischen 1962 und 1964 auf dem Eschberg ein neuer Stadtteil mit 1.518 Wohneinheiten. Hier finden sich Vertreter aller Typologien: vom Punkthochhaus über mehrgeschossige Wohnzeilen bis zum Einfamilienreihenhaus. Dies war auch für die Folsterhöhe vorgesehen, aber als die geplante Nachverdichtung mit Reihenhäusern nicht kam, blieb ein isoliertes Ensemble aus hohen Zeilenbauten. In der Folgezeit entstanden im Saarland weitere Großsiedlungen in Fertigteilbauweise. Zwischen 1964 und 1968 wurden nach einem Konzept des Stadtplaners Ernst May die Siedlung Winterfloß (711 WE) im Neunkircher Stadtteil Wellersweiler errichtet, wie beim Eschberg in gemischter Bauweise. Daneben entstanden mit dem Camus-System weitere großmaßstäbliche Gebäudeensembles als Nachverdichtungen in bestehenden Strukturen, so z. B. im Saarbrücker Stadtteil Rodenhof und in Saarlouis.

Verdichtete Flachbauweise

Während beim Massenwohnungsbau im Saarland das Camus-System dominierte, experimentierten die französischen Nachbarn mit neuen Bautechniken und Siedlungsformen. Zwischen 1960 und 1972 plante der Architekt Émile Aillaud in Forbach die Cité Le Wiesberg nach organisch-künstlerischen Prinzipien und wendete beim Bau der 1.228 Wohneinheiten das neuartige Gleitschalungssystem an, das im Gegensatz zur starren Großtafel freiere Bauformen erlaubte.

Eine gänzlich andere Form der Großsiedlung findet sich in der Wohnstadt Überherrn. Das Demonstrativbauvorhaben des Bundes wurde ab 1959 unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze als neue Stadt für 20.000 Einwohner konzipiert, die den Zuwanderungsdruck abfedern sollte. Da infolge des Berliner Mauerbaus 1961 der Zuzug von Flüchtlingen ausblieb, zudem noch die Kohlekrise einsetzte, wurde in den Jahren 1963 bis 1968 mit 509 Wohneinheiten nur ein kleiner Teil des ursprünglichen Plans verwirklicht. In verdichteter, ein- und zweigeschossiger Flachbauweise entstanden abwechselnde Gruppierungen aus Hof-, Winkel- und Reihenhäusern. Trotz Verzicht auf Fertigteile konnten durch die Beschränkung auf vier einheitliche Gebäudetypen dennoch niedrige Baukosten erzielt werden.

Mit der Platte zum Bungalow

Als der Erfolg der Großtafelbauweise in Westeuropa langsam nachließ, wollte die Firma Camus-Dietsch ab Mitte der 1960er Jahre mit angepassten und individualisierbaren Systemen stattdessen neue Märkte erschließen. Wieder diente das Saarland als Testmarkt. Den Startpunkt setzte die Fertighausausstellung 1964 auf dem Saarbrücker Eschberg. In Saarbrücken wurde eine Tochtergesellschaft gegründet, die bis in die 1980er Jahre beiderseits der Grenze viele Fertigteilbauten verwirklichte: von Bungalows über Doppel- und Reihenhäuser bis hin zu Wohnheimen. In einem zweisprachigen, vom Schweizer Grafiker und Leiter der Saarbrücker Werkkunstschule Robert Sessler gestalteten Katalog konnte man sich sein Wunscheigenheim zusammenstellen. Die Planung übernahm ein auf das Camus-Verfahren spezialisiertes Team bekannter Saarbrücker Architekten, aus dem später die Gesellschaft für Bauplanung und internationale Cooperation (INCOPA) hervorging. Bis zur Schlüsselübergabe war das französische Unternehmen aus Marienau in Kooperation mit deutschen Firmen zuständig. Trotz breiter Konkurrenz (auch und gerade aus der Bundesrepublik) galt das französische System im Saarland als Inbegriff für günstiges, fortschrittliches und schnelles Bauen – nicht nur für große Bauträger, sondern auch für das private Eigenheim. Trotz dieser Erfolge musste die Firma Camus-Dietsch 1982 Insolvenz anmelden. Im gleichen Jahr wurde die Produktion eingestellt. Damit endete nicht nur ein bedeutendes Kapitel der industriellen Systembauweise, sondern auch ein erfolgreicher Abschnitt des grenzüberschreitenden Planens und Bauens.

Titelmotiv: Saarbrücken, Bungalow Camus-Dietsch (Bild: Marco Kany)

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Frühjahr 18: Bleu – Blanc – Brut

Mit großer Geste

Mit großer Geste

LEITARTIKEL: Marco Kany über die unterschätzte Saarmoderne.

Plattenbau à la française

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FACHBEITRAG: Carsten Diez über das System Camus-Dietsch.

Sacre brut

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FACHBEITRAG: Karin Berkemann über Saar-Kirchen im Wandel.

Ein Habitat für Beamte

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Innere Angelegenheiten

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PORTRÄT: C. Julius Reinsberg über europäische Räume.

Neue Schulen

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FOTOSTRECKE: von Kerstin Renz und Marco Kany.

"Monsieur l'Architecte"

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INTERVIEW: DW Dreysse über französische Grenzerfahrungen.

Sacre brut

von Karin Berkemann (18/3)

Es gibt sie noch, die schönen Fälle, mit denen Denkmalpfleger und Kirchenvertreter gleichermaßen glücklich sind: Aus der profanierten Christkönigkirche von Saarlouis wurde jüngst ein Kindergarten. Der brutalistische Bau ist nur einer von vielen bemerkenswerten modernen Gottesdiensträumen des Saarlands. Durch die Zusammenarbeit deutscher Architekten mit französischen Künstlern in der frühen Nachkriegszeit, durch die folgenden Siedlungs- und Industrialisierungsschübe entstanden hier Kirchen, die sich im bundesweiten Vergleich sehen lassen können. Viele von ihnen bekamen jedoch in den letzten Jahren den sozialen wie kirchlichen Strukturwandel der Region zu spüren: Manche haben eine Umnutzung erfahren, andere warten geschlossen auf eine Lösung oder sind endgültig abgerissen. So lohnt ein kleiner Blick auf die verbliebene, versunkene und verwandelte Kirchenlandschaft von Saarbrücken, Saarlouis und Co.

Vorzeigebeispiele

Schon 1954 wussten Dominikus und Gottfried Böhm für die Saarbrücker Kirche St. Albert virtuos mit Beton umzugehen. Mit einer eleganten Skelettkonstruktion umfasste und überfing das rheinische Architektenduo einen roten Ziegelbau auf ovalem Grundriss. Im Herbst 1944, wenige Wochen nach der Zerstörung der Vorgängerkirche, hatte der Gemeindepfarrer mit Dominikus Böhm mit der Planung einer neuen Kirche begonnen. Heute schätzen Gemeinde und Fachleute den außergewöhnlichen Bau gleichermaßen. Netzwerke wie „Resonanzen“ oder die „Straße der Moderne“ tragen dazu bei, Kirchen wie St. Albert bei Besuchern des Saarlands bekannter zu machen.

Auch in Saarlouis setzte der Trierer Architekt Günter Kleinjohann 1968 auf das formbare Material Beton: Doch statt einer filigranen Konstruktion schuf er einen hochgeschlossenen Quader mit charakteristischen Betonlamellen. Bis 2010 wurde die katholische Christkönigkirche aufgegeben, im selben Jahr kam sie unter Denkmalschutz. Nach einem Architektenwettbewerb und im Gespräch mit Kleinjohann konnte das Büro FLOSUNDK 2017 den Umbau zur Kindertagesstätte vollenden. Die notwendigen Räume wurden als hölzerne Boxen in den großen Saal eingestellt, deren „Dächer“ wiederum als Spielfläche für die Kinder dienen. An der Hangseite fügten die Architekten den notwendigen Ergänzungsbau sensibel auf Sockelhöhe an. Die Betonlamellen wurden in der Form der Holzeinbauten wieder aufgegriffen, wichtige Sichtachsen blieben erhalten und die Fassadenflächen unverkleidet.

Die Wandlung vom Gottesdienstraum zum Kindergarten ist inzwischen ein Klassiker: Für die Kommune besteht Bedarf, die kirchliche Seite freut sich über den sozialen Ertrag und den Symbolwert. Auch in Saarbrücken ging man für die 1957 geweihte Bonifatiuskirche 2013 diesen Weg. In der Landeshauptstadt sind ebenso andere Beispiele einer sozial-kulturellen Nachnutzung belegt: St. Martin (1964) wurde 2010 geschlossen und zum „Kunsthaus“ umfunktioniert. Die Markuskirche (1965) dient seit 2007 als Übungsraum für die Tanzsport-Gesellschaft Grün-Gold Saarbrücken. Und die Kirche St. Mauritius (1956) kann bereits auf 15 Jahre im Dienst der Musikhochschule zurückblicken.

Eine Stadt halbiert sich

Die Vielfalt im Umgang mit geschlossenen Kirchen spiegelt sich auf kleinem Raum in Neunkirchen/Saar. Noch in den 1950er und 1960er Jahren druckte man hier seine Neubauten stolz auf Postkarten, darunter etwa die Großwohnsiedlung Winterfloß im Stadtteil Wellesweiler. Immer häufiger werden solche Zeugen der Nachkriegsmoderne verändert, abgewickelt oder abgerissen. Der Umbruch der ehemaligen Neubaugebiete trifft auch die mit ihnen errichteten Kirchenbauten. Die 2015 geschlossene Pauluskirche beispielsweise, ein 1955 nach Entwürfen des Architekten Rudolf Krüger eingeweihter Bau, wurde vor Kurzem an eine koptische Gemeinde verkauft.

In ganz Neunkirchen markierte das Jahr 2015 einen tiefen Einschnitt in die moderne Kirchenlandschaft: Von sechs protestantischen Gottesdiensträumen wurden drei geschlossen. Neben der Pauluskirche war dies die 1960 fertiggestellte evangelische Kirche im Kohlhof. Inzwischen ist die denkmalgeschützte „Zeltkirche“ – errichtet als Holzmontagesystem nach einem Entwurf von Helmut Duncker – verkauft und privat genutzt. Ebenfalls 2015 wurde die evangelische Friedenskirche, eingeweiht 1959, geschlossen. Der Bau soll, so 2018 die Aussage der Gemeinde, wohl abgerissen werden. Nicht mitgezählt wurde das bereits 2003 geschlossene und 2009 niedergelegte Evangelische Paul-Gerhardt-Haus im Lerchenweg.

Ähnlich stellt sich die katholischer Seite dar: In Neunkirchen-Wellesweiler musste St. Johannes der Täufer (1960) bereits 2009 einem Kirchenneubau weichen. 2015 verlor die 1960 geweihte Piuskirche die liturgische Nutzung. Ebenso erging es 2015 der 1954 fertiggestellten Kirche Herz Jesu. Der katholischen Gemeinde blieben am Ende zwei Gottesdienststätten: St. Marien und St. Vincenz. Und so ökumenisch hoffnungsvoll sich der oben genannte Verkauf der evangelischen Pauluskirche an die Kopten ausnimmt – vor Kurzem endete eine bereits lange Jahre bewährte Simultannutzung: Die 1958 geweihte, seit 1972 von Katholiken und Protestanten gleichermaßen bespielte Kirche St. Barbara wurde 2015 geschlossen und abgerissen.

Von der Bildfläche verschwunden

Die Suche nach einem solchen abgerissenen Kirchenraum gestaltet sich häufig schwierig. Allzu oft sind sein Name, seine Gestaltung und Geschichte schon von der Gemeinde-Homepage getilgt. Und wenn der Bau nicht von einem seinerzeit fleißig publizierenden Architekten stammt oder jüngst von einer Promotion gewürdigt wurde, wird man von außen selten auf eine untergegangene Kirche aufmerksam. Selbst wenn der Abriss erst rund zehn Jahre zurückliegt und der Bau einst das Ortsbild prägte – wie im Fall von St. Josef in Mettlach. Glaubt man Bildern aus der Bauzeit, schien der 1965 geweihte Bau einst die kleine Lutwinussiedlung fast zu sprengen. Seit dem Abriss der Kirche im Jahr 2005 sind ihre Spuren bestenfalls noch in der liebevoll zusammengetragenen Fotodokumentation eines örtlichen Heimatforschers nachzuschlagen.

Solche Veröffentlichungen sind eine Form des Trauerns und Gedenkens, das jede Gemeinde, jeder Anwohner, jeder Kunstliebhaber auf seine je eigene Weise angeht. Manche bergen und magazinieren Kirchenfenster, andere sammeln Bilder und Informationen online. Da werden Gedenktafeln angebracht, Grundsteine und Kreuze zur ehemaligen Mutterkirche oder zum neuen Gemeindemittelpunkt hin mitgenommen. Erinnerungen heften sich an Dinge – und mit den Dingen suchen wir unsere Erinnerungen vor dem Zugriff, vor der Zerstörung durch Dritte zu sichern.

In der Zusammenschau können all diese individuellen Schritte dabei helfen, einen wichtigen Teil der einstigen modernen Kirchenlandschaft an der Saar zumindest für die Forschung zu bewahren. Denn die wahre Schönheit, die wahre Bedeutung einer Böhm- oder Schwarz-Kirche erschließt sich erst im Vergleich mit den nicht minder schätzenswerten „normalen“ Kirchen jener Jahre. Eine Binsenweisheit, die der Denkmalpflege spätestens seit dem Ende des 20. Jahrhunderts vertraut ist: Unsere Vergangenheit ist an Burgen und Kirchen ebenso ablesbar wie an Fachwerk- und Tagelöhnerhäusern. Kirchbaugeschichte wurde nicht nur in Hochglanzarchitekturmagazinen geschrieben, sie fand ebenso – und wahrscheinlich mehrheitlich – in der Fläche, im Alltag statt.

Da geht noch was

Viele von einer Schließung betroffene Kirchen befinden sich noch im Umbruch, warten auf eine bessere Zukunft. Im letzten Jahr wurde etwa die Versteigerung des 2009 geschlossenen Klosters Heiligenborn (1952, György Lehoczky) in Bous anberaumt. Während diese imposante Anlage in ihrer Formensprache eher in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurückweist, trifft dasselbe Schicksal auch brutalistische Kirchenräume. St. Antonius von Padua, an der Grenze zwischen Völklingen-Fenne und Saarbrücken-Klarenthal gelegen, entstand 1965 nach Plänen des Architekten Konrad (Konny) Schmitz als selbstbewusst geometrischer Baukörper. Seit 2013 stillgelegt, steht die denkmalgeschützte Kirche seit Längerem zum Verkauf. Im besten Fall kann eine solche Atempause letztlich auch zum Guten führen, so wie bei der zu Beginn beschriebene Christkönigkirche von Saarlouis.

Titelmotiv: Saarlouis, Christkönigkirche als Kindergarten (Bild: Sven Paustian)

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Frühjahr 18: Bleu – Blanc – Brut

Mit großer Geste

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LEITARTIKEL: Marco Kany über die unterschätzte Saarmoderne.

Plattenbau à la française

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FACHBEITRAG: Carsten Diez über das System Camus-Dietsch.

Sacre brut

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Ein Habitat für Beamte

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PORTRÄT: C. Julius Reinsberg über europäische Räume.

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FOTOSTRECKE: von Kerstin Renz und Marco Kany.

"Monsieur l'Architecte"

„Monsieur l’Architecte“

INTERVIEW: DW Dreysse über französische Grenzerfahrungen.

Innere Angelegenheiten

von C. Julius Reinsberg (18/3)

Die Geschichte des Saarlands ist auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten. Die Grenzlage zwischen Frankreich und Deutschland und seine wirtschaftliche Bedeutung machten das kleine Land im 20. Jahrhundert wiederholt zum geopolitischen Filetstück, das von beiden Nationen heftig begehrt wurde. Dies verstellte den Blick auf die supranationalen Perspektiven, die sich der Region besonders im europäischen Einigungsprozess eröffneten – oder hätten eröffnen können.

Ein Geschenk der Propaganda

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Saarland – ebenso wie die ehemaligen Kolonien des Kaiserreichs – der Verwaltung des gerade gegründeten Völkerbundes unterstellt. Das bedeutete de facto zwar eine enge Anlehnung an die Mandatsmacht Frankreich, das Saargebiet blieb jedoch völkerrechtlich Teil des Deutschen Reichs. Kontrafaktische Geschichtsschreibung verbietet sich, aber wer weiß, was sich aus dieser nationalstaatlichen Unbestimmtheit im Zusammenspiel mit dem aufstrebenden Völkerbund entwickelt hätte – auch und gerade architektonisch. Der Bau des Völkerbundpalastes und der vorangegangene Wettbewerb hielt die Architektenschaft des ganzen Kontinents in den 1920ern in Atem. Eine Volksabstimmung machte 1935 jedoch alle Hoffnungen auf eine supranationale Zukunft des Saarlandes zunichte, über 90 Prozent der Wähler stimmten für den „Anschluss“ an das inzwischen nationalsozialistische Deutschland. Das NS-Regime feierte seinen Sieg mit dem Bau eines monumentalen Theaters in Saarbrücken, das die Propaganda als persönliches Geschenk Adolf Hitlers verklärte.

Ein Hauch von Élégance

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs schien sich die Geschichte zu wiederholen. Das Saarland wurde nun ein teilautonomer Staat, war politisch und wirtschaftlich jedoch wieder von Frankreich abhängig. Dem monumentalen Staatstheater wurde in einiger Entfernung auf der anderen Saarseite ein nachkriegsmoderner Konterpart geschaffen: die französische Botschaft nach Entwurf Georges-Henri Pingussons. Der 1951 bis 1954 erbaute Komplex setzt sich aus einer schmalen, längs des Flusses gebauten Hochhausscheibe mit Dachterrasse und einem angeschlossenen repräsentativen Flachbau zusammen. Letztgenannter nahm Gäste des Hauses mit einer großzügigen Auffahrt, einem eindrucksvollen Ehrenhof und einem modernen Foyer in Empfang. Im Inneren überzeugte der Bau mit konsequenter Eleganz, die sich in den geschwungenen Treppenhäusern ebenso ausdrückte wie in den kunstvoll verzierten Tierdrückern. Nicht nur an dieser Stelle läutete der französische Einfluss im Saarland eine architektonische Rückbesinnung auf die Formensprache der Moderne ein.

Ein Hoch auf die Technik

Richtig avantgardistisch wurde es 1954/55 im Umland des saarländischen Örtchens Berus nahe der französischen Grenze. Die neue Sendehalle von Radio „Europe 1“ war ein Pionierbau: Ihr freitragendes Betondach in Form eines hyperbolischen Paraboloids bewies noch vor der Berliner Kongresshalle und den Schalenbauten Ulrich Müthers, dass mit dem richtigen Verfahren auch die gewagtesten freitragenden Betonkonstruktionen möglich waren. In seiner Form erinnert das Bauwerk an eine geöffnete Jakobsmuschel. Die Symmetrieachse markiert eine portalartige, markante Betonkonstruktion in der Form eines auf den Kopf gestellten V. Man mag dies für ein Zugeständnis an die von Symmetrie geprägten Bauvorstellungen vergangener Zeiten halten. Die Architekten ergänzten es jedoch um eine dezentrale Pointe: Der Eingang findet sich nicht etwa unter dem auch farblich hervorgehobenen Portal, sondern einige Meter daneben.

Die fast gänzlich in Glas aufgelöste Fassade symbolisierte Offenheit und Transparenz. Bei voller Beleuchtung erzeugen die Fensterflächen ein beeindruckendes Negativ des Gebäudes. Dem Besucher eröffnete sich durch die gläserne Wand der Blick auf die hochmodernen technischen Anlagen des Senders, die somit zum Gestaltungselement erhoben wurden: Hier traf nachkriegsmoderne Eleganz auf die technischen Fortschrittsversprechen der 1950er Jahre.

Eine Pausenraum für Europa

Der Name des Senders sagt bereits alles über seine Ambition: „Europe 1“. Der französischsprachige Privatsender umging mit dem Standort im Saarland das Monopol des staatlichen Rundfunks in Frankreich. Mit Telesaar war auch ein privates, deutschsprachiges Fernsehprogramm geplant, das von einem eleganten Fernsehturm neben der Sendehalle übertragen werden sollte. Frankreich und Deutschland handelten derweil nach einer Initiative Robert Schumans das sogenannte Saarstatut aus, das eine Europäisierung des Saarlands vorsah – drei Jahre vor der Unterzeichnung der Römischen Verträge sicherlich eine interessante Perspektive. Dennoch sitzen die meisten EU-Gremien heute bekanntlich nicht in Saarbrücken, sondern in Brüssel. Bei einer Volksabstimmung entschieden sich 1955 fast 68 Prozent der Saarländer gegen das Statut. Die Wahl stellte den Auftakt für den Beitritt zur Bundesrepublik dar, der 1957 den saarländischen Sonderweg zwischen den Nationen beendete. Obwohl sich die französische Architektur und Planung in der kurzen Zeit nicht nachhaltig durchsetzen konnte, ist die saarländische Nachkriegsmoderne ein deutsch-französisches Projekt, das mit Landmarken wie der ehemaligen Botschaft oder der Sendehalle bis heute präsent ist. Ob es bei einem anderen Verlauf der Geschichte zu einem europäischen Projekt hätte werden können, muss Spekulation bleiben.

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