Eisenbahn (höchste)

Ein Eisenbahnnetz ist nie wirklich fertig. Auch wenn der Ausbau der Infrastruktur in wesentlichen Teilen im 19. Jahrhundert abgeschlossen war, wurde ständig weiter- und umgebaut. Dabei gelten nicht alle Maßnahmen allein der Funktion, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit des Betriebs, oft muss(te) man den Bestand auch an gesellschaftliche und städtebauliche Bewegungen anpassen. Damit stehen immer wieder historische Bauten und Anlagen der Eisenbahn unter großem Veränderungsdruck, was sie folgerichtig zu einem Arbeitsfeld der Denkmalpflege macht. Vor diesem Hintergrund planen die SBB Fachstelle für Denkmalpflege, die Professur für Konstruktionserbe und Denkmalpflege (ETH), das Bundesamt für Kultur (BAK), ICOMOS Suisse und die Stiftung SBB Historic für den 25., 26. und 27. November 2021 die Fachtagung „Eisenbahndenkmalpflege“.

Erklärtes Ziel ist es, zu einer „Auslegeordnung“ beizutragen. Dafür wollen die Veranstalter einen Überblick über zentrale Fragestellungen der Eisenbahndenkmalpflege geben und dazu vertiefende Studien anstreben. Denn bislang wird an vielen einzelnen Punkten gearbeitet, ohne der Erfassung eine einheitliche, vielleicht sogar länderübergreifende Systematik zugrunde zu legen. Doch eine Bewertung und Erhaltung macht bei einer derart vernetzten Struktur nur Sinn, wenn Querbezüge entlang der Streckenführungen und Bausysteme möglich werden. Diesem Ansatz fühlt sich aktuell das SBB-Inventar der schützenswerten Bauten und Anlagen [ISBA] verpflichtet – in Anlehnung an die ICOMOS-Charta der Kulturstraße (2008). Um dieses Projekt vergleichen und in einem größeren Kontext diskutieren zu können, suchen die Veranstalter noch Vorschläge für Vorträge (20 Minuten) und Posterbeiträge (Bilder/Pläne mit kurzem Text). Interessierte können ein Abstract (max. 1.500 Zeichen) mit biografischen Angaben und Kontaktdaten einreichen bis zum 15. Juli 2021 an: Dr. Bärbel Schallow-Gröne, Toni Häfliger SIA BSA FSU, direction@eisenbahndenkmalpflege.ch. (kb, 4.7.21)

Bahnhofsuhr (Bild: PD, via pixabay.com)

Haus Sulzer droht der Abriss

Mondäne Nachkriegs-Bungalows in bester Lage bereiten den Denkmalpflegern oft Kopfzerbrechen. Da nicht alle privaten Bauherren damals die Öffentlichkeit suchten, weiß man nur von wenigen ausgewählten Exemplaren. Werden diese Häuser später zum Erbfall, ist oft der Verkauf getätigt, der identitätsstiftende Garten zerstört und die tiefgreifende Sanierung geschehen, ehe ein bauhistorisch Kundiger noch einen Blick darauf werfen konnte. All dies ist zum Glück anders in Riehen bei Basel, im Fall des Hauses Sulzer. 1954/55 gestaltete hier das Büro Rasser & Vadi einen Bungalow, das sehr laut Kalifornien ruft. Der Bauherr präsentierte sein neues Domizil stolz in der Fachpresse, die Denkmalpflege wurde früh darauf aufmerksam – und dennoch droht dem Bungalow aktuell der Abriss.

Ein gutes Stück Kalifornien

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 65)

Die Architekten sind keine Unbekannten, prägten Max Rasser und Tibère Vadi doch mit ihrem Büro ab 1951 Basel und Umgebung im Stil der Internationalen Moderne. Zu ihren bekanntesten Baseler Bauten zählen das Haus Domus (heute Architekturmuseum) oder das Raubtier- und das Nashornhaus im Zolli. Der Riehener Bungalow bildete damit ein bemerkenswertes Frühwerk des produktiven Duos. In der Fachzeitschrift „Das Werk“ stilisierte der Bauherr Max Sulzer den langen Weg zum Flachdachhaus 1956 genüsslich zum Kampf gegen traditionalistische Windmühlen: „Die Kommissionen und Kommissiönchen, der Mann von nebenan, der Gemeinderat in corpore, der Metzgermeister, ein Kaufman, eine intellektuelle Dame mit Hund und der Briefträger, die Putzfrau und der Präsident vom Männerchor, ein Herr mit klassischer Bildung und der Handharmonikaverein“ – alle suchten sie, eine wirklich moderne Architektur zu behindern. Auch der Sohn des Bauherrn, der Schriftsteller Alain Claude Sulzer, setzte seinem Elternhaus 2017 mit dem Buch „Die Jugend ist ein fremdes Land“ ein literarisches Denkmal.

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 68)

Wirtschaftlich unzumutbar?

Bereits 2002 wurde das Haus Sulzer von der Kantonalen Denkmalpflege als schützenswert geführt. Zum Konfliktfall geriet die Angelegenheit, als die neuen Eigentürmer den Abriss und einen Neubau planten. Das Gutachten des Architekturhistorikers Michael Hanak sprach sich für den Wert des Bauwerks und damit die Unterschutzstellung aus. Dagegen wurden die altbekannten Argumente ins Feld geführt: schlechter Erhaltungszustand und wirtschaftliche Unzumutbarkeit. Vor diesem Hintergrund entschied der Baseler Regierungsrat – gegen die Einschätzung der Fachbehörden – 2019, das Haus Sulzer nicht unter Schutz zu stellen. Dagegen klagten der Basler Heimatschutz und die Freiwillige Basler Denkmalpflege. Eine Entscheidung des Appellationsgericht wird für Ende September 2020 erwartet. (kb, 21.7.20)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 66-67)

Literatur

Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, Textzitat aus S. 67 (Abruf: 20. Juli 2020, http://doi.org/10.5169/seals-33265).

Gruntz, Lukas, Ikone der Nachkriegsmoderne – aber kein Baudenkmal?, auf: architekturbasel.ch, 5. November 2019 (Abruf: 20. Juli 2020, architekturbasel.ch/ikone-der-nachkrigesmoderne-aber-kein-baudenkmal).

Gfeller, Tobias, Riehen. Ikone der Nachkriegsmoderne oder Sanierungsfall? Weshalb das Haus Sulzer nicht geschützt werden soll, auf: bz.de (bz – Zeitung für die Region Basel), 20. Juli 2020 (Abruf: 20. Juli 2020, www.bzbasel.ch/basel/basel-stadt/ikone-der-nachkriegsmoderne-oder-sanierungsfall-weshalb-das-haus-sulzer-nicht-geschuetzt-werden-soll-138504799).

Titelmotiv: Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 69)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Pläne: Rasser & Vadi; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 67-68)

Endlich: Zürich modern

Satte 1.200 Objekte können Schweiz-Fans (und solche, die es werden wollen) ab sofort in geballter Buchform erwerben. Dass darunter auch viel gute Moderne zu finden ist, muss für Zürich-Kenner nicht extra erwähnt werden. Entsprechend legt Herausgeber Werner Hubert den Schwerpunkt auf die Architektur nach 1850 – und schlägt den Bogen von den Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts über die Nachkriegsmoderne bis hin zur zeitgenössischen Baukunst.

Dabei will der Architekturführer mehr leisten als ein besser bebilderter Dehio. Neben prägenden Bauten werden eben auch öffentliche Räume thematisiert: Parks, Brücken und Plätze. In Fotostrecken soll der Blick über die bekanntere Altstadt hinaus erweitert werden zu den nicht minder sehenswerten Außenbezirken. Sieben Autoren liefern Hintergrundinformationen, einzelne Essays beleuchten weitere Aspekte und Epochen, zwei Stadträte geben Auskunft über künftige Planungen für Zürich. (kb, 19.6.20)

Huber, Werner (Hg.), Architekturführer Zürich. Gebäude – Freiraum. 1200 Objekte in Text, Bild und Plan, Hochpaterre, Zürich 2020, 780 Seiten, 15 x 24 cm, ISBN 978-3-909928-43-9.