Schlagwort: Schulbau

Berlin-Wedding, Diesterweg-Gymnasium (Bild: Christian Kloss, urbanophil, 2010)

Diesterweg-Gymnasium: Abriss angekündigt

Orange die Fassade, die Ecken abgerundet, grüne Türen mit großen Bullaugen-Fenstern – das Diesterweg-Gymnasium (1977, Pysall, Jensen & Stahrenberg) im Brunnenviertel ist ein markanter Nachkriegsbau und einzigartig in Berlin. Nicht nur die Gestaltung des dreigeschossigen Gebäudes war futuristisch, auch das Nutzungskonzept war experimentell. Im Erdgeschoss verband eine öffentlich zugängliche Schulstraße die beiden Eingänge von der Putbusser und der Schwinemünder Straße. An der Schulstraße liegt als offener Raum die Aula mit bodentiefen Fenstern. Orangene Treppen führen ins Obergeschoss mit Klassenzimmern, deren Wände flexibel angepasst werden konnten. Mit einer Stadtbibliothek, einem Sportplatz und einer Turnhalle und durch seine stadträumliche Einbindung diente die Schule als Quartiersmittelpunkt im Brunnenviertel.

2011 wurde die Schule geschlossen: Der hohe Flächenanteil pro Schüler und der schlechte energetische Standard galten als unwirtschaftlich. Seitdem wird über Abriss oder Umnutzung diskutiert, viele haben sich für den Erhalt des Gebäudes ausgesprochen und auf die architektonische, städtebauliche und soziale Bedeutung hingewiesen. Es gibt sogar ein ausgereiftes Nutzungskonzept für ein soziokulturelles Nachbarschaftszentrum mit Kita, Theater, Bibliothek, Sportangeboten, Gemeinschaftsgarten und preiswerten Wohnungen. Doch der zuständige Schulstadtrat verkündete vor wenigen Tagen, dass die Schule abgerissen wird. Der Grund sei ein Wasserschaden wegen eines geplatzten Rohrs. (ck, 4.9.18)

Berlin, Diesterweg-Gymnasium (Foto: Christian Kloss, urbanophil, 2010)

Perl-Besch, Schule (Bild: Günter Leuck, mapio.de)

Perl: Aus für die Schule in Besch?

In Besch, einem Stadtteil im saarländischen Perl bei Merzig, hat die Grundschule Dreiländereck eine Dependance. Noch, zumindest wenn es nach der Kommune geht. Die will hier ein Feuerwehr-/Bürgerhaus errichten. Der Schulbau aus dem Jahr 1962, den figürliche Mosaikmotive u. a. nach Entwürfen des Nenninger Kunstmalers Nikolaus Schmitt zieren, soll dafür weichen. Die Schüler müssten sich dann täglich mit dem Bus auf den Weg nach Perl machen. Doch der Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) weigert sich, den Schulstandort Besch aufzugeben. Und vor Ort kämpft eine Bürgerinitiative für den Erhalt des Gebäudes mit seiner angestammten Nutzung.

Am 6. Oktober nun ging der seit Sommer letzten Jahres schwelende Streit in die nächste Runde. An diesem Tag hat der Gemeinderat beschlossen, auf seine Neubaupläne zu bestehen und notfalls den Klageweg zu beschreiten. Der Auftrag für den Abriss wurde jedoch noch nicht erteilt, erst will die Kommune die Abrissfreigabe vom Land ertrotzen. Dafür hat man sich selbst und damit dem Ministerium eine Frist von 14 Tagen gesetzt. Danach dürfte der „Fall Besch“ wohl vor Gericht landen. (kb, 17.10.17)

Perl-Besch, Schule (Bild: Günter Leuck, mapio.de)

Schulretter!

Wien, Informatik-Mittelschule Kinkplatz (Bild: Manfred Seidl (Büro Richter), CC BY SA 3.0)
In der Diskussion: die Wiener Wien, Informatik-Mittelschule Kinkplatz (Bild: Manfred Seidl (Büro Richter), CC BY SA 3.0)

Jetzt müssen wir uns hier schon um die 1990er kümmern … In Wien ist es soweit, dass ein, wenn nicht DAS Hauptwerk des österreichischen Architekten Helmut Richter zur Diskussion steht. Der 1941 in Graz geborene Baumeister und Hochschullehrer hatte sein Handwerk in Graz und Los Angeles gelernt, bevor er 1971 eine Professur in Paris annahm, um 1977 schließlich in Wien sein eigenes Büro zu eröffnen. 2014 verstarb Richter in seiner Wahlheimat im Alter von 73 Jahren. Zu seinem renommierten Werk gehören der Prototyp eines Fernsehsessels (1968) ebenso wie die Wiener Restaurants Klang I und II (1985/97) sowie Ausstellungsarchitektur für die Biennale in Venedig (1993).

Der imposante Stahl-Glas-Keil am Wiener Klinkplatz entstand von 1991 bis 1994. „Ich wollte eine Schule machen, bei der nicht gleich das Unangenehme, das bei Schulen immer so auffällt, sich bemerkbar macht“ – so Richter über sein Werk. So ist es nur folgerichtig, dass die Initiative „Rettet die Informatik-Mittelschule Kinkplatz von Architekt Helmut Richter“ für eben dieses Ziel kämpft. Aktuell hat die zuständige Magistratsabteilung der Stadt eine Untersuchung in Auftrag gegeben, wie mit dem Bau zukünftig umzugehen sei. Daher fordert die Initiative, das spätmodernen Schulgebäude des österreichischen Altmeisters unter Denkmalschutz zu stellen. (kb, 16.6.16)

Günter Behnisch macht Schule

Göppingen, Hohenstaufenschule (Copyright: Behnisch-Partner)
Frisch gebackenes Denkmal: die Göppingener Hohenstaufenschule (Copyright: Behnisch-Partner)

Was für das Münchener Olympiastadion gut ist, kann für Göppingen nur recht sein: Auch im deutschen Südwesten wurde jetzt ein Werk des Architekten Günter Behnisch (* 1922 in Lockwitz, + 2010 in Stuttgart) unter Denkmalschutz gestellt. Das 1959 eingeweihte Hohenstaufen-Gymnasium sei, so zitiert die Stuttgarter Zeitung die Denkmalausweisung, ein „qualitätvolles und baulich sehr gut überliefertes Beispiel der Schularchitektur der 1950er Jahre“.

1952 hatte Behnisch in Stuttgart sein Architekturbüro gegründet, dem bis 1956 auch Bruno Lambart angehörte. Nach 1966 wurde das Büro als „Behnisch und Partner“ weiterbetrieben und gestaltete u. a. das Olympiagelände in München (1972). Die Göppinger Schule entwarf Behnisch noch mit Lambart, der in den folgenden Jahren weitere renommierte Projekte im Bildungsbereich umsetzen sollte – so etwa die Alte Mensa der Uni Bochum (1965). In klaren modernen Formen gehalten, steht der Göppinger Bau schon an der Schwelle zwischen handwerklicher Einzelfertigung und industrieller Vorfabrikation. Das Denkmalamt würdigt das Gymnasium nicht nur die für seine technischen Besonderheiten und seine gekonnt reduzierte Gestaltung, sondern auch für die darin verkörperte „demokratische Baugesinnung“. Das frischgebackene Denkmal soll in den kommenden Monaten behutsam im Bestand saniert werden. (kb, 8.4.15)

Weinbauschule Krems, 1950/53 (Bild: Franz Biberschick, OTRS Ticket #2009042110052523, CC BY SA 3.0)

„Schöne bunte Kuckucksuhr“

von Dina Dorothea Falbe

Selten wurde Baukunst so instrumentalisiert wie in den 1950er Jahren. Die Diskussionen um die passende Architektur für eine neue Gesellschaft standen inmitten einer Abgrenzung von Nationalsozialismus und dem jeweils anderen politischen System im Kalten Krieg. So liegt es nahe, diese Aushandlungsprozesse anhand des Schulbaus zu untersuchen – zielte doch die amerikanische Unterstützung des westdeutschen Wiederaufbaus auf eine Re-Education. 2016/17 erschien zu diesem Thema das Buch „Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre“ der Architekturhistorikerin Kerstin Renz.

 

Instantheimat

Nicht nur Architekten, auch Politiker, Pädagogen und Soziologen äußerten sich in Fachbeiträgen zum Schulbau. Trotzdem war die Form der in den 1950er Jahren publizierten Schulen oft fortschrittlicher als ihr Inhalt. „Die öffentliche Bauaufgabe Schule hatte multiplikatorische Wirkung für die Ideen der Moderne“, stellt Renz fest. Anhand einiger Tagungen und Ausstellungen zum Thema sowie verschiedener Biografien wichtiger Architekten porträtiert sie die komplexen und teils widersprüchlichen Debatten: die Diskussion um den Schulbau als politische Disziplin, wie sie so offen, leidenschaftlich, staaten- und länderübergreifend seitdem kaum wieder geführt wurde.

Dass die Neue Schule im Gegensatz zu ihren teils massiven Vorgängerkonzepten keine städtegestaltende Rolle neben Rathaus und Kirche mehr spielen sollte, tat ihrem repräsentativen Anspruch nur bedingt Abbruch. Der Flachbau im Grünen war zwar nicht dominant, dafür diente er als Nachbarschaftszentrum. Dieser Idealtyp der westdeutschen Nachkriegsschule geht auf die CIAM in den 1930er Jahren zurück. Auf einer Schulbautagung 1952 in Kiel wurde er als amerikanisch vorgestellt, war aber, wie die Autorin erkennt, gerade in Verbindung mit einer gewünschten Natur- und Heimatnähe, auch in der völkischen Siedlungszelle der Nazis vertreten. Auf einer Tagung in Fredeburg sah man jedoch die Schule 1959 als „geistige Mitte“ der Gemeinde, in der sich „auch die Eltern zu Rat und Feier sammeln“ sollen und „in das Schulfenster ein Stück Heimat“ blickt. Im Sinne der Re-Education wollte man die „Kinder zur Natur und damit zur Menschlichkeit“ führen.

 

Beamtenschule

Die „vor und nach 1945 tätige Baubeamtenschaft“ mag, wie Renz schreibt, flächendeckende „Reformen erschwert“ haben. Zumindest sollte jedoch im Bestand das „Pult, dieses stärkste Wahrzeichen jeder autoritären Pädagogik“ verschwinden, wie der Pädagoge Fritz Behrendt 1953 ausführt. Zudem empfiehlt er Blumen, farbige Vorhänge und eine „schöne bunte Kuckucksuhr“. Im Auftrag Rudolf Hillebrechts baute auch Paul Bonatz 1956 noch eine „normale Volksschule“ mit „normalen Klassen“. Zugleich gehörte Hillebrecht jedoch u. a. mit Hans Scharoun und dem Dresdner Architekten Heinrich Rettig der „Gesellschaft für Freilufterziehung“ an – was für einen Austausch über die deutsch-deutsche Grenze und über unterschiedliche Architekturauffassungen hinweg spricht.

Fachveranstaltungen hatten eine politische Agenda: Wenn Otto Bartning in einer Stuttgarter Ausstellung mit dem Titel „Meisterarchitektur“ Schulentwürfe u.  a. von Hans Scharoun, Rudolf Schwarz, Franz Schuster, Hans Schwippert, Max Taut präsentiert, will er die Übertragung öffentlicher Bauaufgaben an Privatarchitekten fördern. Bartning sieht in Scharouns Plänen eine Überinterpretation in Form eines „gebauten Gesellschaftsmodells“. Renz bewertet den Entwurf jedoch sehr positiv als versuchte „Humanisierung der Moderne“: Im Gegensatz zu vielen Entwürfen dieser Zeit rücke er die kindliche Wahrnehmung in der Vordergrund. Scharoun sollte sich mit Walter Gropius als Fürsprecher von Ost- nach Westdeutschland orientieren. Dabei habe er – so schreibt Renz – in seinem Entwurf „neue Identitätsangebote für eine demokratische Gesellschaft“ entwickelt.

 

Völkerverständigung

Obwohl auch Scharoun zahlreiche Diagramme zu seinem Schulentwurf vorstellt, offenbart sich die Verwissenschaftlichung der Architektur öfter in einer sehr theoretischen Herangehensweise: Der eigentlichen Nutzer gerät eher in den Hintergrund. Hans Schwippert zeigt in Darmstadt 1960 einen sehr flächenintensiven Pavillonkomplex, der als „additive Großform, den Strukturalismus der 1960er Jahre vorwegnimmt“. Gleichzeitig gewinnt die Präsentation über Fotografien und Publikationen an Bedeutung. Dieses Zusammenspiel illustriert Renz an der Hanstanton High School von Alison und Peter Smithson, die auf Wunsch der Architekten nur ohne Nutzer fotografiert werden darf. Programmatisch ist auch das vom Schweizer Architekten Alfred Roth konzipierte Buch „The New School“. In englischer, französischer und deutscher Sprache werden Beispiele aus der Schweiz, England, USA, Niederlande, Schweden, Dänemark mit professionellen Fotos inszeniert, die wiederum die Perspektive des Kindes in den Vordergrund rücken. Durch diese vergleichende Schau wird der „Schulbau als Projekt der Völkerverständigung“ vorgestellt.

 

Praxistest

Das Buch bietet einen guten Überblick über die damals für Westdeutschland relevanten Schulbaudiskurse. Zudem wird die Debatte mit einer ausführlichen Vorgeschichte und Exkursen in die Schweiz, USA und Großbritannien in einen sinnvollen Kontext gestellt, der die Ideengeschichte wie auch die persönlichen Motive bestimmter Schulbauer nachvollziehbar macht. Die andere Seite des Eisernen Vorhangs wird dabei nur angedeutet. Neben den bereits erwähnten Verbindungen werden Ressentiments gegenüber wichtigen Schulbauarchitekten wie Ernst May und Wilhelm Schütte aufgrund ihrer politischen Orientierung bzw. ihrer Arbeit in der Sowjetunion erwähnt. Der Blick in die DDR bleibt unvollständig, was sicher vor allem dem bisherigen Forschungsstand geschuldet ist. Wenn zu dieser „anderen Seite“ ähnlich umfassende, fundierte Betrachtungen vorliegen, wird sich die politische Bedeutungsaufladung dieser Bauaufgabe noch klarer darstellen. Auch wenn in den 1960er und 1970er Jahren weniger breit und offen über Schulbaukonzepte debattiert wurde, wäre es interessant zu erfahren, welche Ideen der Moderne sich ggf. erst dann in der Praxis durchsetzen konnten. (6.8.18)

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2016/17, 17 x 24 cm, Klappenbroschur, ISBN 9783803008169.

Titelmotiv: Weinbauschule Krems, 1950/53 (Bild: Franz Biberschick, OTRS Ticket #2009042110052523, CC BY SA 3.0)

Saarbrücken, Grundschule Saarbrücken-Ost (1956, Peter Paul Seeberger) (Bild: Marco Kany)

Neue Schulen

mit einem Text von Kerstin Renz und Fotos von Marco Kany (18/3)

Die Schulen der Stadt Saarbrücken aus den 1950er Jahren – zur Saarmoderne gehören sie unbedingt mit dazu. In diesem Jahrzehnt ging es darum, einen enormen Aufholbedarf zu bewältigen. Die Planer in den Hochbauämtern taten sich nicht immer leicht, alte Gleise zu verlassen. Doch die Impulse von außen, aus der Schweiz, aus den USA und Skandinavien waren stark und überzeugend. Zahlreiche Architekten hatten sich nach dem Krieg dort umgesehen und kamen mit neuen Schulbaukonzepten nach Hause. Auch in Saarbrücken sollte nach neuen Kriterien gebaut werden: Aufenthaltsqualität im Haus und auf den meist großzügigen Freiflächen, Klassenräume mit flexibel handhabbarem Mobiliar und günstigenfalls zweiseitiger Belichtung für neue Unterrichtsformen, Foyers, Treppenhäuser und Korridore mit viel Licht, Farbe und spielerischen Details, die für eine neue Pädagogik und Offenheit standen. Beste Startbedingungen für eine neue demokratische Jugend? Nicht immer und nicht überall, denn die Unterrichtsmethoden hinkten oftmals der Architektur hinterher. Insgesamt aber wurde in einer Qualität und mit einem fast liebevollen Sachverstand gebaut, der heute immer wieder erstaunt.

 

Literaturtipp

Renz, Kerstin, Testfall der Moderne – Diskurs und Transfer im Schulbau der 1950er Jahre, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2016/17, 17 x 24 cm, Klappenbroschur, ISBN 9783803008169.