Baseler Panton-Tunnel gefährdet

Basel verfügt über ein nachkriegsmodernes Kunstwerk ganz besonderer Art: Knapp 100 Meter lang, unterirdisch gelegen und knallbunt. Eine Fußgängerunterführung zwischen Parkhaus und Universitätsspital, gestaltet vom dänischen (Innen-) Architekten und Designer Verner Panton. Dieser lebte während seiner Designer-Tätigkeit bei Vitra in den 1960er und 70er Jahren in Basel. Ziel seines geometrischen, in zahlreichen Blau- und Rottönen gehaltenen Designs an Wänden und Decke war es, den Aufenthalt im recht engen Tunnel angenehmer zu machen. Von einem „Exempel für [Pantons] ganzheitlichen Designansatz“ ist in einem kunsthistorischen Gutachten die Rede. Jenseits der durchgreifenden Gestaltung spielt bei der Beurteilung des Denkmalwertes hier auch der Seltenheitswert eine ganz wesentliche Rolle: Es handelt sich bei der 1978 ausgestalteten Fußgängerpassage (nach diversen Zerstörungen und des Abrisses bzw. der teilweisen Translozierung der Hamburger Spiegelkantine) um die weltweit einzige am Originalort erhaltene sowie unveränderte Raumgestaltung des Designers.

Das hindert die offiziellen Akteure in Basel jedoch nicht daran, im Rahmen des Neubaus des Krankenhauses die Zerstörung dieses Gebäudes zu avisieren. Die Medien sprangen ihnen zu Hilfe, beschrieben die Spektralfarben-Unterführung als beklemmend, düster und unheimlich. Das so oft angeführte Angstraum-Argument wurde in ganzer Breite ausgerollt, der Kunstwert scheint nicht mehr zu zählen. Dagegen macht nun der Schweizer Heimatschutz mobil: Das Nicht-Wohlfühlen an einem Ort sei kein Argument gegen die Schutzwürdigkeit eines Kunstwerkes, der Tunnel sollte deshalb in den (bislang noch zerstörerisch geplanten) Neubau integriert werden. Derweil steht die Baugenehmigung für das Vorhaben noch aus. Für den Fall der unveränderten Erteilung dieser hat der Heimatschutz aber schon angekündigt, Einspruch zu erheben. Zusätzlich wurde eine Petition gestartet und auf Instagram sowie Youtube gibt es unter #save_the_panton_tunnel unter anderem eine Fahrt durch den psychedelischen Tunnel. (fs, 15.2.22)

Basel, Tunnel mit Paton-Gestaltung (Bild: Online-Petition, via act.campax.org)

Modissa macht Zürich zu

Zugegeben: In Deutschland verbindet man mit dem Namen Modissa zunächst einmal wenig. In der Schweiz ist das anders. Die 1944 gegründete Modekette ist dort wohlbekannt und bis heute in Familienbesitz. In jüngerer Zeit hat allerdings die Corona-Pandemie dem Unternehmen zugesetzt, sodass nun das Zürcher Stammhaus im Sommer, voraussichtlich Ende Juli, seine Tore schließt. Ebenfalls betroffen ist die Filliale in Winterthur. Modissa begründet den Schritt neben den Corona-Einbußen mit den tiefreifenden Veränderungen in der Modebranche. Der Fokus soll zukünftig auf den Läden des Labels “BIG” liegen, die jüngere Kunden ansprechen sollen. 75 Menschen werden vorraussichtlich ihre Jobs verlieren.

Was mit dem Modissa-Gebäude in Zürich geschieht, ist ebenfalls noch offen. Das 1973-75 nach Plänen von Werner Gantenbein (nein, liebe Max-Frisch-Fans: Die Namensgleichheit ist Zufall!) errichtete Geschäftshaus steht seit 2013 unter Denkmalschutz. Es befindet sich im Besitz des Unternehmens und soll es auch bleiben. Man plane, nach der Schließung entweder einzelne Etagen oder das ganze Gebäude zu vermieten, hat Modissa gegenüber dem Schweizer Tagesanzeiger mitgeteilt. “Mit seiner dunklen Bronzefassade und dem erkerartigen, grosszügig verglasten Vorsprung markiert das Modissa Gebäude die Kreuzung Bahnhofstrasse / Uraniastrasse. Werner Gantenbein bot einerseits geschlossene Geschossflächen für die Bedürfnisse der Verkaufsbranche, öffnete aber zugleich das Gebäude zur Stadt hin”, heißt es in der Beschreibung des Schweizer Heimatschutzes auf der lesenswerten Seite Die schönsten Bauten 1960-75. (db, 19.1.22)

Zürich, Modissa-Haus (Bild: Port(u*o)s, CC BY-SA 3.0)

Sanierung zumutbar

Überall in Europa entstanden in den 1960er Jahren Großsiedlungen, und auch vor der Schweiz machte diese Entwicklung nicht Halt: Von 1958-65 wurde in Bern das Tscharnergut errichtet, geplant von den Architekten Hans und Gret Reinhard, Eduard Helfer, Ernst Indermühle und Werner Kormann. Die erste Großsiedlung der Schweiz besteht aus fünf Punkthochhäusern, mehreren großen Scheibenhäusern sowie diversen Reihen- und Mehrfamilienhäusern. Das Bauinventar (Denkmalverzeichnis) der Stadt Bern listet die Hoch- und die Scheibenhäuser des “Tscharni” als “schützenswerte Objekte kantonaler Bedeutung.” Im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (Isos) ist die Siedlung in der Kategorie A mit Erhaltungsziel A augeführt.

Und so wurde nun die Genossenschaft Fambau von der Bau- und Verkehrsdirektion (BVD) des Kantons Bern zurückgepfiffen: Sie wollte das Scheibenhaus an der Fellerstrasse 30 abbrechen und durch einen ähnlichen Neubau ersetzen. Im Juli 2020 hatte das Regierungsstatthalteramt Bern-Mittelland hierfür die Genehmigung erteilt. Hiergegen hatten sowohl die Stadt Bern als auch der “Schweizer Heimatschutz” Beschwerde eingelegt. Ihnen hat die Bau- und Verkehrsdirektion (BVD) des Kantons Bern rechtgegeben und die Abbruchgenehmigung aufgehoben. Die Begründung liest sich beispielhaft: “Sowohl der Gesamtüberbauung Tscharnergut als auch dem betroffenen Scheibenhaus als Einzelbaute kommt ein ausserordentlich hoher denkmalpflegerischer Wert zu. Eine umfassende Sanierung des Gebäudes ist nach Auffassung der BVD für die Bauherrschaft wirtschaftlich tragbar und damit zumutbar. Das öffentliche Interesse am Erhalt des schützenswerten Baudenkmals überwiegt die entgegenstehenden Interessen der Bauherrschaft. Ein Abbruch ist daher nicht zulässig.” Gegen den Entscheid kann noch Einspruch eingelegt werden, dennoch mag man sich eine derartige politische Stringenz in Deutschland wünschen … (db, 6.5.21)

Bern, Tscharnergut (Bild: Elvamine, CC BY-SA 4.0)