Schweiz

Blick in die Ausstellung (Bild: Textilmuseum St. Gallen)

Modezirkus

Wenn die Kostümbildner von Cabaret, Cats und Tschingis Khan im LSD-Rausch gemeinsam eine Kollektion entwerfen würden, könnte das Ergebnis nicht glamouröser ausfallen: Die Ausstellung „Mode Circus Knie“ zeigt in St. Gallen noch bis zum 19. Januar 2020 die schönsten Kostüme aus den letzten 100 Jahren. Die prächtigen Gewänder aus dem Privatbesitz der Familie Knie – von der Arbeitskleidung bis zum modischen Statement – erinnern an Akrobatik, Tierdressuren und Clownerien.

100 Jahre lang tingelten die Gewänder mit ihren Trägern von Dorfplatz zu Dorfplatz. Erst im Freien, dann unterm Zirkuszelt avancierten sie zum unersetzlichen Teil der Dramaturgie. Oft waren renommierte Kostümbildner und edle Materialien im Einsatz, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. So fügen sich die Textilien im Museum auch ohne die dazugehörigen Zirkusnummern zu einem sehr unterhaltsamen Stück Zeitgeschichte. Das Verkehrhaus der Schweiz zeigt parallel – ebenfalls aus Anlass des Jubiläums – die Ausstellung „Knie auf Reisen“. (kb, 8.4.19)

Blick in die Ausstellung (Bild: Textilmuseum St. Gallen)

Zürich, Gartenstadt Friesenberg (Bild: Michael L. Rieser, gemeinfrei, 2014)

Zürich: Gartenstadt gerettet

Es ist selten genug und daher umso mehr ein Grund zur Freude: In Zürich stellte das Gericht klar, dass – im Fall der Gartenstadt Friesenberg – Denkmalschutz vor Einzelinteresse geht. Ganz konkret kämpfte der Schweizer Heimatschutz seit 2017 (auch juristisch) gegen die Preisgabe der 1920er-Jahre-Siedlung. Ende 2016 hatte der Stadtrat von Zürich beschlossen, die Gartenstadt inkl. des ehemaligen Genossenschaftshauses nicht unter Denkmalschutz zu stellen und aus dem Inventar zu entlassen.

Die Begründung des Heimatschutzes für den Protest: „Es handelt sich um das schweizweit beeindruckendste Zeugnis der ‚Gartenstadt‘-Bewegung.“ Die meisten der Häuser entstanden in den 1920er Jahren. Hervorzuheben sind vor allem die Bauten der ersten beiden Etappen, die nach Plänen des Architekten Fritz Reiber erstellt wurden. Doch gerade ihre Besonderheit, die sozial, gesundheitlich und ästhetisch begründeten Grünflächen der Gartenstadt, sollten der Siedlung (fast) zum Verhängnis werden. Die einstige Bauherrin und heutige Eigentümerin, die Familienheim-Genossenschaft, wollte abreißen und verdichtet neu bauen. Dem schob das Verwaltungsgericht nun einen Riegel vor: Der Stadtrat muss die Häuser der ersten beiden Bauetappen unter Denkmalschutz stellen, ein Abriss ist damit vorerst abgewendet. Noch ist unklar, ob Zürich gegen das Urteil, das zum Präzenenzfall werden könnte, Einspruch erheben will. (kb, 7.2.19)

Zürich, Gartenstadt Friesenberg (Bild: Michael L. Rieser, gemeinfrei, 2014)

Recherswil, sog. Kilcherschale, 1965, Heinz Isler (Bild: Хрюша, CC BY SA 3.0, 2009)

Béton Fédérateur

Das Material Beton schuf ab der Mitte des 19. Jahrhunderts länderübergreifend neue Möglichkeiten, die das Bauen vom technischen Umgang bis zur künstlerischen Form verändern und bis ins 21. Jahrhundert hinein bestimmen sollte. Vom 25. bis zum 26. Januar 2019 will der Workshop „Béton Fédérateur“ in der ETH Zürich der Frage nachgehen, wie der graue Kunststein speziell das Gebiet der Schweiz geprägt hat. Der Blick der Veranstalter und Referenten reicht dabei von den ersten Errungenschaften der Ingenieurkunst bis hin zu den heutigen Straßen und Energieversorgungswegen.

Im Besonderen soll herausgearbeitet werden, wie verschiedenartig Strukturen – Dämme, Brücken, Bunker, Lagerhallen und Häuser – im 20. Jahrhundert unabhängig voneinander entstanden. Und wie Infrastruktur-Netzwerke nach und nach die Schweiz überzogen, wie künstliche (Energie, Transport) bis hin zu natürliche (Wasser) Lebensadern die gebaute Umgebung formten. Der Workshop will nationale und internationale Forscher auf den Feldern Geschichte, Architekturgeschichte, Technik- und Sozialgeschichte zusammenbringen. Am ersten Konferenztag sollen methodische Fragen diskutiert werden: beginnend mit internationalen Experten, gefolgt von einer Vorstellung gegenwärtiger Studien. Der zweite Tag will einen Überblick über die wichtigsten themenbezogenen Forschungsprojekte in der Schweiz bieten. Grundsätzlich ist der Züricher Workshop offen für Interessierte, die Zahl der Sitzplätze ist jedoch begrenzt, die Konferenzsprache ist Englisch. (kb, 21.1.19)

Recherswil, sog. Kilcherschale, 1965, Heinz Isler (Bild: Хрюша, CC BY SA 3.0, 2009)

Mittlere Telli, Aarau (Bild Roland Zumbuehl, CC by SA 4.0)

Sozialraum Hochhaus

In den 1960er Jahren galten Trabantenstädte und Hochhaussiedlungen als Verheißung im Wohnungs- und Städtebau. Die großdimensionierten Wohngebirge, die auf der grünen Wiese vor zahlreichen europäischen Großstädten in die Höhe wuchsen, schienen die passende Antwort auf den wirtschaftlichen Boom und das Bevölkerungswachstum. Mit den 1970er Jahren kam die erste Ernüchterung, das Wohnhochhaus geriet zunehmende in Verruf und viele Siedlungen entwickelten sich zu sozialen Brennpunkten. Eine jüngst erschienene Monografie fragt nun nach der Gegenwart im „Sozialraum Hochhaus“ und nimmt dabei konkrete Beispiele aus der Schweiz in den Blick.

Die Autorin Eveline Althaus richtet den Blick als Sozialanthropologin auf die spezifischen Nachbarschaftsgefüge der Siedlungen Unteraffoltern II bei Zürich und Mittlere Telli bei Aarau. Im Fokus stehen Kontakte, Konflikte und weitere sozialräumlichen Dynamiken sowie die soziale Zusammensetzung der Siedlungen. Die Untersuchung verspricht auch neue Perspektiven auf den zukünftigen Umgang mit entsprechenden Planungen – nicht nur in der Schweiz. (jr, 29.9.18)

Althaus, Eveline, Sozialraum Hochhaus. Nachbarschaft und Wohnalltag in Schweizer Großwohnbauten, transcript Verlag, Bielefeld 2018, ISBN 978-3-8376-4296-4.

Mittlere Telli, Aarau (Bild: Roland Zumbuehl, CC BY SA 4.0)

Zürich, Globus-Provisorium (BIld: Dietrich Michael Weidmann, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2013)

Zürich: Bleibt das Globusprovisorium?

Fast genau vor 50 Jahren war das sog. Globusprovisorium in Zürich schon einmal heiß umkämpft. Mit Sit-ins und allerlei anderen zeitgemäßen Aktionen wollten Aktivisten im Sommer 1968 den Bau besetzen und zum Jugendzentrum umwandeln. In der Schweiz heißt sowas „Krawall“, in diesem Fall „Globuskrawall“. Damals lag der langgestreckte Quader an/in der Immat nahe dem Hauptbahnhof im Besitz der Supermarktkette „Magazine zum Globus“. Doch das Globusprovisorium stand leer und die Stadt wollte ihn nicht – wie von den 1968ern erhofft – für ein autonomes Jugendzentrum freigeben.

Der Bau, 1960 gestaltet vom namhaften Schweizer Architekten Karl Egender, ist mindestens ebenso umstritten. Aktuell nutzt ihn die Supermarktkette „Coop“. Doch von verschiedener Seite werden Vorschläge vorgebracht, diesen Ort – mit 50 Jahren Verspätung – für sozial-kreative Zwecke einzusetzen. Anderen gilt das Provisorium als unverzichtbarer Stolperstein im städtebaulichen Bild. Jüngst wurde der Abriss avisiert, entstehen solle ein offener Platz mit Pavillon, Supermarkt und Tiefgarage kämen in Tiefgeschosse. Nun fordert die Stadt: Erst müssten bestehende Schäden behoben werden. Das könnte eine provisorische Sanierung des Provisoriums bedeuten. (kb, 29.7.18)

Zürich, Globus-Provisorium (Bild: Dietrich Michael Weidmann, GFDL/CC BY SA 3.0, 2013)

Chur, Konvikt (Bild: Kecko, CC BY SA 2.0, 2015)

Konvikt Chur in Gefahr?

Die Experten – allen voran der Bund Schweizer Architekten (BSA) der SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein) und der Bündner Heimatschutz – fordern, wie das „Baublatt“ berichtet, eine „unverzüglichen Marschhalt“: Grund ist die im August startende Sanierung des „Konvikt Chur“. Der Internatsbau der Bündner Kantonschule, bis 1969 aus betonsichtigen Würfeln skulptural zusammengesetzt, fügt sich harmonisch an den Hang und die umgebende Natur. Das bis dato gut erhaltene Ensemble gilt als Hauptwerk von Otto Glaus (1914-96), hier mit Ruedi Lienhard und Sep Marti. Von der Außenwand bis zum Mobiliar schuf der Schweizer Architekt in Chur ein Gesamtkunstwerk, das heute als Baudenkmal besonderen Schutz genießt. So zumindest der Anspruch.

2016 hatte das Architektenteam Implenia den Wettbewerb für die anstehende Sanierung gewonnen. Das zuständige Hochbauamt versteht die geplanten Maßnahmen als „sensibel“. Zudem müsse man auf die Kosten und den sich wandelnden Geschmack der hier wohnenden Schüler Rücksicht nehmen. Dieser Argumentation widersprechen die oben genannten Fachleute nun öffentlich. Zwar seien die Bemühungen um den Erhalt der Treppenhäuser und vieler Oberflächen lobenswert. Doch durch andere geplante Eingriffe – z. B. den vollständigen Austausch der Fenster, der Haustechnik und der Zimmermöblierung – sei das hochkarätige Baudenkmal gefährdet, vielleicht sogar von Zerstörung bedroht. (kb, 4.7.18)

Chur, Konvikt (Bild: Kecko, CC BY SA 2.0, 2015)