Schroeder-Schule(n) in Gefahr

Schon im vergangenen Jahr waren die Kieler Schulen des Architekten Rudolf Schroeder im Gespräch – und in Gefahr. 2020 schlug der Bund Deutscher Architekten (BDA) Alarm: In einem Offenen Brief wendete sich der Landesverband Schleswig-Holstein an die politisch Verantwortlichen und an die Presse. Damit reagierte der BDA auf einen in der Kieler Ratsversammlung beschlossenen Antrag von SPD, FDP und Grünen, die sog. Schroeder-Schulen nur selektiv zu erhalten. Damit verbunden wäre ein Aufweichen des bestehenden Denkmalschutzes. Schroeder hatte Kiel in den 1950er und 1960er Jahren mit seinen „Freiluft-Schulen“ maßgeblich geprägt. Seine Ideen holte er sich bei den Großen des Neuen Bauens: Bruno Taut und Ernst May. Der BDA würdigte die Schroeder-Schulen als baukulturelles „Erbe von internationaler Bedeutung“. „Die Idee der Pavillonschulen wurde später auch von den weltweit renommierten Architekten Arne Jacobsen mit der Munkegaard-Schule in der Nähe von Kopenhagen und von Hans Scharoun mit dem Geschwister Scholl Gymnasium in Lünen aufgegriffen und umgesetzt“.

In der Regel sind die Schroeder-Schulen fast noch originalgetreu erhalten, noch. Für die Friedrich-Junge-Schule in Kiel-Schreventeich droht jetzt akute Gefahr. Die 1950 bis 1953 errichtete Schule weist viele der für Schroeder typischen Stärken auf: Die Klassenräume erhalten so viel Licht, Luft und Naturbezug wie irgend möglich. Die Außenflächen waren, teils dafür überdacht, programmatisch als pädagogischer Raum mit eingeplant. Mit dem Fachklassenturm mit Uhr ist zudem eine städtebauliche Dominante vorhanden. Das denkmalgeschützte Ensemble gehört zwar zu den ältesten der Kieler Schroeder-Schulen, fiel aber beim Bewertungslauf jüngst durchs Dringlichkeitsraster – eine Sanierung ist hier vorerst nicht geplant. Inzwischen hat sich der Sanierungsstau vor Ort derart zugespitzt, dass Ende 2020 angekündigt wurde: Die Schule müsse in die nahe Ludwig-Richter-Schule umziehen, da Teile der Friedrich-Junge-Schule inzwischen zu marode seien. Damit droht aus dem (bislang) erstaunlich gut erhaltenen Ensemble der Schroeder-Schule ein prägender Zahn herauszubrechen. (kb, 13.5.21)

Kiel, Friedrich-Junge-Schule (Bild: Siegbert Brey, CC BY SA 4.0, 2015)
Kiel, Friedrich-Junge-Schule (Bild: Siegbert Brey, CC BY SA 4.0, 2015)

Kiel, Friedrich-Junge-Schule (Bilder: oben: mapio.net, unten: Siegbert Brey, CC BY SA 4.0, 2015)

Zwischen Schule und Wolkenkuckucksheim

In Stuttgart sind gerade zwei Bauten des Architekten Peter Hübner neu ins Blickfeld gerückt: Da ist zunächst die Grundschule Stuttgart-Stammheim, die aktuell erweitert werden soll. Den Wettbewerb hierzu gewann das Büro BOF-Architekten. Allerdings sieht der Siegerentwurf vor, dass bei dieser Maßnahme der bestehende Schul-Rundbau, der sog. „Hübner-Pavillon“ (Fliegenweg 4, gestaltet um 1990 nach einem Entwurf von Peter Hübner), fallen soll. Die Option, das Gebäude zu erhalten, stand zwar in der Ausschreibung, zwei Beiträge hatten dies auch vorgesehen. Allerdings hat das Bauamt klargemacht, dass eine Bebauungsplanänderung nötig wäre, sollte ein Projekt gewinnen, welches den Erhalt der bestehenden Schule vorsehe. Die Schulgemeinschaft und der Bezirksbeirat wollten das Gebäude zwar erhalten, haben sich aber aus Sorge um eine daraus resultierende Zeitverzögerung schließlich für den Siegerentwurf inklusive Abriss ausgesprochen.

Nicht abrissgefährdet, aber baukünstlerisch nicht minder interessant ist das nahe Jugendhaus (Marco-Polo-Weg 2a). Architekt ist auch hier Peter Hübner, der Anfang der 1990er das Gebäude mit stilisiertem Keltengrab, Indianderhogan, Wolkenkuckucksheim und Saurier-Café umsetzte – mithilfe von Architekturstudierenden, arbeitslosen Jugendlichen und dem Stuttgarter Jugendhaus Verein. Dieses „Partizipatorische Bauen“ ist eines der Prinzipien Hübners: Bekannt ist von ihm vor allem das Stuttgarter Studierendenwohnheim „Bauhäusle“, ebenfalls in Gemeinschaftsarbeit errichtet und wie die meisten seiner Planungen in Holzbauweise ausgeführt. Das Jugendhaus wurde 1991 mit dem Baden-Württembergischen Holzbaupreis ausgezeichnet – und wird aktuell auf seinen Denkmalwert hin überprüft.

Der hier an erster Stelle beschriebene Hübner-Schulpavillon steht derweil bereits unter Schutz. Nun sind Verwaltung, Hochbauamt und Schulamt Stammheim indigniert – und die Fraktionen im Bezirksbeirat wollen sich bemühen, gegen den Denkmalschutz vorzugehen. Ein gemeinsamer Antrag fordert, dass Hochbauamt und Schulverwaltungsamt kurzfristig über den aktuellen Sachstand des Schulumbaus berichten. Die Beiräte möchten, dass „alternative Ideen und Zwischenlösungen“ vorgestellt werden. Auch die Denkmalpflege hat ihren Standpunkt bereits in die Diskussion eingebracht und fordert einen Entwurf, der den Erhalt des Hübner-Schulbaus ermöglicht. (db, 22.3.21)

Stuttgart-Stammheim, Kinder- und Jugendhaus am Marco-Polo-Weg (Bild: sdg21.eu)

Mannheim: Ein Mutschler weniger

Nun ist es offiziell: Der Gemeinderat der Stadt Mannheim hat in seiner Sitzung vom 3. November beschlossen, dass es der Geschwister-Scholl-Schule auf der Vogelstang an den Kragen geht. Ein Neubau soll die Gesamtschule ersetzen, die aus einer Werkrealschule, einer Realschule und einem Gymnasium besteht und auch die Stadtteilbibliothek beheimatet. Zuvor hatte ein Gutachter bestätigt, dass die Schule „nicht sanierbar“ sei, wie der Mannheimer Morgen berichtet. Dank des Gutachtens könnten für den Neubau Fördermittel des Landes beantragt werden, heißt es auf einer Website der Stadt Mannheim.

Architekt der Geschwister-Scholl-Schule war der Mannheimer Architekt und Egon-Eiermann-Schüler Carlfried Mutschler. Errichtet wurde sie in zwei Bauabschnitten zwischen 1967 und 1975. Während die von Mutschler gemeinsam mit Frei Otto entworfene Multihalle kürzlich gerettet werden konnte, hat der Schulbau offenbar keine Fürsprecher. Auch ein Artikel der Süddeutschen Zeitung kam zum Schluss, dass Mutschlers Schulbauten nicht mehr in die Zeit passten. Dabei verfolgte der Architekt ein ambitioniertes Gestaltungskonzept. Mit Sichtbeton und rotem Sichtmauerwerk tritt die Schule in Beziehung zum nahe gelegenen Evangelischen Gemeindezentrum Vogelstang, das Mutschler 1968 mit den gleichen Materialien schuf. Man darf auf den Neubau gespannt sein – ob auch er die subtile städtebauliche Beziehung fortführen wird? (mk, 18.11.20)

Titelmotiv: Eingangsbereich der Geschwister-Scholl-Schule in Mannheim-Vogelstang von Carlfried Mutschler, (Bild: Maximilian Kraemer 2020)