Schlagwort: Schweiz

Zürich, Globus-Provisorium (BIld: Dietrich Michael Weidmann, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2013)

Zürich: Bleibt das Globusprovisorium?

Fast genau vor 50 Jahren war das sog. Globusprovisorium in Zürich schon einmal heiß umkämpft. Mit Sit-ins und allerlei anderen zeitgemäßen Aktionen wollten Aktivisten im Sommer 1968 den Bau besetzen und zum Jugendzentrum umwandeln. In der Schweiz heißt sowas „Krawall“, in diesem Fall „Globuskrawall“. Damals lag der langgestreckte Quader an/in der Immat nahe dem Hauptbahnhof im Besitz der Supermarktkette „Magazine zum Globus“. Doch das Globusprovisorium stand leer und die Stadt wollte ihn nicht – wie von den 1968ern erhofft – für ein autonomes Jugendzentrum freigeben.

Der Bau, 1960 gestaltet vom namhaften Schweizer Architekten Karl Egender, ist mindestens ebenso umstritten. Aktuell nutzt ihn die Supermarktkette „Coop“. Doch von verschiedener Seite werden Vorschläge vorgebracht, diesen Ort – mit 50 Jahren Verspätung – für sozial-kreative Zwecke einzusetzen. Anderen gilt das Provisorium als unverzichtbarer Stolperstein im städtebaulichen Bild. Jüngst wurde der Abriss avisiert, entstehen solle ein offener Platz mit Pavillon, Supermarkt und Tiefgarage kämen in Tiefgeschosse. Nun fordert die Stadt: Erst müssten bestehende Schäden behoben werden. Das könnte eine provisorische Sanierung des Provisoriums bedeuten. (kb, 29.7.18)

Zürich, Globus-Provisorium (Bild: Dietrich Michael Weidmann, GFDL/CC BY SA 3.0, 2013)

Chur, Konvikt (Bild: Kecko, CC BY SA 2.0, 2015)

Konvikt Chur in Gefahr?

Die Experten – allen voran der Bund Schweizer Architekten (BSA) der SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein) und der Bündner Heimatschutz – fordern, wie das „Baublatt“ berichtet, eine „unverzüglichen Marschhalt“: Grund ist die im August startende Sanierung des „Konvikt Chur“. Der Internatsbau der Bündner Kantonschule, bis 1969 aus betonsichtigen Würfeln skulptural zusammengesetzt, fügt sich harmonisch an den Hang und die umgebende Natur. Das bis dato gut erhaltene Ensemble gilt als Hauptwerk von Otto Glaus (1914-96), hier mit Ruedi Lienhard und Sep Marti. Von der Außenwand bis zum Mobiliar schuf der Schweizer Architekt in Chur ein Gesamtkunstwerk, das heute als Baudenkmal besonderen Schutz genießt. So zumindest der Anspruch.

2016 hatte das Architektenteam Implenia den Wettbewerb für die anstehende Sanierung gewonnen. Das zuständige Hochbauamt versteht die geplanten Maßnahmen als „sensibel“. Zudem müsse man auf die Kosten und den sich wandelnden Geschmack der hier wohnenden Schüler Rücksicht nehmen. Dieser Argumentation widersprechen die oben genannten Fachleute nun öffentlich. Zwar seien die Bemühungen um den Erhalt der Treppenhäuser und vieler Oberflächen lobenswert. Doch durch andere geplante Eingriffe – z. B. den vollständigen Austausch der Fenster, der Haustechnik und der Zimmermöblierung – sei das hochkarätige Baudenkmal gefährdet, vielleicht sogar von Zerstörung bedroht. (kb, 4.7.18)

Chur, Konvikt (Bild: Kecko, CC BY SA 2.0, 2015)

 

 

Ambrì/Tessin, Villa Giovanni Guscetti (Bild: Hagen Stier)

Die inneren Werte der Schweiz

Wer in der Schweiz der Nachkriegszeit nur Holzvertäfelung und Spitzengardinen vermutet, verkennt die moderne Seite der Eidgenossen. Da gab es hochglänzende Küchen, kandinskifarbene Wohnzimmer und die große Sehnsucht, ein wenig Hollywood in die Bergtäler zu bringen. Doch nur noch in seltenen Fällen lässt sich das private Raum der 1950er und 1960er Jahre heute nachvollziehen, gehören die Innenausbauten mit der Haustechnik doch zu den wandlungsanfälligsten Teilen der Architektur. Mit jedem neuen Nutzer, mit jedem neuen Einrichtungsstil droht der Rauswurf.

Mit ihrem neuen Buch „Vom Baustoff zum Bauprodukt“ will die Architekturtheoretikerin Uta Hassler, lange Jahre Professorin an der ETH Zürich, über die Ausbaumaterialien in der Schweiz der 1950er und 1960er Jahre informieren. Der Wandel zu global verfügbaren Halb- oder Fertigprodukten habe, so Hassler, zu einer Entfremdung von den Stoffen und zu den kurzen Haltbarkeitszeiten der Bauten beigetragen. Dabei ist sie nicht allein an konservatorischen Antworten interessiert, sondern will auch mehr Wissen über Produktentwicklungen vermitteln. Hasslers Buch gliedert sich in den Textteil, ein produktgeschichtliches Kapitel und einen Katalog zum gezielten Nachschlagen. (kb, 27.6.18)

Hassler, Uta (Hg.), Vom Baustoff zum Bauprodukt. Ausbaumaterialien in der Schweiz 1950–1970, Hirmer Verlag, München 2018, 514 Seiten, 17 x 24 cm, gebunden, ISBN 978-3-7774-3107-9.

Ambrì, Villa Giovanni Guscetti, vorgestellt in der Ausstellung „märklinMODERNE“ (Bild: Hagen Stier)

Schweiz, Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg (Bild: Kecko, (SG Schindler-Bunker), CC BY SA 2.0)

Bunker als Baudenkmäler

Die moderne Legende besagt, dass jeder, wirklich jeder Schweizer sein eigenes Gewehr im Schrank hat. Und einen Bunker im Keller. Sicher ist, dass die Eidgenossen über eine beachtliche Kulturlandschaft militärischer Bauwerke verfügen, vom Mittelalter an aufwärts. Viele dieser Wehranlagen stammen aus dem 20. Jahrhundert und viele von ihnen stehen heute unter Denkmalschutz. Manche wurden und werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, denn immer mehr davon werden nicht mehr zu militärischen Zwecken benötigt.

Vor diesem Hintergrund stellt man in der Schweiz – und nicht nur dort – immer lauter die Frage: „Was tun mit all den Bunkern?“ Das zweite Freitagskolloquium 2018 des Instituts für Denkmalpflege und Bauforschung an der ETH Zürich beschäftigt sich daher mit der Frage, wie mit solchen Denkmälern umgegangen werden muss und wie solche Bunker- und Festungsanlagen um- und weitergenutzt werden können. Das „Freitagskolloquium: Bunker als Baudenkmäler“ findet am 8. Juni 2018 von 14 bis 18 Uhr in Zürich (ETH Hönggerberg, Siemens Auditorium (HIT E 51)) statt, Anmeldeschluss ist der 1. Juni. (kb, 30.5.18)

Schweiz, Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg (Bild: Kecko, (SG Schindler-Bunker), CC BY SA 2.0)

archithese-Cover der 1970er Jahre

Sammelstelle archithese

Die Wiedergeburt des Urbanismus, die Rolle von Bürgerinitiativen oder die Wiedergewinnung des innerstädtischen Wohnraums? In den 1970er Jahren wurde die Zeitschrift und Schriftenreihe „archithese“ zur Plattform für eine moderne Baukunst-Debatte. Seit 1971 erscheint die Publikation, die sich der Gratwanderung zwischen Theorie und Praxis verschrieben hat, in Zürich. Das Nidwaldner Museum hat nun die ersten zwanzig Ausgaben an zwanzig zeitgenössische Künstler gegeben. Diese setzten sich unter dem Titel „Sammelstelle archithese“ auf ihre jeweils ganz eigene Art damit auseinandergesetzt.

Die vier Kunstschaffenden Katalin Deér (*1965 in den USA, lebt in St. Gallen), Sophie Nys (*1974 in Belgien, lebt in Brüssel und Zürich), Gregor Eldarb (*1971 in Polen, lebt in Wien) und Samuli Blatter (*1986 in Finnland, lebt in Luzern) nutzen die zwischen 1972 und 1976 entstandenen Hefte mit ihren gesellschaftsrelevanten Themen als Projektionsfläche für eigene künstlerische Arbeiten. Damit wollen die Organisatoren der Ausstellung eine Brücke schlagen von den damaligen zu den heutigen Themen, den aktuellen Gehalt alter Diskurse neu erschließen. Vernissage wird am 3. November um 19 Uhr im Nidwaldner Museum Winkelriedhaus (Engelbergstrasse 54a, 6370 Stans, Nidwald, Schweiz) gefeiert, anschließend ist die Präsentation bis zum zu 11. Februar 2018 sehen. (kb, 30.10.17)

Titelmotiv: archithese-Cover der 1970er Jahre