Haus zieht um

Nicht jedes Einfamilienhaus ist kritisch zu sehen. Nahezu am Stück ist Ende Januar ein komplettes Flüchtlingssiedlungshaus auf einem Tieflader umgezogen: Das Gebäude von 1955 wurde von Tostedt nach Rosengarten bei Hamburg ins Freilichtmuseum am Kiekeberg transloziert. Dort wird es zentraler Teil der Präsentation „Königsberger Straße. Heimat in der jungen Bundesrepublik“ , welche sich der Ära von 1949 bis 1979 widmet. Das rund 170 Tonnen schwere Ziegelhaus hat den 30 Kilometer langen, fünf Tage dauernden Transport schadensfrei überstanden, und der durchaus abenteuerliche Transport wurde von einem Kamerateam begleitet: Am Montag, dem 8. März um 18.15 Uhr, strahlt der NDR in seiner Reihe „Die Nordreportage“ eine 30 Minuten lange Dokumentation über die Aktion aus, welche danach auch in der NDR-Mediathek abrufbar sein wird.

Im Museum werden jetzt zum einen gemeinsam mit den früheren Bewohnern intensive zeitgeschichtliche Forschungen durchgeführt, zum anderen das Gebäude behutsam restauriert. Es wird voraussichtlich im Frühjahr 2023 für Besucher eröffnet. Museumsdirektor Stefan Zimmermann sieht es vor dem Hintergrund der Integration Geflüchteter und Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg als besonders bezeichnend, dass ein geflohenes Ehepaar aus Königsberg das Haus gebaut hatte. Es sei ein ganz zentrales materielles Zeugnis der Architektur-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte aus der Anfangszeit der Bundesrepublik. Das Projekt „Königsberger Straße“ präsentiert fünf regionaltypische Gebäude mit entsprechender Einrichtung und aussagekräftigen Geschichten; Ausstellungen zeigen politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklungen der Nachkriegsjahre. In jener Zeit gründeten sich viele Selbsthilfe-Siedlervereine, die nun überall entstehenden Siedlungen prägen das Erscheinungsbild zahlreicher Orte bis heute. (db, 7.3.21)

Rosengarten, Haustransport (Bild: FLMK)

(K)ein Idyll

Der Traum von den eigenen vier Wänden. Aus dem kleinen Häuschen in der Arbeitersiedlung wird in den Nachkriegsjahrzehnten der fast obligatorische Bausparvertrag für die grüne Wiese. Was die Bau- und Immobilienwirtschaft seinerzeit freute, befindet sich heute oft im Generationsumbruch. Die Erben oder neuen Eigentümer stehen vor der Herausforderung, das alte Konzept an ihre neuen Bedürfnisse anzupassen. Vor diesem Hintergrund will der Journalist Stefan Hartmann mit seiner Publikation „(K)ein Idyll“, frisch erschienen im Triest-Verlag, mehr bieten als eine Geschichte des Einfamilienhauses. Vielmehr legt er den Finger in die wohnpolitische Wunde und sucht nach neuen Wegen für ein angestammtes Siedlungskonzept.

Ein Kernproblem sieht Hartmann in der aufgelockerten Bauweise, welche die leeren Kassen der Gemeinden ebenso belaste wie das knappe Zeitbudget der Bewohner. Als Ausweg stellt er mögliche Szenarien vor, um bestehende Einfamilienhausgebiete neu betrachten und weiterentwickeln zu können. Zu seinen Nutzungsstrategien zählen neben der Erhaltung auch die Sanierung und maßvolle Verdichtung. Das Buch „(K)ein Idyll“ wird bereichert durch ein Fotoessay von Retro Schlatter.

Hartmann, Stefan, (K)ein Idyll – das Einfamilienhaus. Eine Wohnform in der Sackgasse, Zürich 2020, Triest-Verlag, 176 Seiten, 20 x 27 cm, Klappenbroschur, ISBN: 978-3038630265.

Titelmotiv: Buchcover, Detail

Heimat planen. Heimat bauen

Während Architekturgeschichte und Denkmalpflege noch mit den Siedlungen der 1960er und 1970er Jahre ringen, wird anderswo munter abgerissen. Die Backsteinbaukunst der 1920er Jahre muss gegen Dämmplatten verteidigt werden. Die Zeilenstrukturen der 1950er Jahre drohen, zur Nachverdichtung missbraucht zu werden. Zahlreiche Projekte beschäftigen sich mit verlorenen oder nie verwirklichten Sozialstrukturen. Um diesen ungeheuren Wohnraumvorrat, gerade der Nachkriegsmoderne, kommen wir nicht herum – es gilt, das Beste herauszuholen.

Diese Blickwinkel bündelt der Bund Heimat und Umwelt (BHU) – mit dem Schwäbischen Heimatbund und dem Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg – vom 14. bis 16. Oktober 2014 in Stuttgart mit der Tagung „Heimat planen. Heimat bauen“. Wie waren und wurden Siedlungen zur Heimat, wie können sie es heute werden? Interessierte aus Architektur, Städtebau, Denkmalpflege, Soziologie, Wohnungswirtschaft und Quartiersmanagement, aus Heimat-, Bürger- und Siedlungsvereinen sind eingeladen. Die Tagung beginnt am 14. Oktober 2014 mit einem Abendprogramm, bietet Vorträge und eine Exkursion am 15. Oktober und klingt am 16. Oktober vormittags mit Vorträgen aus. Das detaillierte Programm wird in Kürze unter www.bhu.de veröffentlicht. (mb, 7.8.14)

Modernes Wohnen mit Heimat-Potenzial – hier die Siedlung Roter Hang in Kronberg/Ts. (Bild: K. Berkemann)