Haus Sulzer droht der Abriss

Mondäne Nachkriegs-Bungalows in bester Lage bereiten den Denkmalpflegern oft Kopfzerbrechen. Da nicht alle privaten Bauherren damals die Öffentlichkeit suchten, weiß man nur von wenigen ausgewählten Exemplaren. Werden diese Häuser später zum Erbfall, ist oft der Verkauf getätigt, der identitätsstiftende Garten zerstört und die tiefgreifende Sanierung geschehen, ehe ein bauhistorisch Kundiger noch einen Blick darauf werfen konnte. All dies ist zum Glück anders in Riehen bei Basel, im Fall des Hauses Sulzer. 1954/55 gestaltete hier das Büro Rasser & Vadi einen Bungalow, das sehr laut Kalifornien ruft. Der Bauherr präsentierte sein neues Domizil stolz in der Fachpresse, die Denkmalpflege wurde früh darauf aufmerksam – und dennoch droht dem Bungalow aktuell der Abriss.

Ein gutes Stück Kalifornien

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 65)

Die Architekten sind keine Unbekannten, prägten Max Rasser und Tibère Vadi doch mit ihrem Büro ab 1951 Basel und Umgebung im Stil der Internationalen Moderne. Zu ihren bekanntesten Baseler Bauten zählen das Haus Domus (heute Architekturmuseum) oder das Raubtier- und das Nashornhaus im Zolli. Der Riehener Bungalow bildete damit ein bemerkenswertes Frühwerk des produktiven Duos. In der Fachzeitschrift „Das Werk“ stilisierte der Bauherr Max Sulzer den langen Weg zum Flachdachhaus 1956 genüsslich zum Kampf gegen traditionalistische Windmühlen: „Die Kommissionen und Kommissiönchen, der Mann von nebenan, der Gemeinderat in corpore, der Metzgermeister, ein Kaufman, eine intellektuelle Dame mit Hund und der Briefträger, die Putzfrau und der Präsident vom Männerchor, ein Herr mit klassischer Bildung und der Handharmonikaverein“ – alle suchten sie, eine wirklich moderne Architektur zu behindern. Auch der Sohn des Bauherrn, der Schriftsteller Alain Claude Sulzer, setzte seinem Elternhaus 2017 mit dem Buch „Die Jugend ist ein fremdes Land“ ein literarisches Denkmal.

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 68)

Wirtschaftlich unzumutbar?

Bereits 2002 wurde das Haus Sulzer von der Kantonalen Denkmalpflege als schützenswert geführt. Zum Konfliktfall geriet die Angelegenheit, als die neuen Eigentürmer den Abriss und einen Neubau planten. Das Gutachten des Architekturhistorikers Michael Hanak sprach sich für den Wert des Bauwerks und damit die Unterschutzstellung aus. Dagegen wurden die altbekannten Argumente ins Feld geführt: schlechter Erhaltungszustand und wirtschaftliche Unzumutbarkeit. Vor diesem Hintergrund entschied der Baseler Regierungsrat – gegen die Einschätzung der Fachbehörden – 2019, das Haus Sulzer nicht unter Schutz zu stellen. Dagegen klagten der Basler Heimatschutz und die Freiwillige Basler Denkmalpflege. Eine Entscheidung des Appellationsgericht wird für Ende September 2020 erwartet. (kb, 21.7.20)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Fotos: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 66-67)

Literatur

Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, Textzitat aus S. 67 (Abruf: 20. Juli 2020, http://doi.org/10.5169/seals-33265).

Gruntz, Lukas, Ikone der Nachkriegsmoderne – aber kein Baudenkmal?, auf: architekturbasel.ch, 5. November 2019 (Abruf: 20. Juli 2020, architekturbasel.ch/ikone-der-nachkrigesmoderne-aber-kein-baudenkmal).

Gfeller, Tobias, Riehen. Ikone der Nachkriegsmoderne oder Sanierungsfall? Weshalb das Haus Sulzer nicht geschützt werden soll, auf: bz.de (bz – Zeitung für die Region Basel), 20. Juli 2020 (Abruf: 20. Juli 2020, www.bzbasel.ch/basel/basel-stadt/ikone-der-nachkriegsmoderne-oder-sanierungsfall-weshalb-das-haus-sulzer-nicht-geschuetzt-werden-soll-138504799).

Titelmotiv: Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Foto: wohl Alfred Löhndorf; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 69)

Riehen/Schweiz, Haus Sulzer (Pläne: Rasser & Vadi; Bildquelle: Sulzer, Max, Einfamilienhaus in Riehen bei Basel. Max Rasser und Tibère Vadi, Architekten BSA, Basel, in: Werk 43, 1956, 3, S. 65-69, hier: S. 67-68)

Endlich: Zürich modern

Satte 1.200 Objekte können Schweiz-Fans (und solche, die es werden wollen) ab sofort in geballter Buchform erwerben. Dass darunter auch viel gute Moderne zu finden ist, muss für Zürich-Kenner nicht extra erwähnt werden. Entsprechend legt Herausgeber Werner Hubert den Schwerpunkt auf die Architektur nach 1850 – und schlägt den Bogen von den Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts über die Nachkriegsmoderne bis hin zur zeitgenössischen Baukunst.

Dabei will der Architekturführer mehr leisten als ein besser bebilderter Dehio. Neben prägenden Bauten werden eben auch öffentliche Räume thematisiert: Parks, Brücken und Plätze. In Fotostrecken soll der Blick über die bekanntere Altstadt hinaus erweitert werden zu den nicht minder sehenswerten Außenbezirken. Sieben Autoren liefern Hintergrundinformationen, einzelne Essays beleuchten weitere Aspekte und Epochen, zwei Stadträte geben Auskunft über künftige Planungen für Zürich. (kb, 19.6.20)

Huber, Werner (Hg.), Architekturführer Zürich. Gebäude – Freiraum. 1200 Objekte in Text, Bild und Plan, Hochpaterre, Zürich 2020, 780 Seiten, 15 x 24 cm, ISBN 978-3-909928-43-9.

Wer hat´s erfunden …?

Der Entwurf für ein mondänes Haus im Berner Oberland, gezeichnet vom Architekten Ernst Anderegg, wäre ohne das Architektur Archive Bern schon in der Papiertonne gelandet. Der 2019 gegründete Verein hat sich zum Ziel gesetzt, regionale eidgenössische Architekturgeschichte zu retten: Man stelle Nachlässe sicher, bewerte sie, suche nach öffentlich-rechtlichen Archiven zur dauerhaften Aufbewahrung und wolle künftig auch mit Museen zusammenarbeiten, sagte der Architekturhistoriker Daniel Wolf der Schweizer Nachrichtenagentur Keystone-SDA zu den Zielen.

Aktuell wird gerade ein großer Bestand des Büros Urfer & Stähli aus Interlaken gesichtet, das unter anderem 1931 das Parkhotel Bellevue in Adelboden entworfen hat. Nach dem Tod der Namensgebenden Architekten übernahm der Mitarbeiter Karl Ryser das Büro, der 2012 starb. Zwei Jahre später musste sein Haus innerhalb weniger Tage geräumt werden – und buchstäblich in letzter Sekunde wurden Kisten und Müllsäcke (!) mit Plänen, Zeichnungen, Skizzenbüchern und Fotografien vorm Container bewahrt. Die Inkunabeln der Schweizer Architektur sind bereits archiviert, nun hat sich auch für die (zu unrecht) halb vergessenen Bauten und Baumeister eine Plattform gefunden. (db, 21.3.20)

Bern, Entwurf von Ernst E. Anderegg (Bild: Architektur Archive Bern)